Alte Feinde, neue Feinde
Die Annäherung von Nord- und Südkorea stößt auf Hindernisse
Die Folgen des Korea-Krieges wirken durch die Teilung des Landes bis heute nach. Zehn Jahre nach dem offiziellen Ende des Kalten Krieges kommt es zwar zu einem bemerkenswerten Entspannungsprozess zwischen Nord- und Südkorea. Doch die langjährigen gegenseitigen Feindbilder belasten nach wie vor die »Sonnenschein«-Politik und den angestrebten Friedensprozess.
von Rainer Werning
Der 13. Juni 2000 war auf der koreanischen Halbinsel ein geschichtsträchtiger Moment mit großem Symbolgehalt: Offiziell noch im Kriegszustand, tauschten die Staatschefs beider Teilstaaten, Kim Dae Jung und Kim Jong Il, erstmals Freundlichkeiten per Handschlag aus. Vorrangig ging es bei diesem ersten innerkoreanischen Gipfel um Familienzusammenführung und den Ausbau bilateraler Wirtschaftsbeziehungen. Nicht wenig, bedenkt man, dass aggressives Befehden jahrzehntelang den Umgang miteinander prägte.
Der Gipfel begann, wie sich das Verhältnis zwischen Seoul und Pjöngjang seit 1945 gestaltet hatte: verspätet, unter strikten Sicherheitsbedingungen und, von ausgewählten südkoreanischen Journalisten abgesehen, weitgehend unter Abschottung von der Öffentlichkeit. Noch in der Nacht des 10. Juni hatte der Sprecher des südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung erklärt, Pjöngjang habe vorgeschlagen, den Gipfel um einen Tag zu verschieben ? aus »einigen kleinen technischen Gründen«. Er begründete die Verzögerung für koreanische Verhältnisse nachvollziehbar: Der Präsident glaube halt, »dass ein zusätzlicher Tag des Wartens kein Problem darstellt, haben doch beide Seiten darauf ein halbes Jahrhundert gewartet«. Umso größer war dann die Freude der Bevölkerung diesseits und jenseits des 38. Breitengrades, als sie die Begrüßungszeremonie auf dem Flughafen von Pjöngjang im Fernsehen live miterleben konnte. Für die nordkoreanische Führung war dies ein besonderer diplomatisch-politischer Coup, hatten ihr doch Anfang der neunziger Jahre Analysten von der Londoner Economist Intelligence Unit bis hin zum Washingtoner State Department eine ähnlich rasche Implosion wie in der Sowjetunion und in Osteuropa prognostiziert.
Sonnenschein für Schurken
Eigentlich war ein solcher Gipfel bereits vor sechs Jahren vorgesehen. Die damaligen Präsidenten, Kim Young Sam und Kim Il Sung, hatten sich, teils eingefädelt vom US-amerikanischen Expräsidenten Jimmy Carter, auf ein gemeinsames Treffen verständigt und bereits das Protokoll abstimmen lassen. Doch Mitte Juli 1994 starb der »Große Führer« Kim Il Sung, und Washington hatte Nordkorea wegen seiner vermeintlichen Gewinnung waffenfähigen Plutoniums in dessen Kernkraftkomplex Yongbyon kurzerhand zum »Schurkenstaat« erklärt. Stillschweigend sah indes die im Frühjahr 1995 in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur getroffene US-amerikanisch-nordkoreanische Vereinbarung vor, Umrüstungen in Yongbyon durchzuführen, Leichtwasser-Reaktoren und Kohle an Pjöngjang im Wert von umgerechnet ca. vier Mrd. US-Dollar zu liefern sowie Liaison-Büros in beiden Hauptstädten einzurichten.
Während die Clinton-Administration ihren »Schurkenstaat«-Vorwurf bekräftigte, setzte Seoul seit dem Amtsantritt Kim Dae Jungs im Februar 1998 auf eine »Sonnenscheinpolitik« gegenüber Pjöngjang. Dort erhoffte man sich im Gegenzug Hilfe für die seit Jahren von Hungersnot geplagte Bevölkerung. Beide Kims, der südliche vom früheren Staatsfeind Nummer Eins zum Führer in Seoul und der nördliche vom Sohn zum politischen Landesvater in Pjöngjang aufgestiegen, setzten schließlich auf einen Legitimationsgewinn im Prozess der vorsichtigen Loslösung von dominanten ausländischen Mächten und den jeweiligen militärisch-industriellen Komplexen im eigenen Land.
