Volltext

(Artikel * 2002) Schäfer, Rita
Identitäten der Gewalt Geschlechterforschung im südlichen Afrika Geschlechterforschung im südlichen Afrika
in iz3w Nr. 260 * Seite 46 - 47
Themen: Gender; Frauen; sexualisierte Gewalt * Dok-Nr: 134914
Gender

Identitäten der Gewalt
Geschlechterforschung im südlichen Afrika

Statistisch gesehen wird in Südafrika alle 30 Sekunden eine Frau vergewaltigt. Die sexuelle Gewalt wird dabei ? wenn sie nicht geleugnet wird ? häufig als Folge traditioneller patriarchaler Gesellschaftsstrukturen gedeutet oder aber ausschließlich im Kontext aktueller struktureller Gewaltverhältnisse gesehen. Beide Erklärungen greifen zu kurz, wie diverse Forschungsergebnisse zeigen.


von Rita Schäfer

Seit wenigen Jahren gibt es im südlichen Afrika Ansätze zu einer regionalspezifischen Maskulinitätsforschung. Im Rahmen der Gender-Forschung analysiert sie die Geschlechterverhältnisse in früheren Siedlerkolonien sowie die Männlichkeit im Apartheidsstaat, um die heute vorherrschende Maskulinitätsdefinition zu dekonstruieren.1 Neben Forschern aus der weißen, englischsprachigen Mittelschicht sind auch einige afrikanische Wissenschaftler in diesem Bereich tätig; beide Seiten arbeiten an einem konstruktiven Dialog. Dabei steht die Auseinandersetzung mit Gewalt und Sexualität im Mittelpunkt.
Interviews mit Wanderarbeitern mittleren Alters zeigen, dass deren aggressive Sexualität ein zentrales Element zur Bewahrung ihrer Männlichkeit ist und einen Kontrast bildet zu den entwürdigenden Arbeitsbedingungen in den Goldminen. Auch die Wohnsituation in den Baracken der Minen-Gesellschaften, d.h. die extreme Enge und der Mangel an Privatsphäre in großen Schlafsälen, bewerten die Wanderarbeiter als Angriff auf ihre männliche Identität.
In Diskussionen mit jungen Männern, die als Befreiungskämpfer aktiv waren, werden die komplexen Verbindungen unterschiedlicher Gewaltebenen deutlich: Während der Apartheid verweigerte das rassistische Regime jungen Afrikanern den Schulbesuch, um so stärker definierten diese sich über den militanten Kampf gegen das Apartheidsystem. Dazu gehörte ein auf Gewaltbereitschaft ausgerichtetes Männlichkeitsbild, womit sie sich in den Townships Anerkennung verschafften. Bereits in den 1980er Jahren eskalierten die Übergriffe gegen die Township-Bewohner, insbesondere auch die sexuelle Gewalt gegen Mädchen und junge Frauen. Indem die Anti-Apartheidkämpfer traditionelle männliche Besitzansprüche über Frauen in politisch opportuner Weise interpretierten, schufen sie neue Machtverhältnisse, die sich nach der politischen Wende nicht einfach beseitigen lassen. Angesichts der Tatsache, dass die ehemaligen »Comrades« weiterhin ohne Ausbildung sind und daher keine Chance auf dem begrenzten Arbeitsmarkt haben, versuchen viele durch illegale Geschäfte und kriminelles Handeln an die für das Sozialprestige notwendigen Geldmittel zu kommen. Die Erfahrung, dass eigene Interessen gewalttätig durchsetzbar sind, wird häufig auch auf sexuellem Gebiet gemacht; aggressive Sexualität gilt nicht selten als Zeichen von Männlichkeit.2
Neue Studien bewerten die Gewaltbereitschaft als wichtiges identitätstiftendes Kriterium im Konflikt zwischen ANC- und Inkatha-Anhängern ? was eine hohe politische Brisanz dieser Maskulinitätsforschung nach sich zieht. Angesichts der Ausmaße von Jugendgangs ? in Kapstadt ist jeder Dritte Gangmitglied ? sind sowohl Polizei als auch Politik offensichtlich überfordert. Die in Untersuchungen zutage geförderten Hintergründe werden ignoriert und Statistiken heruntergespielt, da ein Strukturwandel den Einsatz umfassender finanzieller und personeller Ressourcen erfordern würde, über die die neue Regierung nicht verfügt.
