Volltext

(Artikel * 2003) Schmidt-Soltau, Kai
Intervention im Kongo? Warlord "Europäische Union"
in iz3w Nr. 271 * Seite 9
Themen: EU; Friedenspolitik; Konflikt * Kongo, Demokratische Republik * Warlords * Dok-Nr: 142719
Warlord »Europäische Union«

von Kai Schmidt-Soltau

Wie der Zufall es will, saß ich zwei Tage, nachdem ich um diesen Beitrag gebeten wurde, im Flieger nach Brazza neben einem »Geschäftsmann« aus der Region Ituri. Diese Gegend, die in der Vergangenheit vor allem mit »Zwergmenschen« und »Riesenaffen« in Verbindung gebracht wurde, erfreut sich in den deutschen Gazetten zur Zeit großer Aufmerksamkeit. Hätte ich mehr der dort veröffentlichen Beiträge zur Notwendigkeit einer »humanitären Intervention im Nordostkongo« gelesen, hätte ich vermutlich nicht Brot und Wein mit meinem Nachbarn geteilt, sondern nach Menschenknochen und Affenschädeln in seiner Reisetasche gefahndet. Wie dem auch sei, mein Sitznachbar Dieudonné war nicht nur nett, sondern auch positiv angetan von der neuen Berühmtheit seiner Region. Denn nun kann er dort nach eigenem Bekunden neben allerlei Waren, Dienstleistungen und Kontakten auch den »Frieden« vermarkten. Eine gute, rare Ware, und das nicht nur in Ituri.
Die Schaffung von Frieden wird oft zur Legitimierung von Kriegen verwendet. Doch was ist eigentlich Frieden? Und worin unterscheidet er sich von jenem Zustand, der im Nordosten des Kongo herrscht? Dieudonné sollte es wissen. Nach seiner Auffassung macht sich der Unterschied zwischen Krieg und Frieden an der Zahl der Warlords fest. Ist ein Potentat so dominant, dass er unangefochten ein Territorium kontrolliert, kann er sich Staat nennen und in Frieden herrschen. Gibt es jedoch eine Vielzahl von Ordnungsmächten, die ein und dasselbe Territorium beherrschen wollen, nennt man dies Krieg. In diesem Sinne schafft der Einmarsch des Warlords »Europäische Union« in Ituri Frieden, da die anderen Warlords den fahlen Kriegern militärisch nicht gewachsen sind. Die anderen Potentaten ? da ist sich Dieudonné sicher ? werden ihre Waffen im Wald verbuddeln oder in eine andere Region weiterziehen. Die europäischen Söldner werden erst durch ihren Sieg zu Friedensfürsten.
Eine pragmatische Sichtweise, die Dieudonné da präsentierte, und sicher auch nicht schlecht fürs Geschäft, denn so sind Waffenlieferungen potentieller Friedensdienst. Man sollte nur schauen, mit wem man Geschäfte macht, denn wenn der Kunde versagt, ist dies nicht nur moralisch schlecht ? man wird beschuldigt, mit Terroristen etc. kooperiert zu haben ? sondern auch ökonomisch. Verlierer haben meist eine schlechte Zahlungsmoral. In diesem Sinne ist Krieg und freie Wirtschaft eins, und so kann Dieudonné auch nicht verstehen, warum das »alte Europa« den Amerikanern vorwirft, Krieg für Öl geführt zu haben. Pourquoi pas?
Warum aber ? und die Frage stellt Dieudonné völlig zu Recht ? arbeitet die Europäische Union im Kongo nicht ähnlich wie die Warlords aus dem südlichen und östlichen Afrika mit einem lokalen Warlord zusammen? Ein Stellvertreterkrieg wäre sicher billiger gewesen als eine direkte Intervention, hätte weniger Aufsehen erregt und man hätte mögliche Niederlagen auf den schwarzen Vasallen schieben können.
Im Prinzip sind wir derzeit Zeugen eines Paradigmenwechsels. Positionierte sich die Afrikapolitik der Bundesrepublik bislang zugunsten der »indirect rule« und stärkte den afrikanischen Staatsherren ? ob Potentat oder Demokrat ? zwecks Aufrechterhaltung von Ordnung den Rücken, will sie nun direkt in das Geschehen eingreifen. Jedoch ist die Strategie der Bundesregierung, genau wie die der meisten anderen Europäischen Staaten, nicht konsistent. Während sie einerseits interveniert, zieht sie sich in ihren Beratungsleistungen immer mehr zurück. Dafür bieten sich zwei Interpretationen an: Zum einen kann man die Wirkungslosigkeit der Entwicklungszusammenarbeit dadurch unsichtbar machen, dass man die Verantwortung an lokale Akteure delegiert und die zu erwartenden Misserfolge ausnutzt, um eine direkte Unterwerfung vorzubereiten. Zum anderen könnte es aber auch sein, dass zwei Interessensverbände (Militär und Entwicklungszusammenarbeit) sich selbst in der öffentlichen Diskussion legitimieren müssen und gleichzeitig die Herrschaft über das Territorium des anderen übernehmen wollen. Dieses Problem ist nicht neu. Schon zu Zeiten der direkten Kolonialherrschaft stritten sich Missionare, Militär- und Zivilverwaltung wie die Kesselflicker, wer nun am effektivsten die »Schwarzhäute« befrieden könne.
Der Kongo wird weiter zur Küste fließen und Dieudonné seine Waren feilbieten, während internationale und nationale Warlords ihre Kriege führen. Sie werden mit dem ersten Regen verschwinden, wenn der ehemalige Wald von Ituri zu einem Meer von Schlamm wird, in dem selbst fliegende Festungen keinen Feind mehr finden können. Und in einem Jahr wird vielleicht sogar der Regen gehen, ohne dass sie von neuem in die Dörfer einfallen, um jene Almosen zu verteilen, die weltbewusste Passanten in den Einkaufszeilen der globalen Zentren gespendet haben ? für den Frieden in der Welt.


Kai Schmidt-Soltau ist Gutachter in der Entwicklungszusammenarbeit und lebt seit 1997 in Kamerun.