Antisemitismus
The Road to Durban
Antisemitismus und Antizionismus in Südafrikas Gesellschaft
In den 1930er und 40er Jahren wurde auch in Südafrika die ?jüdische Frage? gestellt. Die burischen Nationalisten agitierten offen antisemitisch und sorgten dafür, dass jüdische Flüchtlinge ausgegrenzt wurden. Heute können die zur weißen Minderheit gehörenden Juden dank des verbesserten politischen Klimas der Post-Apartheid-Ära weitgehend unbehelligt leben. Doch auch im Neuen Südafrika werden antizionistische Töne laut, die vom Antisemitismus nicht immer unterscheidbar sind.
von Milton Shain
Nur wenige BeobachterInnen der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban im August 2001 werden die antizionistische Hetze bis hin zum vulgären Antisemitismus vergessen können, der die israelische und jüdische Delegation ausgesetzt war. Nacht für Nacht präsentierte das südafrikanische Fernsehen Szenen voll hemmungsloser Feindschaft gegen den jüdischen Staat. Der South African Jewish Report interpretierte sie als Versuch, Israel und den Zionismus in den Abschlusserklärungen der Konferenz als »rassistisch« verunglimpfen zu lassen und dabei gleichzeitig das Leiden der Juden sowie den Antisemitismus zu verharmlosen.
Südafrika war für die Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus ein verlockender Kontext. Dieser war vor allem durch die Kontakte des Apartheidstaates mit Israel ab Mitte der 70er Jahre und durch die historischen Verbindungen zwischen dem ANC und der PLO gegeben. Doch selbst erfahrene KommentatorInnen waren von der Intensität der Aggression überrascht ? trotz der Vorkommnisse im Vorfeld der Konferenz. Kurz vor der Konferenz demonstrierten 15.000 Menschen (vor allem Muslime) vor dem Parlament in Kapstadt gegen die »Greueltaten«, die Israel gegen die Palästinenser verübe. Die TeilnehmerInnen der Demonstration trugen Transparente, die Scharon als Kriegsverbrecher bezeichneten und die Hamas als Teil des vereinten Kampfes gegen Zionismus lobten. Scheich Achmat Sedick, der Generalsekretär des südafrikanischen Muslim Judicial Council, forderte von der südafrikanischen Regierung, die »Zionismus ist Rassismus«-Resolution der UNO von 1975 auf die Agenda der Konferenz in Durban zu setzen. Zudem rief Sedick die SüdafrikanerInnen auf, alle diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Israel abzubrechen.
Zielscheibe der »white poor«
Der Widersinn eines internationalen Treffens, das eigentlich zum Kampf gegen Rassismus und Vorurteile anberaumt wurde und stattdessen zu einem Fest des Hasses wurde, bei dem sogar die antisemitische Hetzschrift »Die Protokolle der Weisen von Zion« durch die südafrikanisch-muslimische Ahlul Bait Stiftung zum Kauf angeboten wurde, blieb vor allem ausländischen BeobachterInnen nicht verborgen.
Trotz der Ereignisse rund um Durban wäre es falsch, Südafrika als Brutstätte des Antisemitismus anzusehen. Die heute rund 80.000 Juden können dort ein relativ unbehelligtes Leben führen. In den 1930er und frühen 1940er Jahren gab es jedoch sehr wohl eine ernste »jüdische Frage« in Südafrika, die massive Auswirkungen auf den Status der Juden hatte. Ihr vorausgegangen war eine zunächst auf negative kulturelle und literarische Stereotypisierungen beschränkte Feindseligkeit. Diese fanden sich in der weißen Populärkultur und Politik; sie umfassten die Rede von den jüdischen Schurkereien, von den finanziellen Machenschaften (veranschaulicht etwa in Hoggenheimer, einer geschmacklosen Comicfigur), von der Drückebergerei zur Zeit des Ersten Weltkrieges, von bolschewistischer Subversion im Zuge der Russischen Revolution und der Rand-Rebellion von 1922 sowie von der Nichtassimilierbarkeit in den frühen 20er Jahren. Die Entwicklung dieser Stereotype fand vor dem Hintergrund der Einwanderung osteuropäischer, vor allem litauischer Juden statt. Sie waren Teil der großen Migrationsbewegung aus dem zaristischen Russland Ende des 19. Jahrhunderts. Die Neuankömmlinge wurden durch die Entdeckung von Diamanten und Gold angezogen. Ihre Ankunft fiel zusammen mit dem Aufkommen der »poor white« in Südafrika: einer großen Gruppe vor allem unausgebildeter Buren, die Opfer von industriellen Modernisierungsprozessen wurden.
