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(Artikel * 2003)
Viren als >>Global Winners<
in Kritische Ökologie Nr. 19(1) * Seite 2 - 4
Themen: Gesundheit; Globalisierung * Indien * SARS; Viren; Severe Acute Respiratory Syndrom * Dok-Nr: 144808
Kritische Ökologie: Nr. 59 Bd. 19[1]: 2 - 9. 2003

Umwelt- und Entwicklungsnachrichten

Viren als Globalisierungsgewinner?

Während die Diskussionen über Globalisierungsverlierer und -gewinner zumeist auf die unmittelbaren wirtschaftlichen Akteure beschränkt bleiben, scheinen sich völlig andere, weit unter der vordergründigen ökonomistischen Wahrnehmungsschwelle angesiedelte Gewinner zu etablieren: Lebewesen,
? die so klein sind, daß kein menschliches Auge sie sehen kann,
? die nur einfachste genetische Information in einer Hülle enthalten und durch gezielte Weitergabe dieser Information an andere sich vermehren und überleben können
? und dann plötzlich völlig unerwartete Resultate hervorzubringen vermögen wie z.B. SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome: schweres akutes Atmungssyndrom).
Als Herkunftsgebiet für SARS gilt Südchina, wo diese neuartige Erkrankung erstmals seit November letzten Jahres nachgewiesen ist. Bis zum 11. Juni starben 789 Menschen in zehn Ländern laut WHO (Weltgesundheits-Organisation) an dieser Seuche.
Als Erreger gilt ein Coronavirus. Coronaviren leben seit langem mit Menschen zusammen und haben dort allenfalls harmlose ?Erkältungskrankheiten" verursacht. Viren dieser Gruppe kommen aber auch bei Tieren vor und können z.T. erhebliche Krankheitsverläufe verursachen. SARS-Viren sind wohl ein neuer Beweis für die ungeheuerliche Flexibilität dieser Lebewesen ? und damit für ihre Globalisierungstauglichkeit. Ende März waren Virologen in Hongkong auf eine heiße Spur gestoßen: In den Ausscheidungen von Larvenrollern (Paguma larvata) fanden sie SARS- bzw. ihnen sehr ähnliche Viren. Larvenroller sind Schleichkatzen (Viverridae), eine Familie kleiner zumeist nachtaktiver Fleischfresser, und in Südasien weit verbreitet. Wegen der englischen Gruppenbezeichnung Civits ist in der deutschsprachigen Presse das Tier schlicht zur ?Zibetkatze" avanciert. Dieser Begriff ist im Deutschen für die ganze Familie gebräuchlich, von denen fünf Arten zu den Echten Zibetkatzen gerechnet werden, die in Afrika südlich der Sahara und Süd- und Südostasien verbreitet sind.
Schon bald gelangten Wildtierfleischereien in den Fokus der SARS-Ermittler. In Südchina gelten Larvenroller als Delikatesse. Der Genuß von Wildfleisch ist weit verbreitet und macht auch vor vom Aussterben bedrohten Tieren keinen Halt: Je seltener eine Tierart ist, desto höher ihr Markwert. Der hohe Preis verlockt zur weiteren Verfolgung und fördert dadurch die Ausrottung. Bei zunehmendem Wohlstand in China ist der Wildfleischkonsum heute für viele Arten zu einer ernsthaften Existenzbedrohung geworden.
Die Delikatesse Larvenroller findet sich noch nicht auf den Roten Listen der vom Aussterben bedrohten Tierarten (s. IUCN Redlist 2002) und die von ihm ausgehende Gefahr könnte dazu beitragen, daß dies auch so bleibt. Mittlerweile unterliegen die Wildtiermärkte in China einer stärkeren Kontrolle. Dabei dürfte den Behörden auch so manche gesetzlich geschützte Tierart auffallen. So könnte die schwere Krankheit SARS endlich einigen vom Aussterben bedrohten Tierarten zu dem Schutz verhelfen, der ihnen per Gesetz bisher nicht gewährt worden ist. - ag