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(Artikel * 2001) Tanaka, Hiromi
Japanese miracle Prostitution und Migration in (Süd-)Ostasien Prostitution und Migration in Südostasien
in iz3w Nr. 252 * Seite 18 - 19
Themen: Prostitution; Südostasien * Dok-Nr: 134211
FernWeh

Japanese miracle
Prostitution und Migration in (Süd-)Ostasien

Die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Frauen Südostasiens durch westliche Touristen findet hierzulande große mediale Beachtung. Die nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von sexuellen Dienstleistungen führt jedoch vor allem zwischen den Ländern Ost- und Südostasiens zu Sextourismus und prostitutionsbedingter Migration. Diese sind keine kulturell bedingten »asiatischen« Phänome, sondern vor allem Symptom von Japans Vormachtstellung.

von Hiromi Tanaka

Japans Bild als Wirtschaftsmacht ist mit Klischees wie »Japanese-style management« oder »Japan, Inc.« um die Welt gegangen. Auf der Suche nach dem japanischen Erfolgsgeheimnis wurden Struktur, Management und Kultur der japanischen Unternehmen wie die Kooperation zwischen Industrie und Bürokratie erforscht. Die Außenbeziehungen Japans im Kontext seiner wirtschaftlichen Entwicklung ? insbesondere der Nord-Süd-Aspekt ? wurden weitaus weniger thematisiert. Sicherlich passt Japan als asiatisches Land nicht so recht in das übliche Schema vom Nord-Süd-Verhältnis zwischen westlichen Industrienationen und der Dritten Welt. Viele Elemente der Außenwirkung Japans in Asien weisen jedoch Parallelen auf. Japans Nachkriegsentwicklung zur Wirtschaftsmacht durch die weltweiten Operationen japanischer Unternehmen wird ? in Anlehnung an die »militärische Expansion« während des Zweiten Weltkriegs ? in den Nachbarländern oft als »zweite« oder »wirtschaftliche Expansion« bezeichnet. Die Kontinuität der japanischen Dominanz wird von Frauen in Japan und in anderen asiatischen Ländern insbesondere durch die Anti-Sextourismus-Kampagne verdeutlicht.
Auf einer Konferenz von japanischen und koreanischen Gruppen hat die Korea Church Women United bereits 1973 angeprangert, dass viele Koreanerinnen japanischen Männern als sexuelle Sklavinnen dienen. Damals reisten ca. 500.000 Touristen pro Jahr aus Japan nach Korea, 93% waren Männer. Die damalige koreanische Park-Regierung hatte versucht, die Einnahmen des Staates durch Tourismus zu maximieren, auch um die Rückzahlung japanischer Finanzhilfe sicherzustellen. Ein Boom des ki-saeng-Tourismus1 war die Folge. Auf ki-saeng-Partys für Touristen arbeiteten ca. 2000 »Dienerinnen«, denen von der Seoul Tourismus Assoziation offiziell eine Erlaubnis für diese Arbeit ausgestellt wurde.

Fluglinie Tokyo-Seoul
In Korea wurde der ki-saeng-Tourismus schon damals von der Anti-Regierungsbewegung kritisiert. Die Aktion »Gegen ki-saeng-Tourismus« von Studentinnen der Ewha-Frauenuniversität am Flughafen von Seoul 1973, über die auch japanische Zeitungen berichteten, machte vielen Japanern das Problem erstmals bewusst: Japanische Männer, bekannt als »economic animal«, nannte man nunmehr »sex animal«. Aber auch in Japan waren es zunächst Frauen, die öffentlich gegen ki-saeng-Tourismus demonstrierten.
In den 80er Jahren hat sich der Sextourismus in Südostasien ausgedehnt2. Auf den Philippinen wurden während der Marcos-Regierung viele Urlaubsanlagen gebaut, um Touristen und somit Devisen ins Land zu holen. Seit den späten 70er Jahren war Manila das erste Ziel für den japanischen Sextourismus. Auch hier blieben die Frauen nicht ruhig. Als der damalige japanische Premierminister Suzuki 1981 nach Manila kam, haben japanische Frauengruppen in Kooperation mit philippinischen Gruppen eine symbolische Demonstration auf dem Flughafen organisiert. Über die Proteste wurde in den Medien viel berichtet und die Kritik am Sextourismus erlangte so Öffentlichkeit auf den Philippinen. Der Effekt war deutlich: einige Monate später hatte die Zahl der japanischen Touristen um ein Viertel abgenommen.
Dennoch war das Problem damit keineswegs gelöst. In Manila entspannte sich die Lage auf Kosten einer Verlagerung in die Provinz. Zudem sahen sich viele Frauen, die als Prostituierte gearbeitet hatten, vor existentiellen Problemen, da sie ihre Lebensgrundlage verloren und sich zunächst kein Ersatz bot. Das führte zu einer neuen Welle der internationalen Migration; aber diesmal nicht als Touristen-Bewegung aus Japan, sondern als Arbeitsmigration philippinischer Frauen nach Japan, um dort in der Sexindustrie zu arbeiten. Bezeichnend für das Ausmaß der Migration ist das Aufkommen von Begriffen wie »japa-yuki san« (»nach Japan gehende Frauen«) oder »kara-yuki san« (»nach China gehende Frauen«).

