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(Artikel * 2001) Lee, Eun-Jeung
Asien boomt in Asien Wie sich seit 1989 die asiatischen Gesellschaften näher kommen Seit 1989 kommen sich asiatische Gesellschaften näher
in iz3w Nr. 252 * Seite 33 - 35
Themen: asiatische Gesellschaften * Dok-Nr: 134218
(Süd-)Ostasien

Asien boomt in Asien
Wie sich seit 1989 die asiatischen Gesellschaften näher kommen

»Asianismus« ist der Versuch, die Gesellschaften Südost- und Ostasiens auf einen politischen und kulturellen Nenner zu bringen. Er stellt die vielleicht wichtigste Entwicklung in der Region seit 1989 dar. Im »asianistischen Denken« drückt sich ein gewachsenes regionales Selbstbewusstsein aus, das die Asienkrise relativ unbeschadet überstanden hat. Es oszilliert zwischen multikultureller Begeisterung fürs asiatische Andere und politischen Bestrebungen, dies als Kollektivideologie nutzbar zu machen.

von Eun-Jeung Lee

Das Jahr 1989 gilt in Europa und Amerika als Symbol für das Ende des Kalten Krieges. Bis dahin hatte die Einteilung in westlich-amerikanisierte und östlich-sozialistische Gesellschaften hüben wie drüben die Weltbilder geprägt. Ganz vorbei sind die Zeiten des Kalten Krieges im asiatischen Raum, wo in Korea und Vietnam zwei der bedeutendsten Stellvertreterkriege geführt wurden, jedoch noch nicht. In der Teilung der beiden zentralen Länder China und Korea leben seine Gegensätze fort. Allerdings brachte 1989 auch für Ost- und Südostasien eine neue Entwicklung mit sich. Der Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme in Europa und das gleichzeitige Aufkommen eines neuen wirtschaftlichen Gravitationszentrums im ostasiatischen Raum führte zu einer Intensivierung der Debatte über »asiatische Werte«. Diese wurden als Hintergrund der wirtschaftlichen Erfolge Ostasiens ausgemacht. Das Wesen dieser »Werte« ist indes nicht konkret zu bestimmen. Die meist genannten Elemente sind Disziplin, Gehorsamkeit, Loyalität, Fleiß oder Bildungseifer. Es ist nicht zu übersehen, dass der Begriff von seinen asiatischen Vertretern in der Regel für ihre politischen oder wirtschaftlichen Interessen instrumentalisiert wurde (s. Lee in: iz3w Nr. 213).
Das blieb nicht ohne Wirkung im Westen: Nicht zufällig rückte die Debatte über »asiatische« Werte gerade in dem Moment in den Mittelpunkt internationalen öffentlichen Interesses, als die USA zur alleinigen Hegemonialmacht aufgestiegen waren. Pointiert formuliert spiegelte sich in ihr nicht zuletzt die Angst des Westens, dass nun ? nachdem die Gesellschaften Ost- und Südostasiens auf jahrzehntelange Erfahrungen der Modernisierung im Sinne einer »Verwestlichung«, also »Amerikanisierung«, zurückblicken konnten ? ein halbes Jahrtausend der Welteroberung durch Europäer und Amerikaner zu Ende gehen könnte.
Die beiden wichtigsten politischen Verfechter der »asiatischen Werte« waren Lee Kuan Yew, der ehemalige Premierminister Singapurs, und Malaysias Premier Mahathir bin Muhammad. Sie wollten sich mit der Berufung auf kulturelle Eigenheiten vor allem der Kritik an ihrer autoritären Modernisierungspolitik entziehen. Abgesehen von den mit solchen Konstruktionen verbundenen essenzialistischen Zuschreibungen, ist die von den beiden Politikern propagierte und auch im Westen populär gewordene kulturalistische Erklärung für erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklungen in den ost- und südostasiatischen Länder jedoch auch empirisch nicht zu halten. Nichtsdestotrotz wurde das infolge der wirtschaftlichen Erfolge ohnehin beträchtlich gestiegene Selbstbewusstsein in Ost- und Südostasien durch diese Debatte noch gestärkt ? und zwar nicht nur seitens der politischen Führer, sondern auch in breiten Schichten der Bevölkerung dieser Länder.
Mit Florian Coulmas (Das neue Asien, 1998) kann man das neue Selbstbewusstsein dieser Gesellschaften als »Asianismus« bezeichnen. Freilich ist der Begriff nicht zuletzt aufgrund der Versuche, ihn zu instrumentalisieren, ähnlich vorbelastet wie derjenige der »asiatischen Werte«. Außerdem hat er seit der Asienkrise 1997 an politischer Brisanz verloren. In der westlichen Öffentlichkeit scheinen »asiatische Werte« und Asianismus seitdem schon fast in Vergessenheit geraten zu sein. In Ost- und Südostasien hingegen hat der »Asianismus« in den letzten Jahren noch an Attraktivität gewonnen. Findet also in der Region nach der jahrzehntelangen »Verwestlichung« und »Amerikanisierung« tatsächlich eine Art »Asianisierung« statt?

