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(Artikel * 2001) Thoss, Michael
Blick vor und zurück Interview mit Okwui Enwezor, Kurator der Ausstellung "The Short Century" Kunstausstellung Afrika: Interview mit Okwui Enwezor
in iz3w Nr. 254 * Seite 42 - 43
Themen: Okwui Enwezor * Dok-Nr: 134260
Kunst

Blick vor und zurück
Interview mit Okwui Enwezor, Kurator der Ausstellung »The Short Century«

Die derzeit in Berlin präsentierte Kunstausstellung »The Short Century« dokumentiert das kurze Jahrhundert der Befreiung afrikanischer Länder vom kolonialen Joch von 1945 bis zum Ende des Apartheidregimes im Jahre 1994. Die Ausstellung verbindet historische Dokumente mit künstlerischen Positionen von Malerei bis Architektur und Fotografie. Dabei wird die wichtige Rolle afrikanischer KünstlerInnen, Literaten und Intellektueller als Modernisierer ihres Kontinents sichtbar. Die Ausstellung zeichnet das Zusammenspiel von Kultur, Politik und Kunst beim Aufbau eines neuen sozialen Raums durch Afrikaner für Afrikaner nach (vgl. iz3w 253).


Michael Thoss: Der Ausstellungstitel »The Short Century« zitiert Kwame Nkrumah, der Ghana als erstes schwarzafrikanisches Land 1957 in die Unabhängigkeit führte. Nkrumah hat das 20. Jh. als das Jahrhundert Afrikas bezeichnet. In welcher Hinsicht war es für Afrika ein kurzes Jahrhundert?
Okwui Enwezor: Zunächst müssen wir die Sachlage aus der richtigen Perspektive betrachten, nämlich aus der einer afrikanischen Nation mit einer autonomen politischen und sozialen Sphäre. Eine Perspektive, die überhaupt nur durch die Befreiung aus dem kolonialen Zusammenhang nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen konnte. Davor bestand eine Zweiteilung der Welt in die Sphären der Kolonisierenden und der Kolonisierten. Das soll natürlich nicht heißen, dass es in der ersten Hälfte des Jahrhunderts keinerlei subjektive Selbstbestimmung afrikanischer Identität gegeben hätte.
Das wichtigste am 20. Jahrhundert war, dass es auf internationaler Ebene ein Überdenken der Beziehungen zwischen Afrika und dem Rest der Welt in Gang gesetzt hat. Um an einem solchen Denkprozess teilzunehmen, musste man das Entstehen einer subjektiven afrikanischen Dimension, sozusagen die ?Subjektwerdung? Afrikas berücksichtigen. Ganz zu Recht hat Kwame Nkrumah vom«Jahrhundert der Notwendigkeiten« für Afrika gesprochen, denn es umfasst sowohl das Projekt der politischen Emanzipation als auch das einer historischen Rekonstruktion. Es bezog eine Art neue Sensibilität mit ein, die unter dem Stichwort »Neue Afrikanische Identität« von sich Reden machte. Aber der Idealismus der Nationenbildung, der auf voller politischer Anerkennung innerhalb einer internationalen Staatengemeinschaft beruht, war für Afrika erst nach dem Zweiten Weltkrieg möglich. Aus all diesen Gründen ist es für Afrika ein kurzes Jahrhundert gewesen.

