FernWeh
Leben mit der Bombe
Terrorismus und Tourismus in Bali
Die indonesische Insel
Bali galt lange Zeit als Hort des Friedens und touristisches Paradies. Nach dem brutalen Bombenanschlag vor einem Jahr hat sich dies grundlegend geändert. Die ausländischen Touristen bleiben noch immer weitgehend aus, die Fremdenverkehrsbranche liegt inzwischen am Boden. Und auch der gesellschaftliche Frieden in Indonesien ist längst noch nicht wiederhergestellt.
von Stephan Günther
Flug GA 412 von Jakarta nach Denpasar. Die Stewardess kommt freundlich lächelnd an den Platz, reicht einen Kaffee und fängt ganz nebenbei an, von einer Bombe zu sprechen. Man muss kein besonders ängstlicher Typ sein, um in einer solchen Situation zusammenzuzucken. Das Thema Bombe sollte in einem Flugzeug tabu sein.
Auf Bali ist das anders. Hier wird immer und überall über die Bombe geredet. Denn der verheerende Anschlag im Oktober 2002 hat die Welt auf der kleinen, aber wirtschaftlich bedeutenden indonesischen Insel grundlegend verändert. Mehr als 200 Menschen
? überwiegend ausländische Touristen ? starben damals durch den Terror der islamistischen Organisation Jemaah Islamiyah. »Seither«, erklärt die Stewardess der indonesischen Airline Garuda, »kommen nur noch wenige Touristen. Uns fehlen die Fluggäste.« Ganze sieben Passagiere verlieren sich in der geräumigen DC10, die Besatzung ist deutlich in der Überzahl.
Auch der Internationale Flughafen bei Denpasar, der Inselhauptstadt, ist fast menschenleer. Erst hinter der Zollabfertigung ändert sich das Bild ? und zwar schlagartig. Fremdenführer und Obstverkäuferinnen, Taxifahrer und Zimmervermittler bieten ihre Waren und Dienste an. Nicht untypisch, zumal in einem Touristenzentrum. Nur sind Angebot und Nachfrage auch hier unverhältnismäßig: Auf jeden Ankommenden warten mindestens zwanzig Hotelzimmer und dreißig Taxis.
»Fuck terrorist«
Bis Kuta, dem Touristenzentrum Balis, sind es nur vier Kilometer. Die Autobahn führt an halbfertigen Hotelkomplexen vorbei. »Manche Baustellen,« sagt der Taxifahrer, »sind nach dem Anschlag einfach so liegengelassen worden.« Die Investoren wollen erst einmal abwarten, ob sich das Tourismusgeschäft wieder erholt. So wie fast alle Bewohner der Insel zu warten scheinen, an den Rezeptionen der vielen kaum belegten Hotels, an den Souvenirständen, in den kleinen Restaurants und Imbissbuden.
In den vergangenen Monaten haben tausende BalinesInnen ihre Arbeit verloren. 300.000 waren vor dem Anschlag in Hotels, Restaurants und Freizeiteinrichtungen angestellt. Indirekt leben sogar zwei Drittel der knapp vier Millionen Einwohner von den Einnahmen aus dem Tourismus. Vor zwei Jahren kamen noch 50.000 bis 70.000 ausländische Touristen pro Woche, die durchschnittlich 74 US-Dollar am Tag ausgaben, Tendenz steigend. Nachdem in den ersten Monaten nach den Anschlägen kaum jemand den Fuß auf die Insel gesetzt hatte, steigt die Besucherzahl nun langsam wieder an. Zehn- bis zwanzigtausend Gäste kamen zuletzt pro Woche, so die vorsichtigen Schätzungen der Behörden.
