Volltext

(Artikel * 2001) Hahn, Michael
Model Minorities Die US-amerikanische Debatte um Einwanderung, alte Werte und neue Nützlichkeiten US-amerikanische Debatte um Einwanderung
in iz3w Nr. 253 * Seite 30 - 33
Themen: Einwanderung * Dok-Nr: 134237
Integration

Model Minorities
Die US-amerikanische Debatte um Einwanderung, alte Werte und neue Nützlichkeiten

In den USA diskutiert die Öffentlichkeit heute sehr pragmatisch über Einwanderung und kulturelle Differenz. Das resultiert aus der wichtigen Rolle der ImmigrantInnen für die New Economy sowie aus ihrer wachsenden Bedeutung als Wählerpotenzial. Neu ist indes der Vorbildcharakter, der einigen MigrantInnengruppen vor allem von konservativer Seite zugeschrieben wird. Ihnen wird Fleiß, Familiensinn und Wertekonservatismus nachgesagt.


von Michael Hahn

Irgendwann im Laufe des Jahres 1999 oder 2000 sank in Kalifornien der Anteil der Weißen an der Gesamtbevölkerung unter 50 Prozent. Seither gibt es, wenn man die Kriterien der US-Statistiker anlegt, im größten und dynamischsten aller US-Bundesstaaten keine ethnische Mehrheit mehr. Noch vor wenigen Jahren hätte dieses demografische »Erdbeben« vermutlich aufgeregte Diskussionen ausgelöst ? über das Auseinanderbrechen der US-Gesellschaft, Balkanisierung und Bandenkriege, Werteverfall und Dritte-Welt-Verhältnisse im »Golden State«. Im Sommer 2000 dagegen, als das kalifornische Statistik-Büro seine Berechnungen veröffentlichte, wurden die neuen Zahlen nur schulterzuckend zur Kenntnis genommen. In den Massenmedien erschienen die üblichen Kuchen-Grafiken, nach denen auch US-weit der »weiße« Anteil von heute 71 Prozent bis zum Jahr 2050 auf 52 Prozent fallen wird. Latinos werden dann ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, Schwarze, Asiaten und Indianer den Rest. Kalifornien sei eben der US-Entwicklung zu einer multikulturellen »Gesellschaft aus Minderheiten« um einige Jahrzehnte voraus, hieß es lapidar.
Im Präsidentschafts-Wahlkampf zwischen George W. Bush und Albert Gore spielte das Thema »Einwanderung« praktisch keine Rolle. Noch vor wenigen Jahren zogen vor allem die Republikaner gegen »Überfremdung« und »Sozialmissbrauch durch Illegale« zu Felde. Der US-Kongress verabschiedete 1996 mehrere Gesetze gegen die Rechte und sozialen Ansprüche von Einwanderern.1 Doch schon zwei Jahre später waren die schlimmsten Klauseln wieder entschärft. Und im Herbst 2000 plauderte der Republikaner Bush, dessen Parteifreunde noch vor kurzem Englisch zur einzigen Amtssprache erklären wollten (»English Only«), auf Spanisch in die Fernsehkameras. Selbst die politische Rechte scheint sich allmählich damit abzufinden, dass ihr Ideal einer »weißen christlichen Republik« nicht weiter mehrheitsfähig ist.
Ein Grund für die neue Gelassenheit ist sicherlich die unwidersprochene Tatsache, dass ohne Einwanderung die US-Ökonomie zusammenbrechen würde. Nach neun Jahren Expansion wurden allmählich die Arbeitskräfte knapp, und zwar nicht nur in der High-Tech-Industrie, sondern auch in den Niedriglohn-Sektoren. Dies kommt den Beschäftigten zugute: Nachdem die Reallöhne in den unteren Lohngruppen von 1973 bis Mitte der 90er Jahre fast kontinuierlich zurückgegangen waren, sind sie in den vergangenen Jahren wieder leicht angestiegen. Prompt forderten Notenbank-Präsident Alan Greenspan und die US-Handelskammer eine liberalere Einwanderungspraxis, um die »Lohninflation« in Grenzen zu halten. Ohne große Diskussion verabschiedete dann der US-Kongress im Herbst 2000 eine »Altfall«-Regelung für zentralamerikanische Flüchtlinge und verdreifachte die Zahl der befristeten Arbeits-Visa für ausländische Computer-Experten und Ingenieure auf fast 200.000 pro Jahr. Diese Visa der Kategorie »H-1B« ähneln den Schröderschen »Green Cards«: Sie gelten maximal sechs Jahre und sind an bestimmte Arbeitsplätze gekoppelt. Im Unterschied dazu sind die eigentlichen US-amerikanischen »Green Cards« unbefristete Arbeits- und Aufenthaltsberechtigungen für so genannte »Permanent Residents«, die auch den Nachzug von Familienangehörigen ermöglichen.

