Volltext

(Artikel * 2003) Mattern, Ulrike
"No Place like Home" Das Filmfestival "femme totale"zwischen Fortgehen und Ankommen
in iz3w Nr. 269 * Seite 40 - 41
Themen: Film; Frauen * Afghanistan * Dok-Nr: 142697
Film

»No Place like Home«
Das Filmfestival »femme totale« zwischen Fortgehen und Ankommen

Dem Thema Herkunft widmeten sich rund hundert Filme, die auf dem diesjährigen Dortmunder Filmfestival »femme totale« gezeigt wurden. Dabei ging es um Mobilität, Migration und Flucht genauso wie um Heimat und Familienbindungen. Der Länderschwerpunkt galt in diesem Jahr Afghanistan und der Arbeit von afghanischen Frauen in den Medien.

von Ulrike Mattern


Im Rahmen des Festivalprogramms der »femme totale« wurden Filme von 1939 bis heute gezeigt und damit auch ein Afghanistan vor der Taliban-Zeit und der russischen Besatzung: Modenschauen, Pfadfinderinnen, Demonstrationen afghanischer Feministinnen, Hippies im Kabul der 70er Jahre sowie Berichte von reisenden Europäerinnen und deren Empfindungen von Fremdheit zu Beginn des letzten Jahrhunderts.
Nomades Afghanes, ein Stummfilm aus den 30ern von der Schweizerin Ella Maillart, dokumentiert ihre Expedition mit Annemarie Schwarzenbach nach Afghanistan. Auch im aktuellen Spielfilm Die Reise nach Kafiristan (2001) wird die Afghanistanreise der beiden Frauen aufgegriffen. Schwarzenbach schwärmt von den Pässen am Hindukusch, von Gebirgsketten und Hügeln. »Die Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne verwirrte mich«, schreibt sie in ihrem Reiseroman Alle Wege sind offen über diese sie überwältigende Fremde.
Auch in der Dokumentation Ein Traum von Kabul von der 1964 geborenen Regisseurin Wilma Kiener geht es um Bilder von der Fremde. Auf dem Weg nach Indien oder Nepal stoppten die »Blumenkinder« in Afghanistan, um billig Hasch zu kaufen und für einige Zeit gut zu leben. Mit glänzenden Augen sitzen die Ex-Hippies in ihren im orientalischen Stil eingerichteten Wohnzimmern vor der Kamera von Dieter Matzka und berichten von einem Land, in dem nicht Milch und Honig, sondern Drogen fließen.
Dass das Land am Hindukusch nur bedingt ein Märchenland »somewhere over the rainbow« war, zeigt Bildmaterial aus jener Zeit: ein Aussteiger mit Gelbsucht weint, weil er ohne Geld für den Rückflug nicht überlebt, Kreuze, auf denen die ausländischen Namen der Traveller und ihre kurze Lebenszeit eingeritzt sind, eine 19-Jährige, die in einem Steinfeld die Heroinnadel aufzieht und sich einen Schuss setzt. Ein Bildtext informiert, dass sie zwei Monate später in Indien starb.
Der Regisseur Johannes Schaaf fuhr in den 70ern nach Afghanistan, um für einen öffentlich-rechtlichen Sender einen Film über deutsche Aussteiger in Afghanistan zu drehen. Noch heute merkt man ihm seine wütende Desillusionierung an, als er nach zahllosen Interviews feststellte, dass es den Flower-Power-Mädchen und -Jungs nicht um eine alternative Lebensform, sondern um den günstigen Drogenerwerb und ein billiges Leben ging.

