Öffentlich ? Privat
Veränderungen aus dem ?globalen Busch?
Öffentlichkeiten in einer westafrikanischen Bauerngesellschaft
Fernsehen und Internet zoomen uns ferne Ereignisse bis ins private Wohnzimmer. Die Direktheit der Informationsvermittlung täuscht jedoch darüber hinweg, dass Grundverständnisse des Sozialen, die aus der eigenen Gesellschaft bekannt sind, nicht universell übertragbar sind. Aus der hier vertrauten Dichotomie von öffentlicher und privater Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft können sich zweifelhafte Urteile über afrikanische Demokratiebestrebungen, Frauenrechte oder ökonomische Entwicklungen ableiten. Der vorliegende Beitrag skizziert die Praxis von Öffentlichkeit in einer bäuerlichen Gesellschaft in der Savanne Burkina Fasos.
von Heike Wildemann
Der Alltag der Dagara1 ist bis heute zu einem großen Teil auf die lokale Kultur und Politik bezogen. Da die Region bislang nicht elektrifiziert wurde, ist auch der Konsum von Fernsehen, Radio und Film weitgehend unüblich. Hier existiert eine Öffentlichkeit, die als »Zugänglichkeit aller wesentlichen gesellschaftlichen Vorgänge im rechtlichen, politischen und ökonomischen Bereich«2 definiert werden kann. Zu ihr gehört sowohl das Wissen über die gesellschaftlichen Vorgänge als auch eine grundsätzliche Partizipationsmöglichkeit. In dieser lokalen Öffentlichkeit können die normativen Regeln und politischen Institutionen prinzipiell im kulturellen Rahmen vor Ort neu verhandelt werden. Dabei sind die Verhandlungspositionen ungleich. Jedoch kommen durch die weitere Öffnung der Kultur auch solche sozialen Hierarchien, z.B. zwischen Alten und Jungen oder zwischen Männern und Frauen, in Bewegung, die bereits in der Kolonialzeit außer Balance geraten sind.
Auch nationale und internationale Öffentlichkeitssphären sind in der Dagara-Region präsent: Staatliche, kirchliche und wirtschaftliche Institutionen verbreiten ihre eigenen Werte bzw. üben Gesetzgebung und Exekutive aus. Die oben gegebene Definition von Öffentlichkeit trifft auf sie nur teilweise zu: Die gesellschaftlichen Vorgänge, aus denen diese Werte, Normen und Gesetze entstanden sind, entziehen sich zumeist sowohl der Kenntnis als auch der Beteiligung der lokalen Akteure.
Pluralisierung der Werte
Die Gesetze des Staates Burkina Faso schließlich widersprechen in zentralen gesellschaftlichen Bereichen wie Familienrecht, Besitzverhältnissen und sozialen Hierarchien der kulturell verankerten Rechtsauffassung der Dagara-Gesellschaft. In den meisten Fällen kommt daher nach wie vor die lokale Rechtsprechung zur Anwendung, staatliche Stellen werden erst gar nicht kontaktiert. Trotzdem existiert auch im Dagara-Gebiet eine nationale Identität als ?Burkinabé?, die sich insbesondere in der Zeit der Revolutionsregierung unter Sankara entwickelte3, jedoch politisch kaum Gewicht hat.
Bislang war und ist die soziale Ordnung durch eine Reihe von ökonomischen Umverteilungsmechanismen auf verschiedenen gesellschaftlichen und individuellen Niveaus geprägt, die den Erwerb persönlichen Besitzes einschränken. Um zwei Beispiele zu nennen: Mitglieder der Großfamilien sind angehalten, jeglichen Besitz offen zu zeigen, und die Verteilung des Einkommens geschieht idealerweise über die ältesten Männer der jeweiligen Wirtschaftseinheit des Hauses.
Die soziale Zugehörigkeit zu Großfamilien und Clans schafft eine soziale und ökonomische Abhängigkeit voneinander, die Privatheit im Sinne der bürgerlichen Gesellschaft Europas weder ökonomisch noch sozial entstehen ließ und lässt. In Kombination mit den weitläufig gefassten Verwandtschaftsverhältnissen sorgen gegenseitige Beobachtung und Dorfgespräch vielmehr dafür, dass die lokale Öffentlichkeit weit mehr von graduellen Stufen sozialer Verbindlichkeit bestimmt wird als von Anonymität.
