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(Artikel * 2001) Günther, Stephan
Afrikanische Straßenkarte "The Short Century" - eine Ausstellung postkolonialer Kunst Kunst: afrikanische Straßenkarte
in iz3w Nr. 253 * Seite 44 - 44
Themen: Kunst * Dok-Nr: 134242
Kunst

Afrikanische Straßenkarte
»The Short Century« ? eine Ausstellung postkolonialer Kunst

von Stephan Günther

Afrika ist eine Erfindung, sagt der ghanaische Kulturwissenschaftler Kwame Anthony Appiah. Zunächst eine Erfindung der Kolonisatoren, die einen Kontinent unter den imperialistischen Staaten Europas aufteilten, später der antikolonialen Befreiungsbewegungen, deren Anführer meist in Amerika oder Europa studiert und dort angefangen hatten, den Blick auf Afrika als Ganzes und nicht mehr nur auf einzelne Regionen zu richten. Was Afrika für den europäischen Blick erst zu ?Afrika? machte, so Appiah, war weder eine gemeinsame Kultur noch eine verbindende Geschichte, »es war die Heimat des Schwarzen« ? ein vereinheitlichender Blick, der dem Rassismus Tür und Tor öffnete.
In Afrika selbst entstand so etwas wie ein afrikanisches Bewusstsein oder eine panafrikanische Idee erst in der Folge des Kolonialismus ? nicht zuletzt durch die Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen nach 1945. The Short Century ? das kurze Jahrhundert, das eigentlich nur ein halbes ist ? lautet folgerichtig der Titel einer Ausstellung, die ab dem 18. Mai in Berlin zu sehen ist. Anders als übliche Afrika-Ausstellungen geht es ihr um die Gegenwart und nicht um die Archäologie des alten Kontinents, um die Moderne und weniger um die Tradition.
Dem kolonisierten wird dabei nicht das »freie« Afrika gegenübergestellt, sondern das »sich befreiende«. Es geht um Ausdrucksformen der Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen ? worauf der Untertitel der Ausstellung: Independence and Liberation Movements in Africa 1945-1994 verweist ?, nicht jedoch um deren Resultate. Der Begriff des »kurzen Jahrhunderts«, den der Historiker Eric Hobsbawm für die europäische Geschichte von der Oktoberrevolution bis zum Zusammenbruch des Realsozialismus geprägt hatte, deutet außerdem an, wie sehr das nachkoloniale Afrika von Europa geprägt ist: Es gelten koloniale Amtssprachen; Schulen, Universitäten und Rechtssysteme basieren auf den Kolonialmodellen und selbst die Widerstandsbewegungen orientieren sich an europäischen Staats- und Parteisystemen. So sind die ausgestellten politischen Plakate oder die dokumentierten Politikerreden gleichzeitig Ausdruck des Widerstands gegen das europäische Gesellschaftsmodell wie seiner Adaption. Auch die moderne afrikanische Malerei lässt bisweilen eine Orientierung an europäischen Künstlern (Picasso etwa) erkennen. Motive und Themen ? häufig geht es um die koloniale Gewalt ? lassen bei den ausgestellten Bildern jedoch eine eigene, afrikanische Richtung erkennen.
Das »kurze Jahrhundert« meint allerdings vor allem, dass eine eigene afrikanische Geschichtsschreibung erst mit der Befreiung vom Kolonialismus beginnen konnte. Viele Ausstellungsstücke stammen aus der Gründungszeit der nachkolonialen Staaten. Die Auseinandersetzung mit Gewalt und Unterdrückung durch die Kolonisatoren ist daher genauso präsent wie die Utopien für die gerade erlangte Unabhängigkeit. Wenn etwa Planungsskizzen der Architekten neben Bildern realer afrikanischer Townships hängen, zeigt dies sowohl diese Aufbruchstimmung als auch die Ernüchterung, die ihr folgte.
Dem Kurator der Ausstellung und Herausgeber des Begleitbuches, Okwui Enwezor, geht es darum, »wie man die Dimensionen der Moderne in einen visuellen und ebenso in einen intellektuellen Rahmen stellen kann.« Das gilt es zu betonen. Üblicherweise zeigen Afrika-Ausstellungen nämlich den visuellen Charakter afrikanischer Kunst, den intellektuellen sprechen sie ihr nicht selten schlichtweg ab. Insofern sind die Ausstellung und mehr noch das Buch Ausdruck politischen und kulturellen Sich-zu-Wort-Meldens. Politische Reden, theoretische Abhandlungen und historische Analysen (u.a. von Frantz Fanon, Julius Nyerere, Nelson Mandela oder Jean-Paul Sartre) begleiten die Sammlung moderner Kunst und machen den Begleitband zu einer Dokumentation neuerer afrikanischer Geschichte. Die Ausstellung zeigt nicht in erster Linie politisch ambitionierte Kunst, aber ihre Präsentation ist an sich bereits politisch ? nicht zuletzt auch deshalb, weil neben den Artefakten der bildenden Künste dokumentarische Fotos, Filme oder Printmedien gezeigt werden. Damit wird angedeutet, dass die Wahrnehmung der politisch-gesellschaftlichen Gegenwart Afrikas offenbar nur über den Weg der Kunst möglich ist. Aus diesem Grund verschleiert die Ausstellung die Frage nach der »Identität« Afrikas allerdings mehr als sie zu einer Antwort verhilft.
Hauptanliegen der Ausstellung ist aber ohnehin, die Klischees von Afrika zu zerstören, oder, wie es Enwezor in einem Interview ausdrückte, »den Bildern, die der Kolonialismus hinterlassen hat, eine neue Sicht entgegensetzen auf das, was afrikanische Identität sein könnte oder sein wird.« Der in Nigeria geborene, in London und New York lebende Kurator Enwezor ist gleichzeitig Direktor der 11. Documenta in Kassel ? als erster Afrikaner in deren Geschichte. Er sieht sich auch dabei nicht als Botschafter afrikanischer Kunst, er versucht vielmehr, der Kunst ihre einengenden Zuschreibungen zu nehmen. »Wir brauchen eine Art Straßenkarte, um fähig zu sein, ein komplexeres Verständnis für andersartige Kulturen aufzubringen.« Eine solche Karte mit all ihren verschlungenen Pfaden und Umwegen ist ihm mit The Short Century eindrucksvoll gelungen.

Die Ausstellung »The Short Century« ist ab dem 18. Mai im Berliner Martin-Gropius-Bau, Stresemannstraße 110, zu sehen: Sonntag bis Montag von 10 bis 20 Uhr, Samstag bis 22 Uhr. Unter dem Titel »Stunde Null« findet außerdem ein Schulprogramm mit Führungen, Workshops und eine Projektwoche zur Ausstellung statt. Infos: Haus der Kulturen der Welt, Tel. 030/39787-0, www.hkw.de
Das dazugehörige umfangreiche englischsprachige Buch ist im Prestel Verlag erschienen: Okwui Enwezor (Ed.): The Short Century. Independence and Liberation Movements in Africa 1945-1994. Prestel, München ? London ? New York 2001, 128 DM.


Stephan Günther ist Mitarbeiter des iz3w.