Armut und Selbstermächtigung
Berechnetes Leiden
Von den vergeblichen Versuchen, Armut in Zahlen zu erfassen
von Stephan Günther
Alljährlich erscheinen in der Boulevardpresse und auf den bunten Seiten der Tageszeitungen Ranglisten der wohlhabendsten Menschen der Welt, der reichsten Manager des Kontinents oder der bestverdienenden Sportler des Landes. Die Familien Walton (Wal-Mart), Onassis (Öltanker) und Albrecht (Aldi) stehen genauso für Reichtum und Luxus wie Bill Gates (Microsoft) oder Michael Schumacher (Rennfahrer). Für die »Ärmsten der Armen« funktioniert eine solche Personalisierung allerdings nicht. Sie gehen in der Masse unter.
Während der Reichtum ganz offensichtlich erkennbar ist ? an der Luxusvilla, dem Sportwagen oder zumindest am Bankkonto ? ist Armut schwer zu definieren: Was muss einem Menschen alles fehlen, um ihn arm zu machen? Das Auto? Der Fernseher? Oder gar: Genug zu essen? Und wann ist ein ganzes Land arm? Die Definitionen gehen weit auseinander, fast jede Statistik, die Armut zu fassen versucht, legt ihre eigenen Kriterien fest. Lange galt (und gilt in vielen offiziellen Statistiken noch immer) lediglich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen eines Staates als Indiz dafür, ob dieser nun als arm oder als reich anzusehen sei. Und für die einzelne Person hat die Weltbank 1985 eine Armutsgrenze von einem (!) US-Dollar pro Tag festgelegt. Dabei werden die Konsumausgaben für einen zum Leben notwendigen minimalen Warenkorb zugrunde gelegt.
Nach offizieller Weltbank-Statistik leben danach heute weltweit mehr als 1,2 Milliarden Menschen unter dieser Armutsgrenze, die meisten davon in Südasien und im Afrika südlich der Sahara. Diese Zahl, so die jüngsten Angaben der Weltbank, sei in den letzten Jahren konstant geblieben. Und weil die Weltbevölkerung gleichzeitig zunimmt, will die Statistik gar einen relativen Rückgang weltweiter Armut feststellen. Dass viele andere Organisationen gleichzeitig von »wachsender Armut« berichten, liegt vor allem an den unterschiedlichen Maßstäben, auf denen die Berichte basieren: Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen etwa führte einen Index für menschliche Entwicklung (HDI für Human Development Index) und einen weiteren für menschliche Armut (HPI für Human Poverty Index) ein, denen beide die Faktoren Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandard zugrunde liegen. Während ersterer den Lebensstandard über das Pro-Kopf-Einkommen definiert, bemisst ihn letzterer über Ernährung und Gesundheit.
Trotz dieser eher geringen Unterschiede kommen die Indices zu grundlegend unterschiedlichen Ergebnissen: Während etwa die Vereinigten Arabischen Emirate beim HDI-Index innerhalb der Entwicklungsländer einen führenden Platz einnehmen, erreichen sie in der HPI-Statistik nur Platz 28. Genau umgekehrt verhält es sich bei Jordanien und Guyana. Einig sind sich die unterschiedlichen Ranglisten lediglich bei den allerärmsten Staaten. Sowohl beim HDI als auch beim HPI belegen Äthiopien, Burkina Faso und Niger die letzten Plätze.
Doch vollständig vermögen diese Indices die »Lebensqualität« nicht zu fassen. Der Psychologe Ernst Fidel Fürntrapp-Kloep hat daher für seinen Index nicht weniger als 142 Variablen definiert, die zusammengenommen in Zahlen fassen sollen, was einen Mensch arm oder reich, glücklich oder unzufrieden macht. Und der Statistik-Experte Ulrich Scheuerle geht sogar so weit, ein »normiertes Gesamt-Leiden aller Armen« in einer Formel unterzubringen (vgl. Abbildung). Spätestens hier zeigt sich ein grundlegendes Problem solcher »multidimensionaler Indikatoren«: Wie kann »Leiden«, wie können »Bildung« oder wie »Gesundheitsversorgung« in Zahlen ausgedrückt werden? Und auf welcher Basis lassen sich solcherlei Daten dann miteinander vergleichen? Auch wenn auf Kuba Gesundheits- und Bildungssystem relativ weit entwickelt sind, gleicht dies nicht den Versorgungsmangel mit Konsumgütern oder die Einschränkung politischer Freiheit aus. Und umgekehrt macht etwa die neugewonnene (relative) politische Freiheit die Menschen in Südafrika nicht wohlhabend und beschert ihnen weder eine bessere berufliche Zukunft noch eine ausreichende Gesundheitsversorgung.
Je mehr Indikatoren, desto geringer also die Vergleichbarkeit. Doch Sinn machen Statistiken allenfalls, wenn sie Vergleiche ermöglichen. Es mag ja sein, dass etwa in der Bundesrepublik auch Unterprivilegierte Zugang zu Wasser, Bildung und Gesundheitsversorgung genießen ? jedenfalls in bescheidenem Maße. Doch spätestens seit erstmals in diesem Jahr der Armutsbericht durch einen Reichtumsbericht ergänzt wurde, weiß man auch, dass 0,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands 25,7 Prozent des gesamten Vermögens besitzen. In der Schweiz ist das Verhältnis noch krasser: In Basel-Stadt etwa verfügen 0,58 Prozent der Steuerpflichtigen über gleichviel Nettovermögen wie die übrigen 99,42 Prozent zusammen. Das kommt schon knapp an die Verhältnisse heran, wie sie in Mittelamerika oder im südlichen Afrika herrschen.
Wenn dann noch die internationalen Unterschiede berücksichtigt werden, dann zeigt sich gerade an der Einkommens- und Vermögensstatistik, wie weit die Schere zwischen arm und reich auseinander klafft. Indices mit zig Variablen sind kaum notwendig, dies zu erkennen. Der Kontoauszug und das Bruttosozialprodukt reichen dazu vollkommen aus. Denn in einer Welt, in der es kaum noch etwas gibt, dessen Marktwert nicht erfasst ist, muss es konsequenterweise auch das Geld sein, das den Statistiken zugrunde gelegt wird. Alles andere lenkt nur von den Unterschieden in Armut und Reichtum ab, die der Markt geschaffen hat.
Stephan Günther ist Mitarbeiter im iz3w. |