Kritische Ökologie: Nr. 59 Bd. 19[1]: 27 - 29. 2003
Der ?Narr" ? eine wahre Geschichte aus dem Norden Nigerias
erzählt von Regina Schade und Hans Mohlfeld *)
Im Parish Zuru lernten wir während unserer Dorfbesuche einen sehr interessanten Mann kennen, der uns auf seine Farm nach Unguwan Rafi einlud. Wie sich dann herausstellte, war ihm sehr an einer Beurteilung seiner geleisteten Arbeit gelegen und weniger an der Lösung von Problemen. Das Hauptproblem hatte dieser Mann nämlich schon vor Jahren selbst erkannt. Die Fruchtbarkeit der Böden war im Laufe der zunehmenden und einseitigen Nutzung stark zurückgegangen. Aus diesem Grunde hatte dieser Mann auf einem Teil seines Landes Nutzbäume gepflanzt. Da der Ackerbau im Parish Zuru auf eine lange Tradition zurückblicken konnte, war auch das von seinem Vater ererbte Land schon lange Zeit unter Kultur. Traditionell wurde und wird in Zuru Sorghum sowie etwas Mais und Hirse angebaut. Erdnüsse, Bohnen und andere Leguminosen waren weniger stark verbreitet.
Da Mais als Nährstoffzehrer den Boden stark ausgelaugt hatte, brachte diese Frucht kaum noch zufriedenstellende Erträge. Daher blieb letztlich nur noch das nicht so anspruchsvolle Sorghum als Alternative übrig, wenn man überhaupt noch etwas ernten wollte. Durch die alles andere als nachhaltige Landbewirtschaftung, incl. des Abbrennens der Ernterückstände, waren aber auch beim Sorghum die Erträge im Laufe der Jahre stark zurückgegangen.
In der Vergangenheit wurde daher von der Regierung vereinzelt Mineraldünger zu günstigen Preisen ausgegeben. Dieses geschah in moslemisch regierten Staaten wie Kebbi und Niger meist am Sonntagvormittag, wenn die Christen in der Kirche waren. Aber derartige Düngerverteilaktionen waren selten geworden und die Beschaffung auf dem freien Markt war vielen Farmern zu teuer. Somit stellte die Mineraldüngung nach westlichem Muster keine Lösung dieses Problems dar, zumal der positive Effekt bekanntermaßen nur kurzeitig und nicht nachhaltig ist.
Der von uns besuchte Farmer hieß Peter Susa Turba und hatte dieses Problem erkannt. Als er 1992 anfing, auf seiner Farm in Unguwan Rafi Moringa, Mango, Baobab und andere Bäume zu pflanzen, bezeichnete man ihn als Narren und Verrückten. Selbst seine Brüder und Familie stimmten in diese Kritik mit ein und versuchten ihn zur Abkehr von seinen, nach ihrer Auffassung verwegenen Plänen, zu bewegen. ?Du solltest Bäume fällen anstatt sie zu pflanzen und Sorghum auf dem Feld anbauen wie alle anderen", erklärten sie ihm. Peter Susa Turba ließ sich jedoch nicht beirren.
Selbst als man seine frisch gepflanzten Bäume des Nachts entwurzelte und Viehherden über sein Grundstück trieb, hielt er an seiner Überzeugung fest. Um sein Grundstück herum pflanzte er einen Lebendzaun aus Bäumen, der mehrfach das Opfer nächtlicher Brandstifter wurde. Peter Susa wählte daraufhin eine feuerresistente Spezies (Aduruku, Newbouldia laevis), an der sich seine brandstiftenden Neider die Zähne ausbissen. Allen Widerständen und Sabotageaktionen zum Trotz gelang es ihm, auf ca. 3 ha seines Landes nutzbringende Bäume wachsen zu lassen, die ihm auch bald eine reiche Ernte bescherten.
Die Moringa Bäume konnten bereits im ersten Jahr beschnitten werden und die Blätter können durch ihren hohen Vitamin, Mineralstoff- und Aminosäuregehalt einen wertvollen Beitrag zu einer gesunden Ernährung bilden. Nicht umsonst nennt man die Moringa oleifera den ?Wunderbaum', dessen Früchte, Blätter, Wurzeln und Samen dutzendfache Verwendungsmöglichkeit bieten.
