Ethnologie
Unter dem Pflaster
Die Ethnologie in der Stadt
Die Ethnologie bezieht sich auf Kategorien wie »Volk« oder »Ethnie«, die ihr als naturhaft gelten. Nicht zufällig forschte sie daher bei Gruppen, die zurückgezogen in tropischen Wäldern oder unwirtlichen Savannen lebten. Seit immer mehr Menschen das Land verlassen, hat die Ethnologie den »unnatürlichen« Lebensraum der Stadt entdeckt. Doch ihre statischen Konzepte helfen bei der Interpretation von dynamischen Diffenzierungsprozessen etwa in den Global Cities nicht weiter. Sie sucht daher nach neuen Ansätzen, um der Vielschichtigkeit urbaner Vergesellschaftung gerecht zu werden.
von Angela Stienen
Die Aussage von Aristoteles, die Stadt bestehe aus unterschiedlichen Arten von Menschen, denn ähnliche Menschen brächten keine Stadt zusammen, spricht an, was als Leitmotiv die ethnologische Stadtforschung prägt: das Thema des kleinräumigen Neben- und Miteinanders von Differenz in einem gebauten Raum, der gleichzeitig große Nähe und große Distanz ermöglicht und nötig macht.
Welche menschlichen Erfahrungen und Konflikte bringt ein solcher Lebenskontext hervor? Dies ist eine der Hauptfragen, die EthnologInnen an die Stadt stellen. Soll in der Stadt geforscht werden, das heißt, soll in räumlich abgegrenzten, überschaubaren Einheiten das Neben- und Miteinander einzelner, deutlich definierter Communities ? zum Beispiel Obdachlose, Jugendgangs, ImmigrantInnen ? untersucht werden? Oder soll die Stadt als Ganzes zum Untersuchungsgegenstand gemacht und danach gefragt werden, was denn die städtische Lebensform ausmacht, im Gegensatz zur ländlichen? Die Problemfelder, die sich hinter diesen Fragen verbergen, sind bis heute nicht überwunden. Sie sind konzeptueller und methodischer Natur.
Konzeptuell wohnt der Community-Forschung, welche meist einer isolierten Betrachtung einzelner Phänomene in abgesonderten Räumen gleichkommt, die Gefahr inne, sowohl den untersuchten Raum als auch die betrachtete Community zu essentialisieren. Das heißt, dass Räume wie zum Beispiel der Stadtteil als Behälter sozialen Geschehens wahrgenommen werden und die Community als eine in sich geschlossene, wesenhafte Einheit betrachtet wird. Doch auch die Fokussierung auf typisch städtische Lebensformen ist problematisch. Die Stadt wird dadurch mit einer Institution gleichgesetzt, die sich idealtypisch charakterisieren lässt, etwa durch Größe, Dichte, Heterogenität und bestimmte Formen sozialer Interaktion, und sie wird einer genauso idealtypisch definierten ländlichen Lebensform gegenübergestellt. Kann überhaupt von einer Wesenhaftigkeit des räumlich-sozialen Gebildes Stadt ausgegangen werden? Und was ist angesichts der globalen Vernetzung von Gütern oder Informationen heute noch Stadt, was ist Land? Sind physisch-materieller Raum und Ort überhaupt aussagekräftige Untersuchungseinheiten?
Von der Unwirtlichkeit ?
Die Assoziationen, die der Begriff Stadt weckt, spiegeln hauptsächlich ihre Materialität wider: Asphaltdschungel, Wohnmaschinen, Bürokomplexe, überbordender Verkehr sind Bilder, die immer wieder im Zusammenhang mit Stadt genannt werden. »Unter dem Pflaster liegt der Strand« war ein wichtiger Slogan der 1980er Jugendbewegung. Sie drückte ihre Kritik an der Stadt in der Weise aus, wie dies KritikerInnen seit jeher getan haben, nämlich mittels eines größtmöglichen idealtypischen Kontrastes: Betonwüste versus unberührte, exotische Natur. Dennoch war die 1980er Jugendbewegung eine urbane soziale Bewegung. Sie bejahte die Stadt und suchte genau das wieder herzustellen, was in ihren Augen die Stadt erst zur Stadt macht: größtmögliche Öffentlichkeit für größtmögliche Differenz. Denn erst das Absterben von Öffentlichkeit und damit verbunden der zunehmende Verlust von öffentlichen Räumen hätten die Stadt zur Unstadt, zu einem anonymen, unwirtlichen Moloch gemacht.
