Antisemitismus
Wiederholt auf der Bühne
Die Konjunkturen des Antisemitismus
Der moderne Antisemitismus ist in Europa entstanden und in Deutschland
als Vernichtungsprogramm auf die Spitze getrieben worden. Doch über den (Anti-)Kolonialismus wurden viele Bestandteile antisemitischer Ideologie auch in andere Weltregionen exportiert. Dabei zeigt sich einmal mehr, dass der Judenhass nicht nur von despotischen Regimen und religiösen Eiferern befördert wird, sondern auch Linke dafür anfällig sind.
von Gerhard Hanloser
Der Antisemitismus existiert zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht nur weiter, er hat sich sogar globalisiert. In den Krisengebieten in Osteuropa wie im Nahen Osten ist er eine verbreitete Ideologie, und selbst in Malaysia werden »die Juden« für die ökonomische Misere verantwortlich gemacht. Im 19. Jahrhundert gingen die verschiedenen fortschrittsgläubigen Gesellschaftstheorien noch vom Absterben des Antisemitismus aus. Sowohl die liberale wie die marxistische Theorie transportierten den Glauben, dass der Antisemitismus als letztlich vormodernes Phänomen mit der Durchsetzung des Marktes und des ihn begleitenden »Überbaus« verschwinden würde. Die liberale Vorstellung enthielt »das Bild einer Gesellschaft, in der nicht länger Wut sich reproduziert und nach Eigenschaften sucht« (Adorno/Horkheimer). Freiheit und Gleichheit, die Werte der Aufklärung, entzögen demnach dem Antisemitismus den Boden. Der Marxismus des 19. Jahrhunderts und die Sozialdemokratie zeigten sich als Sonderform der liberalen Geschichtsphilosophie und verkündeten ebenso optimistisch, dass die mit der bürgerlichen Gesellschaft verbundene Proletarisierung den Antisemiten das »rückständige« Verhalten austreiben würde. Nur noch zwei Klassen ? Proletarier und Kapitalisten ? stünden sich in Zukunft gegenüber. Laut Friedrich Engels waren die Antisemiten »mittelalterliche Schichten«, die zum Untergang verdammt waren. Als sich aber trotz Assimilation der Juden und Kapitalisierung der letzten Winkel der Welt der spezifische Antisemitismus in Deutschland bis zur geplanten Vernichtung der europäischen Juden im 20. Jahrhundert steigerte, zeigte sich die enorme Modernisierungsfähigkeit des Antisemitismus.
Rückwärts gewandter Charakter
Die Geburtsstunde des modernen Antisemitismus liegt im 19. Jahrhundert in Europa. Die Juden waren bis zur Zeit der Aufklärung eine klar abgrenzbare ethnisch-religiöse Minderheit, die aufgrund ihrer von Kirche und Fürsten aufoktroyierten ökonomischen Stellung das Stigma des Wuchers und des Geldgeschäfts trugen. Aufgrund der Assimilation
in den westlichen europäischen Staaten verloren sie ihre Sonderstellung. Dieser Prozess marginalisierte die Juden sozioökonomisch, im falschen Bewusstsein der bürgerlichen Gesellschaft rückten sie aber ins Zentrum.
Die bisherige Personalisierung des Wuchers in »dem Juden« wurde dahingehend ausgeweitet, dass Juden für sämtliche als negativ empfundene Formen der Moderne herhalten mussten. Besonders die neue abstrakte Herrschaft des Geldverhältnisses wurde von den unteren Schichten in der Figur des Juden personalisiert. Der Antisemitismus schaffte so das, wozu die Ökonomie nicht im Stande war: Gemeinschaft. Die Juden schienen von der Durchsetzung des Marktes und der Aufklärung zu profitieren, traditionelle Schichten wurden jedoch angesichts der Übermacht der ökonomischen Gesetze zu Verlierern.
An der Schnittstelle vom vormodernen zum modernen Antisemitismus tauchte er in Frankreich, Russland ? aber auch minoritär in Deutschland ? bei bäuerlichen Bewegungen und anarchistischen Denkern auf. Bakunins oder Proudhons Antisemitismus war einer personalisierenden und dem Geldfetisch verhafteten Kapitalismuskritik geschuldet, die einen stark rückwärtsgewandten Charakter hatte. Dagegen waren der Marxismus und die europäische Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts aufgrund ihrer Fortschrittsgläubigkeit und dem Versuch, Kapitalismus als soziales Verhältnis zu begreifen, relativ immun gegenüber dem Antisemitismus. Doch im 20. Jahrhundert wurde die Frontstellung von Arbeiter- und Antisemitenbewegung zu Makulatur. In der Sowjetunion steigerte sich der Antisemitismus in dem Maße, wie der revolutionäre Impetus der Bolschewiki zurückging und mit Stalin ein politisch konservativer und nationalistischer Gegen-Revolutionär das Ruder an sich riss. Beide Formen der reaktionären Modernisierung ? sowohl der Nationalsozialismus in Deutschland wie der Stalinismus in der Sowjetunion ? brachten Antisemitismus hervor, wenn auch in unterschiedlicher Form und Intensität. In der Ideologie der Nazis war »der Jude« Kapitalist und Kommunist zu gleich, im Stalinismus steht »der Jude« für das Anationale.