Ein neuer amerikanischer Traum?
In der weniger einwanderungsfeindlichen Grundstimmung spiegeln sich jedoch auch längerfristige strukturelle Veränderungen der US-Gesellschaft. So sind mehr als 60 Prozent derjenigen, die vor 1980 eingewandert sind, inzwischen eingebürgert und ihre Kinder sind mittlerweile volljährig. Die ImmigrantInnen sind zu BürgerInnen und damit zu einem wichtigen Wählerreservoir geworden, das von den beiden großen Parteien aktiv umworben wird.
Selbst bei den Republikanern gibt es schon immer eine Minderheit, die für eine liberale Einwanderungspolitik eintritt. Dazu gehören nicht nur die Freihandels-Fans, sondern auch Teile des rechten Law-and-Order-Flügels. Ein Beispiel ist William Bennett, früherer Mitarbeiter des Weißen Hauses, der Immigranten für ihre »kulturellen Werte«, Familiensinn, Unternehmergeist, Leistungswillen, Religiosität lobt. Auch die christlich-fundamentalistische Rechte erhofft sich Verstärkung durch religiöse Einwanderer. Sie beruft sich auf Umfragen, laut denen katholische Latinos weniger als der US-Durchschnitt für Abtreibungsfreiheit oder für die Gleichberechtigung von Homosexuellen zu haben seien ? und statt dessen für »traditional family values«. »Die Einstellungen der neuen Immigranten zu Erziehung und Arbeit repräsentieren Werte, wie man sie amerikanischer nicht finden kann«, freut sich die Business Week. Einwanderer werden nicht mehr als »fremd« abgestempelt, sondern avancieren geradezu zum Inbegriff einer amerikanischen »Leitkultur«, die von den angeblich dekadenten Einheimischen nicht mehr geachtet oder gar zerstört wird.
Ähnlich wie in der BRD ist der US-amerikanische Immigrations-Diskurs von der Frage nach der Nützlichkeit geprägt. So wird hin- und hergerechnet, ob nun ImmigrantInnen mehr Steuern und Sozialabgaben entrichten als sie beziehen. (Unter dem Strich kommt immer ein Plus für die Staats- und Sozialkassen heraus.) Anders als im bundesdeutschen Diskurs werden ImmigrantInnen in den USA jedoch nicht in erster Linie als potenzielle Sozialfälle, Spezialitätenköche oder als Lückenfüller im IT-Arbeitsmarkt gesehen. Man geht davon aus, dass sie besondere zusätzliche Qualitäten mitbringen. So schrieb die Business Week unter der Überschrift »Wie Immigranten helfen, die US-Ökonomie wiederzubeleben«: »Mit ihren zweisprachigen Fähigkeiten, Familienbeziehungen und dem Wissen, wie man Dinge im Ausland erledigt, leisten Immigranten einen wichtigen Beitrag zum Export von US-Waren und -Dienstleistungen, vor allem in die schnell wachsenden lateinamerikanischen und asiatischen Märkte.«
In der aktuellen Einwanderungs-Debatte wird unablässig darauf hingewiesen, dass unter ImmigrantInnen der Anteil der Selbständigen deutlich höher sei als in der Gesamtbevölkerung. Dass einwandernde ExistenzgründerInnen sich dazu Kredite aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis besorgen, wird als Beweis für deren »gesunde ethnische Strukturen« interpretiert ? und nicht etwa als Reaktion auf Diskriminierung durch ortsansässige Banken. Immer wieder wird beschrieben, wie Innenstädte veröden und erst durch innovative ImmigrantInnen mit kleinen Läden, Kneipen und Dienstleistungsbetrieben wiederbelebt werden. Das erinnert an die nationalen Ursprungs-Mythen von europäischen Siedlern, die die nordamerikanische Wildnis erst urbar gemacht und zivilisiert hätten.
Dabei wird oft übersehen, dass der »amerikanische Traum« für viele ImmigrantInnen unerreichbar bleibt. Für sie endet das, was sie sich als Leiter zum Erfolg vorstellen, irgendwo im Nichts. Die scharfe Segmentierung der Arbeitsmärkte zwingt sie in die miesesten Jobs (wenn nicht gar in moderne Leibeigenschaft), ihre Kinder besuchen miserabel ausgestattete öffentliche Schulen, die eher Knästen als Bildungseinrichtungen ähneln, und die keinerlei berufliche Perspektiven eröffnen. Hier gibt es deutliche statistische Unterschiede: Während etwa Zentralamerikaner überdurchschnittlich arm sind, gelten viele Asiaten, wie Koreaner oder Inder, als »model minorities«. Doch auch bei diesen Vorzeige-Minderheiten liegt das mittlere Haushaltseinkommen unter den »weißen« Vergleichszahlen, und das, obwohl in asiatischen Familien durchschnittlich mehr Angehörige arbeiten. Die Geschichten vom Aufstieg der »model minorities« sollen beweisen, dass es in den USA »jeder schaffen kann«, wenn er sich nur ein bisschen anstrengt ? wie die koreanischen GemüsehändlerInnen, die, kaum des Englischen mächtig, innerhalb weniger Jahre mit viel Disziplin und harter Arbeit einen eigenen Betrieb aufbauen. Da es aber ganz offensichtlich nicht jeder »schafft«, sind im Umkehrschluss die Loser selber schuld.
Das gilt in erster Linie für die afroamerikanische »Underclass«. Diese Ghetto-Unterklasse besteht zwar aus »Vollblut-AmerikanerInnen«, die aber durch ihre angeblichen krankhaften Eigenschaften (kein Arbeitsethos, keine intakten Familien, Neigung zu Kriminalität, chronischer Sozialhilfebezug usw.) viel »un-amerikanischer« sind als die neuen Vorzeige-Minderheiten ? und das nun schon seit mehr als 400 Jahren. Praktisch seit der Ankunft der ersten afrikanischen Sklaven in den nordamerikanischen Kolonien werden Schwarze von der weißen Mehrheit als die absolut »Anderen« betrachtet. So erschien es den US-Gründungsvätern kaum als Heuchelei, dass sie »all men are created equal« in die Unabhängigkeits-Erklärung schrieben und gleichzeitig Sklaven hielten. Seither gilt immer dasselbe Prinzip: Neue ImmigrantInnen können sich nur dadurch »assimilieren«, dass sie sich von ihren afroamerikanischen KlassengenossInnen absetzen ? das betrifft die irischen Einwanderer des 19. Jahrhunderts ebenso wie die indischen des 21. Jahrhunderts. Und wenn sie dies tun, dann belegen sie mit ihrem sozialen Aufstieg, dass es nicht am Rassismus, sondern an den Schwarzen selbst liegen muss, wenn sie am unteren Ende der Leiter zurück bleiben.