Bilder von der Fremde
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Filmen aus dem »alten Afghanistan«, von einem Land, das für uns, die wir die Stereotypen aus der Fernsehberichterstattung der letzten Jahre kennen, völlig unbekannt ist. La Fiancée ist ein ethnographischer Dokumentarfilm über die Hochzeitsvorbereitungen für ein 15jähriges afghanisches Mädchen. Sie soll einen älteren Mann heiraten und macht sich über ihr Schicksal keine Illusionen. Nie wieder wird sie es so gut haben wie in ihrer unbeschwerten Kindheit in der eigenen Familie.
Auf großen Publikumszuspruch stieß der erste Film von und über afghanische Kamerafrauen. Zwei von ihnen, Shekiba Adil und Merhia Aziz, stellten ihre Dokumentation Afghanistan Unveiled ? Afghanistan entschleiert vor. Die zwei Frauen wurden in Kabul im Juli 2002 bei einem kurzen Lehrgang an der Kamera ausgebildet. Im Anschluss daran folgt sofort der Sprung ins kalte Wasser: Sie fuhren mit anderen Kamerafrauen und einem zweiten Filmteam, u.a. den Regisseurinnen Brigitte Brault und Florent Milesi, acht Wochen durch das Land.
Auf ihrer Reise befragen sie afghanische Frauen nach ihrem Leben, dokumentieren bittere Armut und den quälenden Schmerz über den Verlust von Familienangehörigen. Sie sehen, dass jenseits von Kabul die Frauen weiterhin aus Furcht die Burka tragen und das Haus selten verlassen. Von gleichen Rechten für Frauen und Männer ist auf dem Land keine Rede mehr. Das zweite Filmteam richtet die Kameras auf die nachforschenden und drehenden jungen afghanischen Frauen und beobachtet ihren persönlichen Umgang mit dem Alltag in ihrer Heimat.
In den Interviews können die frisch gebackenen Journalistinnen die Tränen über Schilderungen des Grauens oftmals nicht zurückhalten. Die Kamera schützt sie nicht vor Emotionen, Mitgefühl und Mitleiden. Aber es gibt auch Szenen von Leichtigkeit und Stärke: das unbeschwerte Spielen mit Steinen am Wasser, die Euphorie über den ersten Ausritt, der ihnen Respekt erweisende Tanz und Gesang der Männer eines Dorfes. Selbstbewusst reflektieren die weiblichen Pioniere hinter der Kamera ihren neuen Beruf, der ihnen die Möglichkeit eröffnet, das erste Mal allein zu reisen und die Geschichte der Frauen ihres Landes aller Welt zu erzählen.
Die Möglichkeit, mit der Filmkamera Distanz zu wahren und Erfahrungen zu transferieren, stärkte auch Caterina Klusemann. In einem katholischen Vier-Personen-Haushalt in Lucca/Italien mit Großmutter, Mutter und Schwester aufgewachsen, gab es in den biographischen Fakten zur Familie Lücken und Ungereimtheiten. Die Regisseurin forschte nach und begann ? geschützt durch die Kamera ? ihrer Großmutter Fragen zu stellen. Ima (hebräisch für Mutter) dokumentiert in vielen Szenen ihr anfängliches Scheitern. Die energische alte Dame wehrt die hartnäckige Enkeltochter ab und fordert, in Ruhe gelassen zu werden. Immer wieder fällt die Schlafzimmertür ins Schloss. Eines Abends jedoch bleibt die Tür geöffnet. Die Großmutter übergibt der Enkelin ein Päckchen mit Dokumenten und Fotos aus ihrer Vergangenheit. Sie ist Jüdin und rettete sich und ihrer Tochter mit falschen Papieren das Leben.

Verlorene Identitäten
Von der verlorenen, wieder gefundenen und nicht annehmbaren Identität handelt Daughter from Danang von Gail Dolgin und Franco Vincente. Heidi, als Tochter einer Vietnamesin und eines Soldaten der US-Army in Vietnam geboren, gelangte im Rahmen der Aktion »Babylift« in die USA und wurde von einer allein erziehenden Mutter adoptiert. Die damalige Regierung wollte mit dieser Aktion Sympathien für den Krieg gewinnen, die Vietnamesinnen gaben ihre Kinder weg, da man ihnen sagte, es sei besser für sie und zeitlich befristet.
Sowohl die leibliche Mutter als auch Heidi beginnen nacheinander zu suchen. Über eine Agentur finden sie sich. Heidi, inzwischen selbst verheiratet und Mutter zweier Kinder, besucht ihre leibliche Mutter und Familie in Vietnam. Nach der ersten Freude, den Tränen und dem Gefühl engster Verbundenheit, tritt die Differenz der Kulturen zutage. Heidi gerät außer sich, als die Familie sie bittet, die Mutter fortan zu unterstützen. Was für die Vietnamesen ein Teil ihrer Familienkultur ist, wird für die Amerikanerin zum Desaster. Sie reist ab. Zwei Jahre später hat sie immer noch keinen Kontakt mehr zu ihrer leiblichen Familie.
Um die Ausgeschlossenheit von Einwanderern aufgrund von Sprach- und Kulturbarrieren geht es in Dim Sum ? A little bit of heart der Regisseurin Jane Wong. Sie portraitiert drei Frauen, wovon eine ihre Mutter ist. Für die in erster Generation als Tochter chinesischer Immigranten in Liverpool geborene Jane Wong ist der Wechsel zwischen den Kulturen mit geringen Mühen verbunden. Für ihre Mutter und deren Freundinnen gerät schon der Kauf einer Zimmerpflanze zum Abenteuer.
Obwohl die drei Chinesinnen aus verschiedenen Generationen stammen, verbindet sie das Gefühl des Fremdseins in England. »They have their little fortresses«, beschreibt Jane Wong den Versuch der drei Frauen, Vertrautes im Fremden zu positionieren, und zeigt ihre Mutter beim Karaoke-Singen oder bei einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen: der Essenszubereitung.

Ulrike Mattern ist freie Journalistin und Redakteurin aus Berlin.