Volltext

(Artikel * 2003) Kirsche, Gaston
Azteken und Revolutionäre in Bagdad Wie Irak-Kritiker und Pazifisten nach dem Krieg ihre Argumente recyceln
in iz3w Nr. 270 * Seite 5
Themen: Literatur; Medien * Irak * Kontroverse; Irakkrieg * Dok-Nr: 142701
Kommentar

Azteken und Revolutionäre in Bagdad
Wie Irak-Kritiker und Pazifisten nach dem Krieg ihre Argumente recyceln

von Gaston Kirsche


»Bis zu 260.000 Tote, vor allem Zivilisten, könnte ein Krieg im Irak fordern, fürchtet die Weltgesundheitsorganisation WHO. Weitere 200.000 Menschen sind durch Hungersnöte und Epidemien nach einem Krieg vom Tode bedroht.« So begann das Editorial im Greenpeace-Magazin vom März/April diesen Jahres zum Titelthema USA. Die düstere Prognose hat sich zum Glück nicht bestätigt.
Doch die Horrormeldungen werden fortgeschrieben. Joachim Guilliard, Ko-Sprecher der Initiative gegen das Irak-Embargo und Mitherausgeber des auf Friedensbüchertischen obligatorischen Buches Irak ? Ein belagertes Land, zieht gar einen Vergleich mit der Eroberung und Ausplünderung Lateinamerikas: »Mit der Plünderung und Zerstörung der aztekischen Gebäude und Kulturgüter wurden auch die Spuren der bisherigen Staatlichkeit gründlich ausgelöscht. An diese finsteren Epochen des europäischen Kolonialismus wird man beim Anblick der Bilder aus dem Irak unwillkürlich erinnert. Auch der Einnahme Bagdads nach mehr als zwölf Jahren Krieg und Belagerung des Landes folgten Plünderungen und Brandschatzungen öffentlicher und repräsentativer Gebäude der Stadt, Raub und Zerstörung unschätzbarer Kulturgüter.« Guilliard bleibt seinen Irrtümern treu und verschweigt nach wie vor, dass ein Großteil der IrakerInnen neben Krieg und Belagerung wesentlich länger an etwas anderem gelitten haben. Die Diktatur der Baath-Partei aber ist für ihn kein Thema.
Mancherort wird die Saddam-Diktatur gar posthum schöngeredet: »Was vor dem Krieg als Symbol staatlicher Macht und technischen Fortschritts stolz über der Stadt thronte, ist nun verbrannt und zertrümmert (...). Das Messegelände, auf dem noch im letzten Herbst stolz die internationale Wirtschaft begrüßt wurde, ist ein Trümmerhaufen...«, bedauerte etwa Karin Leukefeld am 30.4. in der jungen Welt. Begrüßenswert, dass unter der Saddam-Diktatur internationale Konzerne insbesondere auch aus Deutschland den Irak mitausbeuten durften? Auf besagter Messe im November 2002 waren u. a. vertreten: Siemens, DaimlerChrysler, Linde und Deutz. Angesichts dieses deutschen Engagements im Irak, welches von der rotgrünen Bundesregierung in den letzten Jahren massiv gefördert und abgesichert wurde, ist es um so dreister, wenn deutsche Friedensfreunde den USA Profitinteresse vorwerfen und von Deutschland schweigen.
Und die andere Seite? Bereits vor dem Irakkrieg verstanden etwa die Jungle World-, konkret- und iz3w-Autoren Thomas Uwer und Thomas von der Osten-Sacken unter Befreiung offensichtlich ausschließlich das Ende der Saddam-Diktatur, ohne jede antikapitalistische Perspektive. Sicher ist der Austausch einer brutalen durch eine weniger brutale Herrschaftsclique ein Fortschritt im Irak ? aber Befreiung? Wer kann schon so genau sagen, welche bürgerliche Staatsform sich für die Befreier als die profitabelste herausstellt?
In dem Buch »Elfter September Nulleins« behauptet Thomas Uwer 2002: »Im Nahen Osten besteht ... eine objektiv revolutionäre Situation ... Doch nicht der historische Materialismus und irgendwelche Kräfte der Weltrevolution würden diese Revolution entfachen, sondern George W. Bush.« Kritik wurde ersetzt durch Hoffnung in die US-Außenpolitik, statt antikapitalistischer Kritik realpolitischer Positivismus praktiziert, der auch gegen einen imperialistischen Krieg keine Einwände hat.
Thomas von der Osten-Sacken verlegt in der Jungle World 51 vom Dezember 2002 Bagdad gar nach Paris: Unter der Überschrift »Demokratisierung im Nahen Osten ? Vor der Bastille« erklärt er: »Richtig aber ist, dass man die Lage im Iran und im Irak durchaus mit den letzten Tagen des Ancién Regime vergleichen kann.« Danach hätte gerade eine bürgerliche Revolution stattgefunden und der Irak einen rasanten Aufstieg zu einer kapitalistischen Metropole vor sich. Mit Jakobinern, Sozialstaat und allem pipapo. Was unter den Tisch fällt, ist vor allem die Stellung des Irak auf dem kapitalistischen Weltmarkt. Vor zwanzig Jahren wäre es vielleicht noch möglich gewesen, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, ob sich im Irak auf Grundlage der Öleinnahmen eine halbwegs eigenständige Nationalökonomie hätte herausbilden können. Im heutigen postfordistischen Kapitalismus aber ist der Entwicklung einer nationalstaatlich eigenständigen Ökonomie mit einer sozialstaatlichen Absicherung für die gesamte Bevölkerung jede Grundlage entzogen. Das zeigen nicht zuletzt der Zusammenbruch der Nationalökonomie des Öllandes Algerien und die Krise in Saudi-Arabien.
Es ist ärgerlich, wenn in linken Debatten die Wohlstandspropaganda der USA für wahr genommen wird und so das Märchen der nachholenden kapitalistischen Modernisierung als Argument für eine Hoffnung auf die USA als Befreierin der unterdrückten Irakis auftaucht: »Es ist ein kühner Gedanke. Erstmals nach dem ?Ende der Geschichte?, das Francis Fukuyama jubelnd und viele Kommunisten resignierend konstatierten, ist Befreiung wieder etwas, das möglich erscheint, und zwar ausgerechnet in einem Teil der Welt, der schon lange vor 1989 unter der Herrschaft monolithischer Regime in Agonie versunken schien« (Uwer/Osten-Sacken, in jungle world 50/02).
Sowohl die Apokalyptiker als auch die Befreier weichen der Frage aus, was der Krieg für die Stellung des Irak auf dem kapitalistischen Weltmarkt heißt, welchen Spielraum der Irak dort überhaupt haben kann. Statt der spezifischen Situation nachzugehen, verlieren sie sich in Vergleichen. Doch Bagdad ist weder ein post-aztekisches Tenochtitlán noch ein prärevolutionäres Paris. Es ist die Hauptstadt eines Trikontlandes mit Ölreichtum, das unter den Folgen von jahrzehntelanger Gewaltherrschaft ebenso zu leiden hat wie unter den Folgen des Krieges.


Gaston Kirsche hat sich mit der gruppe demontage unter dem Motto »Kein Krieg im Irak ? Kein Frieden mit Deutschland« an Anti-Kriegs-Protesten in Hamburg beteiligt, www.demontage.org