Musik und Politik
Schneller, lauter, härter
Gibt es eine politische Philosophie des Punk?
Legionen von non-konformistischen Intellektuellen, Cultural-Studies-Anhängern und Hobbyanalytikern haben sich auf die Suche nach dem Sinn des Punk-Rock gemacht. Doch bei all ihrem Vorbuchstabieren von Subversionspotentialen ? was ist eigentlich das Revolthafte von Punk? Ist Punk heute noch mehr als eines von vielen Stilmitteln der globalisierten Musikindustrie?
von Gerhard Hanloser
Die Frage, welche politische Philosophie dem Punk innewohnt, wird von vielen Kulturkritikern mit Hilfe der historischen Analogiebildung beantwortet. Der amerikanische Politologe und Musikwissenschaftler Greil Marcus beispielsweise konstruierte gleich eine ganze Traditionslinie vom Dadaismus über den Situationismus bis zum Punk. War der Dadaismus aber noch eine destruierende Antwort auf eine Welt, die mit den Massenschlächtereien des Ersten Weltkriegs jeden Sinn verloren hatte, und war der Situationismus eine faszinierende Avantgarde-Bewegung, die vom Mai 1968, dem größten wilden Generalstreik der Geschichte, bestätigt und sogar noch überflügelt werden sollte, so ist Punk ? in eine solche Tradition gestellt ? ein wohl kalkuliertes und kalkulierbares kulturindustrielles Produkt, das jeden Schrecken verloren hat.
Es wäre aber falsch, Punk nur auf eine ? wenn auch stilistisch etwas ausgefallene ? Spielart der Populärkultur zu reduzieren. Klaus Bittermann stellte zu Recht fest, dass es weder für Adorno noch für den Leadsänger der Sex Pistols, Johnny Rotten, eine Verständigung mit dieser Welt geben konnte. Doch Punk zeichnet sich dadurch aus, zugleich ungleich wilder und doch zahmer als Adorno und die Situationisten zusammen zu sein. Wie geht das?
Wie das subversive Potential der Kritischen Theorie erst im kurzen Frühling der Revolte von 67/68 zum Ausdruck kam, ist es auch beim Punk. Die negative Wahrheit über die Gesellschaft wird erst dann im dazu passenden Sound präsentiert, wenn die Gitarren ausgestöpselt sind und die aufgepeitschten Konzertbesucher einen riot machen. Adorno ohne die Studentenbewegung ist eben nur ein Kritiker auf dem Lehrstuhl und ein Punkrock-Konzert ohne riot nur ein Pop-Spektakel, das sich an den Rändern der Kulturindustrie ereignet und nach dem man sich des öfteren denkt, dass die abendliche Lektüre von Adornos ?Minima Moralia? doch wesentlich spannender gewesen wäre.
Spiel mit der Selbstzerstörung
Das Zahme des Punk kommt darin zum Ausdruck, dass seine politische Philosophie selbst hinter dem radikalen Subjektivismus des Individualanarchismus zurückblieb. Zurecht beklagt der Musikkritiker und Trash-Literat Stewart Home, er hätte sich gewünscht, dass Johnny Rotten in Tradition von Stirners »Der Einzige und sein Eigentum« statt »I am an Anti-Christ« »I am THE Anti-Christ« gesungen hätte. Aber nicht nur in Gestalt der Sex Pistols war Punk in seinen Ansprüchen bescheiden. Als Kind der späten 70er Jahre predigte Punk-Rock eine Autonomie, die das System nicht mehr zum Bersten bringen, sondern sich nur von ihm lösen wollte. Hatten linksradikale Rockgruppen wie Ton Steine Scherben Anfang der 70er Jahre noch öffentlichkeitswirksam gefordert »Macht kaputt, was euch kaputt macht«, kokettierte Punk von Ausnahmen abgesehen meist nur noch an abgeschotteten Orten mit dem infantilen Spiel der (Selbst)destruktion.
