Nachhaltigkeit
Opfer der Nachhaltigkeit
Die Folgen des Naturschutzes in Zentralafrika
Bei der Rio+10-Konferenz in Johannesburg wurde wie bei allen internationalen Umweltkonferenzen auch die Forderung nach mehr Naturschutzgebieten laut. Doch gerade in den ökologisch noch intakten, angeblich ?unberührten? Weltregionen führen Nationalparks zu (Zwangs-)Umsiedlungen der dort lebenden Bevölkerung. Das Beispiel Zentralafrika zeigt, wie die Kosten des globalen Naturschutzes lokal abgewälzt werden.
von Kai Schmidt-Soltau
Die Vorstellung, dass die Natur der schützenden Hand des Menschen bedarf, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Sie entspringt der Beobachtung, dass manche als nützlich erachteten Dinge nach und nach verschwinden und sich damit einer weiteren Nutzung entziehen. Im Laufe der Jahre hat sich das Verständnis des »Naturschutzes« vielfältig gewandelt: einige verbinden mit ihm den Schutz der »unberührten Wildnis«, während andere mit ihm die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen assoziieren. Denn obwohl Natur seit Jahrhunderten geschützt wird, haben sich die Legitimationen dafür grundlegend gewandelt. Zwar wurden Wälder schon in der Antike als Freigehege für die königliche Jagd der Nutzung durch die breite Masse entzogen und Bäume im Umkreis heiliger Orte geschützt.
Aber all diese Bemühungen schützten Natur zum unmittelbaren Vorteil ihrer Nutzer, während Natur heute einen Wert an und für sich erheischt. Dieses Konzept hat seinen Ursprung in den Diskursen von Catlin, Thoreau und Muir und ist heute eines der ethischen Fundamente globaler (Umwelt-)Politik. Parallel zu dem Aufstieg des Konzepts zu einer Hegemonialmacht des postmodernen Seins erweiterten die Biologen das Wissen über die ökologischen Systeme und verifizierten damit zumindest teilweise die romantische Vorstellung einer unberührten Natur als Eden der Menschheit. Die bis heute dominierende Definition des internationale Bündnisses der Naturschutzorganisationen (IUCN) erklärt den Erhalt grundlegender ökologischer Prozesse und Systeme, den Schutz der genetischen Vielfalt und die nachhaltige Nutzung von Arten und Ökosystemen zum Ziel des Naturschutzes.1
Während ursprüngliche Ökosysteme ? und nur um diese geht es im weiteren ? immer seltener werden, wurde der Wunsch nach ihrem Schutz immer populärer. Auch in Zentralafrika entwickelten nationale und internationale Organisationen Strategien, um so viel unberührten Wald wie möglich zu schützen. Die Yaoundé-Deklaration von 1999, ratifiziert von den zentralafrikanischen Staaten Äquatorialguinea, Demokratische Republik Kongo, Gabun, Kamerun, Republik Kongo, Tschad und Zentralafrikanische Republik, vertritt die Auffassung, dass die Schaffung von Nationalparks das wirksamste Instrument des Naturschutzes sei. Sie bezieht sich dabei auf die internationale Definition von Nationalparks: »Natürliche Land- oder Seegebiete, deren ausschließliche Funktion in (a) dem Schutz der ökologischen Unversehrtheit eines oder mehrerer Ökosysteme für heutige und zukünftige Generationen besteht, (b) der Unterbindung von jeglicher Nutzung, die widersprüchlich zum erklärten Zweck des Gebietes ist, nachkommen und (c) die als Grundlage für spirituelle, wissenschaftliche und pädagogische Zwecke genutzt werden können und der Erholung dienen, solange diese Aktivitäten ihrerseits umweltverträglich sind.«2
Geschenke an die Erde
In Zentralafrika stößt dieser Naturschutz-Diskurs an seine Grenzen, denn es zeigt sich, dass der Regenwald keine unberührte Wildnis ist, die nur darauf wartet, dass Forscher und Touristen sie genießen. Selbst jene Gegenden, die auf Landkarten als grünes Niemandsland ausgewiesen sind, werden von Jägern und Sammlern genutzt oder gehören den umliegenden Dörfern. Nichtsdestotrotz wurden in den letzten Jahren riesige Gebiete als »Geschenke für die Erde« und als Nationalparks demarkiert. Vor allem die »Geschenke an die Erde« umweht ein stark kolonialer Duft, denn sie sind direkt internationalen Naturschutzorganisationen wie dem WWF (World Wildlife Fund) unterstellt und nicht mehr den sie umschließenden Staaten. Die Protagonisten dieser Variante des Naturschutzes argumentieren, dass es in Zeiten der Globalisierung ohnehin keine Rolle mehr spiele, welcher Ordnung man unterworfen ist. Doch sehen das die Menschen, die inmitten der als schützenswert erachteten Natur leben, genauso?