Von »Frauen in Japan« ..
Da die Prostitution in Japan recht profitabel ist, arbeiten neben den Asiatinnen aus den Philippinen und aus Thailand auch »weiße« Frauen aus Australien, Neuseeland oder europäischen Ländern im Sex-Business. Die zunehmende Zahl von Ausländerinnen in der japanischen Sexindustrie ist ein negatives Beispiel für die Feminisierung der internationalen Migration und der neoliberalen Globalisierung, in der die Sexualität der Frauen in bisher nicht gekanntem Ausmaß käuflich ist. Das rassistische Schema, in Ausländerinnen aus Asien billigere, also minderwertige Frauen zu sehen, ist innerhalb der Sexindustrie fest verankert. Für die japanischen Männer bedeutet diese Form der Migration, dass sie nicht mehr ins Ausland zu fahren brauchen, um günstig Frauen zu kaufen.
Das elende Leben der asiatischen Ausländerinnen im reichen Japan ist besonders makaber. Thailänderinnen werden häufig von kriminellen Organisationen ge- und verkauft, nach Japan geschickt und zur illegalen Arbeit gezwungen. Die jährlich rund 70-80.000 Filipinas reisen oft mit einem Entertainer-Visum als Sängerinnen oder Tänzerinnen nach Japan ein, wo sie nach Ablauf des Visums illegal weiterleben. In der Regel werden sie kläglich bezahlt oder zur Prostitution gezwungen. Mord ist an der Tagesordnung, viele sterben durch Selbstmord. Erkrankungen und Unterernährung bis hin zum Verhungern sind nicht selten. Die »Prostitutions-Migrantinnen« führen ein isoliertes Leben. Andere Frauen aus ihren Heimatländern, beispielsweise Studentinnen, vermeiden den Kontakt.
Schätzungsweise 10.000 Kinder von Filipinas, die in der Sexindustrie arbeiten oder gearbeitet haben, und japanischen Sextouristen, erhalten keine Unterstützung von ihren Vätern. Viele dieser Kinder kommen auf den Philippinen zur Welt und sind offiziell nicht als Japaner anerkannt. So fällt es den japanischen Männern erst recht leicht, Mutter und Kind zu verlassen. Diese sogenannten JFC-Kinder werden mittlerweile gemeinsam von dem philippinischen Center for Women und japanischen Gruppen gesucht. Da die meisten in Japan arbeitenden Filipinas Befürchtungen wegen ihres illegalen Aufenthaltes haben, zögern sie, ihre Kinder registrieren zu lassen. Diese offiziell nicht existenten Kinder haben weder Reisepass noch das Recht zur Schule zu gehen. Auch erhalten sie von den Frauenorgnisationen keinen Beistand.
Ein Büro, das 1993 von japanischen Aktivistinnen in Manila eröffnet wurde, unterstützt die Frauen darin, die Väter ihrer Kinder zu finden. Durch gemeinsames Lobbying wollen Gruppen von den Philippinen und aus Japan gesetzliche Grundlagen für Mütter und Kinder verbessern. Im Laufe der Organisierung der Unterstützungsstruktur für Filipinas wurden auch Netzwerke aufgebaut, die in Kooperation mit Frauengruppen in Thailand den in Japan lebenden Thailänderinnen ihre Hilfe anbieten. Japanische Frauengruppen bemühen sich, den Prostitutions-Migrantinnen mentale und materielle Unterstützung oder eine Begleitung zu Gerichtsverhandlungen anzubieten.

