Compañeros musicales
Interview mit der mexikanischen Band Panteón Rococó
Seit einigen Jahren boomt angepunkte Ska-Musik in den Metropolen von Mexiko. Zu den auf CD-Samplern wie »Skalaria«, »Eskuela de Baile« oder »Puro eskañol« versammelten neuen mexikanischen Bands zählt neben Los de Abajo, Tijuana No und Maldita Vecindad auch Panteón Rococó aus Mexiko-City. Panteón Rococó fallen nicht nur durch ihren bunten Musik-Cocktail aus Punk-Rock, Ska, Reggae, Salsa, Cumbia und Merengue auf, sondern auch durch kritische und politische Texte (siehe www.panteonrococo.com). Sie solidarisieren sich mit der zapatistischen Bewegung im Bundesstaat Chiapas und singen über typische Problemlagen der Jugendlichen im mexikanischen Großstadtdschungel. Vor zwei Monaten haben Pantheón Rococó ihr zweites Album »Compañeros musicales« veröffentlicht. Der Titel bezieht sich auf ein Solidaritätskonzert in einer autonomen Gemeinde im Aufstandsgebiet von Chiapas, bei dem sie von den Zapatistas als »musikalische Weggefährten« begrüßt wurden.
Welche Rolle spielen für euch politische Inhalte?
Eine sehr wichtige. Unsere Texte drehen sich um die sozialen und politischen Zustände, in Mexiko wie auf der ganzen Welt. Es geht dabei aber um Probleme, die uns selbst betreffen. Wir beziehen eine politische Position aus der Perspektive mexikanischer Jugendlicher. Wir erzählen beispielsweise über ein vordergründig privates Problem, das aber ganz eng mit einem bestimmten politischen Programm oder einer Strategie zusammenhängt. Unsere Zuhörer können das dann selbst in einen Zusammenhang zu sich bringen. Wir wollen nicht so tun, als hätten wir eine passende Ideologie oder könnten wie eine politische Partei die richtigen Lösungen präsentieren.
Wie ist eure Beziehung zur EZLN?
Wir versuchen, sie zu unterstützen. Sie sind es, die Waffen in die Hand nehmen. Wir sind mehr ein sozialer Teil des Kampfes, unsere Funktion ist es, Musik beizusteuern. Musik, die dir etwas Hoffnung gibt, die dich zum Tanzen bringt. Wir veranstalten mit anderen Bands Konzerte, bei denen Geld für Lebensmittel, Decken und andere benötigte Dinge gesammelt wird. So haben wir ein Solidaritätskonzert gegeben, als die zapatistische Karawane im März 2001 nach Mexiko-City kam. Auf diese Art dienen wir auch der Kommunikation. Wir tragen ja bestimmte Inhalte mit der Musik in andere Regionen und Länder. Aber unsere Texte richten sich auch an die Kids in Mexico, die oft nichts von der zapatistischen Bewegung wissen.
Versteht ihr euch als politische Band?
Nein, eher als sozialen Kommentar. Wir sagen in unseren Texten, was wir fühlen und kommentieren, was wir sehen. Wir stellen die Politiker und ihr Handeln in Frage, ohne uns näher mit ihrer Politik zu beschäftigen. Wir sind eher ein Haufen Unzufriedener, die das Maul nicht halten wollen. Ähnlich wie die zapatistische Bewegung, die als Antwort auf bestimmte Missstände entstanden ist, wollten wir bei der Produktion unserer ersten Platte nicht warten, bis endlich irgendeine Plattenfirma auf uns zu kommt, sondern versuchten, in eigener Regie vorzugehen. Wir haben selbst bei der Herstellung der Platte mitgearbeitet, haben Konzerte organisiert, was in Mexiko wirklich nicht einfach ist, haben T-Shirts gedruckt, die ganze Promotion selbst gemacht.
Wie passt da dazu euer jetziger Vertrag mit der Plattenfirma BMG für das zweite Album?
Auch im Underground werden Geschäfte gemacht und du wirst übel abgezockt. Mit BMG haben wir Leute getroffen, die die Band so lassen, wie sie ist. Sie wollten von uns wissen, wie wir es geschafft haben, im Eigenvertrieb so viele Platten unter die Leute zu bringen. Wir konnten umgekehrt in einem sehr guten Studio aufnehmen. Wir hatten die Möglichkeit, in einer ruhigen Atmosphäre zu arbeiten, ohne Druck, ohne Geldprobleme. Als wir damals mit den Aufnahmen für die erste Platte fertig waren, mussten wir sofort aus dem Studio raus. Da hatten wir keine Chance, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Welche Unterschiede gibt es bei Konzerten in Europa und Mexiko?
Es ist eine andere Stimmung. In Mexiko wissen wir seit Jahren, wo wir wie rüber kommen. In Europa kommen manchmal nur fünf Leute zum Konzert, ein andermal spielen wir in einem autonomen Zentrum vor 100 wilden Punks, die einem fast schon Angst machen. Normalerweise hören sich die Leute in Europa erst einmal die Musik und die Texte an und nach zwei, drei Stücken beginnen sie zu tanzen. Das Problem mit der Sprache erlaubt uns aber nicht, alle Leute mit einzubeziehen und ihnen näher zu kommen. Es ist wie eine Wundertüte, du weißt nie, was passieren wird. Du weißt erst, was kommt, wenn du anfängst zu spielen. Das ist zugleich auch die Art, wie Panteón Rococó arbeitet. Wir fangen immer beim Spielen an. Der beste Weg, eine Platte bekannt zu machen, ist zu spielen. Das ist es, was uns gefällt.
Discographie:
? »A la Izquierda de la Tierra« (1999, Real Independencia)
? »Compañeros musicales« (2002, BMG Mexico)
Das Interview mit dem Bassisten Darío Espinosa und dem Keyboarder Filipe León führten Ina Riaskov und Stephan Köhler von Radio Dreyeckland. |