Kostenlose Identitätspflege
Der Appell, sich auf die Tugenden der Immigranten (zurück) zu beziehen, richtet sich auch an die weiße Mehrheitsbevölkerung. Als Reaktion auf das neue Selbstbewusstsein von Schwarzen, Latinos und Indianern im Zuge der Bürgerrechtsbewegung (»black is beautiful«) besinnen sich seit Anfang der 70er Jahre auch viele weiße Amerikaner auf ihre Vorfahren und führen nun einen Bindestrich mit sich: als Irish-Americans, Italian-Americans oder Ukrainian-Americans. Nicht mehr der Einheitsbrei des »Melting Pot« (Schmelztiegel) ist nun das erstrebenswerte Ideal, sondern die »Salad Bowl« (Salatschüssel), in der Tomaten und Rucola gerade in ihrer Unterschiedlichkeit eine bunte, schmackhafte Mischung ergeben sollen. Dieses »Ethnic Revival« hat immerhin den Vorteil, dass das frühere Assimilationsmodell der WASPs (White Anglo-Saxon Protestants) nun nicht mehr als »neutrales«, herrschaftsfreies Ideal durchgeht. Auch »weiß« ist zu einer »Farbe« mit eigenen Interessen geworden. Andererseits macht der neue Ethno-Pluralismus den Rassismus unsichtbar. So heißen die Nachfahren der früheren Sklaven heute nicht mehr »Negroes« oder »Blacks« (Begriffe, die immerhin die Polarität der gesellschaftlichen Rassen-Konstruktion aufscheinen ließen), sondern »African-Americans«. Damit sind sie zumindest sprachlich zu einer ethnischen »Community« neben anderen geworden.
Auf diese Weise hat sich die frühere Klassengesellschaft ? oder auch die weiße Dominanzgesellschaft ? scheinbar in einen Pluralismus aus vielen ethnischen Gruppen aufgelöst. Die weiter bestehende und sich verschärfende soziale Ungleichheit wird als »kulturelle Differenz« verbrämt. So werden diejenigen Interessenkonflikte unsichtbar, die quer zu diesem Gruppen-Schema verlaufen, wie etwa Geschlechter-Widersprüche zwischen Schwarzen oder politische Gegensätze unter ExilkubanerInnen. Dabei geht es den jeweiligen »Leaders« dieser Gruppen, die die Bedürfnisse »ihrer Community« angeblich am »authentischsten« vertreten können, nicht um eine Aufhebung der rassistischen Grundstrukturen der Gesellschaft ? dann würden sie ihre Legitimation verlieren ? sondern schlicht um ein größeres »piece of the pie«.
Freilich sind diese Kuchenstücke nicht zu verachten. Nach 30 Jahren haben Anti-Diskriminierungs-Gesetze und Gleichstellungsprogramme (»Affirmative Action«), die meist aus der Amtszeit des republikanischen Präsidenten Richard Nixon stammen, ihre Spuren hinterlassen. Damit ist zwar der Rassismus nicht aufgehoben, aber es können heute Leute Rechtsanwalt oder Ärztin werden, deren Großeltern noch allein wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft nur Aushilfsjobs gefunden haben. Diesen Aufstieg einer »Black Middle Class« (und, mit einiger Verzögerung, von Latinos und Asiaten) gab es auch in der Politik. Der Durchbruch kam in den 70er Jahren, als in einer Großstadt nach der anderen erstmals Schwarze zu Bürgermeistern gewählt wurden. Mittlerweile sind dunkelhäutige Mandatsträger in den Rathäusern, Landesparlamenten oder im US-Kongress keine Besonderheit mehr.
