Volltext

(Artikel * 2001) Zick, Hubert
Peripherie am Reich der Mitte Chinas Rolle in Ost- und Südostasien^ Chinas Rolle in Ost- und Südostasien
in iz3w Nr. 252 * Seite 25 - 26
Themen: China * Dok-Nr: 134214
(Süd-)Ostasien

Peripherie am Reich der Mitte
Chinas Rolle in Ost- und Südostasien

Während die südostasiatischen Tigerstaaten noch mit den Folgen der Asienkrise zu kämpfen haben und in Japan Krisenstimmung herrscht, übernimmt China mehr und mehr die Vormachtstellung in der Region. Dem Beitritt zur Welthandelsorganisation folgte eine ganze Reihe von Vertragsabschlüssen mit europäischen und nordamerikanischen Staaten und Unternehmen. Die Aufstockung des Rüstungsetats sowie die Absagen an das US-Raketenabwehrsystems und an die Irak-Angriffe deuten an, dass die Volksrepublik auch militärisch-strategisch an Macht gewonnen hat.

von Hubert Zick

Der höchste Turm der Welt gerade fertiggestellt, ein unerschrockener Praeceptor Asiae, der dem niedergehenden Westen Lektionen erteilt, ja gnädig sich erbietet, ihn in das Geheimnis des Erfolgs einzuweihen ? keine Frage, in ein paar Jahren wird Kuala Lumpur zu den ersten Metropolen der Welt gezählt werden. Die »Tigerstaaten« zeigten den mächtigen Nationen der Weltwirtschaft die Zähne, der Dritten Welt, wie man?s macht. Die emerging markets in Südost- und Ostasien sind die Orte, wo die Musik spielt zu Beginn des »Pazifischen Jahrhunderts«. So sah sich Ost- und Südostasien bis vor wenigen Jahren ? vor dem jähen Absturz. Es folgte der Canossagang zum IWF, wo man Ende 1997 allen Ernstes erwog, ob man nicht Südkorea, die elftgrößte Industrienation, einfach könne bankrott gehen lassen wie ein Unternehmen, dem das Geld ausgeht. Drei Jahre später ist die große Krise erst halbwegs überwunden ? und auch nur, weil China sich dem Abwertungswettlauf entziehen und die Einbrüche im Export mit klassisch-keynesianischem deficit spending kompensieren konnte.
Vom asiatischen Modell redet niemand mehr ? vor vorschnellen Schlüssen sei dennoch gewarnt. Denn unzweifelhaft ist die Region der heutigen »ASEAN+3«-Staaten, von der koreanischen Halbinsel bis zum Golf von Bengalen mitsamt den vorgelagerten Inseln, aus dem Schatten des Kalten Krieges getreten, zu einem eng verflochtenen Wirtschaftsraum zusammengewachsen und dabei, sich auch politisch zu einem selbständigen Pol des globalen Kräftespiels zu formieren. Verglichen mit der Bilanz ähnlicher Versuche, sich des Erbes kolonialer Grenzziehungen und Wirtschaftsstrukturen sowie »importierter« Konflikte zu entledigen, etwa in Südasien oder Lateinamerika, nimmt sich die Entwicklung in der ost- und südostasiatischen Region überaus erfolgreich aus, sowohl wirtschaftlich wie politisch. Insofern hat sich mit dem industriellen Boom der »Tigerstaaten« Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur (mit einigen Jahren Verzögerung auch in Thailand, Malaysia und Indonesien) sowie dem Aufstieg Chinas zur viertgrößten Handelsmacht eine einschneidende Entwicklung vollzogen, in deren Folge sich im Fernen Osten der größte und dynamischste Pol der Weltwirtschaft herausbildet.

