Sterben f?r Godesberg?
von Hermann L.Gremliza
?Einstmals?, schreibt die Zeitung der Deutschen Bank, ?hatte Kuba als ein Land der Dritten Welt, das ausgerechnet in n?chster Nachbarschaft der Vormacht des Kapitalismus aus eigener revolution?rer Kraft zum Sozialismus kommen konnte, mit geradezu mythischem Vorbildglanz ausgestrahlt.? Kubas Revolution?re h?tten ?einige nach den Ma?st?ben vergleichbarer L?nder geradezu vorbildliche Leistungen ? bei medizinischer Versorgung oder Volksbildung etwa? vollbracht. Aber ?eine vollkommen gerechte Beurteilung des kubanischen Experiments war kaum m?glich, weil amerikanische Wirtschaftsblockadepolitik und ? gegenl?ufig ? sowjetische Subventionspolitik die Bilanz verzerrten. Seit letztere wegfiel, ging es mit Kuba wirtschaftlich und damit sozial steil bergab. Der inzwischen erreichte Zustand ist nur noch mit dem Wort Verelendung zutreffend zu bezeichnen.?
Wer wissen will, wie und durch wen Kuba hinauf- und heruntergebracht worden ist, wei? es also. Wer statt dem B?rsenredakteur, auf dessen Ausk?nfte ernsthafte Spekulanten ihr Gesch?ft m?ssen gr?nden k?nnen, den Clowns vom Feuilleton glaubt, will es nicht wissen. Er wird das M?ulchen f?r Freedom und Democracy spitzen, bis das Elend vollends ?ber die Revolution triumphiert ? in einem milit?rischen ?berfall, in einem Attentat (ein halbes Dutzend von der CIA auf Castro ver?bte hat ein Ausschuss des US-Senats in den 70er Jahren dokumentiert), in der Kapitulation der Revolution?re oder im Selbstmord der Revolution.
Halb umgebracht bei dem verzweifelten Versuch, ihre Haut zu retten, hat sie sich schon: Die W?hrung des Landes, die heute z?hlt, ist der Dollar. F?r ihn ist beinahe alles zu bekommen, was die Revolution dem Zugriff der Besitzer entzogen hatte: Menschen zur Arbeit oder zu sexuellem Gebrauch, Lebensmittel jeder Qualit?t und Menge. Was Liberalisierung oder ?ffnung hei?t, ist jeweils Synonym f?r weitere Einladungen ans internationale Kapital, sich Kuba st?ckweise zur?ckzuholen.
Weil es also, so oder so, nahe scheint, machen sich gebetene und ungebetene Freunde der kubanischen Revolution Gedanken, wie sie das Ende gerne h?tten. Welche gibt es, die s?hen am liebsten Fidel, eine Panzerfaust geschultert, seine Getreuen um sich, auf dem Dach des Regierungsgeb?udes im letzten Gefecht mit den Hubschraubern der Yankee-Invasoren, auf dass endlich einmal ein sozialistischer Staat nicht mit jenem Wimmern zusammens?nke, ?ber das die Sieger in den letzten f?nf Jahren so h?ufig feixen durften, sondern mit einem Get?se niederkrachte, das den gro?en Worten von einst (?Sozialismus oder Tod?) ein wenig Ehre machte. Andere hoffen, Castro selber oder ein Fl?gel in der kubanischen Parteif?hrung werde weitere Reformen anbieten, um wenigstens ein paar Errungenschaften der Revolution (noch ist die Lebenserwartung eines Kubaners doppelt so hoch wie die eines schon befreiten mittelamerikanischen Nachbarn) bewahren und die USA dennoch zu einem Verzicht auf Embargo und R?ckeroberung bewegen zu k?nnen.