Die ?fremden Juden?, die nie mehr als 4,5 Prozent der weißen Minderheit in Südafrika ausmachten, wurden zu einer leicht zu treffenden Zielscheibe und ihre Anwesenheit eine einfache Erklärung für die sozialen Probleme. Ab 1890 wurden Forderungen laut, die Immigration von osteuropäischen Juden zu begrenzen. Diese Forderungen verstärkten sich in den 1920er Jahren und gipfelten im Quota Act von 1930 (der sich nach dem System der US-amerikanischen Immigrationsquoten richtete). Dieses Gesetz sollte den »nordischen« Charakter des »weißen« Südafrika sichern. Es bewirkte eine deutliche Verringerung der Einwanderung osteuropäischer Juden.
Die Zeit von 1930 bis Anfang der 40er war von einer Woge des Antisemitismus geprägt, die der ?jüdischen Frage? eine prominente Rolle in der öffentlichen Agenda zukommen ließ. Antisemitismus war ein wichtiger Bestandteil des sich radikalisierenden burischen Nationalismus. Dieser zeigte sich besonders in der Rhetorik und in den Aktivitäten der Greyshirts, einer rechtsextremen Bewegung, die vom Auftreten der Nationalsozialisten sowie von rassistischen und völkischen Diskursen beeinflusst war. Der Bodensatz antijüdischer Ressentiments und vor allem die Forderungen nach Aktivitäten gegen die existierende jüdische Community veranlassten die regierende United Party zunächst, die Aufklärung über die Immigration zu verbessern und höhere finanzielle Mittel zugunsten der Immigrierenden bereit zu stellen. Diese Maßnahmen galten ab dem 1. November 1936 und führten zu einem zeitweiligen Anstieg der Einwanderung deutscher Juden. Ende Oktober wurde jedoch auf gut besuchten Veranstaltungen, die von einer Gruppe von Professoren der burischen Stellenbosch-Universität (unter ihnen auch der zukünftige Premierminister Hendrik Verwoerd) geleitet wurden, gegen die Ankunft des Schiffes Stuttgart mit 537 deutschen Juden protestiert.
Ein Import aus Europa
Als offensichtliche Antwort auf den florierenden Antisemitismus verabschiedete die United Party den Aliens Act von 1937, der die verstärkte Einwanderung von deutschen Juden verhinderte. Ohne dass dieses Gesetz direkt auf Juden einging, wurde nunmehr ausschließlich Immigranten die Einwanderung durch ein Auswahlkomitee genehmigt, die einen »guten Charakter und das Bemühen um eine Assimilierung in die europäische Bevölkerung« aufweisen konnten. Die Folge: kamen zwischen 1933 und 1936 noch 3.615 deutsche Juden als Flüchtlinge nach Südafrika, so waren es zwischen 1937 und 1940 weniger als 1.900.
Der Antisemitismus wurde 1939 durch die sehr knapp ausgefallene Entscheidung des südafrikanischen Parlamentes gestärkt, den Krieg des Commonwealth gegen Deutschland zu unterstützen. In der starken Antikriegsbewegung ? angeführt von den militanten Organisationen Ossewabrandwag und New Order ? waren faschistische und antisemitische Rhetorik weit verbreitet. Zentrale Publikationen der burischen National Party aus den frühen 1940er Jahren zeigten den entscheidenden Einfluss von Mussolini und Hitler auf den burischen Nationalismus. Dennoch bewirkte der Kampf gegen Hitler eine Abschwächung der Rezeption faschistischer und nationalsozialistischer Vorstellungen. So verwarfen 1942 wichtige Führungsfiguren der National Party übereinstimmend den Import nationalsozialistischer Ideen nach Südafrika. Dennoch war laut einer Studie von 1944 die Feindschaft gegenüber Juden weitverbreitet.
Nach 1945 nahm Antisemitismus in Südafrika rapide ab ? obwohl der damalige Premierminister Jan Smuts sich gegen eine breite jüdische Immigration einsetzte. Die Greyshirts und New Order lösten sich auf. 1951 wurde in Transvaal das Verbot der Mitgliedschaft für Juden im regionalen Zweig der National Party aufgehoben. Dennoch beklagte die 1948 an die Regierung gewählte Partei der Buren das angeblich große Engagement von Juden in liberalen und kommunistischen Kreisen sowie die Unterstützung Israels für den Block der afrikanischen Staaten in der UN ab Anfang der 60er Jahre. Die Rede von der gespaltenen nationalen Loyalität von Juden verlor hingegen durch die enge Verbindung zwischen Südafrika und Israel in den 1970er Jahren an Bedeutung. Diese politischen Verbindungen, die auch die Lieferung israelischer Waffen an Südafrika umfassten, führten unter den Weißen zu einem positiveren Bild von den Juden. Dennoch waren antisemitische Ausfälle wie die Leugnung des Holocausts in der weißen extremen Rechten nicht unüblich.
