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(Artikel * 2001) Seibert, Thomas
Überraschende Wendungen Konfliktbearbeitung von unten in Südafrika Konfliktbearbeitung in Südafrika
in iz3w Nr. 254 * Seite 33 - 35
Themen: Konfliktbearbeitung * Dok-Nr: 134257
Krisenprävention

Überraschende Wendungen
Konfliktbearbeitung von unten in Südafrika

In allen Konzepten für Konfliktbearbeitung und Krisenprävention wird die große Bedeutung lokaler Initiativen betont. Das Beispiel der NGO Survivors of Violence aus dem südafrikanischen Durban zeigt, wie schwierig angesichts der desaströsen sozioökonomischen Lage gesellschaftlicher Ausgleich und damit die Bekämpfung von Konfliktursachen sind. Trotzdem gelingt es ihr, zum Abbau der Gewaltstrukturen beizutragen.

von Thomas Seibert

Die Durchsetzung der »ausschließenden Globalisierung« (D. Horman) hat auch die Parameter der Entwicklungspolitik verändert. Die steile Karriere der Begriffe »Krisenprävention« und »Konfliktmanagement« zeigt an, was »Entwicklungszusammenarbeit« unter den Bedingungen einer sicherheits- und ausgrenzungsimperialistischen Weltinnenpolitik bedeuten wird. Deren Hauptziel ist der Schutz der wohlhabenden Archipele des »global village« vor den Bedrohungen, die in den marginalisierten Weltregionen ausgemacht werden. Dazu gehört vor allem die Eindämmung der parallel zur Marginalisierung wachsenden sozialen Gewalt. Was aber wäre »Konfliktmanagement« im Interesse derer, die der Gewalt unmittelbar ausgesetzt sind? Dies soll am Beispiel des im Umland der südafrikanischen Stadt Durban aktiven KwaZulu Natal Programme for the Survivors of Violence (PSV) gezeigt werden.
Die ?Apartheid City? Durban ist ein Zentrum der südafrikanischen Industrie und deshalb seit den 40er Jahren auch ein Kristallisationspunkt der Gewerkschaftsbewegung. Mit der Industrialisierung wurde die Lohnarbeit zur vorherrschenden Arbeits- und Lebensweise. In den 60er Jahren wuchsen um Durban schwarze Siedlungen, darunter illegal angelegte squatter camps. In den 70er Jahren verstärkte sich der gewerkschaftliche Widerstand gegen die rassistische Unterdrückung. Es entstanden Formen lokaler Selbstversorgung, die in der Regel streng patriarchal organisiert waren. Es bildete sich ein schwarzafrikanisches Kleinbürgertum, zugleich begannen die in extremer Armut und Unsicherheit lebenden Wanderarbeiter autonome soziale Sicherungssysteme wie Spar-, Wohlfahrts- und Bestattungsvereine auszubilden. Staatspolitisch erfolgte in dieser Zeit der Übergang zur so genannten Homeland-Verwaltung: KwaZulu-Natal wurde zu einer formell selbstständigen politischen Einheit unter schwarzafrikanischer Verwaltung.

Inkatha gegen ANC
In den 80er Jahren entstanden neue Lebensformen auf Grundlage von grassroots economic activities. Deren Kern bildeten Haushalte mit Mehrfacheinkommen von Männern, Frauen und Kindern, die zeitweilig Lohnarbeitsverhältnisse eingingen, ländliche Subsistenzarbeit betrieben und ihr Einkommen auch durch kleinkriminelle Tätigkeiten aufbesserten. Um diese Haushaltsökonomien bildeten sich Verwandtschafts-Netzwerke. Hinzu trat ein Patronagesystem, in dem Kommunalbeamte und lokale politische Führer durch Lizenzvergabe die Verteilung bestimmter Einkommensmöglichkeiten organisierten: kleine Läden, Kneipen, Taxis, Reparaturwerkstätten etc. In den wachsenden squatter-camps breitete sich das shack-farming aus, eine elende Form ländlicher Subsistenz als Überlebensstrategie der Ärmsten, deren Arbeitskraft von lokalen Chefs ausgebeutet wurde.
Mit der Ausbreitung solcher ?real life economics? korrespondierte der sozioökonomische Abstieg der Lohnarbeiter-Mehrheit. Die soziale Spaltung vertiefte sich, es entstand eine zunehmend politisierte und militante Widerstandskultur. Community- und civic-Organisationen breiteten sich aus: kollektive bzw. genossenschaftliche Formen der Selbstorganisation, die zunehmend mit dem Patronagesystem konkurrierten. Damit wuchsen die politischen Differenzen zwischen der tribalistischen Inkatha Freedom Party (IFP) und dem linksorientierten African National Congress (ANC): während die IFP einerseits die traditionellen chiefs und die Patrone der Schattenökonomie, andererseits die Ärmsten der Armen organisierte, verbanden sich im ANC die proletarischen und kleinbürgerlichen Segmente der schwarzen Bevölkerung. Das Apartheid-Regime schürte die sozialen und politischen Konflikte und sorgte durch Aufrüstung der IFP für deren Militarisierung.