Die eine Hoffnung ist so falsch wie die andere. Die Freunde des Blutbads k?nnten sich auf Ernesto Guevara berufen wollen, dessen Worte ?Seien wir realistisch, versuchen wir das Unm?gliche? auf jenen Bedarf der westlichen Freizeitlinken an gro?en Gesten und Worten hingedichtet schien, den ihnen zu Hause die RAF-Gefangenen mit ihrer stellvertretenden Unbeugsamkeit befriedigen m?ssen. Aber die Weltgeschichte ist zur Zeit nicht an einem Punkt, an dem ein Blutbad die breitesten Schichten der durch Not und Unwissenheit niedergedr?ckten Arbeiter zu bewusstem Leben erwecken und unter ihnen den Geist edlen Hasses s?en k?nnte, sondern der Tod in Havanna blo? das Gef?hl best?rkte, der Kapitalismus habe ein f?r allemal gesiegt.
Noch verwegener die Vorstellung, die Revolution durch Reform bewahren zu k?nnen. Dass ?der Weg der ?konomischen Reformen, den das sozialistische Lager in den Jahren 63/64 eingeschlagen hatte, in Richtung Kapitalismus f?hrte?, haben Che und Fidel schon vor drei?ig Jahren gewusst. Tats?chlich markierte die Einrichtung von Intershops den Anfang vom Ende des realen Sozialismus. Marx wurde damals von Schalk-Golodkowski und anderen ?Technokraten mit ihren Kr?merideen? (Che) abgel?st, an die Stelle des ?neuen Menschen? trat der Mensch, das konsumierende Wesen, und der ?gerechte Tausch? ging fortan: Bewusstsein gegen Devisen. Dass der Verrat an der Sache sich schlie?lich als das schlechtest m?gliche Gesch?ft erwiesen hat, darf, wer es braucht, als Gerechtigkeit der Geschichte verstehen. Den kurzen Auftritt als karibischer Gyula Horn kann Castro sich und uns ersparen, auch den eines kubanischen Hans Modrow, der den in Miami residierenden Bourgeois ? Kuba einig Patria! ? nationale Vers?hnung anbietet und einen Commandante Bisky in den Ausschuss zur Untersuchung kubanisch-internationalistischer Verbrechen in Angola und S?dafrika entsendet. (Modrow ?brigens ist als letzter SED-Regierungschef daf?r verantwortlich, dass die Schulden, die Kuba bei der DDR hatte, nicht erlassen wurden, sondern heute vom einig Vaterland eingetrieben werden k?nnen.)
Wie aber, wenn die Revolution?re in diesen Tagen, da die Bev?lkerung zwar schon materiell, noch nicht aber geistig und psychisch im Elend lebt und also mit Revolution k?nftig anderes assoziieren wird als Hunger und Verzweiflung, ihren chancenlosen Kampf aufg?ben und f?r den Verzicht auf ein auch dem Feind zu teures letztes Gefecht eine Garantie wenigstens der schlichtesten sozialen Rechte eintauschten? Wenn sie erkl?rten, was sie richtig, was sie falsch gemacht haben, und warum sie von den Siegern nichts dazulernen wollten; dass sie der Koalitionsregierung einiger Compa?eros mit den Vorbesitzern des Landes, der die USA ein Ende des Embargos und einige Investitionen versprochen h?tten, nicht im Wege stehen, aber auch nicht angeh?ren wollten, sondern die Zeit, in der keine neue Revolution zu machen ist, zur Kritik der fehlgeschlagenen und zur theoretischen wie praktischen Vorbereitung einer k?nftigen nutzen werden? W?re das nicht besser, als den Sozialismus bis zur Unkenntlichkeit zu reformieren und, weil den Feinden in Washington, Miami und Bonn auch mehr als genug nicht genug sein wird, um den sch?bigen Rest Regierungsgewalt blutig k?mpfen zu m?ssen? Kein Sozialismus ? kein Tod. Es lohnt sich nicht, auf dem Weg nach Godesberg zu sterben.
H. Gremliza ist Herausgeber von Konkret |