Radikaler Islamismus
Jihad im Internet
Islamistische Ideologen im virtuellen Raum
von Rüdiger Lohlker
Der Begriff des Jihad ist seit jeher ein schillernder. Von Muslimen, die den Islam als genuin friedfertig darstellen wollen, wird der Jihad als Streben des Individuums nach ethisch-moralischer Vervollkommnung begriffen und nur im extremsten Falle als Verteidigungskrieg gerechtfertigt. Auf der anderen Seite steht das Verständnis eines Jihads, der alle Hindernisse für die Ausbreitung des Islams beseitigen will. Dies kann den Krieg sowohl gegen »Ungläubige« als auch gegen eine muslimische Herrschaft legitimieren, die den Jihad-Kämpfern als »unislamisch« gilt. Entwickelt wurde diese radikale Auffassung vom Jihad in erster Linie von dem Pakistani al-Maududi und dem Ägypter Sayyid Qutb (s. S. 14 in diesem Heft). Vertreten wird sie heute vor allem von den »Jihadis«, so die in englischsprachigen Texten verwendete Selbstbezeichnung der Verfechter eines militanten Kampfes gegen alle »Feinde des Islams«. Mit Worten und Bildern führen die Jihadis ihren Kampf auch im Internet.1
Blutende Websites
Einer der führenden Ideologen und Aktivisten des modernen Jihads dürfte der 1989 in Pakistan ermordete Palästinenser Abdallah Azzam gewesen sein. Seinen Namen trägt denn auch eine Website, die sich bis vor kurzem hauptsächlich dem Tschetschenienkonflikt gewidmet hat. Nachdem die von ?Azzam Publications? betriebene Website nach dem 11. September 2001 vom Netz genommen wurde, ist sie jetzt ? zumindest zeitweilig ? wieder direkt erreichbar (www.azzam.org/). Fotostrecken dokumentieren Aktionen in Tschetschenien, hauptsächlich Verluste auf russischer Seite. Auf einem Bild wird etwa die Lunge eines russischen Soldaten als Trophäe geschwenkt. Erfasst werden mittlerweile aber auch weitere Länder: Bosnien, Afghanistan, Palästina, Irak oder die Philippinen. Die Texte berichten vor allem über die Aktivitäten von Märtyrern, also getöteten Jihadkämpfern. Außerdem werden aktuelle Nachrichten vermittelt. Da die für den Jihad-Islam zentrale und repräsentative ?Azzam Publications? eine erneute Schließung erwartet, forderte sie dazu auf, ihre Inhalte über andere Websites, Diskussionsgruppen, oder via E-mail weiter zu vermitteln.2
Ähnlich strukturiert wie ?Azzam Publications? war eine ebenfalls vom Netz genommene indonesische Seite. Sie fiel durch ihr Design auf: Rote Querbalken unterteilten die Seite, von denen in einem fort Blutstropfen herabfielen. Ebenso vom Netz genommen ist die Website »Jihaad ul-Kuffari wal Munafiqeen« (Jihad gegen die Ungläubigen und die Heuchler). Sie bot eine Vielzahl von Texten zu Problemen der modernen Jihadbewegungen an. Das Website-Motto, ein Zitat von Abdallah Azzam, ist charakteristisch für die Mehrzahl der Jihad-Gruppen: »Nur der Jihad und das Gewehr. Keine Verhandlungen, keine Konferenzen, keine Dialoge«. Nach diesem Motto verfährt auch die Site »The Defenders of Sahabah«: Unter zwei aufgerichteten Schwertern auf ihrer Eingangsseite publiziert sie einen Text, in dem ein pakistanischer Religionsgelehrter erklärt, dass die Ablehnung des Jihad mit Unglauben gleichzusetzen sei (www.geocities.com/Athens/Oracle/ 9684/jihad-denial.htm). Andere Webseiten zeigen eine Kalaschnikow vor einem Koran ? für die Jihadis ist der Jihad ganz offenkundig der bewaffnete Kampf gegen »Ungläubige« und als »Heuchler« denunzierte Muslime.