Ökonomie der Plünderung
Zwischen 1984 und 1994 wurde KwaZulu Natal von massiver Gewalt heimgesucht. Die Zugehörigkeit vor allem junger Männer zu marodierenden bewaffneten Gruppen wurde zur weitverbreiteten Erwerbsmöglichkeit. Es begann ein schwunghafter Handel mit geraubten Gütern, das shack-farming breitete sich immer weiter aus. So bildete sich eine »politische Ökonomie der Plünderung, des Sammelns und des Diebstahls« (Sitas). Ein Fünftel der Bevölkerung wurde im Verlauf der Auseinandersetzungen vertrieben. Da der Krieg hauptsächlich zwischen Verwandten und Nachbarn geführt wurde, brachen sowohl die primär dem ANC verbundenen Verwandtschaftsnetze als auch die ökonomische Substruktur des IFP-kontrollierten Patronagesystems zusammen.
Die Post-Apartheid-Zeit ist durch die Öffnung Südafrikas und damit auch Durbans zum Weltmarkt bestimmt. Wesentliche Sektoren der Industrie werden niederkonkurriert, ein Viertel der industriellen Arbeitsplätze geht verloren. Vor diesem Hintergrund bilden sich drei neue Formen der Reproduktion: Neue »Jäger- und Sammler-Gesellschaften« (Sitas), gegründet auf Netzwerken der Abfallverwertung, der Bettelei und der Kleinkriminalität; Dienstbotentätigkeiten aller Art sowie eine Strassenhändlerökonomie, die einerseits die Armen und andererseits die Touristen versorgt. Es kommt zum Bedeutungsverlust der Gewerkschaften und der civics, deren Kompetenzen von gewählten Organen der Kommunalverwaltung und von konkurrierenden NGOs übernommen werden. Hinzu tritt der wachsende Einfluss eines neuen, mafiös beherrschten Patronagesystems.

Survivors gegen Gangsterism
In dieser Situation arbeitet seit 1991 das KwaZulu Natal Programme for the Survivors of Violence (PSV). Gegründet wurde das Projekt auf Initiative der mittlerweile aufgelösten South African Health and Social Services Organisation, in der sich während des Anti-Apartheid-Kampfes GemeinwesenarbeiterInnen, PsychologInnen und MedizinerInnen organisiert hatten. Zunächst führte das PSV ausführliche Untersuchungen über die Lebensbedingungen in den Siedlungen und squatter camps durch, auf deren Basis »Interventionsprogramme« umgesetzt werden. Diese ?Interventionen? erfolgen nur auf Veranlassung der jeweiligen Gemeinde. Die Zahl der Anfragen übersteigt allerdings schon jetzt die Kapazitäten der ca. 15 hauptamtlichen MitarbeiterInnen, die gegenwärtig in 16 communities rund um Durban und Pietermaritzburg aktiv sind und dabei durch HelferInnen aus den Gemeinden unterstützt werden. Das Projekt finanziert sich durch staatliche sowie durch Mittel ausländischer NGOs.
Die Survivors versuchen, die Leute quer zur ANC-IFP-Spaltung entlang ihrer gemeinsamen alltäglichen Interessen zur Selbstorganisation zu führen. Ansatzpunkt ist die Kontinuität der Gewalt, die nach dem Ende der Apartheid in der Kriminalität, im Gangsterism und im alltäglichen Sexismus fortgesetzt wird. Die Spannweite der Interventionen reicht von der psychosozialen Beratung von Individuen und Familien über die Organisation von Kinder-, Jugend-, Eltern-, Lehrer- und Frauengruppen bis hin zu einer die ganze Gemeinde betreffenden Kampagnenarbeit.
Die Gemeinde Mbovu ist 50 km von Durban entfernt und galt als eines der Zentren der Gewalt. Die Siedlung ist in zwei Familienclans gespalten, einer im ANC, einer in der IFP organisiert. Mit der Zeit wurden alle anderen Familien in den Konflikt verwickelt. Mbovu verfügt über zwei Schulen, eine Klinik und eine Polizeistation. Deren Personal gehört wie die lokalen Priester ebenfalls entweder dem einen oder dem anderen Clan an, der Konflikt bestimmt deshalb auch ihre Dienstleistungen. Die Feindschaft der beiden Clans stammt noch aus der Zeit der Großeltern. Mittlerweile betrifft der Konflikt die Enkel; die Survivors arbeiten mit Angehörigen der zweiten und dritten Generation.
Die Interventionen des PSV setzten einen sorgfältigen strategischen Prozess voraus, der den Zugang zur community öffnen sollte. In Mbovu intervenierten die Survivors auf Anfrage einer Gruppe von Jugendlichen, die von ihrer Arbeit in anderen Gemeinden erfahren hatten. Mit ihrer Hilfe wurden vor Beginn der Arbeit Schlüsselpersonen der community-leadership konsultiert. Dies ist ein entscheidender Moment, kontrollieren die traditionalen chiefs in den ländlichen Gebieten doch sämtliche Aktivitäten. Aufgrund der tiefen Spaltung in Mbovu brachten die Survivors Angehörige beider Lager schon zu Beginn zusammen. Hätten sie mit einer der Gruppen begonnen, wäre das als Parteinahme ausgelegt worden. Im Verlauf dieses zeitaufwendigen Prozesses half das PSV den Jugendlichen bei der Bildung einer Jungen und Mädchen beider Lager vereinigenden Gruppe, die sich wöchentlich in der Grundschule, d.h. an einem zentralen und neutralen Ort, traf.