Schwarze Antipathien
Auf der anderen Seite fühlte sich die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung durch die engen Bindungen zwischen Israel und dem Apartheidregime verraten und sympathisierte mit den Palästinensern. So sah Nelson Mandela in Jassir Arafat einen Kampfgenossen und loyalen Freund. Zu betonen ist aber, dass diese Gefühle nicht zu einer allgemeinen Feindschaft gegen Juden führten; der schwarze Freiheitskampf in Südafrika richtete sich stets gegen die Unterdrückung der Weißen. Dennoch gibt es Anzeichen, dass einige Schwarze antisemitische Stereotype verinnerlicht hatten. Sie schlugen sich beispielsweise in einigen Romanen von schwarzen AutorInnen nieder. Eine 1970 verfasste Studie über Studierende in Soweto zeigte, dass Schwarze eine größere soziale Distanz zu Juden als zu anderen englisch sprechenden Weißen empfanden, wenn auch eine geringere Distanz als zu den Buren. Und eine 1990 erstellte (wenn auch methodisch fragwürdige) Umfrage ergab, dass Angehörige der schwarzen ?Elite? substantielle Antipathien gegenüber Juden hegten.
Zu vermuten ist, dass diese Stereotype mit dem Antizionismus verbunden sind, der seine Wurzeln zum einen in einer pro-palästinensischen Position und zum anderen im antikolonialen Thirdworldism hat. Dennoch muss betont werden, dass der ANC sich stets vom Antisemitismus distanziert hat und zwischen Antizionismus und Antisemitismus unterscheidet. Zudem unterstützt der ANC hinsichtlich des israelisch-palästinensischen Konfliktes die Zweistaatenlösung.
Eine weitaus größere Anfechtung für das Leben der Juden in Südafrika kommt von der südafrikanischen muslimischen Minderheit, die 650.000 Menschen zählt und damit 1,3 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Diese Bevölkerungsgruppe hat sich seit den 1970er Jahren extrem radikalisiert. Zur Zeit der iranischen Revolution gelang es der radikal-islamischen Organisation Qibla, jene tief verwurzelte Aggression aufzugreifen, die den Zionismus als Hochburg des Imperialismus begreift. Einige Muslime machten jüdische und zionistische ?Manipulationen? für die Apartheid verantwortlich. Die radikale Ablehnung des Westens und das Wiedererstarken des Islamismus wurden besonders während des Krieges zwischen Israel und dem Libanon 1982 und während des Zweiten Golfkrieges sichtbar. Verschwörungstheorien über die Verbindung zwischen den USA und Israel auf Kosten der muslimischen Welt machten auch in Südafrika die Runde. Die südafrikanischen Muslime wurden aufgefordert, sich mit dem globalen muslimischen Kampf, der seinen Kulminationspunkt in der Palästinenserfrage habe, zu solidarisieren. Bezeichnend für die politische Radikalisierung und die damit einhergehenden Aggressionen waren die regelmäßigen Demonstrationen vor den Botschaften der USA und Israels, auf denen unterschiedslos die israelische und die US-Flagge verbrannt wurden ? zur Anprangerung der Ungerechtigkeiten gegen Muslime im Mittleren Osten.
Radikalisierung der Muslime
Kurz vor den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika im April 1994 gründete Achmat Cassiem, der Führer der Qibla, die Islamic Unity Convention (IUC). Diese rief die Muslime zur Einheit und zum Boykott der Wahlen auf. Auch wenn diese Aufforderung weitgehend ignoriert wurde, »rein islamische Lösungen« des unmoralischen Zustands im Südafrika der Post-Apartheid-Ära wurden für viele Muslime immer attraktiver. Deutlich wurde dies in der von Qibla angeregten Gründung der Bewegung People Against Gangsterism and Drugs (PAGAD). Angesichts eingeschränkter polizeilicher Handlungsspielräume kurz nach dem Ende des Apartheidregimes schien PAGAD Auswege aus der Situation präsentieren zu können. Vor dem Hintergrund von Arbeitslosigkeit und Armut beteiligten sich Muslime an regelmäßigen Demonstrationen vor den Wohnhäusern bekannter Drogendealer.