Die Stadt in diesem Sinne wieder zur Stadt zu machen, ist heute nicht mehr allein die Forderung von Protestbewegungen. Vielerorts ist dies das Ziel von Maßnahmen zur Neuschaffung, Restrukturierung und Ästhetisierung des öffentlichen Stadtraumes. Dabei steht die Einsicht im Vordergrund, dass die Materialität des Städtischen und damit die sinnliche Erfahrung von Stadt von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind, auch für die Erhaltung von Öffentlichkeit.
Nicht nur ethnologische StadtforscherInnen gehen gemeinhin davon aus, dass sich der Zustand einer Gesellschaft anhand des städtischen sozial-räumlichen Gewebes ablesen lässt. Denn in der Stadt konzentrieren und verstärken sich die allgemeingesellschaftlichen Probleme, und in den Städten entstehen neue Formen gesellschaftlicher Repräsentation. So waren die Städte seit jeher Knotenpunkte im komplexen Beziehungsgeflecht der sich globalisierenden Welt. Ihre Bedeutung hat durch die Beschleunigung und Verstärkung der transnationalen Beziehungen zugenommen. Das Grundthema der ethnologischen Forschung über die Stadt ? die Erfahrungen und Konflikte im städtischen Lebenskontext ? wird davon jedoch nicht berührt.
Mit welchen Methoden aber können transnationale Beziehungen und nicht lokal definierte Gruppen im städtischen Kontext untersucht werden, wenn gleichzeitig dem Anspruch genügt werden soll, die Bedeutung von Lokalität, d.h. von städtischer Materialität und deren sinnlicher Wahrnehmung und Aneignung mit zu thematisieren? Wie soll der Forderung nachgekommen werden, die Einbindung der Städte in überlokale Zusammenhänge genauso zu berücksichtigen, wie die Bedeutung von Stadtbildern und Stadtvorstellungen sowie die in konkreten Stadtvierteln erfahrbaren Praktiken der Ein- und Ausgrenzung? Sollte die ethnologische Stadtforschung nicht vor der Tatsache kapitulieren, dass die Stadt nichts anderes ist, als der räumliche Ausdruck einer Überlappung vielfältiger sozialer Felder, mit denen sich andere Teilbereiche der Ethnologie in viel differenzierterer Weise auseinandersetzen, wie zum Beispiel Migration, Ethnizität, Jugendkultur, Architektur, um nur einige wenige zu nennen? Hat die Stadtethnologie als separates Untergebiet der Ethnologie überhaupt noch ihre Berechtigung? Zumindest letztere Frage kann mit ja beantwortet werden, denn nirgends lässt sich das Wechselspiel zwischen gebautem und sozialem Raum in gleicher Weise untersuchen wie in Städten. Diese werden in den unterschiedlichsten kulturellen Kontexten als besondere räumliche und soziale Gebilde wahrgenommen, die eine komplexe, vielschichtige Zeichenhaftigkeit aufweisen.
? zur Umstrukturierung
Die ethnologische Stadtforschung wird heute oftmals thematisch entlang von Stadtmetaphern organisiert. So befasst sie sich entlang von Bezeichnungen wie Ethnic City und Gendered City damit, wie ImmigrantInnen, ethnische Minderheiten oder Frauen den städtischen Raum wahrnehmen und prägen, und welche Rolle dabei staatliche, politische, planerische und physisch-materielle Interventionen spielen. Bilder wie das der deindustrialisierten Stadt und der geteilten Stadt fassen Forschungen zusammen, welche sich mit den ökonomischen Umstrukturierungsprozessen ehemaliger Industriestädte und deren Folgen befassen, wie etwa neuen Verarmungs- und sozialräumlichen Segregationsprozessen. Die sozial-räumlichen Auswirkungen der Informationstechnologien und der globalen Finanzströme sowie die Herausbildung transnationaler Communities sind Thema der Forschungen über die Global City und die Informational City. Die Contested City und die Befestigte Stadt sind Metaphern für städtische Konflikt- und Widerstandsformen und die neuen kollektiven urbanen Spektakel, mittels welcher konkurrierende Gruppen den öffentlichen und privaten Stadtraum symbolisch und physisch-materiell neu strukturieren. Unter dem Schlagwort Postmoderne Stadt können all jene Studien zusammengefasst werden, welche die Architektur- und Planungsparadigmen der Moderne und Postmoderne und deren jeweilige lokale sozialräumliche Auswirkungen analysieren.