Der dritte Pol
China gewinnt dabei in der Region eine immer wichtigere Stellung. Mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation hat die Volksrepublik die Isolation auf ökonomischem Feld endgültig überwunden. Politisch und militärstrate- gisch spielt sie schon längere Zeit eine wichtige Rolle in Asien. Die vormals strikte Bipolarität ? Sowjetunion contra USA ? wurde seit Anfang der 70er bis Ende der 80er Jahre durch eine tripolare Ordnung ersetzt: Nach den Grenzzwischenfällen am Ussuri 1969 und der sino-amerikanischen Annäherung Anfang der 70er Jahre trat die Atommacht China auf der indochinesischen Halbinsel in eine offene Konfrontation mit dem engsten Verbündeten der Sowjetunion, der Volksrepublik Vietnam. Der schon länger schwelende Landstreit zwischen Kambodschanern und Vietnamesen eskalierte nach der Machtergreifung der von China unterstützten Roten Khmer 1975. Der Einmarsch der vietnamesischen Armee beendete Anfang 1979 die Schreckensherrschaft Pol Pots, der mehr als ein Siebtel der Bevölkerung Kambodschas zum Opfer gefallen waren. Darauf überschritten als »Strafaktion« chinesische Truppen die vietnamesische Grenze. Vietnam setzte eine ihm hörige Regierung ein, während die Roten Khmer auch von der UNO und den westlichen Staaten weiter als legitime Vertretung Kambodschas anerkannt blieben. Der militärisch unentschiedene Kampf zwischen vietnamesischer Armee und Roten Khmer mündete erst zehn Jahre später in ein fragiles Abkommen mit einer Allparteienregierung unter bewaffneter Schirmherrschaft der UNO; obwohl die Roten Khmer, längst von China fallengelassen, sich nach dem Tode ihres Führers offiziell aufgelöst haben, kommt das Land bis heute nicht zur Ruhe.
In den achtziger Jahren waren es drei Entwicklungen, die zur Abschwächung der Bindekraft der bisherigen bi- bzw. tripolaren Hegemonialordnung geführt haben: der Niedergang der sowjetischen Macht, welche immer mehr der Fähigkeit verlustig ging, eine aktive Rolle in der Region zu spielen; die Wirtschaftsreformen in China mit der damit verbundenen Öffnung zum Weltmarkt sowie die wirtschaftliche und politische Konsolidierung der nichtkommunistischen Staaten der Region. Jetzt konnten regionale Konflikte ohne universalistisch-ideologischen Hintergrund erstmals offen ausgetragen werden. Deren wichtigster ist der Konflikt um die Paracel- und die Spratley-Inselgruppen im Südchinesischen Meer, wo umfangreiche Erdölvorkommen vermutet werden (vgl. S. 21ff.) Ungeklärte Territorialkonflikte gibt es außerdem zwischen Japan und China (Diaoyutai-/Sengaku-Inselgruppe) sowie zwischen Malaysia und den Philippinen.
Sah es zunächst so aus, als ob die Vereinigten Staaten ihre militärische Präsenz in der Region zurückschrauben würden ? eine Hauptforderung oppositioneller Bewegungen vor allem in Südkorea und den Philippinen, ja sogar zeitweilig in Japan, die sich noch in den achtziger Jahren breiter Beliebtheit erfreut hatte ? wird heute das amerikanische Engagement selbst von China, trotz aller Gegensätze in der Taiwanfrage, als unentbehrlich angesehen. Würden sich die USA aus Ostasien zurückziehen, drohte sofort ein regionales Wettrüsten, bei dem vor allem auch Japan nicht beiseite stehen würde ? in den Augen der Chinesen der Alptraum schlechthin. Einen Vorgeschmack darauf vermittelt die Flottenaufrüstung der Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres: Kauft Singapur ein U-Boot, dann »als Reaktion« auch Malaysia, obwohl die ASEAN, der beide Staaten angehören, »Hegemoniepolitik« wortreich verurteilt.

Wieder Vereinigungen
Eine womöglich auch atomare Aufrüstung Japans wäre unumgänglich, wenn es Nordkorea tatsächlich schaffen würde, in den Besitz von Atomraketen zu gelangen. Dass der ungeliebte Verbündete damit droht, kommt wiederum den Chinesen nicht ungelegen: Unentbehrlich bei den diplomatischen Bemühungen, den letzten Amoklauf des zusammenbrechenden nordkoreanischen Regimes zu verhindern, haben sie im Koreakonflikt erreicht, was ihnen sonst vorerst noch verwehrt ist: mit den USA von gleich zu gleich als Quasi-Supermacht am Verhandlungstisch zu sitzen. Obwohl Korea und die USA den Eindruck vermitteln, als würden hier die letzten Gefechte zwischen freedom and democracy einerseits und dem Kommunismus andererseits ausgetragen, ist dies ? sofern keiner der Beteiligten die Nerven verlieren sollte ? nicht der gefährlichste Krisenherd in der Region. Denn die koreanische Wiedervereinigung wird kommen, wenn auch nicht sofort.
Gefährlicher, weil kaum durch äußere Vermittlungsbemühungen moderierbar, ist der Taiwan-Konflikt. Hier ist eine friedliche Lösung schon deshalb nicht in Sicht, weil eine »Wiedervereinigung« aller bis heute aufrechterhaltener Staatsdoktrinen zum Trotz nur gegen den offenkundigen Willen der taiwanesischen Bevölkerung zu haben ist. Auch wenn sich ökonomisch nichts ändern würde ? die »Sonderverwaltungsregion Hongkong« wurde Teil der Volksrepublik, obwohl die Grenze jetzt für den Normalchinesen noch unüberwindlicher wurde ?, die Versuchung für Peking, das letzte Relikt der Fremdbestimmung von »Langnasen« über Chinesen zu beseitigen, wird steigen. Und dies unabhängig vom ideologischen Vorzeichen und ganz gleich, ob von einer Position der Stärke aus, wenn man sich der amerikanischen Supermacht endlich ebenbürtig fühlt, oder als Befreiungsschlag, wenn der Pekinger Regierung die inneren sozialen Konflikte über den Kopf zu wachsen drohen, die sich im Gefolge des WTO-Beitritts und der nun unaufschiebbaren Massenentlassungen in der Staatsindustrie mit Sicherheit verschärfen werden. Ließen die USA Taiwan aber einfach fallen, wäre auch die amerikanische Schutzgarantie für Japan unglaubwürdig, und die sino-amerikanische Rivalität um die Hegemonie in der Region wiche einer sino-japanischen Konfrontation.

