Allah muss nicht gerecht sein
»Ich habe beschlossen, meinem blablabla den definitiven Titel ?Allah muss nicht gerecht sein, in allem was er hier unten tut? zu geben und fange an, meinen Salat zu erzählen« (Salat bedeutet umgangssprachlich chaotische Geschichte, Gequatsche). Mit einer Mischung aus naiv erscheinenden Beschreibungen und bissiger Ironie setzt der Ich-Erzähler des Romans, ein Kindersoldat, seine Erlebnisse in den politischen und geschichtlichen Kontext in Sierra Leone und Liberia.
»Erstens....heiße Birahima. Bin kleiner Neger. Nicht weil ich schwarz und ein kleiner Bengel bin. Nein, bin kleiner Neger, weil ich schlecht französisch spreche. So ist das nun mal mit dem Französischen. [Im französischen gibt es den Ausdruck ?parler petit negre? wenn jemand gebrochen Französisch spricht, St. Schülein] Um die Geschichte meines beschissenen Lebens, des großen Bordells meines Lebens, in annährend passablem Französisch zu erzählen und mich nicht in den Schimpfwörtern zu verheddern, benutze ich vier Lexika.« Ausgerüstet mit dem Larousse (dem französischen Duden), dem Petit Robert (dem Verzeichnis der lexikalischen Besonderheiten des Französischen in Schwarzafrika) und dem Harrap?s (Pidgin Englisch) beschreibt er den Horror aus einer Perspektive von Unten.
Der Autor, Ahmadou Kourouma, ist mit seinem Roman einer außergewöhnlichen Frage auf der Spur: Wie fühlt es sich an, ein Kindersoldat zu sein? Er versucht mit Sarkasmus und Ironie die Distanz zum Leser aufzubrechen, die sich sonst so leicht einstellt, wenn über die »Barbarei« in den Ländern Westafrikas berichtet wird. Er erzählt vielmehr »kleine Geschichten«, in denen immer wieder die gesellschaftlichen Ursachen der Misere anklingen. Es sind individuelle Lebensgeschichten, teils als Leichenreden für getötete Kindersoldaten, teils als Geschichten der »großen Straßenräuber« (Präsidenten, Politiker und Warlords), verknüpft mit Beschreibungen aus dem Alltag der Kindersoldaten.
So sagt Birahima: » Ich hätte ein ganz normales Kind sein können, wie andere auch (10 oder 12 Jahre alt, je nachdem). Ein kleiner Bengel nicht besser und nicht schlechter als alle kleinen Drecksbengel der Welt, wenn ich woanders geboren worden wäre als in einem kaputten afrikanischen Land, wo das Leben nicht einmal den Furz einer alten Großmutter wert ist. (Man sagt Pfurz einer alten Großmutter für ?nichts?, denn der Furz einer alten Großmutter ist nicht sehr laut und riecht auch nicht sehr schlecht.) Aber mein Vater ist tot. Und meine Mutter, die auf dem Hintern ging, ist auch tot. Also ging ich auf die Suche nach meiner Tante Mahan.«
Und da er kein Geld hat, aber »Allah, in seiner unendlichen Güte niemals einen Mund leer lässt, den er geschaffen hat«, sorgt Birahima für sich selbst, indem er sich als Kindersoldat verdingt. Gemeinsam mit Yacouba, dem muslimischen Fetischpriester und Geldscheinmultiplikator aus seinem Heimatdorf in der Elfenbeinküste, schlägt er sich abwechselnd an allen Fronten des »Stammeskriegs« in Liberia und Sierra Leone durch, immer auf der Suche nach seiner Tante. Die Dienste des Kindersoldaten und des Grigriman, der Amulette herstellt, die gegen Kugeln unempfindlich machen, werden von den Warlords hoch geschätzt und sichern den beiden das Überleben. Der Anlass der Reise, die Suche nach der Tante, wird trotz aller Ungewissheit für Birahima zur »raison d?être« je mehr er
in der Unmenschlichkeit des Kindersoldatendaseins versinkt. »Von Camp zu Camp der Banden der großen Straßenräuber habe ich ganz schön viele Leute umgebracht, mit meiner Kalaschnikow. Das ist einfach. Man drückt drauf und es macht tralala. Ich weiß nicht, ob ich mich amüsiert habe. Ich weiß nur, dass es mir sehr wehgetan hat, weil viele meiner Kindersoldaten-Freunde tot sind. Aber Allah muss nicht gerecht sein in allen Dingen, die er hier unten geschaffen hat.«
Die Widersprüche von ethnischen Kategorien, traditionellen Religionsfragmenten und Mythen sowie die Zerstückelungen von Menschen umschreibt er sarkastisch als »Gesetz der Stammeskriege«. Indem er gleichzeitig die kolonialen und post-kolonialen Strukturen und ihre gnadenlose Ausnutzung für nationale und internationale Profitinteressen immer wieder aufscheinen lässt, gelingt es ihm, die ethnischen Zuschreibungen zu brechen. »Wenn man sagt, es herrscht Stammeskrieg in einem Land, dann heißt das, dass die großen Straßenräuber das Land unter sich aufgeteilt haben und mit der Kraft der Verzweiflung ihre Beute verteidigen und gleichzeitig ihr Gebiet vergrößern wollen. Es gibt große Straßenräuber und kleine, die zu großen werden wollen.«
Die großen Straßenräuber sind unter anderem der liberianische Ex-Präsident Samuel Doe und seine Schwester Onika Baclay, die ihre Herrschaft in furiosen Hinrichtungsorgien ausleben, Charles Taylor, der die Staatskasse ausraubte, bevor er Präsident wurde, sowie Prince Johnson, der Plantagenbesitzer erpresste und Waisenhäuser überfiel, um seine Armee zu ernähren, und der in seiner »christlich-verbrämten Blutrünstigkeit« nur noch von den »friedensstiftenden« Eingreiftruppen der ECOMOG übertroffen wird. Die Darstellung des Panoptikums der Macht in Westafrika fußt dabei auf der profunden Kenntnis des Autors, die er bereits in seinem vorherigen Roman Die Nächte der großen Jäger (En attendant le vôte des bêtes sauvages) unter Beweis stellte. Beide Romane gehen über die bekannten Darstellungen der politischen Situation in Westafrika hinaus und zeichnen eine ungewöhnliche, wenngleich nicht unbedingt hoffnungsvollere Detailansicht.
Auf sprachlicher Ebene ist »Allah muss nicht gerecht sein« ein Plädoyer gegen die ?Reinhaltung der Sprache? voller ironischer Seitenhiebe gegen die Arroganz des Metropolen-Französisch, die nicht mit Kraftausdrücken spart und immer wieder komische Elemente enthält, wenn zum Beispiel die humoristischen Wendungen im krassen Missverhältnis zur Unfassbarkeit der Situation stehen. Leider geht in der deutschen Übersetzung einiges verloren, weil der sprachliche Witz oft in der Unterschiedlichkeit von afrikanischem und französischem Französisch liegt. Dadurch werden bedauerlicherweise die sprachliche Gewandtheit und der ironische Humor Ahmadou Kouroumas stark in Mitleidenschaft gezogen.
Steffen Schülein
Ahmadou Kourouma: Allah muss nicht gerecht sein. Knaus Verlag, München 2002, 19,90 Euro. Original: Allah n?est pas obligé. Editions du Seuil, Paris 2000. |