Esoterik
Zwischen Gott- und Selbstvertrauen
Interview mit Wolfgang Eßbach über die Unterschiede zwischen Religion und Esoterik
Weihnachten ist in westlichen Gesellschaften ein allgemeines »Kulturgut« geworden. Zugleich ist es das christliche Fest schlechthin. Sie aber reden von einer absoluten Feindschaft zwischen Kultur und Religion. Warum?
Eßbach: Wenn ich Weihnachten als religiöses Fest begreife, dann spielt die Ästhetik des Tannenbaumschmucks nur eine untergeordnete Rolle. Wenn ich mein genuin religiöses Erleben steigere, dann setzt irgendwann der Prozess ein, in dem die äußerlichen Dinge wie der kulturell eingefahrene Weihnachtsrummel von der Authentizität der religiösen Erfahrung ablenken oder sie stören. Religionen setzen Menschen in Beziehung zu einer göttlichen Sphäre, die eben nicht von dieser Welt ist. Kultur dagegen kümmert sich um die Einrichtung in dieser Welt, ihre Verbesserung und Verschönerung. Hier besteht eine Antinomie zwischen religiöser Weltabgewandtheit, Geringschätzung der materiellen Dinge als »niedrige« und der kulturellen Weltzugewandtheit, der Wertschätzung eines besseren und schöneren Lebens. Wenn Kulturbeflissene Kirchen wie Museen besuchen, so geraten sie in einen latenten Konflikt mit denen, die dort in Stille und Andacht mit ihrem Gott Zwiesprache halten. Zwei gegeneinander stehende Wertorientierungen stoßen aufeinander. Das meint die Formel »absolute Feindschaft«.
Muss man bei der Verbindung zwischen Weihnachtsrummel und Weihnachtsmesse nicht eher von einer Symbiose reden?
Vielleicht. Die Tendenz, symbiotische Lösungen zu präferieren, ist verbreitet. Dafür scheint auch die religiöse Aufladung des Kulturbegriffs zu sprechen. Huntingtons »Kampf der Kulturen« beschreibt das sehr gut. Er spricht zwar von Kulturgrenzen, de facto beschreibt er aber religiöse Grenzen. Kulturelle Identität ist in diesem Zusammenhang ein Verdeckungsbegriff, der nicht als analytischer Begriff, sondern eher als etwas Heiliges gebraucht wird. So wie früher der Dorfpfarrer predigte, jeder Mensch müsse einen Glauben haben, so wird heute gesagt, jeder Mensch brauche eine kulturelle Identität. Sie wird mystifiziert, sie ist nicht konkret fassbar.
Warum hat diese mystifizierte Kultur die Mystik der Religion abgelöst? Warum braucht offensichtlich auch der aufgeklärte Mensch diese Form der Identität?
Es gibt auch in modernen Gesellschaften in existentiellen Fragen immer einen Orientierungsbedarf ? für den flacher oder tiefer vermuteten Sinn des Lebens. Und je säkularer die Gesellschaften sind, desto mehr verweisen sie auf Antworten wie Erwerb von Geld und Macht, schöne Reisen, viel Spaß oder einen wie auch immer gearteten Glücksbegriff. Aber das sind Sinngebungsangebote, die nicht jedermann überzeugen. So entsteht ein Interesse an Orientierung, die über die innerweltlichen Angebote hinausgeht. Die traditionellen Religionen decken diesen Bedarf aber schon lange nicht mehr ab. Es flottieren unbefriedigte religiöse Bedürfnisse.
Die Esoterik scheint diesen Bedarf sehr viel besser befriedigen zu können. Woran liegt das und worin unterscheidet sich Esoterik von den monotheistischen Religionen?
Monotheistische Religionen ? Judentum, Christentum und Islam ? sind Offenbarungsreligionen. Dem Selbstverständnis nach wird das Wort Gottes offenbart. Und das ist ein Text, in der Regel ein heiliges Buch. Wie immer man den Text dann im Einzelnen auslegt, es gibt einen kohärenten inhaltlichen Bezug in diesen monotheistischen Religionen. Das gibt es im esoterischen Bereich nicht. Es gibt zwar viele Praktiken und Lesestoff, aber kein alleingültiges heiliges Buch.