Der rassistische, auf Vernichtung drängende Antisemitismus des Nationalsozialismus kulminierte in Auschwitz. »Wie die Tötungsmaschinerie zustande gekommen ist«, lässt sich allerdings »nicht aus der Geschichte des Antisemitismus, sondern nur aus der Geschichte der Gewalt nach der Novemberrevolution erklären, die über Freikorps, SA und SS zum terroristischen Konzentrationslager führt, das noch den klaren Zweck der Einschüchterung des innergesellschaftlichen Feindes besitzt« (Detlev Claussen). Doch die Vernichtung der europäischen Juden sprengte schließlich jede Zweck-Mittel-Relation dieser Art. Der deutsche Antisemitismus hat sich in der Weltgeschichte als einmaliges Mordprogramm verewigt. Die Versuche der Auschwitzleugnung sollen den Antisemitismus rehabilitieren und von diesem Stigma befreien.
Autoritäre Modernisierung
Heutzutage ist offener und auf Mord drängender Antisemitismus am ehesten im arabischen Raum verbreitet. Die Anschläge vom 11. September haben auch in den Metropolen auf dieses Phänomen aufmerksam gemacht: Al Quaida will den »dekadenten« westlichen Kapitalismus treffen und hetzt dabei gegen »Juden und Kreuzfahrer«. Rund um den 11. September entstanden verschiedene Verschwörungstheorien, einige mit klar antisemitischem Inhalt. Die perfideste Behauptung, die von Muslim-Demonstrationen in Indonesien oder vom Internet-Anbieter freenet verbreitet wird, besagt, dass die jüdischen Angestellten im World Trade Center vor dem Anschlag gewarnt worden seien. Die Täter des 11. September beziehen sich auf den unlösbar erscheinenden Israel-Palästina-Konflikt. Doch ihr spezifischer Antisemitismus hat Gründe und Wurzeln, die jenseits von Zion liegen. Die Politisierung des Islam und die fortschreitende Auflösung traditionell geprägter Gesellschaften macht den Antisemitismus zum Bestandteil einer anti-westlichen Spielart der autoritären Modernisierung.
Ursprünglich gab es im Islam keine spezifische Doktrin, welche die Juden zum Gegner des Islam erhebt. Der Import des Antisemitismus in Weltgegenden, die den Antisemitismus nicht kannten und in denen konkrete Manifestationen des Judenhasses marginal geblieben waren, ist vielmehr mit dem europäisch-christlichen Kolonialismus verbunden. Erst mit dem Einzug der Kolonialmächte in der Mitte des 19. Jahrhunderts trat der Antisemitismus mit sehr europäischen Wurzeln in den islamischen Gesellschaften auf. So führte eine christlich motivierte Ritualmordbeschuldigung 1840 zur sogenannten Damaskus-Affäre. Die Anschuldigungen wurden von in Damaskus lebenden Kapuzinermönchen mit tatkräftiger Unterstützung des französischen Botschafters lanciert und waren insbesondere gegen die dortigen Juden gerichtet.
Die Rolle, die der europäische Antisemitismus für die außereuropäische Ausbreitung antisemitischen Gedankengutes spielte, lässt sich an einem Dokument ablesen, das als folgenreichster Exportartikel weltweit den Antisemitismus beflügelt und unterfüttert hat: »Die Protokolle der Weisen von Zion«. In ihnen wird die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung dokumentiert, die alles Bestehende niederreißen und unterlaufen will. Das Buch wurde erstmalig 1905 in Russland gleichermaßen zur Abwendung von Liberalismus wie Revolution veröffentlicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zur Grundlage der antisemitischen Propaganda des arabischen Nationalismus, die Israel als ein Produkt der »jüdischen Weltverschwörung« darstellt.
