Krisenbewegung
Im Februar 1999 fand an der Universität Bremen ein Workshop mit dem Titel »Südkorea ? Aufstieg, Krise, Auswege ? Versuch einer sozialökonomischen Annäherung« statt, der vom »Institut für sozialökonomische Handlungsforschung« organisiert wurde. Kontinuität und Intensität der langjährigen Kooperation mit wissenschaftlichen Instituten Südkoreas belegte einmal mehr die starke Teilnahme südkoreanischer WissenschaftlerInnen.
Die Finanz- und Wirtschaftskrise Südkoreas ab 1997 bildete einen deutlichen, aber keineswegs ausschließlichen Bezugspunkt der Tagung. Das »westliche« Interesse an Südkorea konzentriert sich meist auf das Ökonomische: auf Stand und Entwicklung von Indikatoren der herrschenden Wirtschaftslehre und -praxis wie Wachstum, Produktivität, Weltmarktposition, Währungsstabilität. Bei der Tagung ging es dagegen um die historischen, sozialen, politischen, soziokulturellen und handlungsgenerierenden Bedingungen und Zusammenhänge der Herausbildung, Funktionsweise und Probleme des spezifischen sozioökonomischen Systems.
Ein Sammelband dokumentiert nun die Referate des Workshops, wobei die ersten fünf Beiträge als theoretisch angeleitete, empirisch fundierte Analysen der Entwicklung Südkoreas von 1945 bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise ab 1997 zu kennzeichnen sind. Den Beiträgen zugrunde liegen die zentralen Kategorien der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie. Für sozialökonomische Realanalysen im Sinne der VerfasserInnen wäre eine Beschränkung auf diese Ebene jedoch nicht zureichend. Zwar ist die Funktion des Gebrauchswerts der (Ware) Arbeitskraft in den Prozessen der Erzeugung und Reproduktion von Wert und Mehrwert als materielle Basis des Lohnarbeitsverhältnisses eindeutig. Zum anderen ist aber die Frage klärungsbedürftig: »Wie kommt es überhaupt dazu, dass die Menschen funktional, also im Sinne des funktionalen Systems, handeln?« (S. 15) Extrem verkürzt lautet die Antwort Holger Heides: Das »System« erzeugt zugleich sowohl Ängste wie auch Süchte, die verhaltensprägend wirken. Diese These leitet unmittelbar die Untersuchung von S. Wolf »Zum Zusammenhang zwischen Modernisierung und geschlechtlicher Arbeitsteilung« an, deren analytische Befunde an der Frauenarbeit in Japan und Südkorea demonstriert werden.
Hwang Sun-Gil problematisiert in seiner Analyse der Voraussetzungen der südkoreanischen Finanzkrise die Konzentration der neoklassisch-neoliberalen mainstream-Variante auf den Faktor »Überregulation« ebenso wie dessen Umkehrung in der institutionalistischen Variante (»Unterregulation«). Dagegen betont er die Zuspitzung realwirtschaftlicher Probleme, die er zurückführt auf die breiten und entschlossenen Arbeiterkämpfe 1987. Diese zwangen das politische Regime zu erheblichen Konzessionen vor allem an die Beschäftigten der Großkonzerne (chaibols), in deren Folge die Industrie in erheblichem Maße den Konkurrenzvorteil niedriger Lohnkosten einbüßte. S. Meins weist in seiner Untersuchung die Kennzeichnung der südkoreanischen Produktionsverhältnisse als die eines »peripheren Fordismus« (vgl. den französischen Sozialtheoretiker Lipietz) zurück. Die südkoreanische Produktionsweise lasse sich überhaupt nicht als fordistisch kennzeichnen. Denn, so begründet Meins überzeugend, deren Besonderheiten ? politische, soziale, soziokulturelle und normative, also nicht zuletzt verhaltens- und handlungsrelevante Faktoren ? seien vorkapitalistischen Ursprungs.
Der thematische Schwerpunkt der folgenden sechs Referate bezieht sich auf sozialpolitische Sachverhalte, Probleme und Tendenzen: Die von der raschen Industrialisierung ausgelöste Krise der südkoreanischen Familie, die Probleme und Risiken (bis zur Erduldung von Körperverletzungen) aktiver Gewerkschafterinnen, autonome Produktions- und Selbsthilfebewegungen, aber auch innergewerkschaftliche und bildungspolitische Basisinitiativen.
Nicht nur der jüngste, in der Weltöffentlichkeit als spektakulär aufgenommene Annäherungsschritt zwischen Süd- und Nordkorea verweist darauf, dass auch künftig das (wie auch immer motivierte) Interesse am ersten der südostasiatischen »Tigerstaaten« anhalten wird. Die Beiträge des vorgestellten Sammelbandes bieten Informationen und Einsichten, die weit über den journalistischen Standard-Blick und auch über die verengte Sichtweise der herrschenden Wirtschaftslehre hinausreichen. Ein Lob muss zuletzt dem kleinen bremischen Atlantik-Verlag ausgesprochen werden. Ein grafisch so gelungenes und in der Einbandgestaltung ansprechendes Paperback ist mir selten in die Hand gekommen.
Hansgeorg Conert
Holger Heide (Hg.): Südkorea ? Bewegung in der Krise. Beiträge zu einem internationalen Workshop, Atlantik-Verlag, Bremen 1999, 247 Seiten. |