Volltext

(Artikel * 2003) Goethe, Tina
"Sogar der Tod steht dir gut" Jorge Francos neuer Roman 'Rosario Tijeras'
in iz3w Nr. 266 * Seite 43
Themen: Gewalt; Literatur; Stadt * Kolumbien * Franco, Jorge * Dok-Nr: 146669
Literatur

»Sogar der Tod steht dir gut«
Jorge Francos neuer Roman ?Rosario Tijeras?

von Tina Goethe

Literatur aus Kolumbien ist eng mit dem Namen García Márquez verbunden. Unter dem Label eines ?Realismo mágico? schrieb dieser von angekündigten Morden, alten Männern in den Labyrinthen ihres Lebens, von Leidenschaft, Trauer, Liebe und Gewalt, durch die immer wieder auch ein paar magische Schmetterlinge flogen. In der neueren Literatur aus Kolumbien ist der enge Zusammenhang von Liebe und Gewalt geblieben, doch statt Schmetterlingen fliegen Kugeln durch das Medellín der 90er Jahre. Statt magischem Realismus nun ein ?Narco-Realismo?, der auf den Einfluss des Magischen dennoch nicht ganz verzichten will: Vor dem Einsatz werden die Kugeln von den Killern in Weihwasser gekocht. Der neue Roman von Jorge Franco beschreibt, wie sehr das städtische Leben Kolumbiens von der Gewalt der Drogenkartelle bestimmt ist. Mit über 300.000 verkauften Exemplaren ist ?Rosario Tijeras? eines der meistverkauften Bücher der letzten Jahrzehnte in Kolumbien.
Weil die Geschichte beinahe eine altbekannte ist - so oft wurde sie vor allem in Filmen schon erzählt ?, beginnt der Roman mit seinem Ende. Es ist die Geschichte einer Killerin, die einen rasanten und faszinierenden Aufstieg in der Mafiawelt aus Gewalt und Drogen erlebt, um am Ende doch den gleichen gewaltsamen Tod zu sterben, den sie selbst so vielen beschert hat. Rosario Tijeras, die ?Heldin? des Romans, wird mit unzähligen Kugeln im Leib ins Krankenhaus eingeliefert, in dem der Ich-Erzähler die Nacht durchwacht und auf die Nachricht ihres Todes wartet. In der Nacht ihres Sterbens erinnert sich Antonio an ihr Leben, an das, was er vom Leben der Rosario Tijeras, der großen, aber unglücklichen Liebe seines Lebens, weiß.
»Weil Rosario geküsst wurde, als sie der Schuss aus nächster Nähe traf, verwechselte sie den Schmerz der Liebe mit dem des Todes. Aber die Zweifel schwanden, als sie ihre Lippen löste und die Pistole sah.« Gleich der erste Satz des Romans benennt den Schmerz als Ausdruck des Lebens, als zentrale Verbindung von Liebe und Tod. Innerhalb der Welt einer Rosario Tijeras scheint er der einzig mögliche Ausdruck des Lebens zu bleiben. Rosario Tijeras ist eine sicaria, eine Killerin im Auftrag der Drogen-Mafia. Mit Hilfe ihres Bruders, vor allem aber dank ihrer unnahbaren Schönheit und Stärke, hat sie den Weg aus den Slums Medellíns in die andere, reiche Hälfte der Stadt geschafft. Doch auch dort, wo zumindest die Gewalt der Armut nicht wirkt, bestimmt die Gewalt der Banden nach wie vor ihr Leben. Antonio, ihr bester »Kumpel« und Freund ihres Freundes, aus wohlbehütetem Elternhaus, ist sprachlos und fasziniert von den Abgründen der Welt Rosarios, von der er kaum mehr als eine ungefähre Ahnung vermittelt bekommt.
Seine Annäherung als Ich-Erzähler an diese Welt bleibt ähnlich erfolglos wie seine Liebe. Indem er seine Liebe vor ihr verheimlicht, schützt sich Antonio vor einer wirklichen Auseinandersetzung mit der ambivalenten Figur der Rosario. Er verzeiht ihr alles, versucht so wenig wie möglich zu sehen, selbst dann, als er einen ihrer Morde miterlebt. Gegenüber seinem Freund, dem Geliebten Rosarios, äußert sich Antonio ambivalent: »?Diese Frau ist eine Waffe?, sagte ich zu ihm halb besorgt, halb neidisch.«
Will nur der Ich-Erzähler Antonio nicht so genau hingucken oder versteckt sich auch Jorge Franco hinter dem Bild dieser attraktiven und unnahbaren Frau? Indem der Autor die Perspektive des heimlich liebenden Mannes wählt, verstellt er die Möglichkeit einer tatsächlichen Auseinandersetzung und damit Annäherung an die Protagonistin und ihre Lebenswelt. Rosario ist die Fiktion einer Männerwelt, ihre Beschreibung wirkt wie die Beschwörung eines Traumbildes. Doch dass Rosarios Stärke, die sehr fasziniert, lediglich darin besteht, so schön und verführerisch zu sein, dass ihr alle Männer, bis hin zu den obersten Drogenbossen, zu Füßen liegen, wird nicht hinterfragt. Sie hat gelernt, sich mit den Mitteln zu schlagen, mit denen sie geschlagen wurde. Der Preis dafür ist Einsamkeit und die Unfähigkeit, mit der Schuld der Mörderin umzugehen. Auch wenn sie sich der gewalttätigen Männerwelt erfolgreich entgegenzustellen scheint, bleibt sie ihren Gesetzen unterworfen und kann am Ende nur verlieren. »Noch sterbend war sie wunderschön, schicksalhaft göttlich war sie am Verbluten«. Selbst im Anblick der Leiche schafft es der Ich-Erzähler nicht, hinter die schöne Fassade zu blicken. Francos Roman stilisiert die sicaria Rosario fast zu einer Heiligen, einer Diva. Er vollzieht damit die gleiche, in vielen lateinamerikanischen Ländern übliche Mystifizierung der Gewalt nach.
»Einen genaueren Eindruck von diesen Frauen (den sicarias)« wollte sich der Autor verschaffen, so ist dem Nachwort zu entnehmen. Das bleibt Jorge Franco jedoch schuldig. Der Person Rosario kommt man nicht nah. Denn was diese Frauen »hinter dem Panzer aus Gewalt verstecken« bleibt auch nach der ohne Zweifel sehr eindrücklichen Lektüre des Romans ein Geheimnis. Aus der Männerphantasie eines Liebenden die Motivationen, Gefühle, Konflikte und Bedürfnisse einer Frau sprechen zu lassen, ist von vorne herein ein Paradox.

Jorge Franco: Rosario Tijeras. Roman. Unionsverlag, Zürich 2002. 189 Seiten, Euro 14,80.


Tina Goethe ist Mitarbeiterin im iz3w.