Die Teilung Koreas ist eine imperiale gewesen; sie beruht im wesentlichen auf der Blockkonfrontation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Mit dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft (1910-45) hofften die Koreaner, wieder selbst die eigenen Geschicke lenken zu können. Doch schon vor Kriegsende hatten sich USA und Sowjetunion darüber verständigt, Korea auch nach einem Sieg über Japan eine Zeitlang treuhänderisch zu verwalten. Der 38. Breitengrad wurde als Demarkationslinie zwischen den beiden Groß- und Siegermächten umso undurchlässiger, je schroffer ihre Eigeninteressen aufeinander prallten. Die Staatsgründung der Republik Korea und der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik am 15. August bzw. 9. September 1948 schufen dann endgültig Tatsachen.
Vom kalten zum heißen Krieg
An dieser sensibelsten Nahtstelle der Ost-West-Blockkonfrontation auf dem asiatischen Festland kam es mit dem Korea-Krieg zum ersten »heißen« Konflikt des Kalten Krieges (1950-53). Vorangegangen waren auf beiden Seiten (Konter-)Attacken sowie militärische Provokationen, die mit häufig wechselnden Frontverläufen durch das Eingreifen von UN-Truppen zu Gunsten der südkoreanischen Seite und chinesischen Freiwilligenverbänden auf Seiten der Nordkoreaner zum Bürgerkrieg eskalierten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Sowjetunion ihre letzten Truppenkontingente bereits 1948 aus dem Norden abgezogen hatte, während mit ca. 37.000 stationierten GIs die Präsenz der USA im Süden des Landes bis heute ungebrochen ist.
Die Konsequenzen der Kämpfe waren verheerend: Sämtliche Strategien der Kriegführung ? einschließlich der bakteriologischen ? wurden angewandt, modernstes Waffenarsenal eingesetzt und ein Ausmaß von Zerstörung angerichtet, das US-Luftwaffengeneräle zu der Feststellung veranlasste, in Korea gebe es partout keine Angriffsziele mehr. Für Carter J. Eckert vom Harvard Center for Korean Studies ist die aus jenen Jahren stammende »permanente Belagerungsmentalität« der Nordkoreaner verständlich: »Praktisch die gesamte Bevölkerung lebte und arbeitete drei Jahre lang in künstlich angelegten unterirdischen Bunkern, um den ständigen Angriffen der US-Bomber zu entgehen, von denen jeder ? aus der Sicht der Nordkoreaner ? eine Atombombe tragen konnte.« Tatsächlich hatte General Douglas MacArthur, in Personalunion Chef der US-Streitkräfte und Oberkommandierender der UN-Verbände1, erwogen, das Kriegsgeschehen durch die »Pulverisierung« ? sprich: atomare Zerstörung ? der jenseits der nordkoreanischen Grenze gelegenen chinesischen Städte abzukürzen.
Instrumente der
Herrschaftssicherung
Entlang des 38. Breitengrads entstand in der Folge schrittweise die weltweit undurchlässigste Grenze, die das Land in einer Länge von 240 km durchschnitt ? mit Stacheldrahtverhauen und Minenfeldern gesäumt, ohne Möglichkeiten gegenseitigen Besucheraustausches, ohne Post-, Telefon- und Verkehrsverbindungen. Über den direkten Zusammenhang der koreanischen Teilung mit dem Kalten Krieg darf aber nicht vergessen werden, dass der Konflikt eine Eigendynamik ? sprich: innerkoreanische Dimension ? entwickelte. So sorgte z.B. die in Nordkorea durchgeführte Agrarreform mit ihrer Enteignung von so genannten »absentee landlords« für böses Blut. Im Süden schuf die Dauerrepression, mit der demokratische Reformen eingedämmt werden sollten, latente Spannungen.