Doch die neue »Diversity« hat oft nur symbolischen Wert. Bis in die 70er Jahre hinein wurden viele europäische Einwanderer über den Klientelismus ethnisch strukturierter Kommunalverwaltungen (etwa durch die legendäre irisch dominierte »city machine« von Chicago) sozial integriert. Dieses weiße Monopol auf politische Ämter wurde just in einer Zeit aufgegeben, als es immer weniger zu verteilen gab. Durch De-Industrialisierung, Sozialabbau und »white flight« (der »Flucht« vieler Weißer aus den multi-ethnischen Großstädten in die weißen Speckgürtel-Vorstädte) ging den neu gewählten Bürgermeistern und Parlamentariern schlicht das Geld aus. Der gerade erkämpfte Schlüssel zur Stadtkasse wurde wertlos. Statt Umstrukturierung zugunsten von bisher benachteiligten Minderheiten blieb ihnen oft nur übrig, den Mangel zu verwalten. Mit ein paar dunkelhäutigen Gesichtern im Kabinett und etwas spanischem Small-Talk hat auch Bush der gesellschaftlichen »Vielfalt« angeblich genüge getan. Statt tatsächlicher Veränderungen in der Politik begnügt man sich mit der kostenlosen Pflege ethnischer Identitäten.
Zum Beispiel in den Schulen. So genannte Regenbogen-Lehrpläne schafften den herkömmlichen Geschichtsunterricht über die Heldentaten der klassischen »Dead White Males« ab. Statt dessen werden nun verschiedene Gruppen-Historien gelehrt, wobei es vor allem auf die Förderung eines ethnischen »Selbstwertgefühls« anzukommen scheint. Im Mittelpunkt steht dann nicht etwa die Geschichte der Sklaverei und des antirassistischen Widerstands, sondern beispielsweise die Tatsache, dass der Afroamerikaner Elijah McCoy im 19. Jahrhundert ein prima Motoröl erfunden hat und damit heute vermeintlich als »Role Model« für afroamerikanische Schüler taugt. Auf der neuen Dollarmünze ist die Shoshone-Indianerin Sacagawea verewigt, die 1804 als 15-Jährige die weißen Pioniere auf ihrer legendären Expedition vom Mississippi an den Pazifik führte und sie vor indianischen Angriffen bewahrte. Und in Kalifornien wird neuerdings am 31. März der Geburtstag des verstorbenen Landarbeiter-Gewerkschafters Cesar Chavez offiziell gefeiert ? wobei Chavez selbstverständlich nicht als Klassenkämpfer, sondern eben als »Mexican-American Leader« gewürdigt wird. So hat jede ethnische Gruppe ihren Anteil am »American Dream«. Das kulturelle Aufbegehren der 60er Jahre wurde erfolgreich re-integriert.
Mit solch betulicher Traditionspflege können sich auch Konservative anfreunden. »We Are All Multiculturalists Now« räumte der Soziologe Nathan Glazer 1997 mit seinem gleichnamigen Buch ein ? ganz ohne Ironie. Denn dass die USA bei aller kulturellen Vielfalt doch »One Nation« sind, stellt außer einigen militanten »Anti-Kolonialisten« a la »Republic of New Afrika« niemand in Frage. So gelten Einheitsrituale wie der tägliche »Pledge of Allegiance« in öffentlichen Schulen als selbstverständlich. Dort legen die Kinder jeden Morgen die Hand aufs Herz und schwören einen Eid auf die »Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und auf die Republik, für die sie steht. Eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle.« Die Geschichte der USA wird nun als gut 200-jähriger Langer Marsch dargestellt, an dem sich immer mehr gesellschaftliche Gruppen beteiligt haben ? ein stetiger, unaufhaltsamer Fortschritt zu immer mehr Demokratie. Gerade die kulturelle Vielfalt wird so zum Beweis der Überlegenheit und Innovationskraft der US-Gesellschaft, nicht nur auf wirtschaftlichem, sondern auch politischem Gebiet.

