Literatur
Politik des Alltags
Standortbestimmungen afrikanischer AutorInnen
Berichte über die Alltagskultur können ebenso entlarvend sein wie Literatur, die ihr politisches Etikett zur Schau stellt. Zu diesem Schluss kamen afrikanische Autorinnen und Autoren bei einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung, die unter dem Titel »Afrika auf neuen Wegen? ? Die Wiederentdeckung des Alltags« Mitte März in Bonn stattfand. Politisch motivierte Gewalt ist fester Bestandteil dieses Alltags, deshalb gewinnen persönliche Identitätsbrüche in der Literatur zunehmend an Bedeutung.
von Rita Schäfer
Die Autorinnen und Autoren afrikanischer Literatur tragen seit jeher zur Gesellschaftsveränderung bei und geben Impulse zur Neuorientierung. Anstelle von Kritik an kolonialer Ausbeutung oder Korruption neokolonialer Eliten geht es ihnen in den letzten Jahren vermehrt um den Blick auf das Alltägliche. Inwieweit können afrikanische Schriftstellerinnen und Schriftsteller zur politischen Meinungsbildung beitragen und dennoch der vielerorts zum Schweigen verdammten Bevölkerung eine Stimme geben? Welche Wechselwirkungen von politischen Rahmenbedingungen und individuellem Handeln bestimmen die moderne afrikanische Literatur? Diese Fragen waren der Dreh- und Angelpunkt einer Diskussion zwischen Chenjerai Hove aus Zimbabwe, Lesego Rampolokeng aus Südafrika, Toyin Adewale-Gabriel aus Nigeria und Peter Ripken, der die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika leitet.
Überleben im Ausnahmezustand
Chenjerai Hove, Anglist, Romancier und Kolumnist, lebt nun im Exil in Frankreich. Mit bitterer Selbstironie berichtet er davon, dass die Zahl der Geheimdienstleute in seinen Lesungen in Zimbabwe während der letzten Jahre rasant stieg: »Die Veranstaltungen wurden zum festen Bestandteil ihres ?Kulturprogramms? und offenbar tragen meine Bücher sogar dazu bei, die Lesekultur in Geheimdienstkreisen zu fördern.« Hove thematisiert die elementaren Irritationen, die der Befreiungskrieg in Zimbabwe bei den Überlebenden hinterlassen hat. Dabei verkehrt er die tradierte patriarchale Perspektive und berichtet aus der Sicht von Frauen; schließlich trat die frühere Befreiungsarmee und heutige Regierungspartei ZANU mit dem Anspruch an, eine neue Gesellschaftsordnung sowie Geschlechtergleichheit zu schaffen.
Aus eigener Anschauung berichtet Hove, wie die Zimbabwer heute dem steigenden politischen Druck standhalten und das alltägliche Überleben bewerkstelligen. »Ich widme mich der verarmten Landbevölkerung ebenso wie den gestrandeten Stadtbewohnern«, gibt der Autor zu verstehen. Eindrücklich beschreibt er die Widersprüche, mit denen die steigende Zahl der Prostituierten zu kämpfen hat, und hält damit der puritanischen zimbabwischen Gesellschaft einen Spiegel vor. Die pure Existenznot zwingt viele Frauen trotz drohender HIV/AIDS-Infektionen auf diese Weise für den Lebensunterhalt ihrer Familien zu sorgen. Dennoch werden sie von der Regierung kriminalisiert und als Inbegriff der Unmoral abgestempelt.
Hoves düstere Sprache, mit der er den Zynismus der Mugabe-Regierung offen legt, überträgt Muster und Sprachbilder des Shona ins Englische. In poetischen und symbolreichen Bildern bezieht der Autor Stellung für die Marginalisierten und Unterdrückten, die sich nicht im Ruhm des längst verjährten Befreiungskrieges sonnen, sondern erleben, wie »das Land blutend im Schmutz liegt«. Daher sei er von den Machthabern gefürchtet, so Hoves Selbsteinschätzung. »Ich verstehe mich dennoch als Person der Öffentlichkeit und schreibe für Bürgerrechte, für die politische Meinungsfreiheit und für den Schutz vor Gewalt«.
