Volltext

(Artikel * 2001) Backes, Martina
Eine Galerie voller Fiktionen Zeugnisse der westlichen Traumbilder von Tibet westliche Traumbilder von Tibet
in iz3w Nr. 257 * Seite 45 - 45
Themen: Tibet * Dok-Nr: 134375
Rezensionen / Zeitschriftenschau


..Rezensionen

Eine Galerie voller Fiktionen
Zeugnisse der westlichen Traumbilder von Tibet

von Martina Backes

Der Held des Hollywood-Streifens Sieben Jahre in Tibet, ein ehemaliger NS-Bösewicht, ist am Ende »erfüllt von der tiefen und mächtigen Gegenwart des Lebens«. Die spürt er immer dann, wenn der Dalai Lama in seiner Nähe ist. Das denkbar Schlimmste des Bösen (ein Nationalsozialist) wird im idyllisch verfilmten Tibet zum Guten geläutert ? zum erleuchteten Superman. Nichts und niemand, so die Botschaft, kann sich dem positiven spirituellen Fluidum Tibets entziehen. Die Kritiker des Films bissen vor allem auf die nationalsozialistische Vergangenheit der Hauptfigur an und lieferten der heiklen Frage nach der Verbindungen der Nazis zu Tibet neuen Zündstoff. Der in dem Film ? wie in unzähligen anderen Inszenierungen ? bemühte Mythos einer geheimen, reinigenden Macht, die Tibet innewohne und in pazifistischer Erleuchtung daherkomme, blieb hingegen völlig unreflektiert. Dabei ist gerade dieser nahezu okkultisch-spirituelle Glaube an höchste Werte und reinste Kräfte ein Element, auf das die angebliche Nähe der Nazis zu Tibet und die Legende über eine tibetische Abstammung der Arier ? die Ariosophie ? gründen. Warum also macht dieser Mythos nicht skeptisch?
Das Buch Traumwelt Tibet ? Westliche Trugbilder geht den Fantasien und Mythen, die sich die westliche Welt im Laufe vieler Jahrhunderte rund um Tibet gebaut hat, gerade auch in Bezug auf nationalsozialistische Strömungen ordentlich auf den Grund. Es legt anhand hervorragend recherchierter Details über die Entstehung von Tibet-Fiktionen in Filmen, Romanen und Comics, aber auch in frühen Reise- und Forschungsberichten die jeweils zeiteigenen Sehnsüchte von Pilgern, Theosophen und Wissenschaftlern offen. Die LeserInnen erfahren Unglaubliches über eine lange Tradition des fast durchweg positiv rassistischen Tibetbildes des Westens, das noch heute faschistische Ideologien nährt: Frühe Formen eines religiösen Rassismus und die theosophische Rassenlehre werden als Vorboten nationalsozialistischer Tibet-Fantasien offenkundig und zugleich die Verbindungslinien der Nazis zu Tibet entschleiert. Dabei ist der Einblick in die Wirkungsmacht ideologischer Mythen das eigentlich Erschreckende.
Die sakralen Tibet-Vorstellungen sind heute keineswegs mehr nur wenigen privilegierten Pilgern oder Ethnografen vorbehalten: Durch die Kommerzialisierung Tibets hat die gesamte Gesellschaft des Westens Anteil an den Versprechungen ihrer selbstgezimmerten Fiktionen. Tibetische Weisheit und Reinheit, spirituelle Kräfte oder ganz einfach der Glaube an emotionale Intelligenz und eine gefühlsbetonte Gelehrtheit jenseits des Rationalen sind als beliebte Stilmittel in allen möglichen kulturindustriellen Produkten eingeschrieben ? in Filmen und Comics, in Romanen und New-Age Bewegung, esoterischen Produkten, touristischen Angeboten oder in der Auto- und Computerwerbung. Ganz offensichtlich ist diese Symbolik äußerst attraktiv, sonst könnten Apple Computer und Automobilhersteller nicht mit buddhistischen Lamas für die Perfektion ihrer Produkte werben. Die akkumulierten Traum- und Zerrbilder sind heute allerorts konsumierbar geworden, mehrjährige Tibetaufenthalte und Askese nicht mehr nötig. Der Kauf bestimmter Waren verspricht den Erwerb des entsprechenden Images.