Staatlich gelenkte Massenmobilisierungen zum Aufbau der Infrastruktur und zur Produktionssteigerung in Industrie und Landwirtschaft sorgten nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens von Panmunjom2 im Juli 1953 im nördlichen Landesteil dafür, dass die Grundbedürfnisse der Bevölkerung erfüllt und zeitweilig hohe Wachstumsraten erzielt wurden, was zumindest bis in die siebziger Jahre Vorbildcharakter für gerade unabhängig gewordene Länder des Trikonts hatte. Im Süden herrschte bis Ende der achtziger Jahre eine Militärdiktatur mit Frontstaatcharakter, die auf dem Rücken einer staatsterroristisch zugerichteten Arbeiterklasse das »Modell Südkorea« begründete und als dessen Vorzug die Erzwingung von sozialem und nationalem Konsens pries. Vehement inszenierter Antiimperialismus und Dschutsche (etwa: das Schaffen aus eigener Kraft) im nördlichen und eine Entwicklungsdiktatur mit teils paranoid antikommunistischen Zügen im südlichen Teil der Halbinsel bildeten die ideologischen Leitplanken des jeweiligen Kurses in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und dienten den Eliten drüben wie hüben als Instrumente der Herrschaftssicherung.
Auffällig war dabei, dass sich Nordkorea mit Hilfe der Dschutsche-Ideologie weitaus größere außenpolitische Handlungsspielräume verschaffte als Südkorea, das sein Schicksal weitgehend der »Schutzmacht« USA überantwortete. Stets auf Eigenständigkeit im sino-sowjetischen Konflikt um die Hegemonie in der internationalen sozialistischen Bewegung bedacht und sich einer Aufnahme in den Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) verweigernd, was der Führung um Kim Il Sung die Kritik des »Zentrismus« im realsozialistischen Lager eintrug, gelang Pjöngjang eine Politik der gleichermaßen gegenüber Moskau und Peking praktizierten Äquidistanz. So vermochte Pjöngjang zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Maße, das aus seiner Sicht Beste im Umgang mit den beiden großen Anrainern herauszuholen. Die positiven Auswirkungen waren materieller wie ideeller Art: Pjöngjang hatte mit beiden gleichermaßen enge Handelsbeziehungen, doch es ließ sich ideologisch nicht auf die Position einer Seite festlegen. Die stattdessen praktizierte Dschutsche kann durchaus als antikolonialer Ausdruck einer »autozentrierten Entwicklung« interpretiert werden.
Die Kontinuität der Führungsschicht um Kim Il Sung und seinen Sohn, zu der zunehmend im eigenen Land ausgebildete Kader hinzustießen, war mitverantwortlich dafür, dass das nordkoreanische Regime nicht implodierte. Es vermochte sich im Sog weitreichender Neukonstellationen in Nordostasien sowie in Südkorea gar zu stabilisieren. Von vielen westlichen Kritikern Nordkoreas wird diesbezüglich ein gewichtiger Aspekt übersehen: Die stark ausgeprägte Binnensolidarität mit der damaligen Führungsgruppe um Kim Il Sung. Ihre Position fußt darauf, dass sie erfolgreich die japanischen Kolonialherren bekämpfte, den mächtigen USA wiederholt die Stirn bot, zig Diktatoren im Süden überlebte und buchstäblich aus dem Nichts (nach dem Krieg waren die Städte nahezu vollständig zerstört) eine vergleichsweise egalitäre Gesellschaft schuf. Natürlich trug der Personenkult um Kim bizarre Züge. Deshalb immer wieder vom letzten »Gulag« und vom »stalinistischen Sonnenkönig oder -staat« zu reden, entspringt jedoch einer Verkennung der Realitäten. Zu denken geben müsste doch, dass im Zuge der misslichen Wirtschaftslage und des Hungers in manchen Regionen nichts auf eine organisierte Revolte gegen die Herrschenden in Pjöngjang hindeutet(e).