Dafür ist allerdings nicht der besondere Geist des Punk-Rock verantwortlich, sondern der gesellschaftliche Zustand, in den das Ereignis Punk hinein platzte. Seinen Ausgangspunkt nahm es im New Yorker Club CBGB, wo ab Mitte der 70er Jahre hauptsächlich Leute aus dem kunststudentischen Milieu schnelleren Rock?n?Roll spielten. Von dort gelangte Punk-Rock 1976/77 nach Großbritannien. In Gestalt der vom Pro-Situationisten und Modemacher Malcolm McLaren erfundenen Sex Pistols war Punk von vornherein keine Kritik des Spektakels, sondern Teil desselben. Mit der Vermarktung der Sex Pistols griff McLaren die affirmativste Utopie Guy Debords von 1957 auf: »Ich denke, alle meine Freunde und ich wären völlig zufrieden damit, anonym im Ministerium des Vergnügens zu arbeiten, für eine Regierung, die schließlich und endlich für die Veränderung des Lebens sorgen würde«.
Jon Savage, fulminanter Geschichtsschreiber der Sex Pistols, meint: »Punk ist im Kern antiautoritär, Anti-Medien. Punk ist antikonsumistisch, Anti-Big-Business, und er richtet sich vor allem gegen das Spektakel.« Man möchte es ihm gerne glauben, aber ist das dem Punk wesenhaft eingeschrieben? Denn über das Ästhetische hinaus wurde Punk erst dann rebellisch, als die englische Regierung für Veränderungen im Leben Tausender von Kids sorgte ? allerdings in entgegengesetzter Weise, als es Debord vorschwebte. Margaret Thatchers Regierungsantritt 1979 stand im Zeichen der neoliberalen Gegenrevolution. Ihr monetaristisches Regime zerschlug die Gewerkschaften, schleifte die Hochburgen der Arbeiterklasse und sorgte für eine Ausweitung der Massenarbeitslosigkeit. »Today there is nothing left to hope for but the safe arrival of the next welfare cheque«, stellte Stewart Home dazu fest. Einer ganzen Generation von Jugendlichen wurde »No future« verordnet ? und von dieser subversiv aufgegriffen. Bis heute ist Punk vor allem in Großbritannien deshalb mit einer »dole autonomy« verbunden, also der Möglichkeit, auf niedrigem materiellen Niveau der Lohnarbeit zu entfliehen und sich in der gewonnenen freien Zeit an politischen und subkulturellen Aktivitäten ? vom Hausbesetzen bis zum Travelling ? zu beteiligen.
In der BRD war Punk immer schon etwas verkopfter als in anderen Ländern. Die Bewegung von 1967/68 hatte sich institutionalisiert. Ein autoritärer Staat verfolgte jene, die die Revolte bewaffnet verlängern wollten, und im linken Milieu machte sich eine neue Innerlichkeit breit. Punk fühlte sich zwar zum Nihilismus und zur Absolutheit der bewaffneten Gruppen hingezogen, wollte sich aber doch nicht in diese Auseinandersetzung hineinziehen lassen. Ohnehin gehörte es zum guten Ton des Punk, auf Distanz zur damaligen Linken zu gehen, und das war nur all zu verständlich. Denn sie stand für Strickpullover, Jesuslatschen, Teestuben und Karl-Marx-Bücher-Lesen.
Die in den 80ern erfolgte partielle Politisierung des westdeutschen Punk verkörperte niemand besser als die Band Slime. Ihre Songs waren der Soundtrack einer ganzen Generation von Hausbesetzern, Antiimps und Militanten. Obwohl Punks und Autonome immer in einer Art Hassliebe zueinander standen, sagen die Texte von Slime mehr über das 80er-Jahre-Phänomen der Autonomen aus als jede halbakademische Abhandlung. Ihr Song »Deutschland muss sterben, damit wir leben können« sorgte immer wieder für staatliche Zensurmaßnahmen. Erst vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass diese »Punkhymne« unter das Postulat von der Freiheit der Kunst fällt und gegen Zensur geschützt werden müsse, weil sie ähnlich wie Heinrich Heines »Die Schlesischen Weber« auf einer metaphorischen Ebene düster-staatsfeindlich sei. Derart zur Kunst erhoben, hat selbst der antideutsche Punk seinen Schrecken verloren.