Zivilisationsideal Amerika
Seit der kolonial erzwungenen Öffnung der ostasiatischen Gesellschaften im 19. Jahrhundert wurde deren »Rückständigkeit« auf ihre traditionelle ? d.h. im Wesentlichen konfuzianische ? Kultur zurückgeführt. Diese stieß deshalb auch bei den meisten Intellektuellen und politischen Führern in Asien selbst auf Ablehnung. Die Modernisierung galt als das einzige Mittel, um die Region aus dem tiefen Tal der erlittenen Demütigungen herauszuführen. In Japan sah man in der Übernahme der europäischen »Zivilisation« die einzige Möglichkeit, sich Zutritt zu der von Europa beherrschten Weltordnung zu verschaffen. Auch in China und Korea entwickelte die Mehrheit der Intellektuellen solche Vorstellungen und fand diese in den Erfolgen Japans bestätigt. Für die meisten von ihnen bedeutete »zivilisiert« zugleich »verwestlicht«. Bis heute werden damals entstandene Begriffe verwendet. So ist in Korea (Süd) ein »zivilisiertes Haus« ein Haus, das nach westlichem Muster gebaut ist; ein »zivilisiertes Leben« führt man nur, wenn man materiell nach westlicher Art leben kann.
Nach 1945 wurden die USA für die westlich orientierten Länder Ost- und Südostasiens nicht nur zur vorherrschenden Macht in Asien, sondern zum Inbegriff von moderner Zivilisation. Man schaute mit Sehnsucht nach Amerika, vor allem auf den dortigen materiellen Wohlstand. Der Besitz von Kühlschränken und Fernsehern wurde zur Messlatte für das moderne Leben. In Japan bildete sich bereits in den fünfziger und sechziger Jahren eine städtische Massenkonsumgesellschaft nach amerikanischem Stil heraus. In anderen Ländern beflügelte dies die Vorstellungen von großen Teilen der Bevölkerung und machte sie zum Leitbild bzw. zum Ziel der Politik.
So fand in den westlich orientierten Teilen Ost- und Südostasiens während der Nachkriegsjahre ? mehr noch als in Europa ? eine intensive soziale und kulturelle Amerikanisierung statt. Als ein japanischer Intellektueller ? obgleich in kritischer Absicht ? 1995 vorschlug, Japan und die USA zu vereinen, weil damit die leidigen Handelskonflikte beseitigt würden und eine Teilnahme an den amerikanischen Präsidentschaftswahlen ermöglicht würde, entsprach dies durchaus einer über viele Jahre herrschenden Stimmung in der Region. In den neunziger Jahren tendierte jedoch die allgemeine Mehrheit bereits in die entgegengesetzte Richtung: weg von Amerika, hin zu »sich selbst«.
Für diese Rückbesinnung gab es unterschiedliche Gründe. In Singapur und Malaysia waren es die autoritären Regierungen, die zur Legitimierung ihrer Herrschaft die Aufwertung der traditionellen Kultur systematisch betrieben. In Korea hingegen waren es zunächst die demokratischen Kräfte, die bereits in den achtziger Jahren das »Eigene«, einschließlich der konfuzianischen Tradition, für sich entdeckten. Vorausgegangen war das Massaker in Kwangju 1980, bei dem sich die USA als Freund des Diktators entpuppten. Hatten Dissidenten und Studenten bis in die siebziger Jahre hinein bei Protestveranstaltungen hauptsächlich amerikanische »folk-songs« im Stile von Liedern wie »We shall overcome« gesungen, entdeckten sie nunmehr die traditionelle Volkskunst als Ausdrucksmittel des Widerstandes, also Maskentänze, Bauernmärsche oder Volkstheater. In neuen Medien wie »Asian Times« wird heute explizit aus »asiatischer« Perspektive über aktuelle Ereignisse berichtet. Ein Staatenbund wie ASEAN demonstriert trotz aller innerer Divergenzen die Suche nach gemeinsamer wirtschaftlicher und politischer Stärke.
Die Welle der »Asianisierung« lässt sich aber nicht auf einen politisch-ideologischen Überbau reduzieren. Sie ist in den neunziger Jahren unter verschiedenen Formen der »Asien-Mode« auch im Alltagsleben erkennbar. Das Interesse an Erzeugnissen und Lebensstilen asiatischer Nachbarländer nahm überall zu. Dabei stellt die Asien-Mode keine nostalgische Rückbesinnung auf die »eigenen Wurzeln« dar, sondern ist vielmehr Ausdruck eines Bewusstseinswandels, der in erster Linie auf den ökonomischen Erfolgen beruht. Es werden nicht bloß tatsächliche oder imaginierte Gemeinsamkeiten postuliert, sondern die Menschen sind dabei, sich »kennenzulernen«. So gibt es derzeit in Japan einen Korea-Boom und in Korea einen Japan-Boom. Da hat etwa das koreanische Sauerkraut »Kimchi« die japanische Küche erobert und Mode und Musik aus Korea genießen große Popularität in Japan. Umgekehrt haben japanische Musik, Mode, Film und Literatur seit der Öffnung des koreanischen Marktes gegenüber Japan vor zwei Jahren sehr schnell in Korea Fuß gefasst. Freilich gibt es in beiden Ländern weiterhin genügend Menschen, die alte Feindseligkeiten pflegen ? der allgemeine Trend wird aber nicht von diesen konservativen Kräften bestimmt, sondern von einer jungen Generation, die ihr Verhalten nicht allein von der Vergangenheit bestimmen lassen will. In gewisser Weise haben die Menschen »Asien« für sich entdeckt.
Das Phänomen ist nicht nur in den Gesellschaften Asiens, sondern auch in Europa und Amerika zu beobachten. Als Modeerscheinung könnte man es mit der »Chinoiserie« im 18. und dem »Japonismus« im 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts vergleichen. Allerdings unterscheidet sich die mit dem ausgehenden 20. Jahrhundert einsetzende »Asien-Mode« von ihren Vorgängern dadurch, dass Asien und die AsiatInnen diesmal keine passiven Teilnehmer im Sinne bloßer Lieferanten von Waren bzw. Motiven bleiben, sondern diese vielmehr aktiv mitgestalten.