Individuelle Gewalterfahrung...
Die Survivors lenkten die Aktivitäten der Gruppe in zwei Richtungen, die letztlich ineinander verschränkt werden. Zunächst leisteten sie den traumatisierten Jugendlichen psychosoziale Hilfestellung. Deren Ziel lag darin, Räume dafür zu öffnen, sich gemeinsam der gesellschaftlich bedingten, doch stets individuell erlittenen Gewalterfahrung zu stellen. Dabei galt es, Vertrauen aufzubauen, um die Wut, die Angst, den Wunsch nach Rache und das Schuldgefühl zur Sprache bringen zu können. Das weitere Ziel der psychosozialen Assistenz ist die Verhinderung künftiger Gewalt durch gemeinwesenorientierte Konfliktlösung. Dies beginnt mit ganz praktischen und alltäglichen Situationen wie z.B. der Verwaltung einer gemeinsamen Kasse oder der Bereitung gemeinsamer Mahlzeiten, die den Gruppenmitgliedern die Möglichkeit geben, zueinander Vertrauen zu finden und die Sorge um den Frieden in der community zu übernehmen. Der Gruppenprozess ist Ziel und Weg zugleich und findet seine Vollendung in der Herausbildung demokratischer Formen wie einer rotierenden leadership.
Im Wechselspiel der individuellen und kollektiven Traumaarbeit erkannten die Beteiligten in einem langwierigen Prozess, dass und wie sie gemeinsam in einem Kreislauf der Gewalt gefangen waren, von dem sie jetzt sahen, dass es dabei nicht um sie, wohl aber um ihre Eltern ging. Zugleich verstanden alle, wie die parteipolitischen Funktionalisierungen des realen Konflikts selbst nur ein Element im Streit gewesen waren, nicht aber dessen Ursache. Damit war der Anfang gemacht: Die jungen Leute begannen, gemeinsame Projekte zu organisieren und sich über ihre Eltern hinwegzusetzen, die ihnen Verrat vorwarfen.
Die Konsolidierung einer kontinuierlichen Arbeit am Trauma dauerte ein Jahr und wurde vor allem durch die materiellen Nöte der community beeinträchtigt: Armut heizt den Konflikt immer neu an. Deshalb besteht der zweite Strang der PSV-Intervention in der Förderung gemeinschaftlicher einkommensschaffender Projekte. Die von den Jugendlichen entdeckten gemeinsamen Interessen wurden dabei zum Motiv einer kontinuierlichen sozialen Praxis. Die Survivors ermutigten die Gruppe zum Fundraising bei Firmen und kommunalen Behörden, organisierten Maßnahmen zur Aus- und Weiterbildung und schließlich gemeinsame Unternehmungen, die den Gruppenmitgliedern unmittelbar ein Einkommen schufen.
Da erfolgreiche Projekte dieser Art ihren Betreibern oft nur die ökonomischen Mittel an die Hand geben, aus der community fortzuziehen, setzten die Survivors auf kommunitäre Projekte zur Verbesserung der Umwelt und zur Siedlungsentwicklung. Dieser Prozess nahm noch einmal zwei bis drei Jahre in Anspruch. Die Survivors unterstützten die Gruppe, bis sie ohne ständige Begleitung auskam, und zogen sich dann langsam aus ihren Unternehmungen zurück. Die Jugendlichen wiederum forderten die Survivors auf, jetzt auch mit ihren Eltern zu arbeiten. Dies ist der nächste Schritt.

