Ungereimtheiten statt Folklore
Im Senegal gibt es seit mehr als zehn Jahren eine breite Jugendkultur des Rap. Initialzündung war die Gruppe Positive Black Soul mit ihrem ersten Album »Boul Falé« (Kümmere dich nicht um die Meinung anderer, sondern tue das, was du selbst für richtig hältst). Als erste rappten Positive Black Soul in der Landessprache Wolof. Quasi über Nacht sind sie damit im Senegal berühmt geworden und es wird ganz selbstverständlich von der Generation »Boul Falé« gesprochen. Vergegenwärtigt man sich, dass 80 % der Bevölkerung unter 30 Jahren mit Hip-Hop aufgewachsen sind, wird der Einfluss der Raps deutlich: »Hip-Hop ist hierzulande weit mehr als ein Style, das sieht man schon daran, wieviel Geld den großen Hip-Hop Bands letztes Jahr während der Wahl im Senegal für Auftritte auf Wahlkampfveranstaltungen geboten wurde. Eine große Versuchung, jeder braucht hier Geld, aber bei den meisten Bands haben sie sich trotzdem umsonst bemüht, denn wir haben keine Lust mehr auf den alten korrupten Scheiß. Wir haben uns über Jahre das erarbeitet, was ihnen [den Politikern] fehlt: Integrität, und die ist nicht käuflich.« (Rapper Xuman von Pee Froiss)
Dakar gilt heute als die Hip-Hop-Metropole Westafrikas. Bands aus Mali, Gambia und dem Niger kommen in die Hauptstadt des Senegal, um ihre Tapes in kleinen Studios zu produzieren. Nach wie vor sind Kassetten die wichtigsten Tonträger jeglicher Verbreitung von Musik. Sie sind überall in den zahllosen wummernden Kassettenshops und -ständen erhältlich. CDs können kaum produziert werden, was eine Vermarktung über den Kontinent hinaus schwierig macht.
Der von dem Musikjournalisten und Ethnologen Jay Rutledge zusammengestellte CD-Sampler Africa Raps! bietet einen akustischen Überblick über die lebendige Hip-Hop-Szene Westafrikas. Es finden sich darauf Stücke, die im musikalischen Umgang mit Sampels und Beats zwar westlich beeinflusst sind, durch die Integration traditioneller Instrumente jedoch ganz neue Wege beschreiten. Der Sprechgesang der westafrikanischen Griot-Kultur erlebt so eine gerappte Renaissance. Die auf Africa Raps! vertretenen Musiker wollen aber nicht ins Weltmusikregal. Sie wollen als Hip-Hopper und nicht als Afrikaner anerkannt werden. In politisch brisanten Texten werden Staat und Regierung offen kritisiert, korrupte Politiker als »Politichiens« angegriffen oder diskriminierende Erfahrungen von MigrantInnen in Europa und die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen verarbeitet. Spannende Auseinandersetzungen über Ungereimtes also statt plattem Ethnopop und »authentischer« Folklore. Die Compilation zeichnet ein konturiertes Gegenbild zu gängigen Afrika-Klischees, dokumentiert die heterogene Vielfalt des afrikanischen Hip-Hop und glänzt durch ein informatives Begleitheft. Das kickt.
Stephan Köhler
Sampler Africa Raps! Senegal, Mali and the Gambia (2001, Trikont ? Indigo). Passend dazu das Foto-Essay von André Lützen: Generation Boul Falé, (2001, Wunderhorn Verlag)
www.trikont.de
www.africanhiphop.com www.senerap.de |