Die IUCN empfiehlt, dass »die Einrichtung von Schutzgebieten weder zur Umsiedlung von dort heimischen Menschen führen noch diese in ihrer indigenen Lebensweise bedrohen solle, sofern diese Völker nicht die ökologische Einheit des Gebietes gefährden.« Um dem gerecht zu werden, offerieren Naturschutzexperten zwei gegensätzliche Lösungsansätze: »Die Umsiedlung der Bewohner auf der Grundlage eines Konsenses zwischen den betroffenen Parteien; oder die Integration der lokalen Bevölkerung in das Nationalparkmanagement, mit Hilfe kontinuierlicher Umwelterziehungs- und Bewusstseinsbildungsprogramme und der gleichzeitigen Suche nach alternativen einkommensschaffenden Maßnahmen, die den Druck auf die natürlichen Ressourcen vermindern helfen«3. Dass es sich bei dieser Integration nur um eine Partizipation an bereits getroffenen Entscheidungen handelt, wird selten thematisiert. Denn eine gleichberechtigte Einbindung aller Interessengruppen würde auch der lokalen Bevölkerung ein Vetorecht einräumen müssen.
Ein Paradies für
Forscher
Am Beispiel von acht Naturschutzgebieten in Zentralafrika4 lässt sich zeigen, dass für keines dieser geschützten Gebiete eine offizielle Strategie zur Integration der lokalen Bevölkerung in das Nutzungskonzept erarbeitet wurde. Und nur ein Projekt ? der KORUP Nationalpark in Kamerun ? hat ein eigenständiges Konzept für Umsiedlungen. Sind die anderen Parks also leer? Der Noubale Ndoki Nationalpark in der Republik Kongo mag die Problematik illustrieren: Der Park, der permanent nur von amerikanischen und europäischen Forschern bewohnt wird, beschäftigt alle Einwohner der zwei Siedlungen innerhalb der 20 km breiten Pufferzone als Wildhüter, Köchinnen und Träger. Man könnte also zu der Auffassung gelangen, dass der Park eine wirkliche Wildnis sei ? ein Paradies für Tiere, Forscher und Touristen.
Als ich die Region 1999 zum ersten Mal besuchte, versuchte ich zu verstehen, warum die Babenzélé Pygmäen gerade diese Region nicht für die Jagd oder das Sammeln von Pflanzen und Früchten nutzen. Ich erfuhr, dass es ihnen nun nicht länger erlaubt sei, den Park zu betreten. Die Pygmäen waren vertrieben worden ? aus ihrem traditionellen Lebensraum, den »ihre« Regierung und internationale Experten zum »Niemandsland« deklariert hatten. Direkte Entschädigungen für die Betroffenen oder alternative Strategien zur Sicherung ihrer Lebensgrundlage waren nicht vorgesehen. Ein hoher Nationalparkangestellter gab sich angesichts meiner diesbezüglichen Fragen erstaunt: Während seine Argumente zu Beginn eher formal waren (»Wie können wir Menschen umsiedeln, die nicht sesshaft sind?«), wurde er nach einigen Drinks deutlicher: »Wir können mit unserem »sprechenden Fleisch (ein gängiges Schimpfwort für die Pygmäen der Region) machen, was wir wollen.« Meist ist es diese Missachtung der Bedürfnisse und Rechte der ländlichen Bevölkerung, die Menschenrechtsaktivisten an das Feudalsystem des Mittelalters erinnert, nur dass diese Gebiete heute nicht für Jagdgesellschaften geschützt werden, sondern für Forscher und Touristen. Tatsächlich gesellen sich Afrikaner nur selten zu den Forschergruppen im Herz des Regenwaldes, und ich habe noch nie gehört, dass Bewohner der Anrainerdörfer in Nationalparks umherwandern, um deren ästhetische und spirituelle Werte zu genießen.