Typisch für monotheistische Religionen ist darüber hinaus, dass es institutionalisierte Praktiken religiöser Kindererziehung gibt. Lesen und lernen bedeutet vielfach Thora, Bibel oder Koran lesen ? Taliban heißt ja nichts anderes als Koranschüler. Und bereits vorher erzählen die Eltern den Kindern vom Schöpfergott, von den Geboten, vom Auszug der Israeliten aus Ägypten oder vom Leben Mohammeds oder Jesu. Das ist ein wichtiger Unterschied zur Esoterik, wo es eine solche religiöse Kindererziehung ganz selten gibt. Mit dem Bedeutungsverlust der Religionen geht natürlich auch eine Schwächung religiöser Kindererziehung einher, was wiederum eine ganz neue Chance für Esoterik verschafft. Wenn jemand mit 25 Jahren zum ersten Mal mysteriösen oder mythologischen Weltsichten begegnet, dann hat er ein Aha-Erlebnis. Das ist dann unvergleichlich, weil er oder sie sich eben nicht daran erinnert, dass die biblischen Geschichten ganz ähnlich sind.
Es gibt einen dritten wichtigen Unterschied: In den monotheistischen Religionen gibt es mit Synagogen, Moscheen oder Kirchen nicht nur Gebäude, sondern ein komplettes, dahinter stehendes institutionelles Konzept. Der Vorsteher der Synagoge muss gewählt werden, es gibt einen kirchlichen Gemeinderat oder ein Beratungssystem in der Moschee. Esoterik hat das alles nicht.
Sind Religion und Esoterik also grundverschieden?
Das kommt auf die Definition von Religion an. Es gab ja schon immer Leute, auch in Europa, die sich nicht an den monotheistischen Religionen orientiert haben, sondern seit der Renaissance, seit den italienischen Stadtstaaten, an den Griechen. Wenn man heidnische Mysterien und Mythen der Antike mit den heute kursierenden esoterischen Mythologien vergleicht, dann sind letztere allerdings geradezu ärmliche Kurzgeschichten. In den griechischen Mythen zum Beispiel gibt es ein komplexes Geflecht unzähliger Götter, Transformationen, Verwandlungen, Zauberei. Das alles war der Esoterik-Fundus der bürgerlichen Klasse. Diesen haben sie teilweise gemischt mit christlichen oder auch heidnischen Elementen der mittelalterlichen Vorstellungswelt. Hinzu kommt noch die magische Dimension frühneuzeitlicher Naturforschung, wie sie Goethe im »Faust« verarbeitet hat. Das ist die Vorgeschichte der heutigen Esoterik. In den überwiegend entbürgerlichten Massendemokratien sind diese Traditionslinien weitgehend abgebrochen: Beispiel dafür ist die Marginalisierung des humanistischen Gymnasiums, in dem man Ovids Metamorphosen, die unglaublich esoterisch sind, gelesen hat.
Esoterisch ? in welchem Sinne?
Im Sinne von geheimnisvoll. Es gibt bei Ovid magische Kräfte, geheime Mächte, Wesen mit übermenschlichen Fähigkeiten, die in heutigen Fantasy-Welten wiederkehren. Esoterische Praktiken spielten im Bürgertum vor etwa 150 Jahren vielleicht keine so große Rolle wie heute.
Es gibt im Esoterikbereich aber zwei deutlich unterscheidbare Verhaltensweisen: Auf der einen Seite gibt es eine große Szene von individualisierten Konsumenten, die in esoterische Buchläden gehen und sich dort was kaufen, wie in jedem anderen Buchladen. Das ist ein eher harmloser verstreuter Konsum, der auch biografisch nicht unbedingt lange vorhält. Es handelt sich um einen sehr pluralistischen, liberalisierten Umgang mit Esoterik. Damit in Zusammenhang steht eine Art scherzhafter Geselligkeitskommunikation, etwa Sternbilderraten abends nach dem dritten Weinglas, so wie das schon im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Kreisen Usus war. Man scherzt ein bisschen mit dem Geheimnisvollen. Derartige Praktiken wie z.B. das Tischerücken spielen übrigens auch bei Marx immer wieder eine Rolle. Jaques Derrida hat dies in »Marx? Gespenster« überzeugend interpretiert.
Auf der anderen Seite haben wir im esoterischen Milieu ganz harte Gruppenformationen. Dort werden in Sekten mit sehr starken Zwängen, rigiden Normen und Verpflichtungen Jünger und Jüngerinnen bei einem religiösen Führer gehalten. Diese Spaltung des Esoterikbereichs ist sehr auffällig und man muss gut aufpassen, über welchen Bereich man redet, den individualisierten, zerstreuten oder den kollektivistisch-rigiden Typus.
Wie unterscheiden sich die esoterischen Gurus oder Weisen von den Priestern und Vorbetern der monotheistischen Religionen? Letztere sind Vertreter für das Wort Gottes, während viele der Gurus ja selber als Heilige gelten.
