Volltext

(Artikel * 2001) Spaney, Gerhard
Die ganze Haut in einem Riss Negation und Persiflage von Identitäten bei Feridun Zaimoglu Integration: Verspottung von Identitäten
in iz3w Nr. 253 * Seite 26 - 27
Themen: Identitäten * Dok-Nr: 134234
Integration

Die ganze Haut in einem Riss
Negation und Persiflage von Identitäten bei Feridun Zaimoglu

Die konsequente Ablehnung jeglicher identitärer Zuschreibung könnte helfen, den Zwang zu Anpassung und Integration genauso zu umgehen wie die Flucht in die exotische Nische. Der Autor Feridun Zaimoglu versucht das in seinen literarischen Texten. Doch auch in der Kunst ist dieser Weg nur mit großer Beweglichkeit durchzuhalten. Sonst wird die Kanak-Kultur selbst zur Identitätsfalle.


von Gerhard Spaney

Durch aggressives Verwerfen von Identität und persiflierendes Überschreiten von Identitätsdiskursen zeichnen sich die Bücher »Kanak Sprak« und »Koppstoff« (Kanaka Sprak) aus. »Wenn Identität das Produkt eines Bildes von Identität und die Verwandlung des Subjekts in dieses Bild ist, dann stellt sich die Frage, wie Identitäten in den Zwischenräumen geformt werden, die die Kolonisierung der Welt und ihre Folgen, die weltweiten Migrationen, aufgerissen haben.« So charakterisiert Manuela Günter das Problemfeld zwischen Konstruktion und Dekonstruktion kultureller Identität, in dem sich die Kanak Sprak-Texte bewegen. »Die Fixierung des Anderen als Zeichen von kultureller, ethnischer, historischer Differenz ist die Crux nicht nur des kolonialistischen, sondern auch des multikulturellen Diskurses.« Programmatisch in den Vorworten des Autors Feridun Zaimoglu und praktisch in den Textstrategien der Interview-Protokolle, die den Kanakstern verschiedene Stimmen verleihen, wird die Ethnisierung in gängigen Mustern verweigert.
Feridun Zaimoglu umschreibt im Vorwort des ersten Kanak Sprak-Bandes seine Konstruktion des Kanaken durch eine doppelte Abgrenzung: »Den Kanaken schiebt man Sitten und Riten zu wie einen Schwarzen Peter. Von außen betrachtet kommen sie nur als amorphe Masse von Lumpenproletariern vor, die man an Äußerlichkeiten und spezifischen Eigenarten zu erkennen glaubt. Auch wenn sie zu einer endgültigen Entscheidung gezwungen würden, die Kanaken suchen keine kulturelle Verankerung. Sie möchten sich weder im Supermarkt der Identitäten bedienen, noch in einer egalitären Herde von Heimatvertriebenen aufgehen.« Aggressiv werden Zuschreibungen auf der manifesten Ebene des Textes zurückgewiesen, auf der Ebene der latenten Artikulation wird die identitäre Rede übersteigert. Denn: bloße Zurückweisung der Stereotype zerschellt an der rassistischen Realität der Gesellschaft: »Den Fremdländer kannst du dir nimmer aus der Fresse wischen.« Der wird in dieser Gesellschaft produziert und identifiziert.