Auch der südafrikanische Rap-Poet Lesego Rampolokeng geht von einem weit gefassten Politikverständnis aus, das er von der allgegenwärtigen Gewalterfahrung in den südafrikanischen Townships ableitet. »Der alltägliche Polizeiterror und der Unterdrückungsapparat des Apartheidregimes haben über Jahrzehnte ein Gewaltsystem geschaffen, dessen zahlreiche Opfer denen mehrerer Kriege entsprechen«, erklärt Rampolokeng. Die Willkür der Sicherheitspolizei und die politisch motivierte Gewalt gehörten für eine ganze Generation zum festen Bestandteil des Alltags. Damit wurde die Vorstellung von einer banalen Alltäglichkeit ad absurdum geführt. Diese Erfahrungen haben das Werk des Rap-Poeten maßgeblich beeinflusst: »Jeder Tag bedeutete Überleben im Ausnahmezustand. Für mich sind persönliche Identitätsbrüche sowie die Spannungen und sozialen Gegensätze in der südafrikanischen Gesellschaft untrennbar miteinander verwoben. Ich sehe meine Aufgabe als Künstler darin, Emotionen, Erfahrungen und gesellschaftliche Realitäten zum Ausdruck zu bringen.« Die Politik der Sprache, die Politik des Körpers ? Leben und Schreiben ? bilden demnach eine Einheit.
Vehement wehrt sich Rampolokeng gegen jegliche Vereinnahmung und Vereinheitlichung der südafrikanischen Kulturszene und warnt vor einer Uniformierung im Dienste des Nationalismus. »Man sollte Künstlern nicht vorschreiben, in welche Richtung sie gehen oder denken sollen«, lautet sein eindeutiges Plädoyer. So lässt sich sein eigenwilliger, genreübergreifender Sprechgesang kaum kategorisieren: Worte, Rhythmen und die eigene Stimme dienen ihm als Werkzeuge, um Widersprüche zu klären und auf vielfältige Weise zu kommunizieren. Gleichzeitig warnt er davor, die oralen Traditionen in Afrika zu idealisieren. Mündliche Ausdrucksformen, Theater und literarische Texte sollten in einen lebendigen Wettstreit treten und innovativ aufeinander wirken.
Diese Einschätzung teilt auch Toyin Adewale, die zu den jungen Autorinnen Nigerias zählt. »Kreativität ist der Schlüssel, um Literatur mit zahlreichen anderen kulturellen Genres wie dem Tanz oder dem Theater zu verbinden. So arbeiten nigerianische Schriftstellerinnen heute oft mit Choreographen zusammen, um ihre Werke einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Auf diesem Wege wollen wir insbesondere Analphabetinnen erreichen,« betont Adewale. Die Kooperationen fördern ein umfassendes und dynamisches Kunstverständnis und legen gleichzeitig Zeugnis ab von der Neuorientierung der gegenwärtigen Literaturszene Nigerias.
Im Unterschied zur Generation international anerkannter, nigerianischer Autorinnen der 80er Jahre, die erstmals die Unterdrückung von Frauen in ihren Romanen thematisierten, beziehen junge Autorinnen nun auch explizit politisch Stellung und protestieren beispielsweise gegen die religiös motivierte Missachtung von Frauenrechten im islamischen Norden Nigerias. Gleichzeitig geht Adewale als Poetin auf Spurensuche nach den politischen Dimensionen der Alltagsrealität. In ihren Gedichten und Erzählungen widmet sie sich denjenigen, die von den Mächtigen vergessen wurden, den Opfern rücksichtsloser neo-liberaler Wirtschaftspolitik, den Straßenkindern und den Vergewaltigten.