Bereits mit der Einwanderung von Juden nach Palästina beginnt eine Geschichte von Migration, Kampf um Land, zionistischer Besiedlung und antisemitischer Feindschaft, die sich nur noch schwer auseinander dividieren lässt. In den 1930er Jahren wehrten sich die arabischen Fallachen in Palästina gegen den Verkauf des Landes an zionistische Aufkäufer, welche die arabischen Bauern durch jüdische Siedler ersetzen wollten. Zwei Momente kamen in diesen Protesten und Revolten zusammen: die Weigerung, sich von den eigenen Subsistenzmitteln trennen zu lassen, und die sich steigernde antijüdische Haltung unter der arabisch-palästinensischen Bevölkerung. Die antisemitische Agitation palästinensischer Eliten, darunter der erklärte Hitler-Anhänger und Antisemit al Husseini (Großmufti von Jerusalem), heizte den Konflikt weiter an.
In den arabischen Despotien erhob sich ein antijüdischer und später antiisraelischer Kanon, der an die nationalsozialistische Sprache der 30er Jahre erinnerte und kurz nach der israelischen Staatsgründung zum Angriffskrieg führte. Mit dem Krieg von 1948 hatten die Herrscher des arabischen Raums ihren Sündenbock markiert: sämtliche inneren Probleme der post-kolonialen Regimes sollten auf einen Staat abgewälzt werden, der als »westlich«, fremd und ausbeuterisch hingestellt werden konnte.
Anti- und Philosemitismus
Doch der Antisemitismus in einigen postkolonialen Regimes beruhte nicht nur auf der Instrumentalisierung des Israel-Palästina-Konfliktes. Schon die Einhegung des Sozialismus »in einem Land«, wie Stalin betonte, war von Antisemitismus und der Agitation gegen den »Kosmopolitismus« und »Zionismus« begleitet. Der mit der Industrialisierungspolitik verbundene Nationalismus und Produktivismus führte nicht nur in der Sowjetunion zur Ernennung eines »parasitären« und »ortlosen« Gegenprinzips, das die Juden verkörperten. Durch den eingeschlagenen Weg der forcierten Industrialisierung geriet die Bevölkerung auch vieler Dritte-Welt-Länder unter starken Druck. Die peripher kapitalistische Entwicklung folgte einer ökonomischen Modernisierungspolitik, welche die gesellschaftlichen Freiheiten der Moderne allerdings als »westlich-dekadent« zurückwies. So wurden in einigen Ländern die Sprachsymbole, die auch aus der sich industrialisierenden Sowjetunion unter Stalin bekannt sind, wirkungsmächtig. In der staatlichen Propaganda sowohl im Iran wie im Irak wurde den hofierten Bauern und Arbeitern, die real die Verlierer der nachholenden Modernisierung waren, »der Jude« in Form des »Zionisten« entgegengestellt. Dies traf sich mit einer positiven Orientierung am nationalsozialistischen Deutschland. Es blieb nicht bloß bei der Agitation: Beispielsweise wurden in den 50er Jahren im Irak wie auch in Ägypten unter Abd Al-Nasser antijüdische Gesetze erlassen, die viele Juden zur Emigration zwangen.
Der aggressive Antisemitismus im arabischen Raum trug Israel die unterschiedlichsten Sympathien zu. Viele Linke sahen zu Beginn der Staatsgründung einen neuen, mit Kibbuzim und Kollektivarbeit verbundenen sozialistischen Versuch, der sich vom arabischen Feudalismus positiv abhob. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion versuchten, Israel als Bündnispartner zu gewinnen. Die Sowjetunion lieferte dem bedrängten jungen Nationalstaat Waffen zur Verteidigung. Das sich vertiefende weltpolitische Schisma im Kalten Krieg führte aber bald zu einer Spaltung in östlichen Anti- und westlichen Philosemitismus. In beiden Gesellschaftssystemen nahm die fatale Gewissheit, den Antisemitismus habe es mal gegeben, gebe es aber nicht mehr, einen prominenten Platz innerhalb der jeweiligen Legitimationsideologien ein. In Westdeutschland zeigte die offizielle anti-antisemitische Staatsauffassung nur die Künstlichkeit des restaurierten Liberalismus nach dem Nationalsozialismus. In den realsozialistischen Ländern erfolgte unter dem Etikett des Antizionismus eine Wiederbelebung des Antisemitismus.