Sofern Kritik an der PAGAD geäußert wurde, wurde diese sofort in globale Verschwörungstheorien eingeordnet. Aber auch durch internationale Entwicklungen, enge Verbindungen zu Muslimen im Mittleren Osten und durch die lokalen Auseinandersetzungen um PAGAD verhärteten sich die Grenzen zwischen der radikalen muslimischen Community und den »Anderen«, gemäßigte Muslime und Juden inbegriffen. Die Beziehung zu den Juden war zudem durch die von der PAGAD zur Schau gestellte Verbindung zu Hamas und Hisbollah angespannt. Nach Auffassung des gemäßigten muslimischen Theologen Farid Esack war diese Verbindung zwar eher »unangebrachtes Getöse« denn »ernstzunehmende Strategie«. Doch ist sie ein Indikator für psychische Verbindung der radikalen südafrikanischen Muslime zur universellen muslimischen Gemeinschaft (der Ummah) und für den Versuch, sich mit jenen zu identifizieren, die in »ungerechten Situationen« leben. Diese Haltung trug zur Entwicklung eines starken Antizionismus bei. Unterstützt wurde sie durch den von Muslimen und anderen gezogenen Vergleich zwischen Apartheid und der Unterdrückung der Palästinenser.
Im Kontext der zunehmenden Spannungen waren die 1998 von der Qibla angeführten Proteste gegen das Jubiläum der israelischen Staatsgründung in Kapstadt vorauszusehen. Rund siebzig Muslime demonstrierten damals am Rande der Feierlichkeiten mit Parolen wie »One Zionist one bullet« oder »Viva Hisbollah and Hamas«. Die judenfeindliche Stimmung innerhalb der inzwischen gut organisierten muslimischen Community verschlimmerte sich mit dem Scheitern des Osloer Friedensprozesses im Jahr 2000. Und so überraschte es nicht, dass nach den Anschlägen vom 11.9.2001 bei muslimischen Kommentatoren Verschwörungstheorien erneut Konjunktur hatten. Nach anfänglich pflichtschuldiger Verurteilung meldeten sich jene Radikalen zu Wort, die an die Machenschaften der USA im Mittleren Osten und deren Unterstützung Israels erinnerten: die Opfer der Anschläge seien für ihr Schicksal selbst verantwortlich, die Muslime würden schlicht auf unverantwortliches Handeln antworten und die eigentliche Quelle des Problems sei die Unterdrückung der Palästinenser.
Antizionismus als Grundorientierung
Seit der ?Normalisierung? der südafrikanischen Politik nach den ersten demokratischen Wahlen 1994 sind antisemitische Vorkommnisse relativ isoliert und auf die extreme Rechte und islamistische Gruppen beschränkt. Auch wenn einige Schwarze judenfeindliche Ansichten haben, stellt expliziter Antisemitismus heute in Südafrika kein besonderes Problem dar. Der Antizionismus ist hingegen fast zur normativen Grundorientierung geworden. Als Yassir Arafat 1998 vor dem südafrikanischen Parlament erneut seine »Zionismus ist Rassismus«-These vertrat, erfuhr er weitreichenden Zuspruch. Dass Arafats These im Widerspruch stand zur Resolution der UN-Vollversammlung von 1991 (46/86), die diese Gleichsetzung ablehnt, und zur ANC-Position, die den israelischen Staat ausdrücklich neben einem palästinensischen anerkennt, blieb ohne Folgen. Ähnliche Widersprüchlichkeiten zeigten sich 2001 während einer außerordentlichen Parlamentsdebatte zum Mittleren Osten, bei der eine vom ANC vorgelegte Resolution die Zweistaatenlösung forderte, gleichzeitig aber allein die »Zionisten« für die politische Sackgasse im Verhandlungsprozess verantwortlich machte.
Antizionismus ist nicht immer automatisch mit Antisemitismus gleichzusetzen. Dennoch zeigen viele Elemente antizionistischer Rhetorik in Südafrika und anderswo klassisch antijüdische Motive. Juden oder Zionisten sind zumindest für einige ihrer Kritiker aus der muslimischen Bevölkerung zum diabolischen Bösen geworden. Allerdings sollte man diese Community nicht monolithisch betrachten ? auch hier gibt es verschiedene, gegeneinander arbeitende Diskurse. Einige sind innovativ und progressiv und betonen den islamischen Humanismus und Universalismus; andere sind konservativ oder islamistisch, in scharfer Abgrenzung zu religiösem Pluralismus und Ökumenegedanken. Die Gemeinsamkeit beider Strömungen liegt aber in der rabiaten Kritik des Zionismus. In ihrer antisemitischen Variante setzt diese Kritik Zionismus und Judentum gleich und ergänzt dies mit Begriffen wie internationales Finanzjudentum und Imperialismus.