Asiatische Warenwelten
Besonders bemerkenswert ist hierbei, dass die Logik des Westens, der seit der industriellen Revolution seine kulturelle Überlegenheit mit wirtschaftlicher und technischer Überlegenheit begründet hat, nunmehr von den Meinungsführern Ost- und Südostasiens übernommen und für Asien selbst geltend gemacht wird: Sie deklarieren die asiatische ? was man auch immer darunter verstehen mag ? gegenüber der westlich-christlichen Kultur zur überlegenen Grundlage für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft in einem neuen Zeitalter (vgl. auch iz3w Nr. 248). Durch die Asienkrise von 1997 haben solche Auffassungen zwar zumindest zeitweilig einen Dämpfer erhalten, doch ist der Gedanke, dass in Ost- und Südostasien eine »asiatische« Modernisierung stattgefunden hat, nach wie vor weit verbreitet. Damit ist das kulturalistische Konzept im Laufe seiner Geschichte sowohl als Hintergrund einer »Rückständigkeit« als auch zur Erklärung des wirtschaftlichen Erfolgs von Staaten und Gesellschaften herangezogen worden.
Freilich fragt man sich, was an dieser erfolgreichen Entwicklung so fürchterlich »asiatisch« sein soll, wenn Pokemon und Tamagotchis die Spiel- und Wohnzimmer im Osten wie im Westen erobern oder Yellow Monkey den Jugendlichen hier wie dort per Sony-Walkman in den Ohren liegt. M-TV, Madonna oder McDonald?s üben auf die Popkultur in Asien einen ähnlich dominierenden Einfluss aus wie in den USA oder Europa. Man könnte all dies ohne weiteres als Fortsetzung oder Vertiefung der amerikanischen Massenkonsumgesellschaft interpretieren ? mit dem Unterschied, dass es dabei mittlerweile zur aktiven und teilweise massiven Beteiligung asiatischer Firmen gekommen ist.
Diese wachsende Bedeutung asiatischer Firmen auf dem Weltmarkt wird von der Bevölkerung der Region mit Genugtuung registriert. Ein koreanischer Tourist blickt mit Stolz auf die Hyundais auf deutschen Autobahnen und die großflächigen Werbungen von Samsung und Goldstar an den Gebäuden vor dem Frankfurter Hauptbahnhof. Ein Gefühl wie: »Wir haben es endlich geschafft« mag ihn dabei überkommen. Die politischen und intellektuellen Meinungsführer in Ost- und Südostasien versuchen, auf solchen Gefühlen ein allgemeines Bewusstsein von »Asien« aufzubauen: »Der große Morgen, der für alle ist, dämmert im Osten« (Coulmas).
Dieser »Asianismus« der Eliten ist ein Entwurf, dessen Konturen und Inhalte noch unklar bleiben ? ganz zu schweigen von der Behauptung, er biete eine Vision für die künftige Gestaltung der Gesellschaften in Ost- und Südostasien. Zudem kann von einer tatsächlich existierenden asiatischen Einheitskultur keineswegs die Rede sein. Die asiatischen Eliten heben deshalb lediglich einzelne Aspekte ihrer Traditionen hervor, die ihrer Meinung nach weiter entwickelt werden können. Sie mögen tatsächlich glauben, eine »asiatische Kultur«, die kulturelle Solidarität und ein Zusammengehörigkeitsgefühl fördert, schaffen zu können; so sprach Anwar Ibrahim, Malaysias ehemaliger stellvertretender Premierminister, von einer gemeinsamen asiatischen Metakultur, die den verschiedenen asiatischen Kulturen und geistigen Traditionen ein tiefgreifendes gemeinsames Fundament verleihe. Doch musste gerade Anwar Ibrahim, der einmal erklärt hatte, der »asiatische Geist« neige zur »Inklusivität« und deshalb sei die Toleranz gegenüber Andersdenkenden für die »asiatische Kultur« selbstverständlich, am eigenen Leibe erfahren, dass diese Toleranz in seiner Gesellschaft noch keine rechten Wurzeln geschlagen hatte. Vor dem Hintergrund politischer Machtkämpfe ließ sein Chef Mahathir ihn wegen Homosexualität verhaften und für mehrere Jahre hinter Gittern verschwinden.

