Editorial
Kurswechsel in Asien
Asien ist in. Das zeigt nicht nur der in den letzten Jahren stark zunehmende Tourismus nach Ost- und Südostasien. Der Westen scheint überhaupt fasziniert vom Fernen Osten. Nachdem Asien lange Zeit nur als Produzent von Autos und Elektronik bekannt war, boomt nun asiatische Ästhetik ? oder was man dafür halten mag ? und prägt hiesige Lifestyle-Trends. Asiatische Mode, Meister und Möbel, asiatische Philosophie und Lebenskunst drängen auf den Markt. Die Furcht vor der in Ost- und Südostasien erwachsenden ökonomischen Konkurrenz für die alten Industriemächte, die wir noch an den Anfang unseres letzten Schwerpunktheftes zur Region (iz3w Nr. 204/1995) stellten, ist offenbar einer sich wieder souverän gebenden Gelassenheit gewichen. Die zwischenzeitliche Asien-Krise, die Drachen und Tiger beutelte, dürfte diese Wendung eingeleitet haben, die jetzt durch die Untergangsstimmung an Japans Börsen nur noch bestätigt wird.
Die Asien-Welle zeigt aber auch, wie wenig differenziert der westliche Blick auf die Region noch immer ist. Ein riesiger geographischer Raum, eine Vielzahl von Staaten, Gesellschaften und Lebensweisen, unterschiedliche Entwicklungsmodelle, Konflikte und soziale Widersprüche sind im Gegensatz zu dem, was hierzulande als »asiatisch« über den Ladentisch geht und in den Köpfen spukt, nicht unter einen Hut zu bringen.
Dennoch sind viele Politiker in den Staaten der Region gerade selbst dabei, sich ein gemeinsames Image, eine asiatische Kollektiv-Identität zu zimmern. Auch ein Schlagwort gibt es schon für diese Entwicklung: Der »Asianismus« hat das Gerede von den »asiatischen Werten« abgelöst, mit denen einmal der Aufschwung der Tigerstaaten erklärt werden sollte. Dies ist vor allem Ausdruck gewachsenen Selbstbewusstseins der Eliten, bleibt aber nicht ohne Niederschlag im Alltagsleben. Der Asianismus dürfte sich in seiner Unbestimmtheit und seinem ideologischen Gehalt nicht wesentlich von den Bemühungen unterscheiden, die derzeit in unseren Längengraden zur Schaffung einer europäischen Identität angestellt werden. Und hier wie dort stecken die Zwänge und Versprechungen des Weltmarkt hinter den Gemeinschafts-Losungen ? wie jüngst das Boao Forum for Asia demonstrierte.
Dieses als asiatische Antwort auf das Worlds Economic Forum in Davos (WEF) Ende Februar im chinesischen Boao etablierte jährliche Forum von Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft will Dialog, Koordination und Kooperation unter den asiatischen Staaten intensivieren. Die Delegierten aus 25 asiatischen Staaten wollen der Marginalisierung im Prozess der Globalisierung entgegenwirken. In seiner Eröffnungsrede sprach Chinas Präsident Jiang Zemin von einem »großen Moment« für Asien und von den gemeinsamen Herausforderungen, vor denen die »asiatischen Länder bei all ihrer Unterschiedlichkeit« stünden. Gewohnt populistisch gab sich in Boao Malaysias Premierminister Mahathir Mohamad: Er schlug den alten Industriestaaten vor, eine »Infrastruktur-Steuer« an die armen Länder zu entrichten. Schließlich stamme ein Teil des Wohlstands der Reichen aus der Ausbeutung der Ressourcen der Armen.
In der wirtschaftlichen Entwicklung liegt denn auch die vielleicht einzige Gemeinsamkeit der in diesem Heft und insbesondere im Themenblock behandelten Länder Ost- und Südostasiens. Die Jahre 1989 und 1991 mögen als Symbol für Entwicklungen stehen, die vielerorts jedoch schon einige Zeit früher begonnen hatten: die Hinwendung zum Weltmarkt und die wirtschaftliche Öffnung auch derjenigen Staaten der Region, die dem Ostblock angehörten. Mittlerweile befinden sich alle Länder mehr oder weniger freiwillig im regionalen wie globalen Konkurrenzkampf um Standortvorteile. Dabei erhalten alte Konflikte neue Dimensionen, was in den vergangenen Monaten die Aufstände und Massenbewegungen in Indonesien oder den Philippinen zeigten. Die alten Eliten ? ob aus Militär, Clans oder Einheitsparteien ? ordnen sich den Zwängen der wirtschaftlichen »Öffnung« unter, politisch versuchen sie aber das Zepter in der Hand zu behalten. Ob ihnen das gelingen wird, oder ob sich der Pluralismus westlicher Formaldemokratien auch in Ost- und Südostasien als angemessenere gesellschaftliche Ordnungsform des entwickelten Kapitalismus durchsetzen wird, ist noch nicht absehbar.
Anliegen dieses Heftes ist nicht der große theoretische Wurf. Die Größe und Vielschichtigkeit des behandelten Raums schließen die dazu notwendigen Verallgemeinerungen aus. Die hier vorgestellten ost- und südostasiatischen Länder und Gesellschaften haben so viele Facetten, dass Vergleiche, Vereinheitlichung oder große Theorie nur aufgesetzt wirken. Wir weisen nur auf einige Tendenzen hin, die in ihrer Summe allerdings einen Richtungswechsel anzeigen ? wohin auch immer.
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