Die neue Segregation
Der Kampf um ethnische Definitionen entbrennt alle zehn Jahre bei der regelmäßigen landesweiten Volkszählung. Das US-Statistikbüro legt fast jedes Mal neue Kategorien fest, um die willkürlichen Abgrenzungen in den Griff zu bekommen. Bisher stehen vier »Rassen« zur Auswahl (weiß, schwarz, asiatisch/pazifisch und Ureinwohner) und ? gewissermaßen quer dazu ? eine »Ethnie« (Latinos/Hispanic). Vor der 2000er-Zählung gab es eine heftige Debatte darüber, ob eine Rubrik »multi-racial« eingeführt werden soll. Der Vorschlag wurde abgelehnt, unter anderem weil Bürgerrechts-Organisationen befürchteten, viele bisherige Afroamerikaner könnten nun »multi« ankreuzen. Damit würde die schwarze Quote sinken ? mit entsprechenden Folgen für Quotierungsgesetze und Fördergelder. Der Kompromiss: Die Befragten konnten mehrere Abstammungs-Rubriken ankreuzen. Das Statistik-Büro hat nun 63 mögliche Kombinationen zu berechnen. Auch andere Interessengruppen meldeten sich zu Wort. So wollten manche Arabischstämmige nicht mehr als »weiß« gelten, sondern eine neue Kategorie »Middle Eastern« eingeführt haben, um in der Folge auch anti-arabische Diskriminierung sichtbar machen zu können. Und viele Nachkommen der Hawaii-Ureinwohner wollten nicht länger »asiatisch/pazifisch« markieren müssen, sondern zu »Indianer« wechseln, unter anderem deshalb, um dann entsprechende Förderprogramme etwa beim Zugang zu staatlichen Universitäten nutzen zu können. Auch dieser Vorschlag scheiterte, weil die US-Regierung Angst hatte, die »Ureinwohner« könnten nach ihrer statistischen Anerkennung versuchen, Reparationen oder alte Vertragsrechte einzuklagen. Die Übergänge zwischen verschiedenen ethnischen Kategorien mögen tatsächlich fließend sein, aber von »post-ethnisch« ist in diesen Debatten nicht viel zu spüren.
Immerhin wächst durch diese Diskussionen allmählich die Einsicht, dass die Einteilung in »Rassen« nichts natürliches ist, sondern eben ein gesellschaftliches Konstrukt. Mit Sicherheit wird die Ethno-Einteilung der US-Statistik in 50 Jahren nicht mehr der heutigen entsprechen. Damit sind Projektionen wie die oben genannte (»bis 2050 wird der Anteil der Weißen auf 52 Prozent sinken«) hinfällig. Kein Mensch kann heute voraussagen, wer in einem halben Jahrhundert als »Weißer«, als »Latino« oder als Wer-weiß-was gelten wird.
Die bunte Zukunftswelt beschränkt sich jedoch im wesentlichen auf die großen Städte. Die meisten Einwanderer ziehen nach wie vor in einige wenige Metropolen wie New York City, Los Angeles, Chicago oder Miami. Gleichzeitig verstärkt sich die Segregation, also die Abschottung der weißen Eliten und Mittelschichten von den multi-ethnischen Innenstadt-Bezirken. Die öffentlichen Schulen sind heute strikter nach »Rassen« getrennt als vor 50 Jahren. Heute sind es jedoch nicht mehr rassistische Gesetze oder weiße Mobs, die Afroamerikaner und Latinos in die schlechteren Schulen zwingen, sondern ökonomische Prozesse. Wer es sich leisten kann, zieht in die wohlhabenden (also »weißen«) Landkreise mit guten Schulen oder schickt seine Kinder gleich in die teuren Privatschulen, der Rest bleibt in den multi-ethnischen Großstadt-Ghettos zurück.
Denn mit der oft gelobten »Innovationskraft« und »lebendigen Vielfalt« der metropolitanen Kulturen wollen viele Weiße persönlich möglichst wenig zu tun haben. Sie verschanzen sich in »gated communities«, den abgeriegelten und von privaten Wachdiensten kontrollierten Wohnvierteln. Andere verlassen die Metropolen ganz und ziehen in beschauliche Kleinstädte oder dünn besiedelte Regionen wie die Rocky Mountains. Hier sind die USA tatsächlich noch das »Land des weißen Mannes« (und der republikanischen Partei). Fundamentalistische Kirchen bestimmen die Leitkultur und propagieren ihre »Family Values«. Die Einfamilienhäuser werden im »colonial style« gebaut. Auch politisch greifen viele auf die US-Gründungszeit zurück. Das gilt für die, die ihre Entscheidungen neuerdings an den »ursprünglichen Absichten« (»original intent«) der US-Verfassungsväter von 1787 orientieren, statt an der mittlerweile gewachsenen (oder erkämpften) Verfassungswirklichkeit.
Dabei geht es beispielsweise den rechtsradikalen Bürgermilizen in Montana ebenso wie den mehrheitlich konservativen Juristen im Obersten Gericht in Washington darum, die »Übergriffe« der Washingtoner Zentralregierung zurück zu drehen. Denn alle wichtigen Reformen in der US-Geschichte, von der Sklavenbefreiung über das öffentliche Schulwesen bis zur Abtreibungsfreiheit, konnten die sozialen Bewegungen nur mithilfe der Zentralmacht gegen die Interessen der provinziellen Eliten durchsetzen. Deswegen war die heute wieder allgegenwärtige Forderung nach »mehr Rechten für die Einzelstaaten« (»States Rights«) in den USA noch nie eine Forderung nach Basisdemokratie, sondern immer ein Code-Wort für die weißen Segregationisten, die sich von Washington nicht vorschreiben lassen wollen, dass ihre Kinder die Klassenzimmer mit schwarzen Schülern teilen müssen.