Auch private Sites widmen sich dem Jihad. Beispiele für Nachrichten und Märtyrerberichte aus Tschetschenien bietet »ibnfarooq. tripod.com« (www.ibnfarooq.tripod.com/news.htm) oder ? incl. anderer einschlägiger Texte ? »Abuz-Zubair al-?Azzami?s Home Page« (www.abuzubair.com/index.html). Weitere Seiten mit ausführlichen Texten zum Jihad (u.a. Azzams »Join the Caravan«) sind auf der »al-Ribat«-Site (www.alribat.com) sowie über das »Islamic Hypermart Net« zu finden (www.islamic.hypermart.net/index.html). Recht instruktiv ist hier der Text über »Sisters Role in Jihad« und »How can I train for Jihad«. Eine australische Organisation, die das Webzine ?Nidaul Islam? unterhält, distanziert sich zwar von der Unterstützung terroristischer Aktivitäten, bietet aber reichlich Informationen und Interviews zu Jihadaktivitäten ? eine Gewichtung, die im arabischen Teil des Webzines noch deutlicher wird (www.islam.org.au). In mehreren Sprachen präsentiert sich auch die Organisation Hizb at-tahrir (www.hizb-ut-tahrir.org) und auf Arabisch die ägyptische Gamaat
al-islamiya (www.almurabeton.org).3
Kampf der Schwäche
Was sind die Charakteristika der über diese Sites verbreiteten Jihad-Ideologie? Wer konkrete Gesellschaftsentwürfe erwartet, wird enttäuscht. Was aufscheint ist ein allgemeines Unbehagen, ein Gefühl der gesellschaftlichen Malaise, die nicht recht greifbar ist. Im Gegensatz zu eher national orientierten Organisationen, die wie die palästinensische Hamas oder die libanesische Hizbullah auf ein gewisses Maß an Programmatik nicht verzichten können, hat die hier skizzierte und die Prinzipien des Jihad-Diskurses vorgebende internationalistische Jihad-Strömung daran kein Interesse.
Das auffälligste Element dürfte wohl die Todessehnsucht sein. In den Berichten von ?Märtyrern? wiederholt sich die Vorstellung, Jihadis würden mit einem Lächeln auf den Lippen sterben. Auch die Fotos getöteter Aktivisten zeigen die Faszination des Todes. Hier kommt die extreme Form der immer wieder proklamierten Ablehnung der Welt zum Ausdruck. Insbesondere die Angst vor der »Korruption« durch das westliche ?Luxusleben? tritt häufig auf. Der arabische Feldkommandant al-Khattab beschwert sich darüber hinaus über den Einfluss der Familien von Jihadis ? auch seine Mutter bedränge ihn immer noch, doch nach Hause zurückzukehren.
Die so dargestellte Welt ist eine Welt voller Feinde, die den Islam und die Muslime schwächen. Immer wieder weisen die Texte darauf hin, dass die Muslime in ihrer jetzigen Situation, nicht in der Lage seien, wirklich islamisch zu leben: »Die Erscheinung der Schwäche im Glauben hat sich unter den Muslimen ausgebreitet ... Viele Muslime zeigen die Symptome dieser Krankheit, die der Ursprung aller Katastrophen und der Grund für alle Schwierigkeiten und alles Unglück ist.«
Befördert werden diese Schwäche im Glauben und der moralische Verfall, der sich etwa in der »Hingabe an Sexualität« ausdrücke, nach Überzeugung der Jihadis unter anderem durch die Medien und durch die Übernahme westlicher Rechtssysteme seitens der bestehenden Regierungen. Außerdem verantwortlich gemacht werden das Erziehungswesen ? »Das Erziehungssystem ist ein typischer Ort, an dem die Indoktrinierung beginnt« heißt es etwa auf besagter australischer Website ? oder die Präsenz beider Geschlechter im öffentlichen Raum: »Vielleicht stellt dies die größte Gefahr für den Muslim dar.«
Kernpunkt jeglicher Jihad-Agitation ist der Versuch, Personengruppen für die Schwächesymptome verantwortlich zu machen: »Diejenigen, die Unzucht betreiben, die Homosexuellen, diejenigen, die den Jihad aufgeben, die verwerfliche Neuerungen einführen und die Alkoholiker wie auch die, die sich mit ihnen zusammentun, sind eine Quelle des Unheils für die Religion des Islams.« Hier finden wir auch eine weitere spezifische Ausdrucksform gesellschaftlichen Unbehagens: den Antisemitismus. So sucht ein langer Internet-Text zu belegen, dass die US-amerikanischen Medien, die Filmindustrie und das Fernsehen von Juden beherrscht seien: »Es gibt heute auf der Welt keine größere Macht als die von den Manipulateuren der öffentlichen Meinung in Amerika ausgeübte. Kein König oder Papst früherer Zeiten hat jemals über eine Macht verfügt, die auch nur annähernd der der wenigen Dutzend Männer gleichkommt, die Amerikas Massennachrichten und -unterhaltungsmedien kontrollieren. Ihre Macht ist weit entfernt und unpersönlich...« Der Text bemüht sich in der Folge nachzuweisen, dass Juden als Vorstandsvorsitzende, Manager, Eigentümer die Kontrolle über die US-Medien ausüben (Zitate aus »Jihaad ul-Kuffari...).
