Musik und Politik
Interview mit Sekou von Brothers Keepers
Was sind eure Ziele?
Wir sehen uns als die erste von hoffentlich vielen ethnischen Lobbies in Deutschland, als Leute, die sich zu ihrem Deutschsein bekennen möchten und einen Weg finden wollen, sich aktiv integrieren zu können.
Das passt zu der Aussage zweier anderer Mitglieder von Brothers Keepers, die in einem Interview meinten: »Wir sind stolz, Deutsche zu sein«. Was hältst du davon?
Ich persönlich bin zwar kein Deutscher, mag aber die deutsche Kultur und beschäftige mich sehr damit, weil ich die Hälfte meines Lebens hier verbracht habe. Ich kann diesen Willen nachvollziehen, stolz sein zu wollen aufs Deutschsein, gerade bei den Afrodeutschen. Aufgrund deines Aussehens giltst du in den Augen der Mehrheit als Ausländer und kriegst so komische Komplimente wie »du sprichst aber gut deutsch für einen Schwarzen.« Wenn man in Deutschland aufwächst und nichts anderes kennt, ist das natürlich eine Identitätskatastrophe, weil man überhaupt keinen Bezugspunkt hat zu einer Identität, von der man sagen kann: Da gehöre ich hin.
Euer Ziel ist also, schwarze Hautfarbe und Deutschsein als Selbstverständlichkeit darzustellen?
Genau. Wir wollen, dass man Deutschsein nicht mehr über Erscheinungsbilder definiert, sondern über kulturelles Guthaben ? ein Schritt, den jede multikulturelle Gesellschaft vollziehen muss. Anders als Länder mit ausgeprägter Kolonialgeschichte war Deutschland nie dazu gezwungen, anders aussehende Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Erst jetzt, mit der Globalisierung der Marktwirtschaft, sehen Deutsche sich gezwungen, das zu tun. Das ist zwar ein beschissener Grund, aber es ist immerhin ein Grund.
Der erste Song auf eurem Longplayer heißt »red, black and green«, eine deutliche Anspielung auf den Panafrikanismus. Ist dieser eine gemeinsame Grundhaltung von Brothers Keepers?
Die Frage ist schwierig zu beantworten, denn wir sind ? kulturell gesehen ? kunterbunt bei Brothers Keepers. Ich bin Amerikaner, Blaise von Es Afreekanos ist als Flüchtling aus dem Kongo nach Deutschland gekommen. Die meisten sind aber Afrodeutsche, haben deutsche Mütter und afrikanische Väter. Auch wenn jeder weiß, dass Afrika der Herkunftskontinent von jedem Schwarzen ist, so wurde diese Bindung durch die Sklaverei entwurzelt. Ich kann zum Beispiel nicht einmal sagen, was mein Herkunftsland ist. Man müsste sein ganzes Leben der Frage widmen, wo man als Afroamerikaner ursprünglich her ist. Mein Verhältnis zu Afrika ist eine ewige Suche.
In den Sechzigern hat man in Amerika versucht, einen Bezug zu Afrika herzustellen, etwa in Liedern wie »I?m black and I?m proud« von James Brown. Das geschah allerdings sehr oberflächlich. Es war ein Schritt in die richtige Richtung, der aber nie vollendet wurde. Man hat sich nur auf afrikanische Tänze, Kunst oder Mode berufen, um das Afrikanische zu zeigen. Was ich erreichen möchte, ist einen verantwortungsvolleren Umgang mit dieser Afrika-Mystik.
Die Brothers Keepers treten nach außen recht militant auf, die Sisters Keepers übernehmen dagegen den Part des versöhnlichen Aufeinander-Zugehens. Ihre Single heißt »Liebe und Verstand«. Werden damit nicht reaktionäre Geschlechterrollen reproduziert?
Ich kann mir gut vorstellen, dass das nach außen so rüberkommt, und ich muss zugeben, dass an dem Vorwurf ein bisschen Wahrheit dran ist... Diese Polarisierung nach außen tut aber beiden Gruppen unrecht: es gab durchaus Frauen, die tougher waren, und Jungs, die Angst hatten vor dem militanten Erscheinen. Es gab auch ein anderes, viel politischeres Lied von den Frauen, aber das hat es nicht auf die Single geschafft. Die Mädels, die das Video letzlich produziert haben, sind eher unpolitisch, ihr Lied war kommerzieller, und ein paar talentiertere Sängerinnen waren auch dabei. War also besser vermarktbar.
Habt ihr vor, das Brothers Keepers-Projekt weiter zu internationalisieren?
Unsere Vereinsarbeit beschränkt sich zum größten Teil auf Deutschland. Aber musikalisch werden wir auf jeden Fall auch wieder internationale Dinge angehen, etwa mit Brothers Keepers UK und Brothers Keepers Jamaica.
Das Interview führten Julia Wagner und Niels Wätzel. |