Innere Diaspora
Interview mit dem kubanischen Schriftsteller Carlos A. Aguilera
Herr Aguilera, bevor Sie nach Vermittlungen des PEN-Zentrums für ein Jahr ein Schriftsteller-Stipendium in Bonn erhielten, waren Sie Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Diáspora(s), die auf Kuba nur klandestin erscheinen kann. Was waren die Hintergründe ihrer Entstehung?
Seit dem 19. Jahrhundert, erlauben Sie mir ein wenig auszuholen, hat sich auf Kuba eine regelrechte Tradition von Kulturzeitschriften entwickelt, die eine neue Poetik mobilisierten bzw. die verschiedene Fiktionen ausdrückten, in denen sich eine literarische Gruppe bewegen konnte. Die übermäßige Kontrolle der Staatspolitik über die Kultur seit der Revolution ? oder besser: dem ideologischen Projekt von 1959 ?, das Ausschalten unabhängiger Dichter-Gruppen und das Ersticken der kubanischen Zivilgesellschaft hat diesen Umgang mit Literatur jedoch unterbrochen. Die Zivilgesellschaft war zwar schon während der Republik schwach, hatte aber wenigstens im 20. Jahrhundert die Publikationen verschiedenartiger Zeitschriften auf der Insel erlaubt. In gewisser Weise hat Diáspora(s) die Tradition, Dichtergruppen zu versammeln, zu ihrem vorrangigen Konzept erklärt. Diáspora(s), Zeitschrift und zugleich Archiv, haben wir im Jahr 1997 ins Leben gerufen, wobei wir als Gruppe bereits seit 1993 aktiv sind.
Welche Probleme gibt es bei der Veröffentlichung von Diáspora(s)?
Uns macht vor allem die Abwesenheit einer Zivilgesellschaft, die einen normalen Umlauf legalisieren könnte, zu schaffen. Da wir Diáspora(s) weder verkaufen ? es gibt ein Gesetz, das den Verkauf von gedruckten Texten verbietet, die nicht vom Staat genehmigt sind ?, noch öffentlich mit ihr als Gruppe auftreten können, wurde sie innerhalb Kubas zu einer Art samisdat, einem nicht-staatlichen Geist, den niemand komplett liest, da er heimlich von Hand zu Hand läuft und nach Bedarf artikelweise kopiert wird. Aber allein die Existenz der Zeitschrift zeigt, dass es doch möglich ist, etwas Politisches zu machen, das sich außerhalb des ideologisch-literarischen Rahmens bewegt; außerhalb dessen, was die Staatsklempner als aktuelle kubanische Literatur verkaufen. Wir haben Diáspora(s) bislang mit eigenen finanziellen Mitteln bezahlt und auf eine mehr handwerkliche denn professionelle Weise produziert, ohne Zwang oder feste Abgabetermine.
Was hat Ihre Gruppe trotz dieser Schwierigkeiten dazu bewogen, eine neue Zeitschrift zu gründen?
Vor allem die eigene Lähmung, der Ekel, den einige von uns für das empfanden, was auf Kuba in den neunziger Jahren passierte oder nicht passierte: der »período especial«, der immer offensichtlicher werdende Despotismus der kubanischen Regierung, die täglichen Repressionen etc. Wir wollten Raum für eine Arbeit schaffen, die sich verschiedenen literarischen Themen widmete: bestimmten Autoren, der nordamerikanischen Avantgarde, den poststrukturalistischen Theorien, dem Schreiben von Thomas Bernhard und anderem. Wie Sie sehen, unsere Fragen richten sich nicht nur gegen die politische Erstickung im Land. Die Gesprächsrunden, Vorführungen, Videos etc., die wir organisierten, sind auch gegen ein veraltetes intellektuelles und reaktionäres Lager gerichtet, das nur wenige Vorschläge toleriert, die sich auf gewagte Weise aus dem Klischee »StaatsLiteratur« lösen. Eine Literatur, die der Staat verkauft und die als einzige von ihm gefördert wird, denn letztlich sind es nicht die Verlage, die ihr Verlagsprogramm bestimmen, sondern die staatliche Zensur.
