Öffentlich ? Privat
Demontage der Chiefs
Wie im postkolonialen Ghana aus öffentlichen Personen private wurden
Die Chiefs der Ashanti-Gesellschaft im südlichen Ghana waren seit jeher öffentliche Institutionen. Sie bestimmten aber nicht nur die Politik, sondern auch die privaten Angelegenheiten ihrer Untertanen. Die Umbrüche durch Kolonialismus und Unabhängigkeit bewirkten neben dem Machtverlust der Chiefs auch die Fragmentierung von öffentlichen und privaten Sphären.
von Steve Tonah
Das Königreich der Ashanti in Südghana war in Kleinstaaten unterteilt (Oman), die jeweils von einem Chief (Omanhene) regiert wurden. In der traditionellen Ashanti-Gesellschaft war der Chief aber nicht nur ein politischer Führer, dessen Aufgabe die Verwaltung des Staats und der Schutz seiner territorialen Integrität ist. Er war auch das geistliche Oberhaupt, eine heilige Person, der man mit allergrößter Ehrerbietung begegnete. Seine wichtigste Funktion war, für freundschaftliche Beziehungen unter den Mitgliedern der Gemeinschaft und zwischen der Gemeinschaft und ihren Vorfahren zu sorgen. Er war verantwortlich für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung und die Bewahrung traditioneller Sitten. Durch diese Aufgaben war er der wichtigste Faktor, der die Gesellschaft zusammenhielt.
Bei den Ashantis wurden die physische und die spirituelle Welt als untrennbar miteinander verbunden wahrgenommen: Das, was in einer Sphäre geschieht, beeinflusst die andere. So glaubte man, dass die Beleidigung von Vorfahren zu schlechten Ernten führt. In ähnlicher Weise konnte die öffentliche Rolle der Chiefs kaum von ihrer privaten unterschieden werden. Praktisch jeder Aspekt im Leben des Chiefs war öffentlich. Sein gesamtes Leben wurde von den Ältesten und der Gemeinschaft durchleuchtet und damit von der Allgemeinheit bestimmt. Umgekehrt hatten Chiefs auch direkten Einfluss auf das öffentliche wie private Leben ihrer Untertanen. Man erwartete, dass sie sich zu verschiedensten Fragen äußerten, wie zum Beispiel sexuelle Vergehen, Verrat, Gewaltanwendung oder Missbrauch von übernatürlichen Kräften. Auch Angelegenheiten, die als »privat« betrachtet wurden, wie beispielsweise Familienquerelen, Eheprobleme oder Scheidungen, konnten dem Chief vorgetragen werden, wenn sie auf öffentliches Interesse stießen.
Koloniale Machtbeschneidung
Die britische Kolonialherrschaft führte dazu, dass die politische Macht der Chiefs und damit auch das Prestige, das sie bei den Untertanen genossen, reduziert wurde. Mit der Schaffung einer nationalen Regierung wurde die Institution des Chief zu einer untergeordneten Behörde. Seine Befugnisse wurden durch Verwaltungsvorschriften definiert und beschränkt. Wichtiger noch war vielleicht, dass die Kolonialregierung dazu beitrug, die bis dahin untrennbaren Rollen der Chiefs in einzelne Bestandteile zu fragmentieren. Die Kolonialverwaltung nahm ihnen viele ihrer exekutiven, legislativen und spirituellen Funktionen, etwa indem sie die Bestrafung von Vergehen gegen ?übernatürliche Mächte? verbot. Damit schuf sie auch eine Spaltung zwischen der privaten und der öffentlichen Rolle der Chiefs und trug zur Herausbildung der ambivalenten Rolle bei, die sie im postkolonialen Ghana haben.
In der postkolonialen Periode haben die gewählten politischen Führer weitgehend die Politik der Kolonialzeit beibehalten, den Einfluss der Chiefs zu begrenzen. Diese wurden als »Stammesführer« gesehen, die eine Bedrohung für die nationale Einheit und für die Regierung darstellten. Die postkolonialen Regierungen haben die traditionellen juridikativen Befugnisse der Chiefs abgeschafft und an ihre Stelle nationale Gesetze gestellt. Nur staatliche Gerichte dürfen sich heute mit Kriminalfällen befassen; alle strafbaren Verbrechen und Vergehen müssen im Strafgesetzbuch oder sonstiger Gesetzgebung definiert sein. Im traditionellen System waren die schwersten Vergehen solche, die sich gegen den Chief richteten oder das Verhältnis der Gemeinschaft untereinander und zu ihren Vorfahren beeinträchtigten. Nach der Unabhängigkeit nahm man solche Vergehen nicht mehr so wichtig. Staatliche Gerichte nehmen im Gegensatz zur Gerichtsbarkeit der Chiefs eine klare Unterscheidung zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre vor. Sie befassen sich nicht mit Angelegenheiten, die als privat deklariert werden. Dazu zählen auch ?übernatürliche? Erscheinungen wie Hexerei, Meineid und Vergehen gegenüber den Vorfahren.
Trotz dieser vom postkolonialen Staat auferlegten Beschränkungen genießen die Chiefs in ihren traditionellen Gebieten weiterhin großen Respekt und Einfluss. Zugleich sind sich aber viele Leute im Klaren darüber, dass die Macht der Chiefs gesetzlich beschränkt ist. Wenn BürgerInnen mit der Entscheidung eines Chiefs unzufrieden sind, können sie zum Beispiel bei einem formellen, staatlichen Gericht in Berufung gehen. Sie können eine Wahl treffen zwischen dem traditionellen System und den Institutionen des modernen Staats, je nach dem, welche Vorteile sie sich jeweils erhoffen. Dort, wo das traditionelle System als einengend und unterdrückerisch für das eigene Privatleben empfunden wird, wird in der liberaleren Sphäre der Städte Ausgleich gesucht.
Ausgleich in den Städten
In den Städten haben die Chiefs weniger Einfluss als auf dem Land. Dort können sie nur eine begrenzte moralische Autorität ausüben. Viele sind zu ganz normalen Bürgern geworden, die ihr eigenes Leben leben und als Beamte oder Privatunternehmer arbeiten. Nur die ebenfalls in der Stadt lebenden Menschen aus ihren jeweiligen Heimatregionen wissen eventuell noch um deren königliche Herkunft. Als Privatbürger haben die Chiefs viel von ihrer traditionellen Aura des Respekts verloren.
Damit bewegen sich sowohl Chiefs als auch ihre Untertanen heute zwischen verschiedenen Welten, die gleichzeitig existieren und sich gegenseitig beeinflussen: Öffentliche und private Sphären, traditionelle und moderne oder ländliche und städtische. Je nach Kontext führt das zu entsprechenden Verhaltensweisen: Im Dorf beispielsweise redet ein Bürger mit seinem Chief nur über einen Vermittler; er wird Getränke ausgeben müssen, um Zugang zu ihm zu erhalten. Wenn beide aber in die Stadt kommen, wird derselbe Bürger unmittelbar mit ?seinem? Chief reden.
Steve Tonah ist Soziologe an der Universität Accra, Ghana. Übersetzung: Christian Neven-DuMont |