Kein Platz für »wilde Menschen«
Die IUCN ist sich dieser Problematik durchaus bewusst. Sie konstatiert, dass »eine Politik, die die Anwesenheit von Menschen in Nationalparks negiert, zwangsläufig scheitern muss.«5 Dieses Scheitern manifestiert sich in aktivem oder passivem Widerstand gegen geplante Umsiedlungen und Vertreibungen. Einige Naturschutzprojekte nutzten daher das Argument der Gewalt, nachdem die Gewalt der Argumente nicht ausreichte, den europäischen Diskurs zu implementieren. Im Kibale Wildkorridor in Uganda brannten beispielsweise Wildhüter und Förster mehrere Dörfer nieder und töteten ? »zum Wohle der Tiere« ? die sich ihrer Vertreibung widersetzenden Bewohner. In der Zentralafrikanischen Republik eröffnete eine internationale Naturschutzgruppe unlängst die Jagd auf alle »Schwarzhäute«, die es wagten, Gorillas und Elefanten zu jagen.6
Niemand wird bezweifeln, dass die Umsiedlung von Menschen aus Nationalparks abzulehnen ist, wenn die einzige Methode in der Niederbrennung ihrer Siedlungen und in ihrer Kriminalisierung als Wilderer und Diebe bestehen würde. Doch auch bei einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber Nationalparks als richtigem Mittel zum nachhaltigen Schutz der Biodiversität gilt es zu problematisieren, wie sozialverträgliche Umsiedlungen möglich und vertretbar sind. Denn die Nationalparkbefürworter dominieren zur Zeit nicht nur die Diskurse, sondern schaffen auch Fakten bzw. Nationalparks. Es ist daher notwendig, auch auf einer immanenten Ebene zu untersuchen, inwieweit die proklamierten Umsiedlungs-Leitlinien der relevanten Organisationen einem reality-check standhalten.
Wie andere Geberorganisationen erarbeitete z.B. auch die Weltbank Leitlinien zum Thema »Umsiedlung als Folge von Entwicklungs- und Naturschutzprojekten« (Direktive 4.12). Danach sollen die Verantwortlichen sicherstellen, »dass die umzusiedelnden Menschen über ihre Handlungsoptionen und ihre Rechte im Hinblick auf die Umsiedlung informiert sind; dass sie beraten werden, ihnen Handlungsoptionen aufgezeigt werden und ihnen technisch und ökonomisch umsetzbare Alternativen zur Umsiedlung eröffnet werden; dass ihnen unmittelbar ? d.h. zeitnah und effektiv ? Entschädigungen in Höhe ihrer Einkommensverluste, die in direkter Verbindung mit dem Projekt stehen, zur Verfügung gestellt werden.«7
Ohne Repräsentation
Aus diesen Vorgaben ergeben sich jedoch einige Kernprobleme bei der Einrichtung von Nationalparks:
1) Wer hat das Mandat, die lokale Bevölkerung angemessen zu repräsentieren, wenn diese nicht selbst in der Lage ist, ihre Interessen effektiv durchzusetzen? Unbesehen aller legalistischen Argumente müssen die beteiligten Interessengruppen einen alle zufrieden stellenden Kompromiss aushandeln, wenn die Ressourcen nachhaltig geschützt werden sollen, denn im Regenwald sind Wildhüter nicht in der Lage, die Tiere und Pflanzen zu schützen, wenn die Anrainerbevölkerung nicht mit ihnen zusammenarbeitet und sie über Aktivitäten im Wald unterrichtet. Aber wer sind die an der Aushandlung des Kompromisses zu beteiligenden Interessengruppen und wer sind ihre rechtmäßigen und anerkannten Vertreter? Der Fall des KORUP Nationalparks macht deutlich, dass die Umzusiedelnden kaum in der Lage sind, ihre Interessen und Bedürfnisse zu verteidigen, denn die Einwohner des Parks stimmten ihrer Umsiedlung ohne Entschädigung oder Wissen um die impliziten Risiken zu. Und wegen der bestehenden Interessenkonflikte kann keine der anderen Interessengruppen ? seien es die Naturschutzprojekte oder Geber- bzw. staatliche Institutionen ? die ländliche Bevölkerung vertreten. Es bleibt die Pflicht der internationalen Gebergemeinschaft, dafür zu sorgen, dass die Einwohner von Nationalparks jegliche Unterstützung erhalten, um angemessene Entschädigung aushandeln zu können. Diese kann nur das Ergebnis einer rechtlich bindenden Vereinbarung zwischen gleichberechtigten Partnern sein.