Eine Nutzungsform war aber selbst Peter Susa unbekannt; die Wasseraufbereitung durch gemahlene Moringa Samen, die selbst stark verschmutztes Wasser zu mehr als 90% von Bakterien reinigen können. Ansonsten verblüffte uns Peter auf dem Rundgang durch seine Farm durch eine kaum überschaubare Vielfalt an Baumarten, von denen wir, als Acker- bzw. Gartenbauer, noch wenig gehört hatten oder deren Verwendung wir noch nicht kannten.
Auf die Frage nach der Ressource seines so umfangreichen Wissens erklärte uns Peter, dass ihn weiße Missionare beraten hätten und er sich zudem vieles selbst angeeignet hätte. Wir waren tief beeindruckt.
Als wir später eine Bestandsaufnahme seines ?Garten Eden' machten, zählten wir mehr als 50 verschiedene Baumarten, zu denen uns Peter gleich die Verwendungsmöglichkeiten nannte.
Wir kamen aus dem Staunen kaum heraus. Das war genau das, was wir für unsere Projektarbeit brauchten. Einen ?Narren', der sich Gedanken über nachhaltige Landbewirtschaftung gemacht hatte und ein schier unerschöpfliches Reservoir an gewinnbringenden Bäumen auf seinem Land zusammengestellt hatte. Dieses positive Beispiel galt es herauszustellen und man musste Nachahmer finden.
Diese Baumfarm war die Lösung für die vielen an uns herangetragenen Klagen über nachlassende Bodenfruchtbarkeit, speziell in der Region Zuru. Die Reaktion seiner Nachbarn und seiner Familie auf Peter Susas eigenwilliges Schaffen war ebenso bemerkenswert wie destruktiv! Aber wer war letztlich ?der Narr' in diesem Spiel?
Zehn Jahre nach seinem von Unverständnis und Sabotage geprägten Start hatte der sogenannte Narr sich ein nachhaltig produktives Paradies geschaffen und erntete von seinen 3 ha Forstwirtschaft mehr als von seinen herkömmlichen mit Sorghum bestellten 10 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche; und das mit einem deutlich geringeren Arbeitseinsatz.
Mr. Peter Susa Turba hatte die Narrenkappe an seine Kritiker weitergegeben, weil sie ihm nicht passte. Manchmal schreibt das Leben die schönsten Geschichten - auch in Nigeria!
Unser Vorschlag, auf seiner Farm einen Workshop über nachhaltige Landbewirtschaftung und Forstwirtschaft durchzuführen, wurde von Peter Susa begeistert aufgenommen.
Da bis zum Ende des Jahres viel Feldarbeit durch die Ernte des Sorghum anstand, datierten wir den ersten Workshop auf den 25. Januar 2003. Nach anstrengender Fahrt erreichten wir endlich die Farm - pünktlich und wie vereinbart. Da außer Peter Susa und seiner Familie noch niemand angekommen war, hatten wir noch genügend Zeit zur Vorbereitung des Workshops.
Die Poster befestigten wir mit Nägeln an Matten aus Sorghumstroh, die wir wiederum an einer Leine aus Kunststoff fixierten, die wir zwischen 2 Bäumen gespannt hatten. Wir gingen anschließend noch kurz den Ablauf mit Peter Susa und Matthew, einem Agrarberater, durch. Peter Susa hatte, wie verabredet, eine kleine Vorstellung seiner Person inklusive der Entwicklung seiner Farm in den letzten 10 Jahren vorbereitet, die er zur Eröffnung des Workshops vortragen wollte. Nun konnte es eigentlich losgehen.
Aber wo waren die Zuhörer? Gegen 10 Uhr zählten wir weniger als ein Dutzend, gegen 10 Uhr 30 waren es knapp 20. Schließlich hatte Peter Susa seinen großen, ihm gebührenden Auftritt, vor mittlerweile knapp 100 Zuhörern. Einer seiner Söhne verlas Peters Geschichte in Hausa und Englisch, um auch uns daran teilhaben zu lassen. Es war wiederum sehr beeindruckend, diesen Ausführungen zu lauschen und den Leidensweg von Peter Susa bis zur Etablierung seiner Nutzbaum-Farm nachzuverfolgen.
Inzwischen waren auch Peters Eltern eingetroffen, die diese Darstellung fast demütig aber wohl auch mit einigem Stolz verfolgten. Es war eine sehr gelungene Eröffnung des Workshops.
Jeder wusste, dass die Erträge in den letzten Jahren aufgrund dieser Bodenzerstörung immer mehr zurückgegangen waren. Mit Mulchen und dem Verzicht auf das Abbrennen lies sich die Bodendegradierung zwar nicht rückgängig machen aber doch verlangsamen und mittelfristig sogar umkehren, wenn dies in Verbindung mit Fruchtwechsel und dem verstärkten Anbau von Leguminosen geschieht.