Martin Brauen beabsichtigt keineswegs, den Mythen das ?wahre? Tibet entgegenzuhalten. Vielmehr enträtselt er anhand einer beeindruckenden Vielfalt ganz unterschiedlicher Objekte ? meist kultureller Produkte und darin eingeschriebener Überzeugungen ? abstruse, zuweilen gefährliche Fiktionen. Er zeigt, woher die Zerrbilder kommen und wie tief sie in der westlichen Vorstellung verankert sind. Auf Tibet wurde seit jeher die imaginierte Vollkommenheit der eigenen Gesellschaft projiziert, sei es im religiösen Rassismus eines auf dem Dach der Welt vermuteten makellosen Christentums zur frühen Pilgerzeit oder der theosophischen Geheimlehre (gemeint ist die Vereinigung von Wissenschaft, Religion und Philosophie) als Quelle arischer Ursprungsmythen.
Mit dem Aufkommen gesellschaftskritischer Stimmen als Folge der Verunsicherung durch die industrielle Revolution und der Infragestellung religiöser und moralischer Werte durch einen sich ausweitenden Wissenschaftsrationalismus galt Tibet als der Ort des Anderen ? also all jener Fähigkeiten, die der eigenen Gesellschaft offensichtlich abhanden gekommen waren. An der Glorifizierung hatte sich damit allerdings nichts geändert ? Tibet wurde immer neu als Gegenwelt zum Diesseits stilisiert. Auch für politische Visionen jeglicher Couleur musste Tibet herhalten. Was dort seit 1949 vor sich ging, war für viele symbolisch für das Schicksal der ganzen Welt: Es spielte sich ein »Kampf zwischen Mensch und Maschine, geistiger Freiheit und materieller Macht, der Weisheit des Herzens und dem intellektuellen Wissen des Hirns, zwischen der Würde des Individuums und dem Herdeninstinkt der Masse...« ab. Wie und wieso diese Pazifismusmythen funktionieren, ist das eigentlich Spannende: So behandelt das Buch, inwieweit hier subtil die David-Goliath Metapher ? das kleine aber gerechte Tibet gegen das herrschende Böse ? als religiöses Erklärungsmuster und Hoffnungsträger psychologisch und ideologisch wirkt.
Am Ende ist offensichtlich: Ob Pilger, Ethnografen oder Theosophen, Autofahrer oder Computerhersteller, sie alle beziehen sich bei der Schaffung der Symbolik Tibets auf Deutungen und Muster, die ihren eigenen Begierden und Bedürfnissen entlehnt sind. Dass Tibet früher als nicht kolonisiert galt und ein dort evolutionistisches und hierarchisches Weltbild erkenntnisleitend war, hat vermutlich zur Bildung positiver Vorurteile, Überhöhungen und Rassefantasien beigetragen. Die Auswirkungen dieser positivrassistischen Wahrnehmung und der Ent-Ortung Tibets in die Welt westlicher Fiktionen und Waren macht eine Kritik an den tatsächlichen Verhältnissen im Land so schwierig. Auch oder gerade weil die gedachten Tibetbilder mit dem geografischen Tibet nichts zu tun haben, sind sie der politischen Sache Tibets hinderlich und nähren die Idealisierung des vergangenen Tibet immer wieder aufs Neue. Wenn es stimmt, dass erst die Einsicht ins fiktionale Tibet als gleichsam ideologisierten Begriffsraum den Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse frei macht, dann trägt Traumwelt Tibet dazu wesentlich bei.

Martina Backes ist Mitarbeiterin von FernWeh ? Forum Tourismus und Kritik im iz3w.

Martin Brauen: Traumwelt Tibet ? Westliche Trugbilder. Verlag Paul Haupt, Zürich 2001. 76 DM.