2) Finanzielle Entschädigung von Landbesitz ohne offizielle, schriftlich dokumentierte Besitztitel ? und das ist der Normalfall ? widerspricht in Zentralafrika zum einen den nationalen Gesetzen und übersteigt zum anderen die Budgets der Naturschutzprojekte bei weitem. Wie kann man also angemessene Entschädigungen garantieren? Im zentralafrikanischen Regenwald hat Land ? neben seinem ökonomischen Wert als Lebensgrundlage ? auch eine komplexe soziale Dimension. Aber bereits der wirtschaftliche Aspekt entpuppt sich als unergründliche Schlangengrube, die selbst Naturschutzorganisationen als nicht schützenswert erscheint. Kleine Jäger- und Sammlergemeinschaften können traditionelle Landbesitzer von 1000 km2 Primärwald sein, dessen Holz allein einen Geldwert von 100 Millionen Euro verkörpert. Aber handelt es sich hier um reale oder eher hypothetische Werte? Die traditionellen Waldbesitzer werden niemals in der Lage sein, diesen natürlichen Wert in einen realen Geldwert zu transferieren, denn alles Land, das nicht offiziell als Privatbesitz gekennzeichnet wurde, ist per Gesetz Staatseigentum. Auf der Grundlage dieses juristischen Argumentes lehnen Ressourcenschutzprojekte in der Region die Anerkennung traditioneller Landbesitzformen als offizielle Landtitel ab und damit jede Forderung nach finanzieller Entschädigung. Die Weltbankrichtlinie 4.12 empfiehlt dagegen die Entschädigung oder Umsiedlungsunterstützung für all jene, die Land nutzen, unbesehen ob sie ein offizielles Papier vorlegen können oder nicht. Parkverwalter erzählten mir, sie hätten traditionellen Waldnutzern die Entschädigung verweigert, weil »es unmöglich sei, die Verluste der indigenen Bevölkerung zu ersetzen.« Diese Logik ist gefährlich ? für den Naturschutz sowie für die Lebensbedingungen und das Wohlergehen der ländlichen Bevölkerung. Eine angepasste Politik zum Schutz der Lebensgrundlage der »Opfer von Naturschutzprojekten« muss ein integrativer Bestandteil aller Naturschutzprojekte werden.
3) Die Vertreibung durch den Naturschutz zwingt Jäger und Sammler dazu, Bauern zu werden, weil es keinen ungenutzten Wald mehr gibt, der das für den Ressourcenschutz »geopferte« Land ersetzen könnte. Deshalb können Umsiedlungen abgesehen von den sozialen Implikationen auf die Lebensgewohnheiten der Betroffenen auch vielfältige negative Wirkungen auf die Umwelt haben. Sie resultieren aus der erhöhten Interaktion mit der Außenwelt (Verkehr usw.), der Erhöhung der effektiven Bevölkerungsdichte, den Belastungen durch landwirtschaftliche Aktivitäten, dem Verlust von Jagdtabus, der Zerstörung des Systems traditioneller Jagdzonen und aus dem Zugang zu anderen Technologien und Jagdmethoden, die den Bejagungsdruck erhöhen können. Genau kann jedoch heute niemand sagen, welche (sozial)ökologischen Schäden aus der Umsiedlung resultieren, da dies noch nie untersucht wurde. Doch während ökologische Wirkungsanalysen für jedes Entwicklungsprojekt mittlerweile obligatorisch sind, gilt dergleichen für Naturschutzprojekte nicht. Der ökologische Nutzen wird einfach vorausgesetzt.