Die Lösung des Problems Bodendegradierung wäre eigentlich eine intensive Kompostwirtschaft in Verbindung mit dem Anbau von Gründüngung, doch sind diese kurativen Methoden wegen des hohen Arbeitseinsatzes und Wassermangels im Projektgebiet kaum durchsetzbar. Zudem wurde speziell in Zuru jeder Quadratmeter Ackerland zum Anbau von Nahrungsmitteln gebraucht und genutzt. Der Ausfall einer Fläche aufgrund des Anbaus einer Gründüngung konnte kaum kompensiert werden, auch wenn anschließend und mittelfristig bessere Erträge winkten.
Es war das uns wohlbekannte alte Problem. In Afrika wird fast ausschließlich in kurzfristigen Zeiträumen gedacht. Morgen ist schon weit und eine evtl. bessere Ernte in den nächsten Jahren interessiert die Leute kaum, wenn man schon heute nicht genug zu essen hat.
Umso bemerkenswerter war in diesem Zusammenhang das positive Beispiel des Peter Susa, der viele dieser Zusammenhänge erkannte und sich gegen alle Widerstände mit seiner Idee einer Nutzbaumfarm durchsetzte. Sein gutes Beispiel konnte für Leute mit etwas Geduld der Weg in eine andere, auf dem Begriff Nachhaltigkeit aufgebaute Landwirtschaft sein.
Sehr hilfreich waren auch Peters kurze Bemerkungen zu Fragen der Zuhörer während des Workshops, die er als Praktiker mit Tipps und Anregungen abrundete.
Entgegen unserem Wunsch hatte Peter Susa auf eigene Kosten einen Generator sowie eine große Musikanlage mit Lautsprechern und Mikrofon angemietet, die sich für Ansagen als durchaus hilfreich erwies, denn die Besucherzahl des Workshops lag bereits nahe der Marke von 200 Personen! Sehr bemerkenswert und hilfreich war die Anlage für die Rede des Kanzlers der Region, der inzwischen ebenfalls eingetroffen war. Er lobte noch einmal ausdrücklich die Standfestigkeit und das Engagement des Peter Susa und regte an, seinem guten Beispiel zu folgen. Das destruktive Verhalten seiner Nachbarn brandmarkte der Kanzler als verwerflich und kriminellen Akt, der sich niemals wiederholen dürfe. Besser hätte dies niemand von uns ausdrücken können!
Begleitet von ohrenbetäubend lauter Musik nahmen wir unser Mittagessen ein und dann stand der Rundgang an, auf dem Peter die Vorteile einiger Bäume und deren Verwendung beschrieb. Natürlich war es aufgrund der inzwischen sehr großen Teilnehmermenge schwierig, seinen Ausführungen zu lauschen, so dass letztlich ?nur' ca.100 Interessierte an dem Rundgang teilnahmen. So dramatisch war dies nicht, denn die Farm lag für die meisten Besucher nicht weit von ihren Dörfern entfernt, so dass sie sich bei Interesse auch nach dem Workshop informieren konnten. Zudem gaben wir neben dem Erosionshandout auch weitere zum Thema Mulch und Undercropping aus sowie ein Papier mit der Auflistung der wichtigsten Bäume und deren Verwendungsmöglichkeiten, allesamt in der Landessprache Hausa.
Am Ende dieses Tages waren wir alle zufrieden mit dem Verlauf dieses Workshops und wir vereinbarten mit Peter Susa sogleich eine Fortsetzung dieses Themas mit einem Workshop im März 2003 auf seiner Farm. Er stimmte begeistert zu.
Als wir seine Farm verließen, ging dort die Party dort erst richtig los. Die Musikanlage wurde bis zum Anschlag aufgedreht und es wurde das Tanzbein geschwungen. Ein schöner Tag mit vielen netten Begegnungen und Informationen ging zu Ende. Es sollte noch nicht der Letzte dieser Art gewesen sein.
*) Regina Schade und Hans Mohlfeld arbeiten seit einigen Jahren in der Entwicklungshilfe und waren bereits in Projekten der ländlichen Entwicklung in Uganda, Namibia und Benin tätig. Seit Mai 2002 wirken sie im Hadinkai Rural Development Programme (HRDP) in Nigeria. Projektträger ist das katholische Vikariat in Kontagora / Niger - State. Die Finanzierung übernimmt Misereor, die Entsendeorganisation ist die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e.V. (AGEH) in Köln. |