Volltext

(Artikel * 2001) Niehaus, Inga
Unüberbrückbare Differenzen? Muslimische Minderheiten im säkularen Staat Südafrikas Südafrika: muslimische Minderheiten im säkularen Staat
in iz3w Nr. 257 * Seite 18 - 20
Themen: Südafrika; Minderheiten * Dok-Nr: 134363
Südafrika

Unüberbrückbare Differenzen?
Muslimische Minderheiten im säkularen Staat Südafrikas

Die Selbstinszenierung als »rainbow nation« widerspricht der zunehmenden Zerrissenheit der Gesellschaft Südafrikas. Das Beispiel der muslimischen Minderheit zeigt, wie Bevölkerungsgruppen ihre partikularen Interessen und Rechte in den Vordergrund stellen. Dabei ist das muslimische Lager aber auch in sich gespalten. Das verdeutlichen die Debatten um die Einführung eines muslimischen Familienrechts und die ?Bürgerwehr? Pagad.

von Inga Niehaus

Der Kampf gegen die Apartheid hat in den 80er Jahren weite Teile der unterdrückten Bevölkerungsgruppen Südafrikas mobilisiert und starke Allianzen zwischen ihnen hervorgebracht. Nach dem Ende der Apartheid verfielen diese »struggle«-Verbindungen und ihre gemeinsamen Ziele. Im neuen Südafrika geht es für viele Bevölkerungsteile darum, spezielle Gruppeninteressen oder eigene politische und kulturelle Codes durchzusetzen.
Eine Minderheit, die dies in besonderem Maße für sich in Anspruch nimmt, sind die muslimischen Gemeinschaften. Sie folgen mehrheitlich der orthodoxen islamischen Tradition, die eine apolitische Haltung propagiert und die Distanz zu anderen Teilen der Bevölkerung sucht. Eine pluralistische Gesellschaft, die Prostitution, Homosexualität und Abtreibung toleriert, stellt in ihren Augen eine Bedrohung dar. Neben dieser ? eher moderaten ? religiösen Abwehrhaltung gibt es im heutigen Südafrika aber auch Formen muslimischer Opposition, die bis hin zur Militanz gehen, wie die der muslimischen Bürgerwehr Pagad und ihr nahe stehender islamistisch orientierter Gruppierungen.

Islamisches Recht ?
Im Rahmen des »nation-building«-Prozesses versucht die Post-Apartheid-Regierung, die politischen Artikulations- und Partizipationsmöglichkeiten jener gesellschaftlichen Gruppen zu erweitern, die unter dem Apartheid-Regime davon ausgeschlossen waren. Ein Mittel dazu ist der Bezug auf die Verfassung des neuen Südafrika, die den Schutz spezieller religiöser Rechte zusichert ? zum Beispiel die Legalisierung von ?traditionellen? Rechtssystemen. In diesem Kontext hat insbesondere der Gesetzentwurf zur Einführung des muslimischen Familienrechts (Muslim Personal Law, MPL) lebhafte Debatten darüber ausgelöst, ob und auf welche Weise ein partikularistisches islamisches Recht innerhalb eines säkular-juristischen Systems verankert werden soll.1
Muslimisches Familienrecht wurde schon vor der politischen Wende innerhalb der muslimischen Gemeinschaften von den Ulama-Vereinigungen2 angewendet. Sie verheirateten muslimische Paare, vollzogen Scheidungen und berieten in allen Familienfragen. Obwohl dieses informelle System außerhalb staatlicher Strukturen funktionierte, waren die Ulama immer eine einflussreiche Instanz für die Aufrechterhaltung religiöser Traditionen und Praktiken innerhalb der muslimischen Gemeinschaft.
Als die Verhandlungen über die Demokratisierung begannen, machten muslimische Organisationen Eingaben an die Verfassunggebende Konferenz und forderten die Anerkennung des MPL durch die neue Regierung. Das von der neuen ANC-Regierung eingerichtete Muslim Personal Law Board beteiligte sowohl die Ulama-Vereinigungen als auch andere muslimische Organisationen und sollte die Regierung beraten. Die Heterogenität der beteiligten Gruppen brachte jedoch unüberbrückbare Differenzen zwischen konservativen und progressiven VertreterInnen der muslimischen Gemeinschaft hervor. Einer der Hauptkonflikte war die Forderung der Ulama-Vereinigungen, die MPL-Rechtsprechung aus den Regulationen des Grundgesetzes herauszunehmen. Die Konservativen argumentierten, dass das Prinzip der Gleichstellung der Geschlechter, wie es im Grundgesetz vorgesehen ist, Aspekten des islamischen Rechts widersprechen würde. Die progressiven Gruppen hingegen verlangten, dass das MPL den Bestimmungen des Grundgesetzes untergeordnet werden solle. Ihnen erschien es eher notwendig, islamisches Recht zu reformieren, um es den Verfassungsgrundsätzen anzupassen.