Um nur ein Beispiel für die Intoleranz dieses Systems zu geben: Als Schriftsteller von Diáspora(s) präsentierten wir im Jahre 1996 der Kulturzeitschrift Unión. Revista de Literatura y Arte ein Dossier über Gedichte, Kurzerzählungen und Essays. Es wurde aber nicht akzeptiert. Die Antwort war, dass sie unsere Texte individuell veröffentlichen könnten, als Gruppe aber auf keinen Fall. Unter dem sozialistischen Banner erweckt eine Dichtergruppe, die nicht vom Staat geformt wurde, Misstrauen und muss beseitigt werden.
Kann man in Ihrem Fall von einer neuen Schriftstellergeneration sprechen?
Ich spreche lieber von einer promoción, von einer Gruppe von Erzählern und Dichtern, die mehr oder weniger in den gleichen Jahren publiziert haben. Mit meiner Generation, das heißt mit denjenigen, die etwa mein Alter haben, habe ich nicht viel gemein. Wir haben andere literarische Ansätze. Gegen Ende der achtziger Jahre, und das ist eigentlich das Interessantere, begann eine Vielzahl von Schriftstellern, sich für die Schreibkunst zu interessieren, für die theoretische Diskussion, für den eigentlichen Wert von Literatur ? so wie die alten Formalisten. Und auch wenn dies keine neue Literatur erzeugt hat, führte es doch wenigstens dazu, einen Raum für einen polemischen Dialog geschaffen zu haben, außerhalb der Talleres Literarios oder anderen Literaturinstitutionen der Republik; außerhalb der üblichen Themen, die vom ontologischen und opportunistischen Kitsch unserer Zeit beherrscht werden und in denen das Erzählen über das alltägliche Kuba zu einem vereinfachenden und kommerziellen Sport geworden ist. Dieser so genannte Alltag, den die Verlage als echten kubanischen Alltag verkaufen, ist reduziert auf jineteras (kubanische Prostituierte), Ausländer, den Malecón, die Polizei, Salsa, Armut im Centro Havanna etc. Selbst in Spanien wurden einige Romane ? wohlgemerkt von Spaniern ? veröffentlicht, die in Kuba handeln und à la Zoé »wirklich authentisch vom kubanischen Leben« erzählen. (Die Schriftstellerin Zoé Valdés ist mit ihrem Roman »Das tägliche Nichts« in Europa auf den Bestsellerlisten gelandet. Anmerkung der Redaktion.)
Abel Prieto betonte während der diesjährigen XI. Internationalen Buchmesse in Havanna, dass in seiner Literatur immer »die Suche nach dem kubanischen Wesen präsent« sei. Wie stehen Sie zur so genannten cubanía?
Ich habe nie verstanden, was cubanía oder auch cubanidad wirklich bedeuten soll. Aber ich nehme an, dass es eine einfache Vorgehensweise ist, auf dem Markt ein bestimmtes Produkt zu platzieren. Es amüsiert mich, wie Schriftsteller über das reden, was wir Kubanische Literatur nennen, und jeden Dialog mit dem Etikett lo cubano im Keim ersticken. Ihre Worte gleichen einem Schwein, das man in fünf Minuten schlachten wird.
Die von Ihnen erwähnten Talleres Literarios können auf Kuba auf eine lange Tradition zurückblicken; Martin Franzbach bezeichnete sie als den »Weg zur aktiven Volkskultur«. Wie schätzen Sie ihre aktuelle Rolle ein?