Asianismus und Moderne
Selbst wenn die kommerzielle »Asien-Mode« einmal vorbeigegangen ist, dürften sich das einmal erweckte Interesse für das »Eigene« wie auch das gestärkte Selbstbewusstsein Asiens nicht so schnell wieder zurückschrauben lassen. Dies lässt sich auch an der Erfahrung Koreas seit 1997 beobachten. Seit der in Korea als »IMF-Krise« bezeichneten Asienkrise interessieren sich die Koreaner nämlich viel mehr für ihre alte Kultur, insbesondere auch für das konfuzianische Denken. Je mehr sie diese Krise als von außen eingebrockt empfanden, desto intensiver suchten sie in der eigenen Tradition nach Orientierung. Daher erlebten die konfuzianische Tradition und Philosophie in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance. Dutzende von Büchern sind in recht großen Auflagen erschienen und renommierte Zeitschriften beschäftigen sich mit diesen Themen.
Deshalb greifen Reaktionen im Westen zu kurz, die schlussfolgern, dass die Asienkrise der Debatte über die »Asianisierung Asiens« und den Asianismus den Boden entzogen habe. Nicht unbedingt der Asianismus hat durch die Asienkrise an Bedeutung verloren, sondern lediglich die kulturalistische These vom »konfuzianischen Kapitalismus« ? also von den »asiatischen Werten« als kultureller Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung Ostasiens. Der Asianismus scheint vielmehr einen Prozess durchlaufen zu haben: Beruhte er vorher hauptsächlich auf einer allgemeinen, durch die wirtschaftlichen Erfolge ausgelösten Euphorie, setzt man sich nun eher mit der Frage auseinander, wie etwa die mit der Modernisierung einhergehenden sozialen Umwälzungen der asiatischen Gesellschaften und andere sich auftürmende Probleme zu bewältigen sind, wie beispielsweise Verstädterung, Vermassung der Gesellschaft, Auflösung traditioneller Familienstrukturen, Bedrohung der Umwelt oder die Herausforderungen der Informationsgesellschaft zu bewältigen sind.
Die Intensität, in welcher der Asianismus dabei die Imagination asiatischer Intellektueller und Politiker heute beschäftigt, deutet darauf hin, dass er ein ernst zu nehmendes Phänomen bleiben dürfte. Welche Gestalt der Asianismus künftig annehmen wird, ist allerdings noch nicht zu erkennen.


Eun-Jeung Lee ist Politikwissenschaftlerin aus Südkorea und arbeitet in Halle und Tokio.