Auch in der ethnologischen Stadtforschung hat sich damit eine Perspektive durchgesetzt, welche die lokalen Auswirkungen der gegenwärtigen Globalisierungsprozesse ins Zentrum der Analyse rückt. Gleichzeitig zeigt sich, dass sich in der Stadtforschung sowohl die Themenfelder als auch die Paradigmen und Methoden der verschiedensten Disziplinen ? etwa der Politischen Ökonomie, der Architektur- und Planungswissenschaften, der Soziologie, Ethnologie und Kulturgeographie und der Literaturwissenschaften ? immer stärker überlappen.
Als typische Methoden der ethnologischen Stadtforschung gelten nach wie vor die teilnehmende Beobachtung, die ethnographische Beschreibung sowie die Arbeit mit narrativen Interviews. Bedeutung erlangt hat auch die Erfassung von Mental Maps, d.h. von metaphorischen Repräsentationen, die Aussagen über die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen städtischer Räume geben sollen. Dadurch wird die physische durch eine symbolische Kartographie ergänzt. Auch die zu ähnlichen Zwecken durchgeführte, stärker visuell ausgerichtete Methode des Fotointerviews ist zur beliebten Erhebungsmethode in der ethnologischen Stadtforschung avanciert.
Dekonstruktion der Stadt
Auch ältere Methoden finden heute noch Verwendung. So zum Beispiel die Situationsanalyse, bei der ein bestimmtes urbanes Ereignis wie die Loveparade untersucht wird, um städtische Interaktionen und Kommunikationsformen zu verstehen. Genauso hat die Netzwerkanalyse in der ethnologischen Stadtforschung erneut an Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt, weil die sozialwissenschaftlichen Computerprogramme die Verarbeitung größerer Datenmengen ermöglichen und weil die transnationale Vernetzung eines der wichtigsten Untersuchungsfelder der aktuellen Stadtforschung ist.
Die Ethnologie hat sich in der Konfrontation mit dem »Fremden« als Wissenschaft konstituiert. Im Zuge der Globalisierungsprozesse und sich weltweit zuspitzender gesellschaftlicher Widerspüche haben die »Fremden« immer stärker gegen die verschiedenen Formen von Fremdbestimmung rebelliert ? und damit auch gegen wissenschaftlich legitimierte Fremdzuschreibungen. Genau aus diesem Grund hat die Ethnologie früher und vielleicht radikaler als andere Wissenschaftsdisziplinen die Prozesse der Selbstreflektion und Selbstkritik durchlaufen. Nicht nur Dichotomien wie etwa »Kultur« versus »Natur«, »fremd« versus »eigen«, »männlich« versus »weiblich« wurden kritisch hinterfragt, sondern auch fundamentale Konzepte des Faches wie zum Beispiel »Ethnie«, »Volk« oder »kulturelle Identität«. Die kritische Dekonstruktion von essentialistisch gedachten Bedeutungen und die Forderung, dass diese Konzepte situations- und kontextabhängig zu fassen sind, haben dazu beigetragen, dass die gesellschaftliche Rolle der Ethnologie heute anders wahrgenommen wird.
Städte gelten als Orte von Innovationen, weil sich hier Visionen und Debatten sowie globaler und lokaler Wandel verdichten. Die (ethnologische) Stadtforschung trägt ihren Teil dazu bei: durch die Konfrontation und Interaktion von Konzepten und Methoden unterschiedlicher Disziplinen wird die Stadt als gemeinsamer Untersuchungsgegenstand immer wieder neu geschaffen.
Angela Stienen arbeitet am Institut für Ethnologie an der Universität Bern. |