»Jedem das Seine«
Interview mit C. Goldner und F. Beck über Antisemitismus in der Esoterik
iz3w: Kritiker unterstellen Esoterikern immer wieder, sie hätten eine Affinität zum Antisemitismus. Was ist an diesen Vorwürfen dran?
Colin Goldner: Im Rahmen esoterischer Welterklärungsformeln wie z.B der Karmatheorie gibt es den Versuch, den Mord an sechs Millionen Juden zu relativieren und die Verantwortung hierfür den Juden selbst zuzuschieben. Ein Beispiel hierfür ist der »Reinkarnationsexperte« Tom Hockemeyer samt seinem unter dem Pseudonym Trutz Hardo erschienenen Buch »Jedem das Seine«. Schon die als Titel gewählte Inschrift am Lagertor des KZ Buchenwald deutet auf den Inhalt hin: Der millionenfache Mord an den Juden wird verklärt als »karmischer Ausgleich« für Verfehlungen, deren die Opfer sich in früheren Leben schuldig gemacht hätten. Der Holocaust, so Hockemeyer, sei das »Bestmögliche« gewesen, was den Juden habe zustoßen können, er habe ihr »seelisch-spirituelles Wachstum« vorangetrieben. Im übrigen hätten »viele Menschen sich für ihr erneutes Erdenleben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Reinkarnation als Jude ausgesucht, um ihren karmischen Ausgleich vor Beginn des Wassermannzeitalters zu bewirken«.
Der Esoteriker Jan Udo Holey argumentiert eher verschwörungstheoretisch. Bezugnehmend auf die in den 1930er Jahren von den Nazis schon als Propagandawaffe benutzten »Protokolle der Weisen von Zion« redet er ? unter dem Pseudonym Jan van Helsing ? in seinen beiden Bänden »Geheimgesellschaften« von der allumfassenden jüdischen Weltverschwörung zur Vernichtung Deutschlands. Unter ausdrücklich esoterischen Vorzeichen wird da rassistische und vor allem antisemitische Hetzpropaganda betrieben: Holey leugnet den Holocaust, gibt die Schuld am Zweiten Weltkrieg den Juden und beschreibt ausführlich deren vorgebliche Absicht, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Das Buch avancierte in Esoterikkreisen zum Verkaufsschlager: allein von Band 1 wurden mehr als 100.000 Exemplare abgesetzt. Über Monate hinweg rangierte es auf der Bestsellerliste der führenden Szenezeitschrift Esotera.
iz3w: Wie reagierte die esoterische Szene darauf?
Goldner: Sie geriet in Aufruhr, nachdem das ARD-Magazin ZAK im Mai 1996 anprangerte, dass die Bücher trotz Verbotes durch das Amtsgericht Mannheim weiter vertrieben wurden. Vor allem die Esotera versuchte eilig und mit großem Aufwand, sich ? und zugleich ihre Leserschaft, die dem Holey-Machwerk den Verkaufserfolg beschert hatte ? gegen jeden Verdacht antisemitischer Ideologie zu verwahren: »Dieses Buch ist ekelhaft. Es ist eine Beleidigung für jeden, der sich um wirkliche Spiritualität bemüht«. Holey, den man monatelang auf der werbewirksamen Bestsellerliste geführt hatte, wurde nun plötzlich als »wirrer Kopf« hingestellt.
Das esoterische Blatt Die Andere Realität, das Holeys Texte über zwei Ausgaben hinweg abgedruckt hatte, sah sich zum redaktionellen Hinweis bemüßigt, es gebe wohl »rechtsextreme Gruppierungen, die Teile der Bücher von Herrn van Helsing für Eigenpropaganda (...) benutzen«. Die Vermutung, dieser selbst vertrete rassistische Positionen, könne aber gar nicht aufkommen: »Denn jeder, der an Karma und Reinkarnation glaubt, weiß, dass (...) man sich möglicherweise im nächsten Leben in eben dieser Rasse selbst wiederfinden mag«.
iz3w: Wie sind diese Distanzierungsversuche von der braunen Esoterik zu bewerten?
Florian Beck: Von expliziten Antisemiten distanzieren sich die Esoteriker natürlich gerne. Der Esoterik wohnt aber an sich ein gewisser Hang zum Antisemitismus inne. Sie beruft sich auf eine natürliche Ordnung und verklärt das Volk mystisch-spirituell zu einem Naturzusammenhang. Dies ist klassisch ideologisch: für die reale Welt eine Begründung im Geistigen zu suchen. Dabei fällt alles als verwerflich heraus, was sich nicht in diesen Naturzusammenhang einfügt: diejenigen, die Eigeninteressen verfolgen, die intellektuell sind, die kosmopolitisch oder »wurzellos« sind. Da braucht es die Juden als solche nicht mehr. Obwohl der Esoterik die bürgerliche Ordnung schon als Verrat an der spirituell-natürlichen erscheint, schmiegt sie sich ganz an ihre ideologische Suche nach den Parasiten und Unruhestiftern an. Ihr Credo ist: Die natürliche und damit die wahre geistige Ordnung wehrt sich gegen ihre Feinde.
Das moderne esoterische Schrifttum ist dabei meist subtil, indem es die Juden nicht beim Namen nennt. Aber die Anhänger wissen Bescheid. Auch wenn sich die Esoterik von der bürgerlichen Gesellschaft wegen deren angeblichen Materialismus distanziert, arbeiten sie sich doch am gleichen Problem ab: Wenn Antisemitismus vermeintliche Kapitalismuskritik vom Standpunkt der Nation ist, dann ist Esoterik Kapitalismuskritik vom Standpunkt eines behaupteten Naturzusammenhangs.
iz3w: Antisemitismus ist in Deutschland kein Tabu mehr. Welche Rolle spielt die Esoterik dabei?
Beck: Als der Antisemitismus nach 1945 nicht mehr Staatsprogramm und dem Wiederaufstieg Deutschlands zur imperialistischen Macht sogar hinderlich war, ist die Kampfansage an die Juden weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Wer dennoch darauf nicht verzichten konnte, wurde in bestimmten esoterischen Zirkeln fündig. In der Esoterik konnte der Antisemitismus überwintern. In dieser Hinsicht erfüllt sie eine ganz ähnliche Funktion wie der Antizionismus. Die Deutschen brauchten aber nicht erst die Esoterik, um sich wieder auf Antisemitismus zu besinnen. Dieser ist schon im bürgerlichen Bewusstsein angelegt.
Florian Beck ist Redakteur des »Streitblattes«, Colin Goldner Mitarbeiter des Forums Kritische Psychologie München. Das Interview führte Andrea Beuckmann (iz3w) per e-mail. |