? in der bürgerlichen Verfassung?
Die neue Verfassung wurde 1996 vom Parlament verabschiedet und sieht die Anerkennung von muslimischen Ehen sowie die Legalisierung von Systemen religiösen Rechts vor. Religiöse Rechtsprechung muss allerdings mit den anderen Bestimmungen der Verfassung übereinstimmen. Dies bedeutet, dass der Gleichheitsgrundsatz dem muslimischen Recht vorangestellt wurde. Mit der Verabschiedung der Verfassung wurden jedoch längst nicht alle Fragen bezüglich des MPL beantwortet. Besonders die Legalisierung polygamer Ehen ist ein Knackpunkt in den Verhandlungen der Kommission, die seit 1997 mit der Umsetzung des MPL beauftragt ist. Sollte Polygamie legalisiert werden, könnte die Sicherstellung der Gleichbehandlung von Frauen hinsichtlich ihres emotionalen und materiellen Wohlergehens gefährdet sein. Das gleiche Problem besteht in Bezug auf Scheidungen, da es nach islamischem Recht für eine Frau schwieriger ist, eine Scheidung durchzusetzen, als für einen Mann.
Aufgrund der starken Frauen-Lobby in Südafrika, die sich gegen die rechtliche Absicherung polygamer Ehen stellt, schlägt die Rechtskommission nun vor, dass Männer, die mehr als eine Frau heiraten wollen, dies beantragen und staatliche Instanzen durchlaufen müssen. Die sollen prüfen, ob der Anwärter finanziell und psycho-sozial überhaupt in der Lage ist, eine weitere Frau zu heiraten. Im Hinblick auf die »Hüter« islamischen Rechts sieht der Gesetzesentwurf vor, dass die Rechtsgelehrten der Ulama-Vereinigungen weiterhin Ehen schließen und Scheidungen durchführen können, jedoch staatlich registriert sein und eine Zusatzausbildung erhalten sollen, so dass sich ihre Qualifikation nicht nur aus religiösem ?Wissen? ergibt. Der Kompromissvorschlag, die Ulama einzubinden, sie aber von staatlicher Seite kontrollieren zu können, scheint besonders auf Seiten progressiver muslimischer Gruppen Zustimmung zu finden. Die Frage bleibt allerdings, welche muslimischen Stimmen am Ende gehört werden und wie sich dies auf die Formulierung des endgültigen Gesetzes auswirkt. Dadurch wird erst sichtbar werden, welche Gruppen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft dominieren.