Gone with the wind
Um so gespenstischer wirkt es, wenn heute wichtige Republikaner wie der neue Innen- und Justizminister John Ashcroft oder seine Umwelt-Kollegin Gale Norton die »Kultur« der alten Sklavenstaaten hochleben lassen. Der romantisierende Verweis auf den »Alten Süden« soll an eine Zeit erinnern, als die gesellschaftlichen Verhältnisse noch wie in »Gone with the Wind« »geordnet« und »traditionelle christliche Werte« noch nicht durch Individualismus und Gottlosigkeit ausgehöhlt worden waren. Dieser neue weiße Nationalismus hat durchaus eine Massenbasis. Extremstes Beispiel dafür war David Duke, ein ehemaliger Ku-Klux-Klan-Führer und späterer republikanischer Gouverneurs-Kandidat im Bundesstaat Louisiana, der 1991 trotz ? oder wegen ? eines nazistischen Programms eine Mehrheit der weißen Wählerstimmen gewinnen konnte. Aber auch Republikaner wie Ashcroft spielen auf dieser Klaviatur.
Allerdings ist diese Art von »Leitkultur«, so viel dürfte auch ihren Fürsprechern klar sein, in der US-Gesellschaft heute nicht mehr mehrheitsfähig. Deswegen bleibt ihnen nur der Rückzug nach »White Man?s Country« und die kulturelle Abtrennung von den multi-ethnischen Metropolen. Auf diese Weise wird die Kultur der weißen Nationalisten ein weiterer Mosaikstein der »multikulturellen« Gesellschaft. Die eigenen Privilegien und die soziale Benachteiligung von anderen Gruppen werden als Ausdruck von »ethnischen Unterschieden« interpretiert. Schwarze seien eben ärmer, weil sie weniger intelligent als Weiße seien, versuchten 1994 die beiden Autoren Charles Murray und Richard Herrnstein in ihrem Wälzer »The Bell Curve« zu belegen ? und landeten damit bei einem Stückpreis von umgerechnet fast 70 Mark einen monatelangen Bestseller.
Vor den Folgen des neuen Segregationismus der weißen Eliten warnen inzwischen auch liberale Autoren: »Die wahre Bedrohung ist nicht die Balkanisierung, sondern die Brasilianisierung von Amerika, nicht Zersplitterung nach Rassen, sondern die Spaltung nach Klassen. Brasilianisierung (bedeutet) einen zunehmenden Rückzug der weißen amerikanischen Oberklasse in ihre eigene verbarrikadierte Nation-innerhalb-einer-Nation, eine Welt von privaten Wohnvierteln, privaten Schulen, privater Polizei, privatem Gesundheitswesen und sogar privaten Straßen, abgeschlossen gegen das sich außerhalb ausbreitende Elend. Wie eine lateinamerikanische Oligarchie kann die (...) Oberklasse in einem dekadenten Amerika gedeihen ? mit einem Dritte-Welt-Niveau von Ungleichheit und Kriminalität.«2