Das soziale Spannungsfeld, in dem Menschen in der ländlichen Dagara-Gesellschaft handeln, um Öffentlichkeit zu gestalten, lässt sich grob als ein Dreieck vorstellen: Bezugspunkte sind erstens das ?vertraute Öffentliche?, zweitens die Intimität persönlicher Vertrauensverhältnisse und individueller Motive, Gefühle und Gedanken und drittens pluralistische Werte fremder Herkunft, die über Schulen, Kirchen und nationale Gesetze Verbreitung gefunden haben. In diesem Spannungsfeld vollzieht sich ein Wandel von Werten, welcher Transformationen in der gesellschaftlichen und familiären Sozialstruktur zur Folge hat.
Individualisierung des Eigentums
Neben den bereits genannten einigenden Elementen der lokalen Form von Öffentlichkeit spielt die Ökonomie eine besondere Rolle. Joseph-Mukassa Bekuone4 beschreibt noch 1989 den Verkauf von Waren durch Dagara als eine Situation, bei der die soziale Bedeutung wichtiger ist als ökonomischer Gewinn. Es zeigt sich inzwischen jedoch mehr und mehr, dass das Verdienen von eigenem Geld von jüngeren Leuten als Weg sozialer Emanzipation angesehen wird. Viele alte Menschen werfen ihnen hingegen einen Bruch des kulturellen Zusammenhalts vor, denn die Dagara haben ihre Identität bislang ökonomisch vor allem über den manuellen Feldbau in Arbeitsgruppen bezogen. Junge Männer, die heutzutage Waren des täglichen Gebrauchs verkaufen, und junge Frauen, die mit Hirsebier und Gebäck nicht nur der Gemeinschaft dienen, sondern auch eigenes Geld verdienen wollen, verhandeln über das Geld indirekt um Rechte auf Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und auf Mitsprache in Familienangelegenheiten.
Diese Entwicklung hat ihre Wurzeln in der Kolonialzeit: Ab Beginn des 20. Jahrhunderts erhoben die französischen Kolonialherren in der Kolonie Obervolta Kopfsteuern in französischer Währung. Dies destabilisierte das vorkoloniale verwandtschaftlich getragene Sozialsystem und zwang vor allem die Männer in auswärtige Lohnarbeit. Eigener Geldbesitz ermöglichte jedoch den Jungen, die vorher von ihren Eltern finanziell völlig abhängig gewesen waren, größere Freiheiten besonders bei der Ehepartnerwahl.
Die junge Generation des heutigen Burkina Faso ist radikaler in der Umsetzung ihrer Ansprüche gegenüber den Alten geworden. Mit ihr hat individuelles Handeln an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen. Dieses Verhalten wurde und wird begünstigt durch die bereits beschriebene Entwicklung von Wertepluralismus in der lokalen Gesellschaft, den es in dieser Form vorher nicht gab. U.a. die Verbreitung von Schulbildung, christlichen Werten und die Horizonterweiterung der ArbeitsmigrantInnen verändern die lokale Öffentlichkeit und fördern den Autoritätsverlust der Alten. Die Einbuße an Macht wird dadurch verstärkt, dass viele, besonders Frauen, in jüngster Zeit die nationale Rechtssprechung auch in familiären Angelegenheiten in Anspruch nehmen, um sich der Wahrung individueller Interessen zu versichern, die von traditioneller Seite so nicht unterstützt würden. Das nationale Recht verspricht ihnen Gleichberechtigung. Es ist an die Werte und Erfahrungen westlicher Gesellschaften angelehnt, während der Wandel, der ebenfalls aus der Verdichtung globaler Verflechtungen herrührt, bis heute meist Männer begünstigt hat.
Ob für saisonale Migrationsarbeit oder individuellen Baumwollanbau vor Ort: Funktionen der Reproduktion, wie die Verantwortung für die Kinder und die Bestellung der Felder zur Selbstversorgung, werden vermehrt auf Frauen abgewälzt. Trotz Verschiebungen in den Rollen der Arbeitsverteilung und häuslichen Verantwortung werden Frauen weiterhin meistens in ihrer tradierten Rolle als Personen gesehen, die gänzlich von männlicher Autorität abhängig sind. In der Generation der Mädchen, die im heiratsfähigen Alter sind oder jung verheiratet, lehnen inzwischen viele die beschwerliche Zukunft eines solchen Frauendaseins ab. Für sie ist eine teilweise ökonomische Unabhängigkeit von enormer Bedeutung, denn diese ermöglicht Verhandlungsspielräume um neue Frauenrollen. Viele junge Frauen (und auch nach wie vor Männer) fliehen ohne Zustimmung der Familie in die Stadt, um den sozialen Zwängen der eigenen Gesellschaft zu entgehen und eigenes Geld zu verdienen. Als Kandidatinnen der Prostitution riskieren sie, (AIDS-)krank oder schwanger zurückzukehren.