Gewalt gegen Gangster
Der Demokratisierungsprozess hat also einerseits zur partiellen Integration der muslimischen Minderheit in das südafrikanische Staatswesen geführt, andererseits aber auch zu neuen Formen von Opposition ? insbesondere von Seiten jener islamischen Gruppen, die sich nicht mit der säkularen Regierung und einer pluralen Gesellschaft identifizieren wollen. Verantwortlich für diese Entwicklung ist primär die Bürgerwehr Pagad (People against Gangsterism and Drugs).
Die Gründung von Pagad geht auf eine kleine Gruppe von Privatleuten zurück, die aus Gemeinschaften kamen, welche besonders von Drogenhandel und Kriminalität betroffen waren. Insbesondere die sogenannten »Cape Flats« ? Wohngebiete außerhalb Kapstadts, die in den 60er und 70er Jahren entstanden sind, als Tausende von Schwarzen und ?Colourds? dorthin umgesiedelt wurden ? stellen soziale Brennpunkte dar, in denen rivalisierende Gangs ihre gewaltsamen Auseinandersetzungen austragen. Anfang 1996 begann Pagad, mit Petitionen an die Regierung und Polizei heranzutreten, in denen ein Eingreifen des Staates gegen die Kriminalität gefordert wurde. Besorgt waren die Pagad-Mitglieder besonders über den vermeintlichen Handlungsfreiraum der Drogendealer, die in ihren Gemeinden die Jugendlichen in die Abhängigkeit führen würden. Im Laufe der folgenden Monate wurde Pagad zunehmend militanter. Im August 1996 ermordeten im Zuge einer Demonstration Pagad-Mitglieder vor laufender Kamera einen Gangsterboss. Diese Bilder gingen um die Welt und machten die internationale Öffentlichkeit erstmals auf die muslimische Minderheit in Südafrika aufmerksam. Die Medien waren seither beständiger Begleiter der Pagad-Aktivitäten.
Die öffentliche Wahrnehmung der Organisation ist dabei durchaus ambivalent: Für einige ist Pagad eine fundamentalistische Gruppe, die die Unfähigkeit des Staates, das Kriminalitätsproblem in den Griff zu bekommen, ausnutzt, um islamistische Ziele zu verfolgen. Andere wiederum sehen Pagad als notwendige Bürgerinitiative, die sich gegen die zunehmende Gewalt und Gesetzlosigkeit in ihren Wohngebieten zur Wehr setzt.
Auch wenn sich Pagad ursprünglich als multi-religiöse Organisation definierte und insbesondere in der Anfangsphase auch einige christliche Mitglieder anzog, zeigt die öffentlich verwendete Rhetorik und Symbolik eine deutlich islamistische Orientierung. In den regelmäßig erscheinenden Bulletins und Flugblättern Pagads werden islamische Terminologien und Grußformeln sowie Koran-Zitate verwendet. Ferner hat die Organisation einen Märtyrer-Kult aufgebaut. Im Laufe der letzten Jahre sind eine Reihe von Pagad-Mitgliedern entweder in gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den Polizeikräften oder durch angebliche Überfälle von »Gangstern« getötet worden. Die Organisation hat diese Ereignisse zum Anlass genommen, einen sogenannten Märtyrer-Gedenkfeiertag einzuführen.

Klima der Angst
Es war der Zusammenbruch des Apartheid-Regimes und die anschließende Periode der Unsicherheit, was die Entstehung und zunehmende Popularität von Pagad begünstigte. Mit ihren militanten Strategien fordert die Bürgerwehr aber nicht nur den säkularen Staat heraus, sondern auch die muslimische Gemeinschaft. Pagad hat die innermuslimischen Diskurse über Moralität und islamische Werte in die öffentliche Sphäre der Gesellschaft getragen und sie mit radikalem, oft gewalttätigem politischem Aktionismus verbunden. Auch wenn Pagad aufgrund interner Führungskämpfe und der zunehmenden Kriminalisierung ihrer Aktivitäten durch den Staat sowie einer negativen Berichterstattung in den Medien an Anhängern verloren hat, vermochte es die Organisation, ein Klima der Angst und Einschüchterung zu verbreiten, das die öffentliche Wahrnehmung der muslimischen Gemeinschaft negativ veränderte und die innermuslimischen Debatten erschwerte.
Trotz aller Versuche der neuen Regierung, die muslimische Bevölkerung an politischen Prozessen zu beteiligen und ihnen Sonderrechte zu gewähren, hat die muslimische Bürgerwehr Pagad den Staat an seine Grenzen gebracht und unerwartet in eine Legitimationskrise getrieben. Pagad geht es darum, durch den »Krieg« gegen Kriminelle, Gangster, Polizei sowie Andersdenkende ihre Autorität und Vormachtstellung in ihren Gemeinschaften unter Beweis zu stellen. Das gelang jedoch kaum: Das Pagad-Phänomen hat nichts daran verändert, dass die muslimische Gemeinschaft in Südafrika mehrheitlich konservativ-traditionell orientiert ist und keine »fundamentalistisch-islamistischen« Züge aufweist. Darüber hinaus ist die Herausbildung eines südafrikanisch geprägten Islam mit eigenständigen Traditionen und Praktiken relativ immun gegenüber ideologisch-religiösen Einflüssen von außen, auch nach der politischen Öffnung.
Die Entfremdung der Muslime vom neuen Südafrika wird vielmehr dort am ehesten sichtbar, wo konservativ-religiöse Werte mit der Verfassung und den neu geschaffenen Gesetzen in Konflikt geraten, wie im Falle der Legalisierung von Abtreibung, Homosexualität und Glücksspiel sowie der Dekriminalisierung von Prostitution. Diese Konfliktthemen werden auch in Zukunft harte Polarisierungen nicht nur im Verhältnis zur restlichen Gesellschaft, sondern auch innerhalb der muslimischen Minderheit hervorrufen.