...und kollektive Aufarbeitung
In Bhambayi, einer illegalen Siedlung 10 km außerhalb Durbans, ist die Intervention des PSV bereits ein Stück weiter. Auch diese community ist durch extreme Armut und durch die vergangene und untergründig fortwirkende Gewalt bestimmt. Auch hier verdeckt der politische Streit zwischen IFP und ANC den zugrundeliegenden sozialen Konflikt. Die Siedlung ist entlang eines Baches gespalten; die BewohnerInnen des verelendeteren Ortsteils werden von der IFP, die der bessergestellten Hälfte durch den ANC vertreten.
Die Survivors motivieren hier nicht nur Jugendliche, sondern auch Frauen zur Selbstorganisation. Im Unterschied zu Mbovu werden in Bhambayi zwei parallele Interventionen unternommen, eine auf dem ANC- und eine auf dem IFP-Gebiet. Dabei werden auf beiden Seiten dieselben Unternehmungen initiiert, z.B. Jugend- und Frauengruppen. Auch hier kommen psychosoziale Assistenz und kommunitäre Projektarbeit zusammen. Die ökonomischen Aktivitäten der Frauengruppen sind auf die Möglichkeit der armen community zugeschnitten: es existiert eine Einkaufskooperative, durch die sich die Frauen Güter des täglichen Bedarfs gemeinsam beschaffen. Dabei kaufen die Frauen nicht nur für den Eigenbedarf, sondern betätigen sich auch als Wiederverkäuferinnen. Der in der Kooperative erzielte Gewinn wird gemeinsam verwaltet und z.T. in weitere ökonomische Projekte wie den Erwerb von Nähmaschinen zur Kleiderproduktion für den lokalen Markt oder die Bewirtschaftung eines gemeinsamen Gemüsegartens verwendet.
Die Frauengruppe des ANC-Gebiets setzte bei ihren Männern und der Gemeinde die Einrichtung eines Kindergartens durch, den sie mittlerweile in Eigenregie betreibt. Als die IFP-Frauen ebenfalls einen Kindergarten einrichten wollten, wurde ihnen dies von ihren Männern verwehrt, wobei einzelne Frauen brutal verprügelt wurden. Trotzdem zeitigte die Selbstorganisation einen entscheidenden Erfolg: als klar wurde, dass die Männer die Einrichtung des Kindergartens blockieren, berieten sich die IFP-Frauen mit ihren Genossinnen auf dem ANC-Gebiet und setzten in einer überraschenden Wendung durch, dass der dortige Kindergarten von beiden Frauengruppen genutzt und verwaltet wird.
Solche Wendungen sind das eigentliche Ziel der gemeinwesenorientierten Mikropolitik der Survivors of Violence. Sie verdeutlichen die Möglichkeiten wie die Grenzen einer kommunitären und partizipativen Konfliktbearbeitung und -prävention. Obwohl diese Grenzen eng gezogen sind und die in ihnen auszuspielenden Möglichkeiten nicht ausreichen, um die gewaltdurchdrungenen Verhältnisse zu überwinden, markieren sie doch den Unterschied zwischen dem notwendigen Versuch, die Gewalt im Interesse der Betroffenen zu begrenzen, und einer autoritären Sozialtechnologie, der es nur um die »Befriedung« derer geht, die nicht dazugehören (sollen).


Literatur:
? Ari Sitas, The New Poor and Social Movements in Durban (Typoskript)

? medico-report 23: Die Gewalt überleben. Dokumentation der Konferenz »Psychosoziale Arbeit nach Krieg und Diktatur« (erscheint Juni 2001)


Thomas Seibert ist Mitarbeiter von medico international.