Reflexionen auf Totenfeiern
Es mehren sich auch andere Anzeichen für Probleme in der Reproduktion der sozialen Ordnung: So gibt es inzwischen Straßenkinder in den Kleinstädten, die als Diebe und Bettler zu überleben versuchen. Diese Hinweise auf tiefgreifende Veränderungen werden inzwischen in der lokalen Öffentlichkeit wahrgenommen, können aber oft noch nicht, und nicht ohne eine Veränderung der lokalen öffentlichen Werte, integriert werden.
Über die Veränderungen werden durchaus soziale Diskurse geführt. In Folge genießen Frauenorganisationen inzwischen als solche auch bei Männern allgemein einen positiven Ruf, ganz im Gegensatz zu den ersten Jahren, in denen sie regelrecht bekämpft wurden. Die Flucht der Jugendlichen in die Stadt gilt nicht mehr als unverzeihlich. Viele Familien versuchen, durch ihre urbanen Verwandtschaftsnetze einen Kontakt zu halten.
Ein altbewährter Ort sozialer Kritik sind Beerdigungen, denn eines korrekten Eingangs in die Ahnenwelt wollen sich alle Dagara ? ob Christen, Naturreligiöse, Reiche oder Arme, Städter oder Bauern ? gleichermaßen versichern. Und gerade auf diesen Totenfeiern wird über gelebtes Leben und sozialen Zusammenhalt reflektiert. Junge und alte Begräbnissänger aus der Verwandtschaft und aus benachbarten Orten kommentieren die Lebensführung der gesamten Familie der verstorbenen Person. Dies ist ein gesellschaftliches Forum, das die soziale Stimmungslage zusammenfasst, die in vielen Einzelgesprächen entsteht. Persönliche Freundeskreise, z.T. auch Kirchengruppen sind eher die sozialen Orte, an denen über Veränderung gesprochen wird. Im öffentlichen Gespräch weichen die Menschen selten davon ab, im Sinne des normativen Diskurses der Solidarität zu sprechen, denn das Thema enthält sozialen Sprengstoff. Eine langfristige Tendenz, persönliche Unabhängigkeiten voneinander zu schaffen und zu individualisieren, ist nicht zu übersehen: In der Landwirtschaft macht z.B. das Pflügen mit Tieren die Arbeitsgruppen obsolet. In den Häusern nimmt die Zahl individueller, abschließbarer Zimmer zu. Hier kommen Werte zum Tragen, die außerhalb der eigenen Gesellschaft entstanden sind: ?Im Busch?, so benennt es eine alte, aber noch häufig verwandte Redensart. Ursprünglich bezogen auf den Wald jenseits der vertrauten Zivilisation, mit allerhand Gefahren, Verlockungen und wilden Tieren, wenden sie ältere Leute gleichwohl auch auf die städtischen Zentren Westafrikas und den Rest der Welt an. Eine Welt, der jüngere Leute sich zunehmend nicht mehr gegenüber, sondern mit der sie sich in aktivem Austausch sehen.
Anmerkungen:
1 In der Feuchtsavanne südlich der Sahara leben von der Côte d? Ivoire bis nach Togo kleine Gesellschaften von Bauern ohne zentralisierte Herrschaft. Die Dagara sind eine davon, die im Südwesten von Burkina Faso und Nordosten Ghanas siedelt (ca. 800 000 Menschen).
2 Förster, Till (1999): Raum und Öffentlichkeit. In: Iwalewa Forum 1-2/99 (49-74).
3 Obwohl das Projekt der Regierung Sankara (1983-87) eine soziale Revolution war, die den Bruch mit vielen politischen Traditionen beinhaltete, genoss sie große Anerkennung, denn die Interessen der Landbevölkerung standen bei ihr im Vordergrund.
4 Bekuone Deri, Joseph-Mukassa (1989:340): Les Dagara: Leur écosystème et son fonctionnement face à la modernité. Thèse de Doctorat, au Institut Catholique de Paris, Faculté de Sciences Sociales.
Heike Wildemann ist Ethnologin und hat 21 Monate in Burkina Faso wissenschaftlich gearbeitet. |