Lichtblicke für die Mittelklasse
Nachdem Punk in Großbritannien zum großem Hype geworden war, kam Punk Ende der 70er in die USA zurück und hieß nun Hardcore. Die von Bands wie The Germs, Black Flag, Dead Kennedys oder Circle Jerks wesentlich schneller und metallischer gespielte Musik war in ihren großen Zeiten der Soundtrack zum Kalten Krieg. Punk war in einer kurzen Phase der 80er Jahre eine Kampfansage an Ku-Klux-Klan, CIA und Ronald Reagan. In dieser Zeit entwickelte Punk eine subversive Aggressivität und schier prophetische Fähigkeiten. Wie sonst sind diese Zeilen von der 1980 veröffentlichten Platte Group Sex von den Circle Jerks zu verstehen: »It?s not ... Vietnam, just another oil company scam/ Salute that flag of Uncle Sam/ Get your money out, place your bets ... it?s Afghanistan«?
Doch abgesehen von solchen Lichtblicken ist die Philosophie des Punk nicht nur in den USA simpel. Sie reduziert sich auf ein »Think for yourself ? do your own thing ? live your own life ? no gods, no masters«. Diese waschechten middle-class-Fantasien zeigen, dass Punk eben nicht die »proletarische« Musik ist, die viele gutmeinende Soziologen aus ihm machen wollten. Punk zog proletarische Skinheads, die sich mal zu den Nazi-Skins, mal zu den Anarchos hingezogen fühlten, ebenso an wie Sportstudenten, radikale Soziologen oder Diplomatenkinder. Ein Klassencharakter des Punk ist soziologisch nicht feststellbar. Als der SPIEGEL einmal titelte: »Punk ? Kultur aus den Slums: brutal und hässlich«, stimmte dies zwar nicht, aber die Provokation ist auf fruchtbaren Boden gefallen.
In Anlehnung an den Historiker E.P. Thompson könnte man sagen, dass Punk ähnlich wie der Klassenkampf kein Ding ist, sondern ein Ereignis. Dazu brauchte es ein Zeitfenster, das sich kurz öffnet. Punk war zeitweise eine adäquate Antwort auf eine Gesellschaft, die sich vom Spätkapitalismus zum Patchwork der Minderheiten transformierte. Selbst schon Partikel dieser gesellschaftlichen Bewegung versuchte man noch gegen das falsche Ganze anzurotzen, das bereits im Begriff war, sich zu diversifizieren. Als sich das Fenster schloss, suchten die einen ihren Platz im Patchwork, während die anderen als konservative Rauner danebenstanden. Sie merkten, dass die zur Show gewordene Respektlosigkeit auf die Kulturindustrie beflügelnd wirkte, nicht zersetzend. In diesem Sinne waren Punks immer nur radikalisierte Bürger, die gegen das »Ancien régime« des Rock rebellierten. Aber Punk ? tausendmal totgesagt ? hat nicht nur als Musik, sondern auch als Ereignis viele Leben.
Punk ist erwachsen
Inzwischen sagt nicht nur der Konservative »Früher war alles besser«, sondern auch der alternde Punk. Natürlich gibt es eine Zerfallsgeschichte des Punk, doch diese Feststellung hat nichts mit Geschichtspessimismus zu tun, sondern reflektiert darauf, dass der Ort des Konflikts in der postmodern sich gerierenden Gesellschaft verloren gegangen ist. Warum sollte Punk weniger zahm werden
als alle anderen auch ? Studenten, Arbeiter, Hausfrauen? Und der autoritäre Charakter, an dem sich Punk im golden-repressiven Zeitalter des Keynesianismus rieb, hat sich ohnehin in eine allgemeine postmoderne Ich-Schwäche transformiert.
Wen also noch provozieren? Einige Punk-Theoretiker wollen dies nicht zur Kenntnis nehmen. Craig O?Hara beispielsweise gesteht Punk wie ein stolzer Vater große Lernprozesse zu: »Punks haben in ihrer Philosophie seit den Anfängen der Bewegung sehr starke Fortschritte gemacht und sind gereift.« Seine Ratschläge wie »das wichtigste (und vielleicht radikalste) Ziel für Punks ist es, selbst Verantwortung zu übernehmen« zeigen, welcher Anpassungsleistung selbst die Attitüde des rebellischen Outlaws unterliegt. Erwachsen werden, Verantwortung übernehmen, dagegen hatte Punk einmal in Form der Descendents rebelliert, die in einem 30-Sekunden-Song darauf beharrten: »I don?t wanna grow up«. Aber wo alle in der infantilen Spaßgesellschaft aufzugehen trachten, wäre auch das kein subversives Programm mehr.