Ähnlich wie Rampolokeng und Hove konfrontiert sie ihre eigene Gesellschaft mit den Schattenseiten des Alltags und verlangt von den politischen Entscheidungsträgern mehr Verantwortung und realistische Problemlösungsansätze. Adewale, die an der Universität Ile-Ife in Nigeria Anglistik studierte, hält es für eine wichtige Aufgabe der Literaten, zur politischen Meinungsbildung der Bevölkerung beizutragen: »Ich sehe eine große Chance darin, dass afrikanische Autoren aus ganz unterschiedlichen Perspektiven schreiben und Alltagsprobleme in verschiedenartigen kulturellen Kontexten beleuchten. Allerdings sollten sie sich mehr austauschen und bereit sein, gesellschaftliche Tabu-Themen zu bearbeiten. Schriftstellerinnen und Schriftsteller müssen subversiv wirken.«
Literaten seien einsame Grenzgänger, die immer wieder neue Probleme aufgreifen sollten ? dies unterstrichen auch Hove und Rampolokeng. Durch die Kraft der Worte könnten sie ihre Gesellschaften immer wieder mahnen, sich mit internen Widersprüchen auseinander zu setzen. Beide postulieren: »Aus einer solchen Sensibilisierung und Mobilisierung kann sich Widerstand gegen politische Missstände und gegen menschenunwürdige Lebensbedingungen entwickeln.«
Kein Geld für Bücher
Auch wenn die Lesekultur in vielen afrikanischen Ländern nicht besonders verbreitet ist, lehnen afrikanische Literaten es mehrheitlich ab, populäre Unterhaltungsliteratur zu schreiben, um auf diese Weise ein größeres Publikum zu erreichen. Standhaft wehren sie den Druck einiger geschäftstüchtiger Kulturmanager ab, die Romane nur nach ihrer Auflagenhöhe zu bemessen versuchen. Nach Erfahrung der Autorinnen und Autoren wird jedes verkaufte Buch jedoch von mindestens zwanzig Menschen gelesen. Die Entwicklung einer Lesekultur wird demnach nicht von den provokanten Inhalten und den Visionen behindert, die afrikanische Literaturschaffende heute entwerfen, sondern von der durch die Strukturanpassungsprogramme verursachten Wirtschafts- und Bildungskrise vieler Länder. Sie führt zur fortschreitenden Verarmung und hemmt die Kapazitäten der Bevölkerungsmehrheit, sich über ihre alltägliche Existenzsicherung hinaus anderen Problemen und Themen zu widmen.
Peter Ripken, Literaturwissenschaftler und Journalist, unterstreicht: »Das afrikanische Verlagswesen leidet an der hohen Besteuerung von Büchern. Dies betrifft die Belletristik ebenso wie die Schulbücher. Um so wichtiger ist die Rezeption afrikanischer Literatur im Ausland.« Daher sind die Aktivitäten Ripkens, der jahrelang führend in der Anti-Apartheid-Bewegung und bei der Informationsstelle Südliches Afrika in Bonn (ISSA) tätig war, als Vermittler zwischen afrikanischen Autoren und deutschen Verlagen keineswegs nur kulturell, sondern politisch ausgerichtet. Nicht zuletzt aufgrund der jahrelangen Bemühungen der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika liegen mittlerweile zahlreiche Romane, Gedicht- und Erzählbände in Übersetzungen vor, die es dem hiesigen Publikum ermöglichen, sich selbst einen Eindruck von der Vielfalt und dem Engagement afrikanischer Literatur zu verschaffen.
Literatur:
Toyin Adewale:
? Die Aromaforscherin, Gedichte und Short Stories, Stuttgart 1998
? Flackernde Kerzen, Frauengeschichten aus dem heutigen Nigeria, Stuttgart 1999
Chenjerai Hove:
? Knochen, München 1990
? Stadtgeflüster, Skizzen aus einer afrikanischen Metropole, Frankfurt a.M. 1995
? Ahnenträume, München 2000
Lesogo Rampolokeng:
? End/Beginnings, Gedichte, Englisch und Deutsch, München 1998
? Blue V?s ? Rap-Poems, Gedichte, Stuttgart 1998
Rita Schäfer ist Ethnologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie, FU-Berlin. |