Der rechte Weg
Diesen äußeren Mächten tritt in den Jihad-Texten die Abgrenzung vom ?westlichen? Lebensstil gegenüber. Auf ihn reagieren sie mit Destruktion und Autodestruktion, sowie der Ideologie eines einfachen Lebens. Es ist ein geradezu verzweifeltes Bedürfnis zu spüren, jeglichen »fremden« Einfluss auszuschalten und die Muslime und ihre Familien abzuschotten ? ein Bestreben, das als Begierde dieser muslimischen Männer erscheint, ihre (Körper-)Grenzen vor Auflösung in der ?westlichen? Kultur zu bewahren, die zugleich abstößt und attraktiv ist. Dabei taucht ?männliche? Tapferkeit immer wieder als hoher Wert auf. Schwerste Kriegswunden etwa werden als nicht bedeutsam abgetan. Konsequenterweise wird Homosexualität dämonisiert. Einer der längsten Texte auf den »Jihaad al-Kuffaar...«-Seiten behandelt die gesundheitlichen Gefahren homosexuellen Verhaltens ? gestützt im wesentlichen auf US-amerikanische medizinische Artikel. Die zusammengeschweißte Einheit muslimischer Männer läuft an der Spitze in der Figur des ?Befehlshabers der Gläubigen?, des amir al-muminin, zusammen. Von dessen »Rechtleitung« sind Wohl und Wehe des Jihadkämpfers abhängig. Folgt der Jihadi seinem Befehlshaber, siegt er über die Welt, folgt er ihm nicht, geht er in der Welt unter ? Allmacht, die sich mit Ohnmacht verbindet.
Immer wieder zeichnen sich die Jihad-Texte durch diese Gedankenfolge aus: Die Muslime sind schwach und nur wenn sie sich für den Islam in der Jihad-Auslegung entscheiden, sind sie stark, ja existieren überhaupt erst. Hier drängt sich allerdings die Frage auf, warum denn dann so wenige Muslime bisher den Weg in die Reihen der Jihadis gefunden haben. Als Schuldige treten dabei vor allem die Regime der muslimischen Staaten auf. Sie seien Pseudo-Muslime; als Glaubensabtrünnige gebrandmarkt werden sie ebenfalls zum Ziel des Jihad. Letztlich ist aber die moralische Schwäche des einzelnen Gläubigen verantwortlich, der alleine nicht fähig zu sein scheint, den Weg des Jihads zu beschreiten und so zu einem richtigen Muslim zu werden. Er benötigt Anleitung ? auch via Internet.
Anmerkungen:
1 Die meisten Strömungen des zeitgenössischen Islams sind inzwischen im Internet präsent. Trotzdem liegen bislang wenig Analysen vor. Ausnahmen sind: Lohlker (2000), R. u.a.: Islam im Internet. Neue Formen der Religion im Cyberspace, Hamburg (überarb. und erweit. Neuaufl. i. Dr.); sowie Bunt (2000), G.: Virtually Islamic. Computer-mediated Communication and Cyber Islamic Environments, Cardiff.
2 Reden von Abdallah Azzam (in arabischer Sprache) finden sich auf der kanadischen Website »Islamway.com« (www.islamway.com/), die sich an anderer Stelle ihrer Site allerdings vehement gegen Extremismusvorwürfe verwahrt. Englischsprachige Interviews mit Abdallah Azzam sind z.B. auf dem Rechner einer US-Universität zu finden (www-lib.usc.edu/~jnawaz/ISLAM/ JIHAAD/Azzam.Jihad.html).
3 Nicht betrachtet werden können hier die zahlreichen algerischen, kaschmirischen, pakistanischen, palästinensischen, südostasiatischen, tschetschenischen Seiten u.a.m. Zur Orientierung s. den fortlaufend aktualisierten Katalog ?Islam im Internet? (www.gwdg.de/~arabsem/Katalog2.htm).
Rüdiger Lohlker ist Islamwissenschaftler und arbeitet seit längerem zum Islam im Internet. |