Tarnung und Verwirrung
Der Aufbau einer erkennbar konstruierten Gegenidentität, das Besetzen und Umbewerten von Identitäten ist kein auf Beliebigkeit basierendes postmodernes Spiel, sondern oft genug ein schmerzhafter Prozess. »Zuhause bin ich Nilgün. Aber draußen nennt mich niemand so. Da bin ich die Nilla. (...) Das muß so sein. Sonst überlebe ich das nicht.« Das Besetzen von Identitäten findet immer vor dem Hintergrund von rassistischen Zuschreibungen und diskriminierenden gesellschaftlichen Bedingungen statt. Es kann der Tarnung und Verwirrung des Gegners dienen und der Behauptung einer Subjektposition im Angriff gegen die oder im Rückzug von den gesellschaftlichen Bedingungen. »Ein kleiner Riß in Haut reißt groß rein, mehr als man sieht, mehr als Deutscher sieht. (...) Also sind alle Wunden klein, muß man glauben, sonst bricht die ganze Haut in einem Riß. (...) Ich kenne Stoffe, nähe Stoffe zusammen oder auseinander.« Das Gesprächsprotokoll, in dem eine Änderungsschneiderin zu Wort kommt, spielt den Umgang mit Identität metaphorisch durch und markiert gleichzeitig seine Grenze, den Körper. »So ist die Ehre keine Literatur, sie ist so wie gutfühlende Stoffe. Der Mensch der Ehre hat, muß richtige Körpergröße haben, um in die Ehre zu passen. Sonst wird der Mensch Karikatur. ... Manche haben fürchterlichen Schlag gekriegt und bellen wie Hunde von Punks, die in die Ecke machen.«
Zwischen Assimilationsdruck und Authentizitätsforderung ist der kritische Umgang mit Identität keine Veranstaltung, bei der die Spielmarken frei gewählt werden können. »Mach mal ne Runde Ursprung, mach mal ne Runde Kultur«. Karikatur der identitären Rede, Zurückweisung und Kritik scheinen aber nicht hinzureichen, die Zumutung der Identität los zu werden, denn: »Massas Sprech is n Donnerwort und is gültig in ewig amen«. Trotz massiver Zurückweisung der Zuschreibungen bleibt das Bedürfnis, sich selbst zu positionieren und sei es, um der nicht rückgängig zu machenden und mit Machtmitteln versehenen Identifizierung etwas entgegenzusetzen. Wo Identität herrscht, hilft nur Identität (Diedrich Diederichsen). »Wo steht man selbst? Nur n Kritikbeißer zu sein, das bringt?s nicht allein.(...) Ich setz mich in ne Nische, da sind zehn Verstecke, und in jedem Versteck hundert Baumhöhlen, und in jeder Baumhöhle... , naja, kannst jedenfalls abhaken bei mir von wegen ein einziger Wohnsitz.«
Das Nischendasein ist nur eine ? defensive ? unter verschiedenen möglichen Selbstverortungen, deren Gemeinsamkeit die Instabilität und die Abhängigkeit von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, vom Frontverlauf zwischen Fremd- und Selbstdefinition ist. Eine offensivere Variante: »Ich bin von meiner Schule n Abgänger, in der Straßenschlucht bin ich wurzelfest, von hier hol ich meinen Gesamteindruck, und das alles macht mich zu dem, was ich bin: n taffer Liberalkiller, hart in meinem Bastardrödel, hart in der Sache, hart im Aufdecken vom scheiß Spiel, das uns Kümmel verdirbt.« Konstruierte Identität, Gegenidentität wird im Spiel der Zuschreibungen in der Gegenrede zu rassistischen und kulturalistischen Sprüchen entworfen. Die Fremdzuschreibungen werden jedoch nicht widerlegt im Sinne von antirassistischer Argumentation, auch wird nicht um Verständnis für ein Anders-Sein geworben. Die Zuschreibung wird, gerade weil sie Ausdruck von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen ist, aufgegriffen, verformt, verballhornt und erwidert: »Doppeltmal wehren gegen die Behauptung, n Kanak sei ne durchgetretene Bananenkiste, mit dem Wort wehren, daß der Alman ne gemake-upte Schlechtpappe ist.«

Fragile Gegenreden
»Kanake, ein Etikett, das nach mehr als 30 Jahren Immigrationsgeschichte von Türken nicht nur ein Schimpfwort ist, sondern auch ein Name, den Gastarbeiterkinder der zweiten und vor allem der dritten Generation mit stolzem Trotz führen,« so Zaimoglu in seinem Vorwort zu Kanak Sprak. Als Autor stützt er diesen Sprachgebrauch, macht ihn zu einer theoretischen Konstruktion und zum Teil einer literarischen Fiktion. Allerdings widerspricht die Vielfalt der Protokolle, die verschiedenen Arten der Selbststilisierung derer, die in ihnen zu Wort kommen, einer fixen und eindimensionalen Konstruktion, die voll und ganz einem Autorenkonzept entsprechen würde. Zaimoglu sagt, er habe die Kanakster und deren Attitüde nicht erfunden, sondern lediglich das Glück gehabt, das, was in der Luft liegt, als erster öffentlich machen zu können. Das subversive Potential der Protokollbücher liegt in dem Öffnen eines Diskursraums für fragile Gegenreden zu den geläufigen Zuschreibungen.
Koppstoff, in dessen Texten Kanaka-Frauen zu Wort kommen, ist noch heterogener in den Subjektpositionen und vielfältiger in den sprachlichen Ausdrucksformen. Auf Wunsch einiger Frauen hat Zaimoglu respektvoll von einer Übersetzung in seine Kanak Sprak abgesehen. Beide Bücher halten die Balance zwischen einer problematischen, aber reflektierten Autorkonstruktion, welche die heterogenen Wortmeldungen zusammenhält, und den eigensinnigen Einlassungen der Interviewten. Von seiner theoretischen Warte aus lehnt der Autor jeden positiven Identitätsentwurf, wie er zuweilen in den Selbstentwürfen der Interviewten aufblitzt, ab. Sichtbar wird so das Spannungsverhältnis zwischen dem »educated kanakster« und den interviewten Kanaken, das allerdings nie in eine Stellvertreterlösung »Ich spreche für sie« überführt wird. Nur durch lautere Anerkennung von Heterogenitäten scheint das Vermeiden der Identitätsfalle möglich. Die Stärke der Bücher liegt in der genauen Gratwanderung zwischen Selbststilisierung der Kanaken und vereinheitlichender Identitätsstiftung durch den Autor, die stilsichere Vermeidung von beidem bei gleichzeitiger Offenlegung der Gefahren.