Ein Sektor allerdings boomt seit einigen Monaten: Vor größeren Hotels und besseren Restaurants stehen neuerdings private Wachleute. Und auch die indonesische Regierung und die balinesische Verwaltung tun einiges, um das ramponierte Image durch mehr Sicherheit wieder aufzupolieren. Tausende Polizisten seien nach Bali versetzt worden, außerdem sei das Sicherheitspersonal am Flughafen und in den Seehäfen aufgestockt worden, heißt es aus dem Tourismusministerium. Der Geschäftsführer der balinesischen Tourismusbehörde, Ida Gede Pitana, sieht sogar die gesamte Bevölkerung in der Verantwortung: »Wir haben die Dorfgemeinschaften aufgefordert, aufmerksam zu sein.«
Überall in den Straßen hängen Transparente, auf denen die Sicherheit gepriesen wird. »Bali, die Friedensinsel« steht darauf in englisch oder deutsch geschrieben, oder schlicht »Ort des Friedens«. Die Souvenirverkäufer haben sich dem Trend angeschlossen. T-Shirts mit »Fuck terrorist«-Aufdrucken liegen in den Auslagen, mehr Botschaft denn Verkaufsargument.
Der Terroranschlag wird auch sonst nicht verschwiegen. Im Gegenteil: Er ist selbst schon Attraktion. Touristen pilgern zum Ort des Schreckens. Dort, wo bis zum 12. Oktober 2002 das Paddy?s und der Sari Club standen, zwei der großen Diskotheken in Kuta, lassen sie sich vor den Trümmern fotografieren. Bali, das sollen die Erinnerungsfotos dokumentieren, ist kein Pauschal-, sondern Abenteuerurlaub.
Schwärmen von der Vergangenheit
Tatsächlich hat sich nicht nur die Touristenzahl, sondern auch die Klientel der Besucher geändert. Es ist, als würde die Insel neu entdeckt werden: Während sich Pauschalurlauber bedeckt halten, kommen vermehrt Rucksackreisende und Wanderer, Aussteiger und Surfer. Endlich bietet sich ihnen wieder eine Trauminsel, die vermeintlich frei ist vom Rummel des Massentourismus. In den Kulturmagazinen wird die Vergangenheit heraufbeschworen, gerne wird etwa der Künstler Walter Spies zitiert, der in den 1930er Jahren auf Bali lebte und schwärmte: »Das ganze Leben ist mir ein andauernder Geburtstag.« Damals kamen Kulturschaffende aus der ganzen Welt auf die Insel, Vicky Baum etwa oder Charlie Chaplin.
Nach Ubud, der größten Stadt im Inselinneren, wo damals eine regelrechte Künstlerkolonie entstand, zieht es auch heute wieder die Kultur- und Bildungsreisenden. Die verträumte Landschaft mit ihren waldigen Berghängen, an deren Füßen sich Reisfelder terrassenförmig ineinander schieben, bietet Malern phantastische Motive. Hier scheinen nur Künstler zu leben, in jedem Haus eine Werkstatt, ein Atelier, eine Kunstschule. Die traditionellen balinesischen Handwerke und Künste ? Schnitzerei, Batik-Malerei, Instrumentenbau und Bildhauerei ? wurden im Laufe der Zeit ergänzt durch klassische europäische Künste. Was früher jedoch zur Ehre der Götter getan wurde, dient heute dem Lebensunterhalt. Die Kunstwerke werden in den Tourismushochburgen im Süden der Insel verkauft. Häufig kommen ganze Buskonvois nach Ubud, die Touristen steigen aus, besichtigen die Ateliers und Werkstätten, kaufen ein und fahren wieder zurück.
Besser gesagt: Kauften ein. Denn jetzt türmen sich die Waren in den Lagern der Geschäfte. Nur noch wenige Busse kommen nach Ubud. Die Verkäufer konzentrieren sich daher auf die Individualreisenden. Und weil diese wenig Platz im Gepäck haben für die großen Holzskulpturen und Bilder, ködern die Händler sie mit kostenlosem Transport der Waren zum Flughafen. Und wer mehr nach Übersee schaffen will, dem bieten die Transportgesellschaften günstige Tarife für die Verschiffung im Container.