... zu »Frauen in Asien«
Erst durch die gemeinsamen Initiativen mit Frauen aus Nachbarländern ist Japanerinnen der Zusammenhang von wirtschaftlicher und persönlicher sexueller Ausbeutung auf nationaler und internationaler Ebene bewusst geworden. Dabei spielte die grenzüberschreitende Käuflichkeit von Sexualität sowohl bei der nationalen als auch internationalen Zusammenarbeit von Frauen verschiedener asiatischer Länder eine bedeutende Rolle. Denn seit den 90er Jahren kommen die Sextouristen nicht nur aus Japan, sondern ebenso aus den südostasiatischen Tiger-Staaten. In diesem immer noch wachsenden transnationalen Gewerbe sehen Frauen aus »Nord« und »Süd« die negativen Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung.
Vor diesem Hintergrund entstand eine neue Identitätsbildung von Japanerinnen als »Frauen in Asien«. Dabei sind drei Ebenen entscheidend. Erstens: Die Öffentlichmachung des Sextourismus japanischer Männer und die für ihr Verhalten maßgeblichen wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Japan und anderen Ländern rückte erstmals die globale Klassenspaltung und die Funktion Japans im Nord-Süd-Geflecht in den Blick. Das führte zu einer kritischen Einschätzung der japanischen Entwicklungspolitik, die in Verdacht geraten ist, die Armut der Nachbarländer eher noch zu verschlimmern.
Zweitens: Fragen wie »Warum kaufen japanische Männer Frauen in Japan und im Ausland?« oder »Warum wussten wir Frauen gar nichts darüber?« verweisen auf den Zusammenhang von Sextourismus und -industrie mit der patriarchalen japanischen Arbeitsgesellschaft. Diese hat zum Zwecke der Profitmaximierung national und international die Interessen der Frauen vernachlässigt und sie ausgenutzt. In der japanischen Arbeitsgesellschaft waren ? und sind zum größten Teil noch heute ? die Männer- und Frauenwelten stark getrennt. Der Bedarf nach einer Sexindustrie geht nicht zuletzt auf den enormen Arbeitsstress der Männer zurück. Zwar war die Kritik an der patriarchalen Arbeitsgesellschaft in der japanischen Frauenbewegung nicht neu, wohl aber der Einbezug transnationaler Aspekte der Ausbeutung von Frauen: Die Auswirkungen der japanischen Arbeitsgesellschaft werden auf andere Länder übertragen und stützen damit zugleich das System.
Drittens: Das neue globale Bewusstsein von Japanerinnen schließt die Erkenntnis ein, dass ihr Wohlstand nur auf Kosten von Menschen, besonders Frauen, in anderen Ländern möglich ist. Der Blick fiel damit auf die Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele Frauen, besonders Koreanerinnen, als »Militärmaterial« durch die Japaner »mitgeführt« und zur Prostitution gezwungen. Als sich Japan nach dem Krieg wirtschaftlich entwickelte, reisten viele Japaner, ohne an die Vergangenheit zu denken, in die Nachbarländer und demütigten dort in Friedenszeiten wieder Frauen ? diesmal mit Geld. Das kollektive Handeln gegen Sextourismus und -industrie hat der neuen Frauenbewegung in Japan ihre aktuelle Richtung gegeben ? obwohl das Thema der Zwangsprostitution schon in der Lib-Bewegung Anfang der 70er Jahre erkannt und thematisiert wurde3. Das Zusammenwirken mit Frauen in und aus anderen asiatischen Ländern hat dazu geführt, dass es eine Bewegung von »Frauen in Japan« hin zu »Frauen in Asien« gegeben hat.

Anmerkungen:

1 Ki-saeng bedeutet auf koreanisch soviel wie geisha, heute versteht man darunter aber einfach Prostituierte.

2 Es wurden sogar spezielle Reiseführer für Sextouristen herausgegeben, die aufgrund der starken Proteste von Frauengruppen zurückgezogen wurden.

3 Vgl. Mae, Michiko (2000): Weg zu einer neuen Subjektivität. Die neue japanische Frauenbewegung als Suche nach einer anderen Moderne. In: Lenz, Ilse; Mae, Michiko; Klose, Karin (Hg.): Frauenbewegungen weltweit, Aufbrüche, Kontinuitäten, Veränderungen. Opladen, S. 33.


Hiromi Tanaka arbeitet am Ostasieninstitut in Düsseldorf und promoviert zu »Geschlechterdemokratie im globalen Kontext«.