Israel als Projektionsfläche
Der Antizionismus wurde auch von der westlichen Linken in dem Maße vertreten, wie die Israel/Palästina-Frage nur noch als Kolonialkonflikt gewertet wurde. In Frankreich spalteten sich zwar 1967 die Vietnam-Komitees in pro-israelische und pro-palästinensische Fraktionen, doch mehrheitlich wollte die Linke fortan im Israel-Palästina-Konflikt bloß einen weiteren Kampf eines »unterdrückten Volkes« gegen »den Imperialismus« erkennen. Ihr gelang es nicht, die von Ulrike Meinhof noch 1967 bekundete Sympathie mit Israel aufrechtzuerhalten. Viele Unterstützer der »unterdrückten Völker« identifizierten sich total mit ihrem Objekt der Solidarität und konnten den Palästinensern ? der Logik der nationalen Befreiung folgend ? den Verzicht auf Palästina nicht abverlangen. Parallel dazu wurde der Faschismusbegriff seines Inhalts entkleidet und die USA und Israel standen in der wüsten antiimperialistischen Rhetorik als »faschistische Mächte« da. Der sich durchsetzende Antiimperialismus veränderte das antifaschistische Gedächtnis bis zur Unkenntlichkeit.
Heutzutage scheint der Antisemitismus über seine Verkleidung als Israel-Kritik verstärkt zu einem Problem der Linken geworden zu sein ? und das, obwohl es den stalinistischen Antizionismus nicht mehr gibt. Es ist verdächtig, wenn hegemoniale Fraktionen der Linken angesichts des 11. September bloß über die ungerechte Weltwirtschaftsordnung reden wollen, sich jedoch über Antisemitismus und den reaktionären Gehalt des Islamismus ausschweigen.
Ein jüngeres Beispiel des neuen linken Antisemitismus ist die Rechtfertigung palästinensischer Terroranschläge durch den Philosophen Ted Honderich. Dessen Sympathiebekundung für den Terror steht im Kontext einer linken moralisierenden Sozialkritik an den unterschiedlichen Lebenschancen im globalen Kapitalismus. Ein weiteres Mal scheint damit die Aussage des Präsidenten der Harvard-Universität, Lawrence Summers, Bestätigung gefunden zu haben, wonach zutiefst antiisraelische Ansichten zunehmend Unterstützung in progressiven intellektuellen Kreisen finden. »Ernsthafte und nachdenkliche Leute befürworten und begehen Handlungen, die in ihrer Wirkung, wenn nicht ihrer Absicht nach antisemitisch sind«, klagte Summers.
Alle Debatten um die Zulässigkeit einer solchen Diagnose bewegen sich im Spannungsfeld, dass sich einerseits der Antisemitismus zuweilen als Israel-Kritik gebärdet, und dass es andererseits ? um Dan Diner zu zitieren ? »billig und rationalisierend zugleich« ist, »eine jede Kritik an Israel, auch eine Fundamentalkritik am Zionismus, als antisemitisch abzutun.« Denn die Realität des Nahostkonflikts und der unhaltbaren Besatzungspolitik Israels lässt sich nicht ausblenden. Eine Täter-Opfer-Wahrnehmung allein vor dem Hintergrund des tatsächlich vorhandenen Antisemitismus und der palästinensischen Mordaktionen verkennt und verdreht die Machtpositionen in diesem Kampf um Souveränität, Land und Staatswerdung. Daneben muss auch auf die Funktion, die »Antisemitismus« als Code im politischen Handgemenge einnimmt, reflektiert werden. Der zum Staat gewordene Zionismus baut seine aggressiv-nationalistische Seite weiter aus und rechtfertigt nicht nur die Existenz eines jüdischen Staates in Palästina, sondern auch die reale Staatspraxis über die Existenz des Antisemitismus. Gruppierungen, die sich dem Staat Israel kritiklos verbunden fühlen, ergehen sich in diesem Kontext auch in einem merkwürdigen Anti-Antisemititismus. So machte sich jüngst die jüdische Anti-Defamation-League dafür stark, dass ausgerechnet der italienische Regierungschef und Mussolini-Anhänger Berlusconi als Kämpfer gegen den Antisemitismus geehrt wird. Begründet wird dies mit seiner Treue zu den USA und zu Israel.
Einige ehemalige Linke und Liberale scheinen als historische Lehre aus dem 11. September nur noch die Verteidigung liberaler Werte und des »pursuit of happiness« zu ziehen. Die Anschläge sorgten bei ihnen für eine anti-totalitäre Wende. Die krisengebeutelten, sich autoritär und patriotisch formierenden USA werden ihnen im Kampf gegen den weltweiten Anti-Liberalismus zum machtvollen antifaschistischen Garanten von »freedom and democracy«. Die Warnung vor dem Antisemitismus des Islamismus verkommt zur ideologischen Begleitmusik, um sich in einer zunehmend chaotischer werdenden Welt hinter dem Hegemon des kapitalistischen Weltsystems zu verschanzen. Hier macht sich ein pessimistic turn, vor allem unter ehemaligen glühenden Linken, bemerkbar: An einer positiven, gar radikalen Veränderungsperspektive mag man nicht mehr festhalten. In den USA betrifft dies ehemals linksradikale Autoren wie Paul Berman, Autor des Buches »Terror and Liberalism«, in Deutschland finden sich solche Positionen in der liberalen Wochenzeitung
Die Zeit oder bei sogenannten »antideutschen« Autoren aus der linken Szene.