Viele der in Abgrenzung zum Zionismus und zu Israel entstandenen Emotionen haben sich zu einem vulgären Antisemitismus entwickelt. Deutlich wird dies in dem Buch von Achmed Deedat »Araber und Israel. Konflikt oder Versöhnung?« und in vermehrten Holocaustleugnungen. 1997 musste sich das muslimische Radio 786 für ein Interview mit Ahmed Huber entschuldigen, der von der Holocaust-Lüge sprach. Ein Jahr später interviewte der gleiche Sender Yaqub Zaki. Dieser ließ verlauten, dass die »eine Million plus x« Juden, die im zweiten Weltkrieg umkamen, an Infektionskrankheiten gestorben seien, und ließ sich über jüdische Verschwörungen aus. Und gleich eine ganze Reihe von Artikeln in der muslimischen Presse drängten die LeserInnen anlässlich der Eröffnung des Holocaustzentrums in Kapstadt zur Lektüre klassisch revisionistischer Literatur wie dem Buch von Arthur Butz »Die Lügen des 20. Jahrhunderts«.
Besseres gesellschaftliches Klima
Doch trotz der Radikalisierung muslimischer Gruppen geht die Wahrscheinlichkeit einer islamistischen Prägung Südafrikas gegen Null. Die Mehrheit der Muslime wünscht sich ein multikulturelles Südafrika, und nur eine kleine Minderheit zielt darauf ab, den Konflikt im Nahen Osten mit all seinen Anfeindungen zum nationalen Politikum zu machen. Noch ermutigender ist zudem die Abwesenheit eines ausschließenden Nationalismus im »Neuen Südafrika«: das gegenwärtige Nationbuilding ist integrativ und nichtrassistisch. Pluralismus, Multikulturalismus und »Rainbowism« sind das absolute Gegenteil des Ethnonationalismus. Sie nehmen ethnischen Konflikten die Schärfe und schließen Antisemitismus inter alia aus. Kulturelle Rechte und Religionsfreiheit sind Bestandteil der südafrikanischen Verfassung. Die heutigen Orientierungen sind weit entfernt vom ausschließenden und triumphalen Charakter des burischen Nationalismus der 1930er und 40er Jahre. Ebenso bedeutsam ist, dass die heutigen politischen Führungspersönlichkeiten den Antisemitismus verdammt haben. Anders als die burischen Nationalisten der 30er Jahre hat der ANC niemals antijüdische Ressentiments für seine politischen Ziele instrumentalisiert.
Die Situation der Juden ist unter der neuen Regierung mit Sicherheit besser als unter dem Apartheidregime: es gibt kein spezifisches »jüdisches Problem« mehr. Die Juden teilen mit anderen Weißen der Mittelklasse die gleichen Anliegen, die sich aus wirtschaftlichen Problemen und Kriminalität, Bildungsmisere oder mangelhafter Gesundheitsversorgung ergeben. Auf Grund der Gegnerschaft des ANC zum Rassismus ist das gesellschaftliche Klima für die Bekämpfung des Antisemitismus in Südafrika besser als in der Vergangenheit. Es sollte festgehalten werden, dass einige schwarze politische Führungsfiguren Israel besucht und anerkennend von seinen Erfolgen und den israelischen Fachkenntnissen gesprochen haben. Darüber hinaus sind die meisten Schwarzen Südafrikas christlichen Glaubens und fühlen sich tief mit dem so genannten »Heiligen Land« verbunden. Sollten Israelis und Palästinenser ihren Konflikt lösen, so besteht auch die Möglichkeit, dass all die Spannungen um den Zionismus verschwinden.
Literatur:
? Patrick J. Furlong: Between Crown and Swastika. The Impact of the Radical Right on the Afrikaner Nationalist Movement in the Fascist Era (Middletown and Johannesburg: Wesleyan University Press and Witwatersrand University Press, 1991)
? Milton Shain: The Roots of Antisemtism in South Africa (Charlottesville, London and Johannesburg: University of Virginia Press and Witwatersrand University Press, 1994)
? Milton Shain: ?If it was so good why was it so bad??: The Memories and Realities of Antisemitism in South Africa, Past and Present, in: Milton Shain and Richard Mendelsohn (eds.): Memories Realities and Dreams: Aspects of the South African Jewish Experience (Johannesburg: Jonathan Ball, 2002)
Milton Shain ist Direktor des Isaac and Jessie Kaplan Centre for Jewish Studies and Research an der Universität Kapstadt. Übersetzung aus dem Englischen: Frauke Banse. |