Ja, vor allem die Frage der Ernennung markiert einen großen Unterschied. Wie wird man Guru? Nach den indischen Traditionen durch schulische Zusammenhänge ? jeder Guru ist Schüler eines anderen Gurus, der selber wiederum Schüler eines Gurus war. Es setzt eine enorme Kenntnis dieser verwickelten Filiationen voraus, wenn jemand, der sich einem esoterischen Kult hingeben will, die Herkunft von esoterischen Vorbildern oder Kulten halbwegs überprüfen will. Das gibt es so weder im Judentum, noch im Christentum oder im Islam. Dort dominieren stärker institutionalisierte Prozesse wie die Bestellung des Vorstehers der Synagoge, die Bischofswahl oder das Kalifat. Nicht jeder kann z.B. Priester werden, und vor allem kann man sich nicht selbst ernennen. Während die Esoterik überwiegend auf Selbsternennung beruht. Deren geistliche Führer ernennen sich selbst zu besonders religiös begnadeten Menschen und geben irgendwelche Schulen an, die im Grunde gar nicht nachprüfbar sind.
Warum boomt die Esoterik in den Industrienationen, während in arabischen Ländern, Afrika und Lateinamerika monotheistische Religionen weiter an Bedeutung gewinnen?
In Afrika beispielsweise bedeutet sowohl der Islam wie das Christentum für die Menschen, die damit in Kontakt kommen oder missioniert wurden, die Befreiung von Gespensterfurcht. Das ist dort ein wichtiger historischer Prozess. In Gesprächen mit Studierenden aus Ländern südlich der Sahara, die in traditionellen Milieus aufwuchsen, wurde deutlich, wie sehr die Kindheit verwoben war mit einem riskanten Netz aus hilfreichen und feindlichen Geistern, schwarzem und weißem Zauber. In so einem Feld ist es sehr gefährlich, Autonomie herzustellen, denn es kann ja immer auch jemand dagegen zaubern. Bei Muslimen und Christen, die bekehrt wurden, nimmt die Gespensterfurcht zunächst ab und Gottvertrauen wächst.
Wenn ich von Kind auf in einer Welt von magischen Praktiken und guten und bösen Geistern lebe, bedeutet es Befreiung, wenn mir jemand sagt, es gibt überhaupt keine Dämonen und Geister, sondern nur einen Gott und zehn Gebote, um die du dich zu kümmern hast. Deshalb haben die monotheistischen Religionen in diesen Regionen auch Erfolg.
Anders in einer hochtechnisierten Lebensumwelt, in der ich ständig mit Fragen konfrontiert bin, was rational und vernünftig ist, wo mir also meine eigene Rationalität ? oder nach Adorno und Horkheimer die »Dialektik der Aufklärung« ? auf der Seele ruht: Wenn ich die Erfahrung mache, dass das Christentum zu zentralen Themen wie etwa der Gentechnologie keine Lösungsvorschläge bietet, sondern eher antimodernistisch abblockt, dann beginne ich in anderen, nicht-christlichen Bereichen zu suchen. Auffällig in der Esoterik-Szene ist ihr experimenteller Charakter. Die Leute bleiben ja nicht lange bei ihrem Glauben. Es gibt diese Wanderungen: Wenn das Seelenheil mit den Kelten nicht klappt, dann vielleicht mit den Indianern oder mit Buddha. Am Ende solcher Karrieren steht häufig ein sehr diffuses allgemein-esoterisches Bewusstsein.
In Industrieländern ist Gottvertrauen eine enorm knappe Ressource geworden. Modernen Menschen bleibt nur Selbstvertrauen übrig, und das muss durch alle möglichen kognitiven und emotionalen Identitätsfitnessprogramme gestärkt werden. Denn das Selbstvertrauen ist relativ labil und störungsanfällig. In dieser Situation werden in westlichen Gesellschaften esoterische Angebote attraktiv.
Wenn Esoterik auf Selbst- und nicht auf Gottvertrauen aufbaut, dann handelt es sich um atheistische Religionspraxis.
In gewisser Weise schon. Es bleiben allerdings Magie und Mythen. Magie fällt in den Bereich des unmittelbaren praktischen Umgangs mit kosmischen Objekten. Mythen sind Weltdeutungen narrativer Art, die von Geistern, Göttern und Halbgöttern erzählen. Viele der magischen Praktiken und mythischen Erzählungen werden dann über erhöhte Mobilität und den Transfer von Personen ? Priester, Wunderheiler und Gurus aller Art ? verbreitet.
Religiöse Globalisierung also? Während es christliche und islamische Prediger in afrikanische Länder zieht, entstehen hierzulande buddhistische Zentren oder afrikanische Voodoo-Schulen.