Obwohl Sie im Untertitel die Ausstellung auf die Zeit zwischen 1945 und 1994 festlegen, haben Sie sowohl ältere Werke als auch ganz aktuelle künstlerische Arbeiten für die Ausstellung ausgewählt. Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Auswahl getroffen?
Ich möchte betonen, dass die Ausstellung nicht streng chronologisch konzipiert ist. Schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab es Anzeichen dafür, dass ein Wandel im Gange war, der die Gesamtstruktur des kolonialen Unternehmens in Afrika in Frage stellen würde. Die Ausstellung soll die Atmosphäre dieses Wandels einfangen.
1945 ist insofern ein entscheidender Zeitpunkt, als es für Afrika der Ausgangspunkt für eine Reaktion auf die Moderne und ihre Widersprüche war. Die Moderne orientierte sich an eher utopischen und vagen Modellen. Wenn man am politischen, sozialen und kulturellen »Weltsystem« teilhaben wollte, hatte man sich der westlich geprägten Demokratie als Mittel zu bedienen. Die jedoch musste neu gestaltet werden. Die frühesten Werke in der Ausstellung stammen aus dem Jahr 1939 und markieren den Anfang dieser Entwicklung.
Die Jahre 1945 und 1994 verweisen auf den Anfang und das Ende eines extrem wichtigen politischen Projektes, das unvollendet geblieben ist; der Dekolonisierung Afrikas. In der Zeit dazwischen entstand eine sozio-kulturelle Plattform, von deren Warte aus sich die Ereignisse und Konfrontationen besser beurteilen lassen, die Afrikas Moderne umreißen.
1994, mit den ersten freien Wahlen in Südafrika, kommt dieser Prozesses dann zum Abschluss. Es erinnert an die Phase, als KünstlerInnen nicht nur frühere Tendenzen und Konzepte überdacht und für eigene Ideen fruchtbar gemacht haben, sondern auch nach Wegen suchten, die Grenzen der afrikanischen Imagination zu überschreiten. Es handelt sich um eine janusköpfige Zeit, wo der Blick gleichzeitig nach vorne und zurück gerichtet war. Ich fand es wichtig, diesen Eindruck der Doppelgesichtigkeit oder den eines offenen Endes in die Ausstellung mit aufzunehmen. Nur so lässt sich eine verengte oder rein chronologische Anordnung der präsentierten Materialien verhindern.

Welchen Stellenwert hat The Short Century für Sie persönlich?
The Short Century ist eines der fruchtbarsten Projekte, an dem ich je gearbeitet habe. Für mich beschreibt es nicht nur die intellektuelle Seite der Dekolonisation, sondern auch deren kollektive Erinnerung. Diese Erinnerung gehört den Leuten auf der Straße, die die Grundlage für die Unabhängigkeit geschaffen haben. Ich verstehe mich selbst als Kind dieser historischen Entwicklung. Dieses Erbe erfüllt mich voller Demut und Ehrfurcht vor den Pionieren, die diesen Kampf geführt haben. Sie haben scheinbar unüberwindbaren Widrigkeiten getrotzt und hatten dazu nur die einfachsten Mittel zur Verfügung. In diesem noch ungeschriebenen historischen Kapitel scheint eine Wahrheit auf, die der Künstler und Regisseur Antonio Olé folgendermaßen umschrieben hat: »Es geht nicht darum, Filme über die Unabhängigkeit Angolas zu drehen, sondern darum, in ihnen die Geschichte des Landes sichtbar zu machen.«
Mich beeindrucken die Menschen, die sich daran gemacht haben, eine neue Zukunft oder zumindest die Grundlagen dafür zu schaffen, obwohl sie durch den Kolonialismus geächtet und entmenschlicht worden waren. Das war der Sieg der kritischen Vernunft. Besonders wichtig ist für mich zu sehen, wie die Völker Afrikas versuchten, ihr Leben, ihre Geschichte und ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und so die Basis für ein eigenes historisches Bewusstsein zu schaffen.

Wenn man über Bilder von Afrika spricht, muss man gleichzeitig auf die interpretierende Sicht der Ethnologie verweisen, die den afrikanischen Kontinent zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und allgemeiner Unterhaltung machte. Sieht man sich heutzutage Publikationen wie GEO oder National Geographic an, dann stellt man fest, dass dort fast nie Fotografen oder Journalisten aus Afrika einbezogen werden, um über ihre Länder zu berichten.
Nach zehn Jahren anhaltender Kritik am ethnographischen Paradigma über das Fremde kommt man zu dem Schluss, dass man sich gänzlich von dieser Fragestellung abwenden muss. Diese Sicht auf Afrika gehört einfach der Vergangenheit an. Seine Anziehungskraft erscheint mir insofern problematisch, als damit ein nostalgischer Blick auf eine historische Vergangenheit verbunden ist, in der die aktive Rolle Afrikas nicht hinterfragt wurde.
Es geht mittlerweile darum, die Rolle des Subjekts im heutigen Afrika zu definieren. Das Paradigma der National Geographic, das ja den Inbegriff der Entsubjektivierung Afrikas und der AfrikanerInnen darstellt, kann erst dann ernsthaft diskutiert werden, wenn wir es in unsere eigene Arbeit ? sei es als Kuratoren, Kritiker, Kommentatoren oder Institutionen ? kritisch einbeziehen.

