Musik und Politik
Korrekt aufgelegt?
Pop & Protest
Pop und Protest oder Rock und Rebellion: das gehört nicht nur für viele Junge zusammen. Auch die Berufsjugendlichen in Presse und Politik erinnern sich gern daran, dass zu ihren wilden Zeiten der entsprechende Sound gehörte. Etwa die Redakteure des Musikexpress, die im »Punk-Dossier« ihrer Augustausgabe zu ergründen versuchen, »wie die Revolution verraten wurde« und »wer den Punk-Spirit heute weiterträgt«. Bei so viel Hype um musikalische Formen der Gesellschaftskritik will auch die Bundeszentrale für politische Bildung nicht zurück stehen. Auf ihrer Homepage preist sie eine Veranstaltungsreihe über »Formen politisch engagierten HipHops« an, deren Zweck es ist, »die Partizipation von Jugendlichen an gesellschaftlichen Prozessen sowie deren kritisches Interesse an kulturellen Ausdrucksformen und politischer Öffentlichkeit zu fördern.« Schöner kann man die Absicht mittels Wortwahl wohl kaum dementieren...
Was soll man von der nahezu alljährlichen Renaissance von Pop&Protest und von den immer neuen Politbands halten? Verweisen sie auf die erneute Attraktivität von Fundamentalkritik an der Gesellschaft? Oder handelt es sich beim aktuellen Politpop à la Manu Chao oder The (International) Noise Conspiracy lediglich um postmodernen Chic? Reicht es, »Kapitalismus« im Songtext zu erwähnen, um politisch engagierte Musik zu machen? Was ist von der Forderung des Musiksenders VIVA »radikalisiert das Leben!« zu halten? Müssen wir bald mit einem Soli-Sampler für ATTAC rechnen, auf dem für die Tobintax gebattlerappt wird? Featuring DJ Lafontaine und MC Marx?
Seit Jahrhunderten ist Musik ein wichtiges Medium für politische Botschaften. Bauern, die sich mittels derber Lieder gegen die feudale Obrigkeit auflehnten, ArbeiterInnen, die das Lob des Klassenkampfes anstimmten, oder Mittelschichtsjugendliche, die via Punk gegen den Konformismus anrotzten ? die Erscheinungsformen politischer Musik sind außerordentlich vielfältig. Ihren Erfolg verdanken sie der Tatsache, dass sie nicht nur (über den Text) die Köpfe erreichen, sondern auch den »Bauch« ? sprich die Gefühlswelt der HörerInnen. Im Extremfall geht dies so weit wie bei der Band Atari Teenage Riot, die mit ihren kompromisslosen Breakbeats alljährlich die Berliner 1. Mai-Demo aufputscht: ein gemütliches Zurücklehnen mag bei solcher Musik weder akustisch noch politisch gelingen.
Doch in welche (politische) Richtung die musikalische Mobilisierung wirkt, lässt sich nicht nur durch die Texte, sondern mehr noch durch den gesellschaftlichen Kontext bestimmen, in dem Musik produziert und rezipiert wird (vgl. den Beitrag auf S. 18). Am Beispiel des Rechtsrock lässt sich zeigen, dass jenes musikalische Material, das in den 80er Jahren den Punkbands diente, um die (spieß)bürgerliche Gesellschaft zu negieren, auch als Soundtrack zum rassistischen Pogrom taugt. Dass die Rechten bei der Herstellung ihrer Gemeinschaft auf musikalische Mittel zurückgreifen, ist kein Zufall. Denn kaum ein Medium ist zur Identitätsstiftung so geeignet wie Musik. Das gilt insbesondere für die im weitesten Sinne politische Musik: Ob National- oder Parteihymne, Arbeiter- oder Partisanenlied, sie alle sollen ein Kollektiv emotional zusammen schweißen. Dies gelingt in nahezu allen politischen Kontexten: So wie ein unausgesprochener Code allen Linken (von den Sozis bis zu den Autonomen) abverlangt, dass sie beim Singen der »Internationale« feuchte Augen bekommen, so wird auch bei den Fußballnationalmannschaften zur Rechenschaft gezogen, wer beim Abspielen der Nationalhymne keine Ergriffenheit demonstriert.
Doch es wäre billig, politische Musik aufgrund ihrer identitätstiftenden und emotionalisierenden Rolle nur als Mittel zur Regression des kritischen Verstandes zu begreifen. Es gibt eben nicht nur kitschige politische Musik (man erinnere sich an die in dieser Hinsicht unübertrof-fenen bots), sondern auch intelligent gemachte, den Verstand herausfordernde Songs. Und selbst wer mit den jeweiligen Sounds und Bands nichts anfangen kann, kommt nicht umhin, deren soziale Funktion ernst zu nehmen: Sie können politischen Protest bündeln und auf spielerische, immer wieder überraschende Weise zum Ausdruck bringen (vgl. das Beispiel Argentinien, S. 26, oder das Beispiel des Punk, S. 22). Und sie können ein Mittel für Minderheiten sein, sich gegen die Mehrheitsgesellschaft zu behaupten (vgl. das Beispiel HipHop in Deutschland, S. 28)
Wie alle künstlerische Ausdrucksformen befindet sich politische Musik immer auf einer Gratwanderung zwischen Anspruch und Attitude, zwischen Autonomie und Kommerz oder zwischen Emanzipation und Ressentiment. Geradezu idealtypisch lässt sich dies am Beispiel der US-amerikanischen HipHopper von Public Enemy illustrieren: Deren gegen das rassistische Establishment gerichteten Songs sind eben nicht nur ein aufwühlender Schrei nach Gerechtigkeit. Nicht selten richten sie ihre berechtigte Aggression gegen eine andere Minderheit, gegen die Juden (vgl. S. 32). Gerade solche Ambivalenzen verweisen darauf, dass insbesondere politische Musik in Form des Pop ein dynamisches Modell ist, das einerseits ästhetische Normen stets in Frage stellt, andererseits auch den reaktionären gesellschaftlichen Bodensatz abbildet oder von der Avantgarde zum konsumierbaren Mainstream mutiert. Doch immerhin sorgt diese Widersprüchlichkeit des (Polit-)Pop dafür, dass er niemals langweilig wird.
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