Widerstand gegen Naturschutz
Angesichts der Risiken und Probleme bei Umsiedlungen stellt sich die Frage, ob die Waldbewohner nicht nur ein moralisches, sondern auch ein juristisches Recht auf Widerstand haben. Die etwa von der Weltbank empfohlenen Begleitmaßnahmen von Umsiedlungen dürfen ja nicht darüber hinweg täuschen, dass die Schaffung von Nationalparks Menschen zwingt, ihren angestammten Lebensraum zu verlassen. Wissenschaftlich und juristisch muss man hier von Zwangsumsiedlung, wenn nicht gar von Vertreibung sprechen, denn ? unabhängig davon, ob diese Menschen nun legale Landbesitztitel haben oder nicht ? haben sie bislang keine Möglichkeit, sich der Umsiedlung oder Vertreibung legal zu widersetzen. Der einzige Weg, das Leben dieser Menschen zu sichern und die Naturschutzziele der Parks zu erreichen, besteht darin, dass diese Tatsache von allen Beteiligten akzeptiert werden muss, um auf dieser Grundlage legale Verfahrensweisen zu entwickeln, die internationalen Standards wie der Direktive 4.12 der Weltbank genügen.
Umweltschützer argumentieren, dass die Kosten von Umsiedlungen nach der empfohlenen Prozedur zu hoch seien. Aber wer will behaupten, die Kosten seien zu hoch, wenn es darum geht, die Umwelt wirksam zu schützen? Während die weitsichtigeren Einwohner von Nationalparks durchaus den abstrakten Zielen des Umweltschutzes zustimmen, bleibt ihre Frage, ob die Kosten gerecht verteilt seien, bis heute ungehört. Wer sonst als die Bewohner der Nationalparks ist gezwungen, seinen Lebensstil für das »Überleben der Menschheit« radikal zu ändern? Solange Naturschutzorganisationen nicht in der Lage sind, zu garantieren, dass die Belastungen des Naturschutzes gerecht geteilt werden, gilt es nicht nur das Recht auf Widerstand der Einwohner geschützter Gebiete zu verteidigen, sondern auch diesen Widerstand solidarisch zu unterstützen.
Anmerkungen:
1 IUCN 1981. World Conservation Strategy. Gland: IUCN-Press.
2 IUCN 1994. Guidelines for Protected Area Management Categories. Gland: IUCN-Press.
3 Amend, S. & Amend, T. 1995 (ds.). National Parks without people? The South American Experience. Gland: IUCN-Press: 461.
4 Zwischen 1996 und 2001 untersuchte ich im Rahmen von Gutachten sowie privaten Besuchen folgende Nationalparks: KORUP (Kamerun), Lake Lobeke (Kamerun), Dzanga-Ndoki (Zentralafrikanische Republik), Nsoc (Äquatorial-Guinea), Gamba Naturschutzkomplex (Gabun), Ipassa-Mingouli Biosphere Reserve (Gabun), Noubale Ndoki (Republik Kongo) und Odzala (Republik Kongo).
5 McNeely, J.A. 1995. Indigenous people and national parks in South America. In: Amend & Amend: 23.
6 Spiegel Nr. 23/2002: 170.
7 World Bank 2002. Operational Policy 4.12: Involuntary Resettlement. Washington: World Bank.
Kai Schmidt-Soltau ist Gutachter in der Entwicklungszusammenarbeit und lebt seit 1997 in Kamerun. Der Beitrag beruht u.a. auf dem Vortrag »Environmental and Social Risks arising from Conservation related Resettlement Programmes in Central Africa«, der unter www.Schmidt-Soltau.de nachzulesen ist.