Sind die gängigen Vorstellungen von Afrika also weitgehend eine Erfindung Europas?
Ich frage mich, ob es am Ende dieses Jahrhunderts wirklich sinnvoll ist, sich nur mittelbar über die Vorstellungen der Europäer mit Afrika zu beschäftigen. Wir wissen ja bereits durch die Ergebnisse der Arbeiten von Frantz Fanon und der Psychoanalyse, dass der auf den Anderen gerichtete Blick ein Blick des Begehrens ist. Dieses Begehren bestimmt auch die Art und Weise, wie wir das Andere, das Fremde wahrnehmen. In der Weise und in dem Maße, wie Europa sich ein Bild von Afrika konstruiert und es sich einverleibt, produziert und konsumiert natürlich auch Afrika ein Bild von Europa.

In der Einleitung Ihres Buches »In/sight« schreiben Sie, kein Medium sei bei der Verbreitung von Fiktionen und Phantasmagorien in Bezug auf Afrika mehr instrumentalisiert worden als die Fotografie. Wie gehen zeitgenössische afrikanische Fotografen damit um?
Wir müssen nicht dem nachgehen, wie Afrika sich der Weltöffentlichkeit präsentiert, sondern dem, wie es sich selbst wahrnimmt und wie es sich selbst sucht. Wir müssen neue Fragestellungen ausarbeiten, wie z.B. in Räumen und Gebieten, die sich in völliger Auflösung und Wandlung befinden, neue Erzählstile erfunden werden ? Wie tauschen sie gegenseitig ihre Geschichten aus? Diese Aufgabe kann nicht allein durch Bilder geleistet werden. Wir müssen herausfinden, wie andere Sprachformen neue Erzählformen hervorbringen können; wir müssen ein Universum erfinden, eine Welt, die sich nicht auf die Verführung des Bildes reduzieren lässt. Fotografie erschafft durch ihre Art der Abbildung und der Repräsentation von Welt eine scheinbar objektive, instrumentale Logik. Die Identitätsbestimmung, wie sie in der sogenannten afrikanischen Fotografie erfolgt, stellt einen interessanten Raum individueller Selbstbestimmung dar. Sie ist nicht nur in die soziale Protestbewegung der europäischen oder westlichen Fotografie eingebettet, sondern sie bietet auch einen Raum für eigene Wunschvorstellungen. Viele afrikanische Künstler auf der Suche nach einer neuen Ästhetik konnten sich einen Phantasieraum erschaffen, in dem sehr persönliche Erzählstile erfunden wurden. Mama Casset, Seydou Keïta oder die anderen Fotografen, die in vielen afrikanischen Städten gearbeitet haben, waren nicht unbedingt die Erfinder dieser Bilder, aber sie haben sie möglich gemacht. Die Porträtierten selber, bestimmten darüber, wer sie sein wollten, welche Masken sie tragen wollten und welche Hilfsmittel sie brauchten, um einen bestimmten Ausdruck zu erzielen. Diese Scheinwelten werden in keinerlei Hinsicht für real gehalten, man begegnet ihnen nur auf ironische Weise.

Lassen sich Bezüge zwischen der Ästhetik der Arbeiten von Seydou Keïta und Malick Sidibé und den Befreiungsdiskursen zur damaligen Zeit herstellen?
Natürlich kann man sich die Arbeit von Seydou Keïta ansehen und dabei feststellen, dass sich hier eine Möglichkeit für AfrikanerInnen bot, ihre eigenen Bilder, ihren eigenen Raum in Besitz zu nehmen. Und genau hier produzierten sie einen Gegen-Diskurs zu dem ethnographischen Blick, indem sie nämlich diese Bilder von sich selbst wiedererlangten. Hier lässt sich eine Dimension der Befreiung ausmachen, die Widerstand beinhaltete und aus einer Re-Aktion entstand. Ansonsten waren ihre Porträts mehr affirmativ und gaben vor allem Anlass zu Genuss und Spaß. Die Nachfrage nach Exotik spielte im Bewusstsein der Porträtierten überhaupt keine Rolle. Die Bilder von Keïta gehören den Menschen von Bamako. Darin drückten sie ihre eigene Moderne aus, und sie konnten den Fotografen für ihre eigenen Ziele gewinnen. Man kann diese Bilder als karnevaleske Performance ansehen, denn sie nutzen die Technik als ein Mittel, den um sich selbst kreisenden westlichen Diskurs in Frage zu stellen. Dabei wird wieder einmal deutlich, dass unbedingt mit dem ethnographischen Blick und der Raumlogik des Kolonialismus gebrochen werden muss.

Das Interview führte Michael Thoss, Mitarbeiter im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Die Ausstellung ist bis zum 29.7. im Martin-Gropius-Bau zu sehen, es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm.