Literatur
Identität ist eine Lüge
Tajjib Salichs Roman »Zeit der Nordwanderung«
von Sigrid Weber
Der Roman spielt in einer Zeit der Migration. Der Ich-Erzähler kehrt nach Jahren des Studiums im Norden wieder in seine Heimat, ein kleines sudanesisches Dorf am Nil zurück. Dort trifft er auf einen Fremden, Mustafa Said, von dem er sich auf eine besondere Art angezogen fühlt. Auch Mustafa Said ist einst in den Norden aufgebrochen, eine Generation früher, ausgestattet mit einem messerscharfen Verstand und hungrig nach Wissen. Während er in der akademischen Welt der weißen Männer als Ökonom zu Ruhm und Ehren gekommen ist, »rächt« er in der Nacht die Kolonisierung Afrikas mit der sexuellen Unterwerfung weißer Frauen. Drei haben nach Affären mit ihm den Freitod gewählt. In der vierten Frau aber tritt ihm eine Partnerin gegenüber, der er verfällt und die er auf ihren Wunsch hin tötet. Nachdem er seine Gefängnisstrafe abgebüßt hat, lässt er sich in jenem sudanesischen Dorf als einfacher Bauer nieder. Seine Vergangenheit hat er ausgelöscht bis auf ein kleines Zimmer in seinem Haus, in dem Hunderte von Büchern, Bilder und Teppiche, Fotografien und Zeitungsausschnitte aus seinem früheren Leben wie in einem Schrein verwahrt sind, zu dem aber niemand Zutritt hat. Der Erzähler betritt ihn erst nach Mustafa Saids ominösem Verschwinden im Nil, das im Dorf eine Tragödie heraufbeschwört. Nachdem die junge Witwe von Mustafa Said mit einem Siebzigjährigen zwangsverheiratet worden ist, tötet sie zuerst diesen und dann sich selbst. Durch diesen Vorfall zerbricht für den Erzähler alles, woran er bisher geglaubt hat. Im Schrein des Mustafa Said komplettiert er nicht nur sein Wissen von dessen Geschichte, sie tritt ihm auch als Spiegel seines eigenen Lebens entgegen und offenbart seine Widersprüche, Verlogenheiten und Irrtümer. In der Mitte des Nils fällt der Erzähler eine Entscheidung, die erste in seinem Leben.
Die »Zeit der Nordwanderung« erschien erstmals 1966 in einer Beiruter Literaturzeitschrift. Unter arabischen Intellektuellen gilt Tajjib Salichs Roman bis heute als Kultbuch. Und als es vor zwei Jahren erstmals ins Deutsche übersetzt wurde, landete es prompt auf Platz eins der Schweizer Bestsellerlisten. Eine keineswegs alltägliche Karrieregeschichte für einen »Roman aus dem Süden«, der nach wie vor um einen Platz im Feuilleton kämpfen muss und in der Regel nur von einem Nischenpublikum rezipiert wird. Grund genug der Frage nachzugehen, woraus dieses literarische Werk seine Anziehungskraft bezieht.
Nach dem Erscheinen des Romans auf deutsch überschlug sich das deutschsprachige Feuilleton in Lobreden. Das ist nicht weiter verwunderlich, zieht einen das Buch doch von der ersten Seite an in seinen Bann. Formal gesehen ist es ein perfekt konstruiertes Erzählwerk voller Echos und Spiegelungen, das sich seinem Gegenstand in allen Schattierungen annähert. Aber was ist der Gegenstand? Die Kritiker sind sich einig: Grundthema ist der Konflikt der Kulturen, auch wenn in den meisten Besprechungen ein Mehr des Romans durchschimmert, das nicht in der Dichotomisierung von Orient und Okzident aufgeht, sondern auf die widersprüchliche Verfasstheit der menschlichen Existenz verweist. Gleichwohl fällt mit Permanenz das Wort von der »Hassliebe zwischen Orient und Okzident«, von einer »radikal stilisierten Kulturen-Konfrontation« oder dem »ganzen west-östlichen Kampf der Kulturen«. Damit antizipieren die Kritiker eine Publikumshaltung, nämlich das Begehren des Anderen, das doch auch immer dessen Abwehr bestätigt wissen will. Und gleichzeitig schreiben sie damit kulturelle Identitäten fort und fest mitsamt dem zugrundeliegenden Glaubenssatz von der unüberwindbaren Differenz der Kulturen. Noch eklatanter ist allerdings die Tatsache, dass Tajjib Salichs Roman genau das Gegenteil dieser Identitätshuberei betreibt. Weder produziert noch reproduziert, konstruiert noch dekonstruiert er Identitäten. Er entlarvt sie als blanke Lügen, mit denen sich der Mensch mühsam über Wasser hält. Der ganze Roman zeugt vom verzweifelten Bemühen des Individuums, im Widerspruch zu leben, die Unmöglichkeit der positiven Identifizierung zu erfahren und gleichzeitig dem Zwang zur Identität ausgesetzt zu sein. Die Dichotomisierungen von Orient und Okzident oder Mann und Frau haben nicht die Funktion identitärer Zuschreibungen, sondern bilden die formale Struktur des Romans, in dem dieses dialektische Moment entsteht und die Unmöglichkeit von Identität sichtbar wird.
Suche nach der verlorenen Identität
Die Geschichte beginnt mit der Rückkehr des Ich-Erzählers in sein geliebtes Heimatdorf. »Wind, der durch die Palmen fährt, säuselt eben anders als Wind, der durch die Weizenfelder streift.« Wenngleich er auch für die Fremde ein schönes Bild findet, markiert er doch die feine Differenz, die sein Dorf von dieser abhebt. Jeder Schritt bestätigt ihm, wieder an den Ort zurückgefunden zu haben, wo sein Selbst sein Zuhause und auch seine Zukunft hat: »Ich fühlte, dass ich keine Feder im Wind war, sondern, wie diese Palme, ein Wesen mit einer Herkunft, mit Wurzeln und einem Ziel.« Ich bin zu Hause, also bin ich. Das ist die Botschaft der ersten Seiten. Zu Hause heißt Süden und nicht Norden, Dorf und nicht Stadt, arm aber glücklich. Und doch deutet sich bereits an, dass der Ich-Erzähler nicht mehr das dörfliche Subjekt ist, für das er sich hält. Denn in der dichotomen Struktur seines Denkens nimmt er eine »Nord-Perspektive« ein. Der Großvater, zentrale Identifikationsfigur auf sozialer und moralischer Ebene, gerät ihm zur Projektionsfläche für einen romantisierenden Blick auf Armut und Genügsamkeit des Südens, dem er den reichen Norden als moralisch unterlegen gegenüber stellt: »Er [der Großvater] ist kein hochragender, dicht verzweigter Eichenbaum auf einem Boden, der von der Natur mit Wasser und Fruchtbarkeit gesegnet ist. Er gleicht eher dem Gestrüpp der Seyalakazien in den Wüsten Sudans. Mit seiner dicken Rinde und seinen scharfen Dornen widersteht es dem Tod, weil es so wenig vom Leben verlangt.« Dass seine Identifikationsmuster schief sind, ist dem Ich-Erzähler bis dahin nicht bewusst. Dieser Prozess wird erst durch die Begegnung mit Mustafa Said in Gang gesetzt. Er ist anders als die Anderen, keiner weiß so recht, woher er kommt, im Dorf hat er sich aber einen untadeligen Ruf erworben. Dem Ich-Erzähler ist er hingegen suspekt. Hinter dem schönen Gesicht vermutet er eine dunkle Vergangenheit, die ihm Said auch schließlich offenbart.
Koloniale Zwangsidentifizierung
Mustafa Said wird von Salich fast als Gegenbild zum Ich-Erzähler gezeichnet: wurzellos und ohne soziale Bindung von Kindheit an. Sein einziges Ziel ist das Schmieden seines Intellekts, für den der Sudan und selbst Kairo zu eng sind. Um ihn zu perfektionieren, studiert er in England. »Meine einzige Waffe war dieses scharfe Messer in meinem Schädel, und in meiner Brust herrschte kalte Gefühllosigkeit, als wäre mein Innerstes mit Felsgestein zugeschüttet.« In dieser Stilisierung symbolisiert er den Prototyp des männlichen bürgerlichen Subjekts, das Verstand und Sinnlichkeit voneinander trennt und in ein Herrschaftsverhältnis stellt. Das Selbst Mustafa Saids besteht jedoch nur aus Intellekt, allein aus diesem kann er einen Subjektstatus beziehen ? wenn auch aus dem Zwangsverhältnis heraus, zum kolonialen Objekt degradiert worden zu sein. »Sie [die Kolonisatoren] brachten uns den Bazillus der maßlosen europäischen Gewalttätigkeit wie sie die Welt nicht einmal an der Somme und in Verdun gesehen hatte, den Bazillus einer tödlichen Krankheit, mit dem sie vor mehr als tausend Jahren infiziert worden waren. Ja, meine Herren, ich bin mitten in Ihre Häuser als Eroberer zu Ihnen gekommen ? ein Tropfen von dem Gift, das Sie in die Adern der Geschichte injiziert haben.« Nicht über identitäre Zuschreibungen wird Said als koloniales Subjekt begreifbar, sondern als Teil eines Herrschafts- und Gewaltverhältnisses, das die Aufklärung als ihre Schattenseite in die Welt gebracht hat. Aufklärendes Denken heißt nicht nur Freiheit, sondern trägt immer auch den Keim zur Barbarei. Denn nur mit Gewalt wird die Natur beherrschbar, ihre äußere Stofflichkeit sowie die »innere Natur« des Individuums, seine Triebe und Phantasien. Aber auch die Länder des Südens oder die Frauen, die der besseren Beherrschbarkeit willen zu Natur deklariert worden sind. Es ist dieses Herrschaftsdenken, mit dem Mustafa Said infiziert ist und das sein Handeln leitet. Nur mit Strategie, seinen Verstand als Waffe gebrauchend, kann er die aufgezwungene Identität des ?primitiven Orientalen? abschütteln und sich zumindest nach innen als Subjekt konstituieren.
Er schlägt mit den Waffen seiner Herren zurück, indem er das koloniale Gewaltverhältnis im Verhältnis der Geschlechter reproduziert.1 Sein Ziel ist die sexuelle Unterwerfung von Frauen, die in der weißen Gesellschaft ebenfalls am Rand von Macht und Herrschaft stehen. Seine Strategie besteht in der Annahme der zwangsverordneten Identität: Er inszeniert sich als Orientale. Damit bekommt er Frauen aus allen sozialen Klassen in sein Bett »...ich fühlte, dass sie in mir ein nacktes, primitives Geschöpf sah, das ? den Speer in der einen, die Pfeile in der anderen Hand ? im Dschungel nach Elefanten und Löwen jagt. So ist es gut. Die Neugier hat sich in Vergnügen verwandelt, Vergnügen in Zuneigung, und wenn ich nun noch den stillen See in den Tiefen aufwühlte, würde sich die Zuneigung in Verlangen wandeln, auf dessen straff gespannten Saiten ich spielen könnte, wie es mir gefiel.« Er empfindet keine Liebe, ihm geht es allein um Herrschaft, seine Lust entsteht aus der Macht. Perfekt spielt er das Spiel mit den Identitäten und sein Trumpf ist das Wissen um die verborgenen Sehnsüchte dieser Frauen, die hinter ihrem Exotismus liegen. Mit seiner Verführungskunst legt er sie frei, was die Frauen in eine ausweglose Abhängigkeit bringt und schließlich in den Tod treibt. Er ist die tödliche Antwort auf ein Begehren, das sich in der Verfasstheit dieser Gesellschaft noch am ehesten in der abwertenden exotistischen Phantasie äußern kann. Nur in einer Frau, Jean Morris, trifft er auf ein Gegenüber, das ebenso berechnend ist. Sie bringt ihm hemmungslose Verachtung entgegen, stachelt sein Verlangen ins Unermessliche, um ihn doch wieder kalt abblitzen zu lassen. Mustafa Said verfällt ihr, in Hass und Liebe zugleich.
Freiheit in der Extase
Jean Morris ist die Femme Fatale, deren Begehren sich ungezügelt Bahn bricht, die sich jenseits patriarchaler Zwänge und sittlicher Konventionen bewegt. Sie ist in dieser Gesellschaft so wenig positioniert wie Mustafa Said, der sich als Kolonisierter nurmehr inszeniert und als personifizierte Lüge durchs Leben geht. In dieser Gleichheit des Nicht-identisch-Seins und dem Verlangen nach Eins-Sein erkennen sich die beiden, was ihren Hass und ihre Liebe gleichermaßen auf die Spitze treibt. Jean Morris ist für Mustafa Said das Versprechen auf wirkliches Eins-Werden, dessen Erfüllung ihm in der beschnittenen Form des Selbst als bürgerliches Subjekt versagt bleibt. Und dafür nehmen beide den Tod in Kauf. »Hier sind meine Schiffe, Liebste, sie segeln zu den Gestaden des Verderbens. Ich beugte mich über sie und küsste sie. Als ich die Dolchspitze zwischen ihre Brüste setzte, schlang sie ihre Beine um meinen Rücken. Langsam drückte ich zu. Langsam. Sie öffnete die Augen. Welch eine Ekstase lag in diesen Augen! Sie schienen mir schöner als alles auf der Welt. ?Mein Liebster?, sage sie schmerzerfüllt. ?Ich dachte schon, du würdest es niemals tun. Fast wäre ich an dir verzweifelt.?« Wie einst Odysseus bei den Sirenen erahnen sowohl Jean Morris als auch Mustafa Said das unwiderstehliche Versprechen von Lust jenseits der Grenzen des Selbst und wissen doch um den damit verbunden Verlust des Selbst, wenn sie sich ihr hingeben.2 Aber im Gegensatz zu Odysseus legen sie sich keine Fesseln an, um die Lust nur aus der Entfernung, »zum bloßen Gegenstand der Kontemplation neutralisiert«, zu erfahren. Für den Moment der Freiheit in der Ekstase sind sie bereit, ihr Leben zu opfern, Jean Morris real, Mustafa Said verschwindet symbolisch, zunächst im Gefängnis, dann im sudanesischen Dorf und schließlich im Nil.
Wahre Identität ist nicht in der Erfahrung von Differenz, sondern nur im Tod zu erfahren. Das ist die Botschaft, die Mustafa Said dem Ich-Erzähler hinterlässt und die diesen zutiefst irritiert. Im Spiegel der Geschichte Saids geraten seine Identifikationsmuster immer mehr ins Wanken. Er sagte, er sei eine Lüge. Bin auch ich eine Lüge? Ich stamme von hier. Ist das nicht Wahrheit genug?« Die Situation spitzt sich für ihn zu, als Mustafa Said nach einer Überschwemmung umkommt ? ob durch eigenen Willen, bleibt ungeklärt ? und Husna, die junge Witwe, mit dem siebzigjährigen Wadd al-Raijjs in Einvernehmen mit der Dorfgemeinschaft zwangsverheiratet werden soll. Sein Glaube an die moralische Integrität seines Dorfes zerfällt. Er findet den Plan des greisen Wadd al-Rajjis nicht weniger verwerflich als die subtilen Attacken Mustafa Saids und er liebt Husna. Doch er rennt vor seinen Gefühlen und seinem moralischen Urteil davon und überlässt sie der dörflichen Willkür.
Zerfall identitärer Muster
Die Zwangsverheiratung findet statt und Husna macht ihre Drohung wahr, zuerst Wadd al-Rajjis und dann sich selbst umzubringen. Das ganze Dorf ist erschüttert, aber nachdem die Spuren beseitigt sind, wird der Vorfall verdrängt. Als der Erzähler eine Erklärung einfordert, hüllen sich alle in Schweigen, selbst der geliebte Großvater. [Er] wälzte sich auf seinem Bett umher und flehte Gott an, ihn vor dem verfluchten Satan zu schützen. [...] Nach langer Zeit rief er, zur Zimmerdecke gewandt: »Gottes Fluch über die Frauen! Die Frauen sind des Teufels Schwestern. Ach Wadd al-Rajjis, Wadd al-Rajjis!« Nicht nur die Identifikation mit dem vorgestellten Kollektiv der dörflichen Gemeinschaft ist gescheitert, sondern auch die mit der Person des Großvaters, bis dahin sein Inbegriff für moralische Integrität. Das einstige Idol entblößt sich als starrsinniger alter Mann.
Nach Husnas Tod betritt der Erzähler erstmals den Schrein Mustafa Saids und blickt im Spiegel in ein finstres Gesicht. »Das ist mein Widersacher, Mustafa Said. Dem Gesicht wuchs ein Hals, dem Hals wuchsen zwei Schultern und eine Brust, dann ein Rumpf und zwei Beine. Ich merkte, dass ich von Angesicht zu Angesicht vor mir selber stand. Das ist nicht Mustafa Said. Es ist mein Ebenbild, das mich böse aus einem Spiegel anstarrte.« Seine Person ist mit der Mustafa Saids verschmolzen. Er, der das Gebaren Mustafa Saids als »melodramatische Phrase« abgetan hat, erkennt, dass sich dieser mit dem Innersten seines Selbst und den Verhältnissen konfrontiert hat, wohingegen er sich nur pragmatisch arrangiert und in der Identifikation mit Orten, Personen, Kollektiven der Verantwortung entzogen hat. All seine Identifikationen sind gescheitert. Nicht Mustafa Said ist eine Lüge, sondern er selbst. Er vermag sein Ich nicht mehr zu erkennen. »Nackt, wie die Mutter [ihn] gebar«, geht er ins Wasser. Er schwimmt hinaus und spürt, wie ihn die Kräfte des Flusses nach unten ziehen. Für einen Moment verspürt auch er die Verlockung des Todes. Dann, in der Mitte des Flusses kehrt sein Bewusstsein zurück. Er definiert sich neu: »Ich treibe im Fluss, aber ich bin kein Teil von ihm.«
Er überwindet die Illusion, das Selbst in der Differenz herauszubilden, durch die Identifikation mit Orten, Kollektiven oder Personen, und entwickelt eine neue Perspektive: »Mein Leben lang habe ich nichts gewählt und nichts entschieden. Jetzt entscheide ich mich, ich wähle das Leben. Ich werde leben, weil es einige wenige Menschen gibt, mit denen ich so lange wie möglich zusammenbleiben möchte, und weil ich Pflichten habe, die ich erfüllen muss. Es interessiert mich nicht, ob das Leben einen Sinn hat oder nicht.« In dieser existentialistischen Perspektive ist für ihn nicht mehr wichtig zu wissen, was und wer er ist, sondern was für ihn wichtig ist. Nicht weil er diesem Leben einen Sinn abgewinnen will, sondern weil es Menschen gibt, die ihm etwas bedeuten. Soziale Beziehung, Liebe, Verantwortung scheinen ihm als einzig Wahrhaftes zu verbleiben. Und auch wenn ihm das seine Lebenskraft zurückgibt, beschleicht ihn doch die Ahnung, dass auch das nur Illusion sein könnte. »Mit letzter Kraft schrie ich wie ein Komödiant auf der Bühne: »Hilfe!Hilfe!««
Jenseits von Zuschreibungen
Salichs Roman erschüttert die Vorstellung positiver Identifizierung grundlegend. Und wenn doch noch die Idee eines Außerhalb von Identitätszwang und Identifizierungslüge aufkommt, dann genau in der Mitte des Romans, in einem Kapitel, das fast beiläufig und isoliert von der eigentlichen Geschichte daherkommt. Der Ich-Erzähler ist auf dem Weg durch die Wüste. Nach der Hitze des Tages treffen sich zufällig Menschen, inmitten von Nirgendwo. Aus dem Nichts entsteht ein Fest. Menschen, die sich nicht kennen, bevölkern eine imaginäre Bühne, tanzen, lachen und trinken. Ein Lied wird gesungen für das Nichts, ohne Sinn und Zweck. »Es war ein Fest ohne Bedeutung, nur ein Verzweiflungsakt aus dem Stegreif, so wie die kleinen Wirbelwinde spontan in der Wüste aufleben und wieder in sich zusammenfallen.« Wenn bisher deutlich wurde, dass wahre Identität nur im Tod möglich und weder mit Techniken noch Strategien auflösbar ist, scheint in dieser Passage die Idee auf, dass die Aufhebung der Grenzen des Selbst zum Anderen auch in einer nicht-identitären Beziehung stattfinden kann. Nicht vorhersehbar und nicht planbar, fernab jeglicher identitären Zuschreibung, und doch im Sozialen.
Anmerkungen:
1 Hier ist nicht gemeint, dass in der Reproduktion von Gewaltverhältnissen eine Art Zwangsläufigkeit liegt und Rassismus, Sexismus und Exotismus damit entschuldbar würden.
1 »Die Angst, das Selbst zu verlieren, und mit dem Selbst die Grenze zwischen sich und anderem Leben aufzuheben, die Scheu vor Tod und Destruktion, ist einem Glücksversprechen verschwistert, von dem in jedem Augenblick die Zivilisation bedroht war. Ihr Weg war der von Gehorsam und Arbeit, über dem Erfüllung immerwährend bloß als Schein, als entmachtete Schönheit leuchtet.« Adorno in der »Dialektik der Aufklärung«.
Sigrid Weber ist Mitarbeiterin im iz3w. |