Kommentar
Das Schwert der Experten
Die prophezeite Islamisierung des (Süd-)Irak bleibt weitgehend aus
von Thomas Uwer
Das Jahr hat schlecht begonnen für die deutschen Orientexperten. Der angekündigte Flächenbrand, der mit dem Krieg im Irak den gesamten Nahen Osten entfachen würde, ist ausgeblieben. Anstelle einer verzweifelten Verteidigungsschlacht boten die Irakis Bilder der Freude über den Sturz des Saddam Regimes. In Basra, Bagdad, Mossul und Kirkuk stürzte die Bevölkerung die Symbole eines verhassten Staates, in Nassriah, wo zuvor noch heftige Kämpfe stattgefunden hatten, tanzten die Menschen auf der Straße. Frenetisch jubelnde Massen aber, die ihren Befreiern wie einst den Unterdrückern akklamierten, blieben ebenso aus wie innerirakische Kämpfe entlang ethnischer und konfessioneller Grenzen. Entsprechend groß sind die Erwartungen an die islamisch-schiitischen Organisationen, sie möchten nunmehr jenes angekündigte Schicksal des »Flächenbrandes« vollziehen, dem sich die Irakis en gros bislang verweigert haben.
Im Gegensatz beispielsweise zu den Kurden ist über »die Schiiten« wenig mehr bekannt, als dass sie die konfessionelle Mehrheit im Irak stellen. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Die Shia ist eine Konfession, eine Glaubensangelegenheit also, weshalb es eine schiitische Nationalbewegung niemals gegeben hat. Da Glauben andererseits aber Flügel verleiht, sind auch der Fantasie über die Schiiten im Irak keine Grenzen gesetzt. Angesichts der Erklärungen schiitisch-islamischer Organisationen und der Bilder Hunderttausender Pilger, die Ende April den Schrein Imam Alis in Najaf aufsuchten, sehen Experten wie der sattsam bekannte Peter Scholl-Latour im Irak einen zweiten islamistischen Frühling heraufziehen. Der Region blühe nicht Demokratie, sondern eine neue islamische Revolution.
Richtig daran ist einzig, dass islamische Organisationen im Irak nunmehr offen auftreten können. Aus dem Exil zurückgekehrt ist nicht nur der »Hohe Rat der islamischen Resistance im Irak« (SCIRI) unter der Führung von Ayatollah Hakim, sondern auch die als liberal geltenden Geistlichen Ayatollah Sistani und Ayatollah Khoei, die eng mit den Koalitionstruppen kooperierten. Seitdem ist ein Konflikt im Gange zwischen den rückkehrenden und den eingesessenen Eliten, die ihre Stellung bedroht sehen. So wurde Khoei bereits kurze Zeit nach seiner Rückkehr in Najaf ermordet, Sistani bedroht. Verantwortlich gemacht wird die Jimaat-e-Sadr-Thani, eine Gruppe um Moqtada Sadr, dem Sohn eines 1999 vom irakischen Staat ermordeten Geistlichen. Der Mord löste seinerzeit heftige Unruhen vor allem in den schiitischen Vororten Bagdads aus. Leute wie Sadr, die eine wichtige Rolle während des Widerstandes gegen Saddam Hussein im Irak selbst spielten, sehen sich nunmehr von einer exilierten Führerschaft bedroht.
Derartige Auseinandersetzungen lassen auch den Anspruch von Parteien wie SCIRI fraglich erscheinen, »die Schiiten« im Irak zu vertreten. Innerhalb des von Exilorganisationen in London letztes Jahr ins Leben gerufenen Komitees zur Bildung einer Übergangsregierung hat die islamische Partei mit dem Verweis auf die schiitische Bevölkerungsmehrheit noch den größten Teil der Sitze für sich reklamieren können. Während allgemein in Zweifel gezogen wird, dass sich die »schiitische« Bevölkerung tatsächlich durch eine explizit schiitische Organisation repräsentiert sehen möchte, bemüht sich SCIRI nunmehr vor allem um Rückhalt unter den religiösen Irakis. Nicht anders sind die Verlautbarungen gegen die »amerikanische Besatzung« zu verstehen, gehörte SCIRI doch andererseits zu jenen Parteien, die sich vehement für einen von Außen eingeleiteten Regime Change einsetzten.
Ein ähnlich ambivalentes Verhältnis zu den Koalitionstruppen pflegt die islamische Dawa-Partei, die auf die längste Tradition im Irak zurückblickt und sich aus den alten religiösen Eliten von Najaf und Kerbala rekrutiert. Offiziell hatte sich die Dawa-Partei in London noch gemeinsam mit den Kommunisten der Bildung eines Übergangskomitees verweigert, weil sie darin eine indirekte Unterstützung der amerikanischen Kriegspläne sah. Auf einer weiteren Exilkonferenz in Madrid Ende April stimmte sie jedoch ? wie die Irakische Kommunistische Partei auch ? der Bildung einer Übergangsregierung mit amerikanischer Unterstützung zu. In der von Dawa und SCIRI mitgetragenen Abschlusserklärung der Konferenz wird zwar ein baldiger Abzug amerikanischer und britischer Truppen gefordert, zugleich aber betont, dass diese zur Zeit noch dringend benötigt würden. Ohne amerikanische Präsenz wären auch die Pilgerfahrten nach Najaf und Kerbala nach wie vor verboten. Vom hierzulande gerne herbeigeredeten Heiligen Krieg gegen die amerikanischen Besatzer sind die schiitischen Parteien noch weit entfernt. Auch dass »die Schiiten« wenigstens massenhaft dem Ruf zum Gebet Folge leisten werden, darf getrost in Zweifel gezogen werden.
So entspringt die unheilvolle Prophezeiung, es drohe die Islamisierung des Irak, einmal mehr dem Wunsch, man möge doch noch Recht behalten haben. Denn das Versagen des Nahost-Experten liegt im Expertentum selbst. Es fußt auf der Prämisse, dass Menschen sich nur im Kollektiv entfalten. Irakis hingegen, die die arabische Nation nicht in totaler Selbstaufgabe bis zur letzten Granate verteidigen, sind ihnen suspekt; Schiiten, denen ein gesichertes Einkommen und Bürgerrechte wichtiger sind als die Errichtung islamischer Staaten, können sie nicht verstehen. Die Hoffnung auf einen demokratischen Irak, der sich weder arabisch noch islamisch definiert, sondern als Nation seiner Bürger, ist daher eine Bedrohung nicht nur für die verbliebenen Regimes der Region, sondern auch für die deutschen Orientexperten. Sie würden endlich überflüssig werden.
Thomas Uwer arbeitet für die Solidaritätsorganisation wadi e.V., die unter anderem Frauenprojekte im Nordirak unterstützt (www.wadinet.de). |