Risiken und Nebenwirkungen von Umsiedlungen
Umsiedlungen zugunsten von Nationalparks setzen die betroffene Bevölkerung ? diese umfasst neben den sesshaften wie nichtsesshaften Umzusiedelnden auch die traditionellen Eigentümer des Landes ? konkreten Armutsrisiken aus:
Landlosigkeit:
Die de-facto-Enteignung von Grundbesitz und der Verlust von bisherigen Nutzungsrechten bewirken nicht nur die Aufgabe individueller Besitzansprüche, sondern auch von kollektiv wahrgenommenen Rechten, etwa an Wald, Ödland sowie an Orten mit kultureller sowie religiöser Bedeutung.
Verlust von Einkommen und
Einkommensquellen:
Die Illegalisierung bisheriger subsistenz- wie marktorientierter Aktivitäten wie Jagen, Fischen, Sammeln oder Holzeinschlag führt insbesondere nach Auslaufen der Umsiedlungsphase zu Zwangsarbeitslosigkeit und Einkommensverlust. Die Orientierung auf landwirtschaftliche Aktivitäten ist oft eine schlechte Alternative für die Betroffenen: Sie generieren zu wenig Einkommen, weil es an Know How, Inputs, Absatzmöglichkeiten usw. fehlt.
Obdachlosigkeit:
Dies betrifft nicht nur den physischen Verlust bisheriger Wohnstätten, sondern auch den Verlust von individueller, kollektiver und kultureller Heimat. Darunter fällt z.B. die Umsiedlung bisheriger nichtsesshafter Bevölkerung in Siedlungen, deren Häuser von den Betroffenen nicht als adäquate Behausung akzeptiert werden.
Nahrungsunsicherheit:
Die zahlreichen sozioökonomischen Verschlechterungen durch Umsiedlungen können zu Unterernährung, Mangelernährung usw. führen. Ein anderes Problem für die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln erwächst aus dem Naturschutz selbst. Durch den Schutz vor allem von Großwild wie Elefanten und Büffel hat sich deren Population erhöht und erlaubt diesen ? ohne Gefahr eines Abschusses ? die Felder der Anrainerbevölkerung kahl zu fressen.
Höhere Sterblichkeit:
Eine neue Umgebung und eine leichtere Interaktion mit den städtischen Zentren erhöht in jedem Fall das Gesundheitsrisiko (Infektionen, HIV, etc.). Hinzu kommt, dass stationäre Siedlungen einen höheren sanitären Aufwand verlangen wie z.B. eine langfristig funktionierende Abwasser- und Fäkalienentsorgung. Dies ist jedoch gerade in den Elendssiedlungen der Umgesiedelten nicht der Fall.
Marginalisierung:
Die soziale, psychologische und ökonomische Entfremdung durch die Umsiedlung führt zu einem erheblichen Verlust an Lebensqualität. Dies ist nicht nur der Fall, wenn die Neusiedler als (rechtlose) Fremde unter der Ablehnung ihrer neuen Nachbarn zu leiden haben.
Verlust von Bildung und Wissen:
Dies betrifft weniger den Bereich der formalen Bildung (obwohl Umsiedlungen sich auch hier negativ auswirken), sondern das traditionelle, in der Regel landgebundene Wissen. Da es in der neuen Umgebung nicht mehr gefragt ist, verkümmert es oder wird zum Objekt kommerziellen Interesses, etwa an Medizinalpflanzen.
Verlust der internen sozialen Ordnung:
Die erzwungene Änderung des Lebensstils und die mögliche Abhängigkeit von Naturschutzprojekten usw. atomisiert alle vorhandenen sozialen Strukturen sowohl innerhalb der Gruppen als auch deren Beziehungen zu anderen Gemeinschaften. Beispielsweise sinkt die soziale Anerkennung der Ältesten, die unter anderem auf ihrer Kenntnis des Landes basiert, am neuen Wohnort massiv, und sie werden abhängig von Jüngeren, die sich in der neuen Umgebung besser behaupten können.
Nach: Cernea, M. M. (2000), Risk, safeguards and reconstruction: a model for population displacement and resettlement. In: Cernea, M. M. & McDowell, C. (eds.). Risk and reconstruction: experiences of resettlers and refugees. Washington: World Bank. |