Anmerkungen:

1 Bereits 1994 sollten in Kalifornien per Volksabstimmung (Proposition 187) die bisher geltenden Rechte von illegalen (papierlosen) Immigranten wie der Schulbesuch für Kinder oder die medizinische Notfallversorgung abgeschafft werden. Lehrer und Ärzte sollten gezwungen werden »Illegale« zu denunzieren. Wesentliche Teile der Proposition 187 wurden indes von einem Gericht als verfassungswidrig wieder aufgehoben. Höhepunkt des einwanderungsfeindlichen Rollbacks war ein Gesetz-Entwurf, das »14th Amendment« aus der amerikanischen Verfassung zu streichen. Danach sind alle Menschen, die in den USA geboren wurden, US-Bürger. Das gilt auch für Kinder von Eltern ohne Aufenthaltspapiere, die Kindergeld und Essensmarken für ihre US-Kinder beziehen. Eine derartige Verfassungsänderung hat allerdings keine Aussicht auf Erfolg.

2 Michael Lind: The Next American Nation, New York 1996, S. 14


Michael Hahn ist Journalist in Tübingen. Eine längere Fassung des Textes ist gerade erschienen in: Oliver Tolmein (Hg.), Besonderes Kennzeichen D ? die Debatte um die deutsche Leitkultur, Konkret Literatur Verlag (DM 22,80).