Reaktionäre Form der Kritik
Der scheinrevolutionäre Charakter des Antisemitismus droht auf alle wirklich revolutionären Versuche zurückzufallen. Der Nationalsozialismus inszenierte sich als »antikapitalistisch«, allerdings zum Zweck der Konterrevolution und »im Dienste des Kapitals« (Ulrich Enderwitz). Die Attentäter des 11. September wollten sich als Rächer der »unterdrückten Muslime« präsentieren und stellen doch bloß eine irrational-nihilistische Elite dar. In den Augen der bürgerlichen Ideologie und der Totalitarismustheorie ist das Scheinrevolutionäre nicht zu unterscheiden von radikalen Bestrebungen, welche die bürgerliche Ordnung ablehnen. Jede an die Fundamente dieser Gesellschaft gehende Kritik wird mit dem autoritär nach Halt suchenden Fundamentalismus parallelisiert, um den postmodernen Relativismus als einzig adäquate anti-totalitäre Haltung zu präsentieren.
Doch allein die wirkliche Kritik der globalen Verhältnisse, nicht ihre haltlose Verteidigung, vermag der Scheinkritik des Antisemitismus wirksam zu begegnen. Jede Selbstbescheidung auf den »Kampf gegen Antisemitismus« erzeugt eine »Grenzziehung gegen die anderen Momente im Kampf von Herrschaft und Befreiung, ohne die eine Befreiung vom Antisemitismus selbst undenkbar ist« (Detlev Claussen). Schließlich kann der reaktionäre, antisemitische Hass auf Kapitalismus und »Moderne« die Bühne der Geschichte nur deshalb beherrschen, weil die revolutionäre Kritik sich verflüchtigt hat.
Literatur:
? Adorno/Horkheimer, Elemente des Antisemitismus, in: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main 1998
? Detlef Claussen, Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus, Frankfurt 1987
? Dan Diner, Täuschungen ? Israel, die Linke und das Dilemma der Kritik, in: Wolfgang Kraushaar (Hg.), Frankfurter Schule und Studentenbewegung, Frankfurt 1998
? Ulrich Enderwitz, Antisemitismus und Volksstaat. Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung, Freiburg 1991
? Michael Kiefer, Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften. Der Palästina-Konflikt und der Transfer eines Feindbildes, Düsseldorf 2002
Gerhard Hanloser ist Autor des Buches »Krise und Antisemitismus. Eine Geschichte in drei Stationen von der Gründerzeit über die Weltwirtschaftskrise bis heute« (Unrast Verlag, Münster 2003).
Woher kommt der Begriff »Antisemitismus«?
Der Begriff Antisemitismus tauchte zuerst 1879 auf und wurde von dem antijüdischen Schriftsteller Wilhelm Marr im Kaiserreich in Umlauf gebracht. Bereits ein Jahr nach seinem ersten Erscheinen war er allgemein geläufig und machte auch im außerdeutschen Sprachraum eine steile Karriere. Die Voraussetzungen für den Erfolg des analytisch völlig unbrauchbaren Begriffs beruhten gerade auf seiner inhaltlichen Unbestimmtheit. So entwickelte er sich zu einem Sammelbegriff, unter dem verschiedenartig motivierte und auch in der Zielsetzung unterschiedliche Bestrebungen vereint werden konnten. Er wurde zu einem Schlagwort, das unterschwellig vorhandene antijüdische Einstellungen emotionalisierte und politisierte.
Wegen ihres pseudowissenschaftlichen Charakters erweckte die Bezeichnung »Antisemititismus« den Anschein, als ob die gegen Juden erhobenen Anschuldigungen rational begründet werden könnten. Der moderne Antisemitismus, der die überlieferte Judenfeindschaft bündelte, mobilisierte und auf neue Weise rechtfertigte, machte die Juden für die wirtschaftlichen und politischen Fehlentwicklungen im deutschen Kaiserreich verantwortlich. Damit lenkte er die Aggressionen der Unzufriedenen gegen eine seit langem diskriminierte Minderheit.
nach: Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt am Main 1988, S.85f. |