Anmerkungen:

1 Die Praktizierung ?traditionellen Rechts? ist nicht nur für die muslimische Minderheit von Bedeutung, sondern auch für Teile der schwarzen Bevölkerung in ländlichen Gebieten, die unter dem sogenanntem »Customary Law« leben. Obwohl Ähnlichkeiten zwischen beiden traditionellen Rechtssystemen existieren, wie z.B. die Anerkennung polygamer Ehen, gibt es so gut wie keinen Austausch zwischen den muslimischen und schwarzen Gemeinschaften im Hinblick auf die Legalisierung traditionellen Rechts. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Es ist jedoch eine deutliche religiös-soziale Isolationshaltung auf Seiten der muslimischen Gemeinschaft festzustellen, die als Erbe der Apartheid auf die Politik der »getrennten Entwicklung« zurückgeführt werden kann.

2 Ulama sind muslimische Rechtsgelehrte. Im südafrikanischen Kontext Imame, Sheikhs oder Maulana, die sich in einer Vereinigung zusammengeschlossen haben.


Inga Niehaus arbeitet im Sonderforschungsbereich »Umbrüche in afrikanischen Gesellschaften und ihre Bewältigung« der Universität Hamburg.



Muslime und ihre Organisationen in Südafrika

Die rund 550.000 Muslime in Südafrika haben unterschiedliche ethnische, sprachliche und religiöse Wurzeln. Nahezu die Hälfte lebt in der Kapprovinz und gehört der unter dem Apartheid-Regime geschaffenen ethnischen Gruppe der »Coloureds« an. Die Kap-Muslime folgen überwiegend der in Nordafrika praktizierenden shafiitischen Rechtsschule. Die andere Hälfte ? hauptsächlich Inder, die in den Provinzen Kwa Zulu/Natal und Gauteng leben ? fühlt sich der aus dem indo-pakistanischen Raum stammenden hanafitischen Rechtsschule zugehörig.
Die Ankunft der ersten Muslime am Kap ging mit der holländischen Kolonisierung der Region Mitte des 17. Jahrhunderts einher. Die Holländer brachten Sklaven und politisch Exilierte aus Malaysia, Indonesien und Teilen Indiens in die Kapkolonie. Die Ausübung des Islams wurde diesen jedoch untersagt. Dies änderte sich erst Ende des 18. Jahrhunderts mit der Machtübernahme durch die Engländer, die eine liberalere Haltung gegenüber den Muslimen und ihrer Religionsausübung zeigten. Sie ließen die Errichtung von Moscheen und Koranschulen zu. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden immer mehr der südafrikanischen Imame in Ägypten und Saudi-Arabien ausgebildet. Diese muslimischen Gelehrten standen in der shafiitischen Tradition und errichteten nach ihrer Rückkehr eigene Moscheen und Schulen. Gegenüber der Kolonialpolitik verhielten sich die Muslime weitgehend passiv, sofern sie ihre Religion frei ausüben konnten.
Der zweite Strom muslimischer Einwanderer kam ab Mitte des 19. Jahrhunderts ins Land. Die britische Kolonie Natal warb indische Vertragsarbeiter für ihre Zuckerrohrplantagen als billige Arbeitskräfte an. Rund 20 Prozent von ihnen waren Muslime. Mit den Vertragsarbeitern kamen auch muslimische Händler aus Indien, die sich erst in Natal und später im Burenstaat Transvaal niederließen. Sie akkumulierten bald das nötige Kapital, um Moscheen und Koranschulen zu bauen sowie islamische Gelehrte ins Land zu holen, die der hanafitischen Deobandi-Schule angehörten. Da die Inder ursprünglich beabsichtigten, nur für einen begrenzten Zeitraum in Südafrika zu bleiben, haben sie relativ wenig Einfluss auf Gesellschaft und Politik ausgeübt. Dies änderte sich erst mit den folgenden Generationen, die dauerhaft in Südafrika blieben.