Die Mehrzahl der kubanischen Autoren unter vierzig Jahren, zu denen auch ich zähle, haben ihre ersten schriftstellerischen Erfahrungen in einem Taller Literario gemacht. Im Moment sind diese Talleres etwas in Misskredit geraten, fast niemand nimmt sie mehr wirklich wahr. Aber noch vor einigen Jahren waren sie von Bedeutung, denn obgleich sie zum Mechanismus des Kontrollsystems und der Manipulation von Bildung gehörten, befanden sie sich immer auf dem halben Weg zwischen 1984 von Orwell und Jakob von Gunten von Walser. Immer konntest du dort Leute treffen, die ähnliche Ansichten hatten wie du, mit ähnlichen Fehlern. Und für jemanden, der gerade erst anfängt zu schreiben, war insbesondere der letzte Aspekt von großer Wichtigkeit: sich zu irren wie sich auch andere irren, es zu fühlen, dass du nicht der Einzige bist, der auf bestimmten Irrtümern beharrt. Es gab noch andere ? wenige ? Talleres, die nicht in staatlichen Einrichtungen, sondern privaten Kreisen stattfanden, von Leuten organisiert, die eine offenere, konfliktreichere Einstellung zur Literatur hatten. Dort wurden auch Themen wie Rockmusik, Drogen, Vergewaltigungen u.ä. diskutiert ? alles Themen, die in den offiziellen staatlichen Literaturwerkstätten undenkbar sind.
Welches ist Ihr zentrales literarisches Thema?
Macht! Macht als Raum der Unterdrückung, des Denkens, der Karikatur. Sowohl meine Gedichte als auch meine Kurzgeschichten stehen vor dem Hintergrund einer Reflexion über Macht, wie sich Macht immer in einem Spiel von Kastrierung, Illusion, Nutzwert und Autoritarismus bewegt. Mein derzeit noch unveröffentlichtes Buch China Flamingoes will Schwächen aufzeigen ? vor allem die Schwäche, die Faszination, die wir alle für die Institution Macht empfinden, hinter einem Scheinbild verstecken zu wollen.
.. und an was arbeiten Sie zur Zeit?
Ich bin gerade dabei ein Konzept zu erstellen für einen Roman über afrikanische Herrscher und deren so groteske wie intelligente Weise, Macht zu konstruieren. Außerdem arbeite ich an einem Essay-Band über einige kubanische Autoren, die in ihren Texten das Thema ?Nationalismus? problematisieren, etwa Virgilio Piñera, Reinaldo Arenas, Lorenzo García Vega und Severo Sarduy. Dieser Band ist aber ein auf längere Zeit angelegtes Projekt; im Moment interessiert es mich erst einmal, Prosa zu schreiben.
Das Interview führte und übersetzte Ute Evers, Hispanistin aus Mainz.
Veröffentlichungen von C. A. Aguilera (Auswahl):
? Rafael Zarza: Una lección de veterinaria. En colaboración con Carmen Paula Bermúdez. Kunst-Monographie. Havanna 2001.
? Memorias de la clase muerta. Anthologie. México DF. 2002.
? Angel Escobar: el escogido. Essay. Havanna 2001.
? Los parques. Gedichte. Cienfuegos 2001.
Kleine Auswahl empfehlenswerter kubanischer Literatur in deutscher Übersetzung:
? José Lezama Lima: Paradiso. Roman. Frankfurt/M. 1997.
? Guillermo Cabrera Infante: Drei traurige Tiger. Roman. Frankfurt/M. 1998.
? Reinaldo Arenas: Bevor es Nacht wird. Ein Leben in Havanna. München 2002.
? Alejo Carpentier: Mein Havanna ? Geschichten über die Liebe zur Stadt. Zürich 2000.
? Jesús Díaz: Die verlorenen Worte. Roman. München 1998.
? Abilio Estévez: Dein ist das Reich. Roman. München 2000.
? Eliseo Alberto: Rapport gegen mich selbst. Ein Leben in Kuba. Zürich 1999.
? Pedro Juan Gutiérrez: Schmutzige Havanna Trilogie. Roman. Hamburg 2002.
? Mirta Yáñez: Havanna ist eine ziemlich große Stadt. Kubanische Erzählungen. Bremen 2001.
? Miguel Barnet (Hg.): Der Cimarrón. Die Lebensgeschichte eines entflohenen Negersklaven aus Cuba, von ihm selbst erzählt. Nach Tonbandaufnahmen. Frankfurt/M. 1999.
? Iván de la Nuez: Das treibende Floß. Kubanische Kulturpassagen. Essay. Frankfurt/M. 2001.
? Marco Alcántara (Hg.): Cuentos Hispanomericanos: Cuba / Erzählungen aus Kuba. (zweispr.), dtv, München 2000.
? Wespennest. Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder. »Kuba«. Heft 123. Wien 2001. |