Keiner will die Kröte schlucken
Die gegenwärtige dritte Phase der innerkoreanischen Annäherungen hat zwei Vorläufer: die gemeinsamen Rote-Kreuz-Gespräche, die im Nord-Süd-Kommuniqué vom Juli 1972 gipfelten, und den im Dezember 1991 von Seoul und Pjöngjang unterzeichneten Aussöhnungsvertrag. Beides geschah in Situationen internationaler Umbrüche. Im ersten Fall war kurz zuvor die Feindschaft zwischen der VR China und den USA beigelegt worden, so dass die antikommunistische Propaganda ihr Bedrohungspotential einbüßte. Und 1991 verschwand mit der Sowjetunion ein Bündnispartner Nordkoreas von der politischen Bühne, mit dem es seit Beginn der 60er Jahre qua gemeinsamem Beistandspakt verbunden war. Beide Male waren aber auch innerkoreanische Prozesse verantwortlich dafür, dass der Dialog abrupt endete. Im Herbst 1972 begann mit der Verhängung des Kriegsrechts im Süden die bleierne Zeit der Park Chung Hee-Militärdiktatur, während 1991 Pjöngjang ? so wörtlich ? »ideologische Kontaminierungen« im Zuge des Berliner Mauerfalls und der Gorbatschow-Ära witterte und sein Autarkiekonzept gefährdet sah.
Doch auch der aktuelle Annäherungsprozess stößt auf Hindernisse. Lange war man in Seoul davon ausgegangen, die wirtschaftliche Überlegenheit gegenüber dem Norden eines Tages politisch in die Waagschale werfen und sich den Norden einverleiben zu können. Doch spätestens zu Beginn der neunziger Jahre verflog in Südkorea angesichts der exorbitanten Kosten die anfängliche Euphorie, dem »deutschen Vorbild« in der (Wieder)Vereinigungspolitik zu folgen. Der ökonomisch gebeutelte Norden erwies sich als Kröte, die jetzt niemand schlucken wollte. Technologische und Modernisierungsdefizite in Landwirtschaft und Industrie, die plötzliche Umstellung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit Russland und der VR China auf Devisenbasis sowie verheerende Hungerkatastrophen infolge lang anhaltender Dürre-, Kälte- und Überschwemmungsphasen hatten zur ökonomischen Destabilisierung Nordkoreas beigetragen.
Anstatt diese aber wie zu Zeiten der Blockkonfrontation zu fördern, gingen nunmehr alle Regionalmächte, Seoul und internationale (staatliche wie private) Hilfsorganisationen dazu über, politisch, diplomatisch und wirtschaftlich alles zu tun, um Pjöngjang zu stützen, da keiner Partei an einem neuerlichen Konflikt auf der koreanischen Halbinsel gelegen sein konnte. Dieser Stabilisierungs- und Deeskalationspolitik verlieh der südkoreanische Präsident zusätzliches Gewicht durch seine seit dem Frühjahr 1998 vertretene »Sonnenschein-Politik« gegenüber dem Norden. Dieser bilaterale Entspannungsprozess erreichte mit dem Gipfeltreffen am 13. Juni 2000 seinen vorläufigen Höhepunkt.
Druck aus Washington
Begünstigt wird die Annäherung durch die zunehmende Brüchigkeit des von den USA vorgetragenen Argumentes, Nordkorea stelle aufgrund seiner Raketenproduktion und -exporte in Staaten des Mittleren Ostens ein Bedrohungspotential dar. Wieso auch sollte ausgerechnet jetzt ein »Schurke« international geächtet werden, da doch Berlin, London, Madrid und Brüssel die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Pjöngjang als flankierende Maßnahme im innerkoreanischen Entspannungsprozess angekündigt haben, Tokio dadurch in Zugzwang geriet, seinerseits das Verhältnis zur früheren Kolonie zu normalisieren, und selbst mit US-Außenministerin Madeleine Albright im Oktober 2000 erstmalig eine hochrangige Repräsentantin der US-Regierung zum Staatsbesuch in die Volksrepublik reiste?
Bereits zuvor war Seoul mitnichten von der »Schurkenstaat«-Theorie überzeugt, befürwortete es doch gegenseitige Besucherprogramme von Wirtschaftsmanagern, Politikern und Militärs ? darunter die noch zu Beginn des Vorjahres kaum für möglich gehaltene Zusammenkunft der Verteidigungsminister beider Länder auf der südkoreanischen Insel Cheju. Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob Seoul seine »Sonnenschein-Politik« weiter verfolgt oder sich politisch-diplomatischem Druck aus Washington beugt, wo Präsident Bush jr. seiner Bomben-Haltung gegenüber dem Irak höchstwahrscheinlich die Aktivierung des Nordkorea-Feindbildes folgen lässt. In Vorahnung dessen hat Pjöngjang Bushs Bombardement bereits in gewohnt scharfer Formulierung angeprangert.