Neben den eingewanderten Muslimen gibt es in den letzten Jahrzehnten eine beträchtliche Zahl von Konvertierten. Besonders Mitte der 70er Jahre trat eine Reihe schwarzer Jugendlicher, die dem Black Consciousness Movement angehörten, zum Islam über, um sich auch in religiöser Hinsicht vom christlich legitimierten Apartheid-Regime zu distanzieren.
Unter den Bedingungen des repressiven Apartheid-Systems sowie beeinflusst durch die politischen und religiösen Entwicklungen der islamischen Welt entstanden in den 70er und 80er Jahren muslimische Organisationen unterschiedlicher politisch-religiöser Ausrichtung. Die Muslim Youth Movement (MYM) als größte unter ihnen, wurde 1970 als religiös-kulturelle Vereinigung gegründet und verfügt über landesweit operierende Gruppen. Ideologisch stand die MYM besonders unter dem Einfluss der islamistischen Muslim-Brüderschaft und ihrer international veröffentlichten Schriften. Im Zuge des wachsenden Widerstands gegen das südafrikanische Regime Mitte der 80er Jahre veränderte die Organisation ihre apolitische Haltung und engagierte sich gegen die Apartheid. Von dem ursprünglichen Ziel der Islamisierung der Gesellschaft wurde zunehmend Abstand genommen zugunsten einer Position, die die politische Realität der Unterdrückung anerkannte und den Widerstand gegen die Apartheid als religiöse Pflicht ansah. Ziel war es, einen »islamischen Kampf« gegen das Regime zu führen, dabei aber keine Allianz mit säkularen, nicht-muslimischen Gruppen einzugehen. Diese exklusive Haltung führte jedoch zu Protest aus den eigenen Reihen. 1984 spaltete sich eine Gruppe von der MYM ab und formierte den Call of Islam. Er schloss sich der United Democratic Front an, einem 1984 gegründeten Dachverband von Anti-Apartheid-Gruppen.
1980 gründete sich in der Kapprovinz eine populäre, islamistisch-militante Organisation namens Qibla. Angeregt durch das Vorbild der Islamischen Revolution im Iran, verfolgte diese Gruppierung das Ziel, nach der Überwindung der Apartheid einen islamischen und damit theokratischen Staat einzuführen. Die Islamisierung der Gesellschaft sollte durch Missionierungsbemühungen erfolgen. Durch die Aktivitäten Qiblas sind in den 80er Jahren viele schwarze Jugendliche zum Islam konvertiert. Im Sinne der Zielsetzung der Verbreitung des Islam lehnte Qibla jegliche Kooperation mit nicht-muslimischen politischen Organisationen ab.
Die politische Polarisierung muslimischer Organisationen unter der Apartheid lebte während des Demokratisierungsprozesses ab 1992 fort. Die demokratisch orientierten Organisationen MYM und Call of Islam ? im südafrikanischen Kontext werden beide als »progressiv« bezeichnet ? mobilisierten während der Wahlen 1994 ihre Anhänger, für die ehemaligen Befreiungsbewegungen African National Congress (ANC) oder Pan Africanist Congress (PAC) zu stimmen und bekannten sich zu einem säkularen Regierungssystem. Qibla hingegen forderte einen Wahlboykott, da in ihren Augen der Staat zwar die Mehrheit der Bevölkerung repräsentiere, aber eine Verfassung habe, die gegen islamische Prinzipien verstoße und somit nicht für Muslime gelten könne. Diese rief die Organisation jetzt auch zum »Jihad gegen Amerika« auf.

Inga Niehaus