Keine Konjunkturlokomotive
Die Ambitionen, künftig eine Rolle als regionale Ordnungsmacht auszuüben, die über die reine Landesverteidigung hinausgeht, sind auch an den Anstrengungen zur Modernisierung der Streitkräfte und vor allem an der Flottenrüstung erkennbar. Obwohl die Landgrenzen der Volksrepublik zur Zeit unumstritten und ungefährdet sind, wird der Rüstungsetat nicht zurückgefahren, sondern seit Ende der achtziger Jahre stetig erhöht. Zum Teil hat dies innenpolitische Gründe ? so versicherte sich der Zivilist Jiang Zemin, lange Zeit nur als Übergangskandidat gehandelt, der notwendigen Loyalität der Volksbefreiungsarmee. Wozu aber die Errichtung von Flottenstützpunkten und die ausgiebige Straßenbautätigkeit in Burma eigentlich gut sein soll, kann immer noch gerätselt werden ? symbolische Großmachtgeste, opportunistische Ausnutzung eines Machtvakuums oder Vorbote einer neuen Expansionspolitik?
Die Asienkrise hat China, wie es vorerst aussieht, relativ glimpflich überstanden. Die Wirtschaft wuchs 1999 um sieben, im letzten Jahr sogar um acht Prozent. Die Ausfuhr erhöhte sich gegenüber 1999 sogar um 30 Prozent, und dies ohne die Landeswährung massiv abwerten zu müssen. Gerade der Verzicht auf einen Abwertungswettlauf mit den »Tigerstaaten« wurde von der Regierung propagandistisch als Wahrnehmung einer Verantwortung für die ganze Region herausgestrichen. Die Rolle einer »Konjunkturlokomotive« für Südostasien kann aber China auf absehbare Zeit wegen der relativen Stagnation des Binnenmarktes nicht wahrnehmen ? die Exportwirtschaft der gesamten Region steht und fällt nach wie vor mit der nordamerikanischen Konjunktur. Und auch die Abhängigkeit von ausländischem Investitionskapital trotz hoher inländischer Sparquote bleibt eine Schwachstelle. Die Erleichterung des Warenimports durch den WTO-Beitritt, verbunden mit einer schwindenden Bedeutung des Lohnkostenvorteils und den endemischen Problemen Korruption, Rechtsunsicherheit und Produktpiraterie für ausländische Firmen in China birgt das Risiko einer Trendwende »weg vom Produzieren in China hin zum Export nach China«, so Michael Thomas von der Deutschen Consult in Hongkong.
Vom Erfolg oder Misserfolg dieser endgültigen Öffnung zum Weltmarkt hängt auch das Schicksal der Herrschaft der KPCh ab, deren Herrschaftsmonopol allen Unkenrufen zum Trotz heute gefestigter erscheint als noch vor zehn Jahren. Die Partei, längst zum Kartell einer technokratischen Elite mit einer »metakonfuzianisch«-nationalistischen Ideologie transformiert, kann sich an der Macht halten, solange sie ihre Funktion als Garantin von »Stabilität und Einheit« in einer sich fragmentierenden Gesellschaft zu erfüllen vermag. Und dies wird gelingen, solange die demokratischen Aspirationen der neuen urbanen Mittelschicht und die sozialen Abwehrkämpfe der »Modernisierungsverlierer« sich einander gleichgültig, wenn nicht gar feindlich gegenüberstehen. Dies kann sich in einer katastrophalen Wirtschaftskrise natürlich schnell ändern. Der Kalte Krieg ist allerdings wirklich vorbei: an der Destabilisierung eines Regimes, das die kapitalistische »Inwertsetzung« so erfolgreich betreibt wie das chinesische, ist keiner westlichen Regierung gelegen, solange es den Supermachtstatus der USA nicht offen herausfordert. Dies aber ist wirklich noch Zukunftsmusik.



Hubert Zick ist Politologe und schreibt zu Geschichte und Politik Chinas.