Das geschieht allerdings schon länger. Der englische Kolonialismus in Indien, der ja eine frühe Phase der Entstehung des Weltmarkts markiert, läuft parallel mit der Rezeption der indischen Altertümer in Europa. Und so treten nicht mehr nur ? wie in der Renaissance ? die Griechen als alternative Bedeutungsangebote zum Christentum auf, sondern auch die Veda, die indischen Mythen. Die erste Indienbegeisterung gibt es schon Anfang des 19. Jahrhunderts. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es zusätzlich viele Buddha-Rezeptionen. Ein Freund von Karl Marx beispielsweise, Friedrich Köppen, der Seite an Seite mit Marx als Linksradikaler in der 1848er Revolution kämpft, schreibt nach der Niederlage der Revolution ein großes Buch über Buddha, ergeht sich in Fasten und führt eine buddhistische Existenz. Diese Übernahmen stehen also im Zusammenhang sowohl mit Globalisierungsprozessen wie andererseits mit innereuropäischen Enttäuschungserfahrungen.
Die esoterischen Kulte haben immer Konjunktur, wenn die Hoffnungen auf eine vernünftige Einrichtung europäischer Gesellschaften gebrochen sind: Nach der Französischen und der 1848er Revolution, nach dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution. Auch die Entwicklung der 68er Bewegung stellt einen Grund für den derzeitigen Esoterik-Boom dar. Die Karriere des Verlags Trikont-Dianus macht das deutlich. Dieser auf Dritte-Welt-Themen spezialisierte Verlag hatte eigentlich antiimperialistische Befreiungsbewegungen á la Che Guevara voran gebracht. Mitte der 70er Jahre aber, als der Elan bricht, legt er sich den Namen Dianus zu und schwenkt auf Kelten, Germanen, indische und indianische Weisheiten um.
Zurück zur Kolonisierung und Missionierung: Der Übergang zu monotheistischen Religionen ist meist nicht mit Befreiung verbunden. Ihre Durchsetzung erfolgte über Macht und Gewalt. Was bedeuten die Aspekte Macht und Gewalt für monotheistische Religionen einerseits und für Esoterik auf der anderen Seite?
Keine Frage: Das Christentum ist im Kolonialismus mit Gewalt eingeführt worden. Ein Großteil der vom marxistischen Atheismus herkommenden nationalen Befreiungsbewegungen wie Vietcong etc. hat gegen das europäische Christentum als Zeichen des europäischen Imperialismus gearbeitet und einen stark anti-religiösen, säkularen sowie nationalrevolutionären Weg eingeschlagen. Weil diese nationalrevolutionären Bewegungen fast alle fehlgeschlagen sind, können die europäischen Missionare nun darauf verweisen, dass die säkularen Bewegungen in Diktaturen geendet seien. Die protestantischen Kirchen in Lateinamerika oder die beiden christlichen Religionen und der Islam in Afrika erleben daher einen Aufschwung.
Der entscheidende Unterschied zur Esoterik ist, dass die monotheistischen Religionen die Tendenz haben, Gewalt nach außen zu tragen ? in den Missionierungskriegen. Diese nach außen gerichteten Gewaltpotenziale gibt es im Esoterikbereich seltener, soweit ich das überschauen kann. Aber es gibt ein wesentlich höheres Gewaltpotenzial nach innen ? nicht da, wo es sich um die konsumistische Freizeitesoterik handelt, sondern da, wo sich rigide Gruppen bilden, die sich um Gurus scharen. Besonders gefährdet sind Aussteiger, Dissidenten, Abweichler. Exemplarisch für die innere Gewalt sind auch die immer wieder vorkommenden kollektiven Selbstmorde. Das Christentum in Europa ist heute in einem anderen Entwicklungsstadium.
Sie haben die zentralen Unterschiede zwischen Religion und Esoterik aufgezählt. Welche Gemeinsamkeiten gibt es über die Funktion eines Orientierungsangebots hinaus?
Hier kommt der Begriff der Spiritualität ins Spiel. Sowohl die monotheistischen Religionen wie die Esoterik bieten spirituelles Erleben ? eine Verbindung zu Gott oder etwas Göttlichem oder Kosmischem, das dem Leben über seine materielle Existenz hinaus einen tieferen Sinn geben soll. Eigentlich kommt dieser Terminus Spiritualität aus dem christlichen Bereich und bezeichnet den heiligen Geist. Im Mittelalter haben sich Abweichlergruppen ? die Häretiker ? mit Berufung auf die Aussage der Heiligen Schrift, dass in allem der Geist Gottes ist, von der institutionalisierten Kirche abgewandt. Die Franziskaner sind eine Spiritualenbewegung. Zwischen christlichem, auf innere Erleuchtung gerichteten Mystizismus und Esoterik gibt es viele Verbindungen. Und am Schluss des neuen Buches Empire von Hardt und Negri können Sie lesen, wie der Spirituale Franz von Assisi zum Vorbild für heutige radikale Linke erhoben wird.
Wolfgang Eßbach ist Kultursoziologe und Professor an der Universität Freiburg. Das Gespräch führten Tina Goethe und Stephan Günther vom iz3w. |