Eine wirkliche Nord-Süd-Verständigung und die Schaffung eines dauerhaften Friedens werden noch von einigen weiteren Faktoren behindert. Die jeweilige staatliche Monopolisierung der Friedens- und Wiedervereinigungsproblematik erschwert die Einbindung relevanter sozialer Kräfte aus Nord wie Süd in den offiziellen Dialog. Vor allem das seit 1948 im Süden bestehende, wenngleich mehrfach modifizierte Nationale Sicherheitsgesetz ist anachronistisch und widerspricht der postulierten segyehwa (Globalisierung), in deren Rahmen Kim Dae Jung und sein Amtsvorgänger Kim Young Sam wiederholt die Achtung der Menschenrechte sowie eine Liberalisierung im öffentlichen Leben angemahnt haben.
Auch das Fehlen bilateral abgestimmter Schritte, um frühere bzw. noch präsente »Schutzmächte« (USA, China und Russland) in eine regionale Friedenssicherung einzubeziehen, macht sich negativ bemerkbar. Ein Friedensvertrag, der das bislang bestehende Waffenstillstandsabkommen ablöste, erforderte allerdings die Einstellung südkoreanisch-US-amerikanischer Manöver und den schrittweisen Abzug der in Südkorea stationierten US-Truppen. Im Gegenzug erleichterte er Pjöngjang, seinerseits Truppenstärke und Militärausgaben zu senken. All das schüfe aber lediglich die Bedingungen für zivile Umgangsformen zwischen Nord und Süd. Bis Stacheldrahtverhaue geräumt, »Mauerreste« geschliffen sowie Bürgerkriegstraumata und im Klima des Kalten Krieges genährte Systemunterschiede überwunden sind, wird eine aufreibende Dialogphase unumgänglich sein.
Anmerkungen:
1 Der Nordkorea-Kenner Selig S. Harrison von der Century Foundation in Washington weist darauf hin, dass sich diese einzigartige Konstruktion nicht zuletzt den militärischen Karriereinteressen der US-Generalität verdankt. Korea ist der einzige Ort der Welt, wo noch heute ein US-amerikanischer Vier-Sterne-General als Oberbefehlshaber in einem fremden Land residiert. Alle anderen hohen Generäle, die ein regionales Oberkommando (z.B. das der pazifischen Region) ausüben, haben ihr Hauptquartier in Washington ? vgl. Le Monde diplomatique (dtsche. Ausg.), Jan. 2001, S. 17.
2 Unterzeichnet wurde das Waffenstillstandsabkommen lediglich von Nordkorea, der VR China und dem US-amerikanischen General Mark W. Clark im Auftrag der Vereinten Nationen. Südkoreas damaliger Präsident Rhee Syngman verweigerte nicht nur die Unterzeichnung des Abkommens, er wollte gar den Krieg fortsetzen. Erst als Washington einem bilateralen Sicherheitspakt zustimmte und Seoul beträchtliche Wirtschafts-, Finanz- und Militärhilfe in Aussicht stellte, erklärte sich Rhee zur Respektierung der Waffenstillstandsklauseln bereit. Will Pjöngjang heute einen Friedensvertrag zwischen Nordkorea und den USA erreichen, streben Washington und Seoul im Gegenzug eine innerkoreanische Friedensregelung an, was angesichts der früheren Haltung Seouls höchst fragwürdig erscheint.
3 Anlässlich seines Staatsbesuchs in Südkorea Ende Februar hat der russische Präsident Putin signalisiert, sich auf der koreanischen Halbinsel wirtschaftlich und politisch stärker zu engagieren. Gedacht ist an den Ausbau des Schienennetzes mit einer Anbindung an die Transsibirische Eisenbahn sowie Öl- und Gaslieferungen nach Korea. Beabsichtigter Nebeneffekt: Moskau möchte seiner Kritik an US-Präsident Bushs NMD-Programm durch die Einbindung beider Koreas Nachdruck verleihen.
Rainer Werning war von 1986 bis 1995 Herausgeber und Chefredakteur des Korea Forum (Asienhaus/ Essen) und hat Süd- und Nordkorea seit 1970 mehrfach bereist. |