Ähnliches betrifft die auf AIDS-Probleme bezogene Maskulinitätsforschung, die den gesellschaftlichen Einstellungswandel gegenüber der männlichen Sexualität mit Hilfe politischer Maßnahmen anmahnt. Die größtenteils vom Staat getragene Studie des Medical Research Council (MRC) widerlegt zwar zunächst die Annahme, dass die meisten Südafrikaner durch Gewalt umkommen: 40 Prozent der Menschen im Alter von 15 bis 49 Jahren starben laut MRC 2000 an Aids. Doch empirische Forschungen in den Townships der Großstädte zeigen auf, dass Gewalt und Aids eng miteinander zusammenhängen. Vor allem junge Mädchen werden häufig durch erzwungenen Sex infiziert, denn viele Männer betrachten Geschlechtsverkehr ohne Kondome als Zeichen ihrer Potenz und als Ausdruck ihrer Macht über Frauen.3
Auch die wenigen Studien, die es bislang zur Situation von Schwulen im neuen Südafrika gibt, halten politischen Entscheidungsträgern und der Gesellschaft den Spiegel vor, denn sie verdeutlichen, dass afrikanische Schwule trotz ihrer rechtlichen Gleichstellung weiterhin mit enormer Intoleranz und menschenverachtenden Vorwürfen konfrontiert sind. Diese beschränken sich keineswegs nur auf das öffentliche Leben, sondern setzen sich im privaten Bereich fort. Auf schwule Township-Bewohner, die sich outen, übt das soziale Umfeld einen starken Druck aus. Letzteres betrifft insbesondere die Gangs, die sich durch eine aggressive Männlichkeit definieren. Die vom zimbabwischen Präsidenten Mugabe schon vor Jahren angeheizte, und vom namibischen Präsidenten Nujoma neuerdings weitergeführte populistische Hetze gegen Schwule verdeutlicht, auf welchem politischen Minenfeld sich Maskulinitätsforscher bewegen, wenn sie die Probleme der Homosexuellen öffentlich diskutieren.
Auch die wichtigen Beiträge zum Verständnis von Geschlechterhierarchien im südlichen Afrika ? im wesentlichen übrigens von Wissenschaftlerinnen durchgeführt ? werden durch die politischen Rahmenbedingungen erschwert: In Südafrika steigt seit der Amtsübernahme Mbekis als Staatspräsident der Druck zur politischen Korrektheit. Der regierende ANC propagiert lautstark ein nicht-sexistisches Südafrika, als ob dieses Ziel bereits erreicht wäre. Mit der Dokumentation der massiven Geschlechterkonflikte, die beispielsweise die Vergabe von Landrechten an Frauen beeinträchtigen und sich in körperlicher bzw. sexueller Gewalt niederschlagen, machen sich die Sozialanthropologinnen keineswegs Freunde in Regierungskreisen. Ähnlich müssen in Zimbabwe politisch engagierte Forscherinnen, die ? aufbauend auf ihre Studien ? konkrete rechtliche Verbesserungen für Frauen fordern, seit Jahren Anfeindungen von Regierungsseite standhalten, was in der internationalen »Scientific Community« nicht wahrgenommen wird.4
Unabhängig von ihrer Herkunft liegt allen aktuellen Geschlechterstudien in der Region die Prämisse zugrunde, dass die Geschlechterhierarchien nicht isoliert betrachtet werden können, sondern nur durch die Interdependenzen mit Klassen- und Rassendifferenzen zu verstehen sind, d.h. Afrikanerinnen oder »Coloured«-Frauen werden sowohl wegen ihrer sozialen Herkunft als auch wegen ihres Geschlechts diskriminiert; davon sind insbesondere Frauen der unteren Einkommensgruppen betroffen, denen der soziale Aufstieg angesichts ihrer geringen Ausbildung verwehrt ist.

Anmerkungen:

1 Journal of Southern African Studies, vol. 24, no. 1, 1998 (special issue on masculinities in Southern Africa). Agenda, no. 37, 1998 (issue on men and masculinities in South Africa). Shire, Chenjerai: Men don?t go to the moon, Language, space and masculinities in Zimbabwe, in: Cornwall, Andrea / Lindisfarne, Nancy (eds.): Dislocating masculinity, Comparative ethnographies, Routledge Publishers, London, 1994, S.147-158.

2 Morrell, Robert (ed.): Changing men in Southern Africa, Zed Books, London, 2001.

3 Wood, K. / Maforah, F. / Jewkes, R.: »He forced me to love him«, Putting violence on adolescent sexual health agendas, in: Social Science and Medicine, 47, 2, 1998, S.233-242.

4 Meena, Ruth (ed.): Gender in Southern Africa, Conceptual and empirical issues, Sapes Books, Harare 1992.


Rita Schäfer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie an der FU-Berlin. Themenschwerpunkte: Frauen und Geschlechterforschung in Afrika, ländliche Entwicklung. Aktuelles Forschungsprojekt: Frauen-Rechtsorganisation und Gewalt gegen Frauen in Südafrika.