Punk war in dem Moment definitiv erledigt, als die phantastische, aber tragische US-Hardcore-Band Verbal Assault verzweifelt ausschrie: »It?s more than music«. Nun wusste jeder, dass Punk eben nicht mehr war als laute Musik. Die besonders in der US-Szene grassierenden Worte wie Spirit, Truth und Feeling zeigten an, dass entgegen der lauthalsen Proklamation jeder Tiefgang verloren gegangen war. Jeder Schlager will das Ganze, das Leben, die großen Gefühle berühren, so wie jedes Kondom mit Sonnenuntergang auf der Packung verspricht, gefühlsecht zu sein. Mittlerweile kann man auch in der Punk-Abteilung der Plattenläden unter dem Subgenre »Emo-Core« Emotionalität kaufen.
Making Punk a Threat
Punk war noch subversiv, als er die Künstlichkeit, die vom Menschen geschaffene und ihm gleichsam entfleuchte Produziertheit dieser Welt überaffirmierte oder ganz ablehnte und damit eine beißende Gesellschaftskritik vorlegte. Für die Anarchos und Späthippies unter den Punks, die an der gleichnamigen englischen Anarcho-Kommune-Band orientierten Crass-Punks, gab es nichts Wahres im Falschen, sondern vor allem die Kraft der Negation. Mittlerweile hat jedoch gerade die US-Hardcore-Szene, so sie nicht vollends im marktförmigen Infantilismus erwachsener Stars à la Green Day gelandet ist, den naiven Utopismus der Ur-Hippies von 1966 wieder aufgenommen ? ohne Sex and Drugs und Wildheit. Hatte der frühe Hippiekult noch ein universalistisches Glücksversprechen parat, das die damalige US-Gesellschaft herausforderte, so geht es der Hardcore-Szene heute nur noch darum, liberalen Toleranzgeboten Folge zu leisten. Herrschaftskritik ist hier der Mode der political correctness folgend auf die Vermeidung von herrschaftlichem Auftreten und Sprechen beschränkt. Und dank des in Hardcore-Kreisen beliebten Veganismus gibt es immerhin das richtige Essen im dann gar nicht mehr so falschen Leben.
Linksradikale Aktivisten haben sich nicht zuletzt als Reaktion darauf auf die Fahnen geschrieben: »Making Punk a threat again«. Warum nicht? Zuerst müsste man aber die eigene Szene zum Tanzen bringen, indem man ihr vorspielt, wie zahm ihr Pogo geworden ist. Das kann sehr elaboriert stattfinden, wie etwa in der Selbst- und Warenkritik der schwedischen Band The (International) Noise Conspiracy: »We are up for sale everything that we know is up for sale«. Und auch der ein oder andere Leserbrief an das US-amerikanische Punk-Magazin MaximuRock?n?Roll bringt die notwendige Kritik auf den Punkt: »Ich werde euch sagen, was Punk ist ? ein Haufen Jugendlicher mit komischen Frisuren, die pseudo-politischen Schwachsinn reden und liberale Philosophien absondern, von denen sie wenig bis gar nichts verstehen.«
Literatur:
? Klaus Bittermann: brüllen, rülpsen, muhen, in: konkret 11/1992
? Martin Büsser: if the kids are united: von Punk zu Hardcore und zurück, Mainz 1995
? Stewart Home: Cranked up really high. Genre theory & punk rock, Hove 1995
? Greil Marcus: Lipstick Traces. Von dada bis punk, eine geheime kulturgeschichte des 20. jahrhunderts, Hamburg 1992
? Craig O?Hara: The Philosophie of Punk. Die Geschichte einer Kulturrevolte, Mainz 2001
? Jon Savage: England?s Dreaming. Anarchie, Sex Pistols, Punk Rock, Berlin 2001
? Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave, Frankfurt am Main 2001
Gerhard Hanloser ist Musikredakteur beim Freiburger Radio Dreyeckland. |