Ubud ist auch wegen seiner Aufführungen traditioneller Tänze und Theaterstücke berühmt. Gut besucht sind zurzeit aber lediglich die religiösen Zeremonien und Feste, bei denen hinduistische Balinesen viel Zeit verbringen. Kein Tag, an dem nicht an heiligen Quellen, heiligen Bergen oder heiligen Steinen Götter verehrt werden. In jedem Wald, an jedem Feld steht ein kleiner Altar, der immerzu mit Blumen und Früchten reich gedeckt ist. Die Mehrzahl der Balinesen praktiziert einen Hinduismus, der starke Elemente früherer Naturreligionen in sich trägt.
Das gilt ebenso für den indonesischen Islam. Auch die Muslime pflegen ihre Haustempel und schmücken Häuser und Straßen mit Blumen. Und wie der balinesische Hinduismus gilt der Islam hier als ausgesprochen tolerant. Der sunnitische Islam auf Bali ist sehr stark vom Sufismus, der islamischen Mystik, geprägt. Nicht selten zelebrieren Anhänger verschiedener religiöser Gruppen gemeinsame Feste, viele besuchen auch die großen Kultstätten der anderen Religionen.
Doch selbst in Ubud, dem selbsternannten Hort des Friedens und der Toleranz, gibt es andere Stimmen. Während einer hinduistischen Tempelzeremonie rät ein Gläubiger von der Reise auf die benachbarte Insel Java ab. Die Muslime dort seien Terroristen, so die simple Warnung, Frieden bringe allein der Hinduismus. Solcherlei Ressentiments sind selten, aber sie deuten an, dass der Terror auch in den Köpfen einiges bewegt hat.
Zwar ist Indonesien weit entfernt von hinduistisch-muslimischen Konflikten wie in Kaschmir. Und die Zentralregierung in Jakarta verteidigt mit aller Gewalt die staatliche Einheit gegen Aufständische, die auf einer der rund 17.500 Inseln des Landes nach Autonomie streben. In religiösen Fragen aber bleibt sie weitgehend neutral, denn in der Verfassung ist die Religionsfreiheit festgeschrieben.
Dennoch ist der Islamismus zu einer ernsthaften Gefahr in Indonesien geworden, vor allem durch die Jemaah Islamiyah (Islamische Gemeinschaft), die die Anschläge auf Bali offenbar in enger Zusammenarbeit mit dem internationalen Terrornetzwerk al Qaida ausführte. Aber auch die Laskar Jehad (»Dschihad-Krieger«), die massiv in den Bürgerkrieg auf den Molukken involviert ist, und die Front Pembela Islam (»Front zur Verteidigung des Islam«) suchen ihre Ziele mit militärischer und terroristischer Gewalt durchzusetzen.
Gegen die Öffnung
Weil die Ziele der Islamisten nicht mehr nur in der Autonomie einzelner Inseln bestehen, sondern der Staat ? oder sogar »der Westen« und der »westliche Lebensstil« ? getroffen werden soll, drohen gerade die Hauptinseln Bali und Java noch stärker ins Visier der Terroristen zu geraten. Denn sie stehen für die Öffnung des Landes durch Industrialisierung (Java) und Tourismus (Bali). Nicht zufällig detonierte wenige Tage bevor die Tourismusminister der asiatischen Staaten über die Zukunft des Tourismus beratschlagten, am 5. August 2003 vor dem Marriott Hotel in Jakarta eine Autobombe, durch die zwölf Menschen ums Leben kamen und etwa 150 verletzt wurden. Wieder gehen die Ermittler davon aus, dass Jemaah Islamiyah dafür verantwortlich ist. Und wieder wird der Anschlag neben den direkten Opfern auch noch eine ganze Reihe indirekter Folgen haben. Vor allem für den Tourismus.
Die Bombe, das ist den Menschen auf Bali offenbar klar geworden, war kein einmaliges Ereignis. Sie bleibt präsent und wirkungsmächtig, auch wenn sie im weit entfernten Jakarta explodiert.
Stephan Günther ist Mitarbeiter im iz3w. |