Tausend mal tausend Gastarbeiter
Unter der Überschrift »Kanak Attack: Rebellion der Minderheiten« veröffentlichte die Frankfurter Rundschau vor einem Jahr eine Rede von Feridun Zaimoglu, die von der Redaktion als Antwort auf die Berliner Rede »Gemeinsam leben in Deutschland« des Bundespräsidenten Rau angekündigt wurde. Durch die autobiographischen Elemente, die Zaimoglu sehr weitgehend in diesem unter dem Label Kanak Attack erschienenen Text verwendet, stellt sich sowohl inhaltlich als auch auf der Ebene der Textstrategien das Problem der Verhandlung von Identität auf andersartige Weise. Zaimoglu stellt die Einwanderung seiner Familie nach Deutschland und sein Aufwachsen hier in den Kontext der ersten »Deutschlandabenteurer« aus Südeuropa, deren Geschichte und der ihrer Nachkommen: »Ich spreche nicht nur von einem Aspekt meiner Kindheit, ich spreche von tausend mal tausend Gastarbeiterhaushalten der ersten Stunde..., von den Hinterhausbuchten und den Elendskabuffs, in denen wir groß geworden sind, wir ? das sind die Zuwandererkinder.« Hier haben wir den klassischen Stellvertreter, der im Namen von Tausenden anderen mit einem identischen Schicksal spricht. Auch der Appell an das Einfühlen in elende Lebensbedingungen fällt hinter die Eroberung einer selbstbewussten Sprecherposition zurück. Die Kanak-Pose wird lediglich benutzt, um großspurige Geschichten z. B. über das Wunder der eigenen Geburt in einer intakten Fruchtblase zu erzählen. Sprachliche Provokation wird zurückgenommen zur Innovation um ihrer selbst Willen und zur bloßen Kraftmeierei: »Kanak Sprak meint Bilderflut, sie bringt Fitness in die Modalitäten, sie stemmt Frische in die Branche.«

Deutsche Literatur aufgefrischt
Kritisiert sei hier nicht das teils virtuose, teils unterhaltsame Spielen auf der Klaviatur der Medien, das Zaimoglu mit Artikeln in DIE ZEIT oder im SPIEGEL betreibt. Reportagen über die Oberammergauer Passionsspiele und ein Eminem-Konzert haben durchaus ihren Reiz, gerade wenn sie nicht im Erwartungshorizont eines mittlerweile den Kanak-Chic goutierenden Publikums aufgehen. Zu fragen ist aber, warum einmal eroberte Sprecherpositionen, (die ja stets gefährdet waren), so bereitwillig geräumt werden zugunsten eines repräsentierenden Diskurses. Zwar spricht Zaimoglu von »irregulären Lebensläufen«, die nicht von einer einzigen Identität zusammengehalten werden, er erzählt aber eine lineare Geschichte (Wie ich wurde, was ich bin) mit einem telos, das im Schlusssatz bestätigt wird: »Sie sind geblieben, weil es sich lohnte zu bleiben in diesem Land.« Nun soll auf einer literaturkritischen Ebene nicht denen das Ankommen noch einmal verweigert werden, deren Aufenthalt oft genug real angefeindet wird. Bedenklich aber scheint mir das Ankommen in einer »großen Erzählung«, die notwendig die Brüchigkeit ihrer Protagonisten verkleistert und die Verwerfungen des gesellschaftlichen Hintergrunds glättet. Reste der Kanak Sprak in dieser Story verkommen dann tatsächlich zum folkloristischen Einsprengsel, zur Auffrischung der Branche »Deutsche (Literatur-)Geschichte« durch KanakFitness.
Gibt es also eine Unausweichlichkeit, mit der die prekäre Balance der Anti-Identitätsstrategien in den Protokoll-Texten, die ihre eigenen Widersprüchlichkeiten ja nicht verdeckt haben, verloren geht zugunsten von identitätspolitischen Erzählungen? Es ist offensichtlich, dass der Kanak-Hype in diese Richtung drängt. Soviel Beweglichkeit, dass sich die flüssigen Identitäten der Kanakster nicht doch zum Kanak-Stereotyp verfestigen, ist auf die Dauer schwer durchzuhalten. Es hängt davon ab, welche literarischen und damit auch politischen Formen für das subversive Potential von hybriden Subjektivitäten gefunden werden.


Gerhard Spaney ist Dozent für Literaturwissenschaft an der PH Freiburg und Mitglied der jour fixe initiative berlin.



Literatur:

? Feridun Zaimoglu: Kanak Sprak. 24 Misstöne vom Rande der Gesellschaft, Rotbuch-Verlag, Hamburg 1995, 141 Seiten, 29,80 DM.

? Feridun Zaimoglu: Koppstoff. Kanaka Sprak vom Rande der Gesellschaft, Rotbuch-Verlag, Hamburg 1998, 135 Seiten, 19,80 DM.

? Manuela Günter: »Wir sind bastarde, freunde...«. Feridun Zaimoglus Kanak Sprak und die performative Struktur von Identität, in: Sprache und Literatur 83/1999 (Schwerpunkt Migrationsliteratur), Ferdinand Schöningh-Verlag, 1999.