Volltext

(Artikel * 2003) Küper, Sabine
Gruppenbild mit falschen Freunden In Irakisch-Kurdistan leben alte Konflikte munter fort
in iz3w Nr. 269 * Seite 4
Themen: Konflikt; Partei * Irak; Kurdistan * Dok-Nr: 142683
Kommentar

Gruppenbild mit falschen Freunden
In Irakisch-Kurdistan leben alte Konflikte munter fort

von Sabine Küper

Siegestaumel lässt in diesen Tagen so manchen in das Fettnäppchen stapfen. So vergrätzte General a.D. Jay Garner, zur Zeit US-amerikanischer Protektor der Provinz Irak, nicht nur irakische Araber, Turkmenen und Assyrer, sondern auch die türkischen Nachbarn, als er bei einem Besuch im nordirakischen Dokan mit Freudentränen in den Augen verkündete, Kirkuk sei jetzt endlich eine kurdische Stadt. Die Pressefotos zeigen Garner zwischen Jelal Talabani, dem Führer der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), und Mesut Barzani von der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP). Ein Gruppenbild von alten Freunden, denn Garner leitete 1991 die Operation zur Rettung des Nordirak, dem die Einrichtung einer autonomen Zone folgte ? zunächst vor allem als Heimstätte des CIA, der sich in Barzanis Residenzstadt Selahaddin ein Hauptquartier einrichtete. Im Süden hingegen überließ man die Schiiten, die den Aufstand versuchten, sich selbst und der Verfolgung durch den Diktator.
Das Gruppenfoto von Dokan ruft aber wegen der innerkurdischen Konflikte bei vielen Kurden gemischte Gefühle hervor: Hier liegt der Staudamm, der Kurdistan mit Strom versorgt. Seit Gründung der autonomen Zone streiten die beiden großen Kurdengruppen darum. Die PUK, in deren Gebiet der Staudamm liegt, möchte den Strom von der KDP bezahlt haben. Denn die KDP kontrolliert seit zwölf Jahren den Grenzübergang zur Türkei und kassierte bis zur Zuspitzung der Kriegsvorbereitungen täglich eine Million Dollar an »Zöllen« und Schmiergeldern. Die stammten vor allem aus dem Ölschmuggel, den man gemeinsam mit dem Saddam-Regime betrieb. Die palastähnliche Anlage, in der Mesut Barzani in Selahaddin residiert, wurde von diesem Geld finanziert.
Das irakische Regime konnte die kurdische Bevölkerung nie so gut terrorisieren wie zu Zeiten des Oil for Food-Programms der UN. Die Resolution 986 sah nämlich vor, dass die Lieferungen in den Irak zwar durch die UN kontrolliert wurden, die Verteilung der Güter und Mittel jedoch von Saddam Husseins Regierung koordiniert wurde. Und so wartet die Region Halabja, die 1988 von Husseins Luftwaffe mit Giftgas bombardiert wurde, bis heute auf ein Krankenhaus für die tausenden Menschen, die an den Folgeschäden leiden. Niemand wollte es bauen. Saddam Hussein hatte kein Interesse daran, die Folgen seiner Gräueltaten kurieren oder erforschen zu lassen. Die Kurden bestanden vergeblich darauf, dass ihr Anteil am Oil For Food Programm solche Projekte finanzieren sollte, bauten sich vom Schwarzgeld aber lieber Residenzen für ihre Führer. Und die UN blieb im Irak nie mehr als ein überbezahlter Verwaltungsapparat, in dem es sich niemand mit dem Diktator verscherzen wollte. Denn Saddam konnte UN-Mitarbeiter zur Persona non grata erklären und so um den lukrativen Job bringen.
Bis 1996 führten PUK und KDP Krieg miteinander: es ging um Geld und die Verteilung der Pfründe, die durch die besondere Situation des Irak nach dem zweiten Golfkrieg entstanden war. Ironischerweise wurde der Kurdenkrieg im Nordirak von Saddam Hussein beendet. Sein Geschäftspartner Barzani rief die Armee des Diktators 1996 zu Hilfe, weil die PUK in Erbil einmarschiert war, wo immerhin ein gemeinsames Parlament seit 1991 auf seine Abgeordneten wartete. Die irakische Armee überrollte daraufhin Irakisch-Kurdistan und nahm mit, was man an Opposition von Suleimania bis Erbil finden konnte.
Die Überreste der Hunderten von irakischen Militärs ermordeten und von den eigenen Landsleuten ans Messer gelieferten Kurden werden jetzt in Massengräbern in Mossul und Kirkuk gefunden. Sie stammten vor allem von der PUK, von der »Assyrischen Demokratischen Bewegung« (ADP) und der Turkmenenfront. Sie waren nur ?beiläufig? gefangen genommen und beseitigt worden, denn das eigentliche Ziel der irakischen Armee waren die vom CIA ausgebildeten kurdischen Agenten in Selahaddin. Mit einer Klappe hatte der Diktator somit viele Fliegen geschlagen. Die zweitausend Agenten schafften es zwar, in die Türkei zu fliehen. Sie wurden in die USA ausgeflogen, wo sie weiter an ihrem eigentlichen Auftrag, den Diktator zu stürzen, arbeiten konnten. Der amerikanische Geheimdienst hatte damals aber eine große Schlappe erlitten, die Jay Garner als Statthalter von George W. Bush jetzt glaubt gesühnt zu sehen. Doch derlei Triumphgefühle überdecken, dass im befreiten Irak noch längst kein Frieden eingekehrt ist. In Kirkuk entdeckten amerikanische Soldaten unlängst türkische Soldaten in Zivil, deren Auftrag es war, die von der Nachkriegsordnung benachteiligten Turkmenen zu bewaffnen.
Garner versicherte den Kurdenführern, im Post-Saddam-Irak werde es keine ethnischen Auseinandersetzungen mehr geben. Darauf hoffen nun vor allem auch die Turkmenen und Assyrer, die von den Konferenzen der Opposition vor Kriegsbeginn ausgeschlossen wurden. Die Assyrische demokratische Bewegung, die politische Vertretung der Minderheit orientalischer Christen, musste hilflos hinnehmen, dass die Opposition in einem Abschlusspapier beschloss, die Staatsreligion des Irak solle der Islam sein. Doch welcher Islam? Etwa jener der Schiiten, die nach dem Sturz des Diktators in Kerbela zu Tausenden »Tod den USA und Israel« schrien?
Der Protektor Jay Garner wird auch in Zukunft vor allem alte Freundschaften pflegen. Paternalistische Bande werden im befreiten Irak der Hauptantrieb des Wiederaufbaus sein. Ein demokratisches selbstverwaltetes System wird daraus über lange Zeit nicht entstehen können.


Sabine Küper ist freie Journalistin und lebt in Istanbul.