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(Artikel * 2000) Gisors, Kyo
A wie Antifa bis Z wie Zionismus Antifaschismus und Zionismus
in Blätter des iz3w Nr. 247 * Seite 44 - 45
Themen: Antifaschismus; Zionismus * Dok-Nr: 131351
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Rezensionen

A wie Antifa bis Z wie Zionismus

In dem Buchprojekt Wir sind die Guten. Antisemitismus in der radikalen Linken machen sich vier AutorInnen, denen eine politische Biographie in der radikalen Linken gemein ist, und die Gruppe Demontage auf die Suche nach den Schattenseiten linker Politik.
Am Anfang des Buchs steht die Erkenntnis, dass es sich beim Begriff »Antisemitismus« um ein Konzept handelt, das Linke zu keiner Zeit unbefangen auf sich selbst anwenden würden. Dieser Umstand weist aber mitnichten auf die Nicht-Existenz des Antisemitismus in der Linken hin, der mal als verkürzte Kapitalismuskritik mit antisemitischen Implikationen daherkommt, mal als Vergleich der israelischen Siedlungspolitik in den palästinensischen Gebieten mit der systematischen Vernichtung der europäischen Juden. Da aber auch Linke nicht als Antisemiten geboren werden, widmen sich die BuchautorInnen vorerst ihrer eigenen Erziehung. Während die Linke die vielen Kontinuitätslinien in der bundesrepublikanischen Gesellschaft anklagt, habe sie die fortdauernden Erziehungsnormen und somit auch sich selbst vergessen, lautet der Vorwurf der AutorInnen: »Unsere Eltern sind nach dem NS-Erziehungsstil erzogen worden, und haben, bewußt oder unbewußt, wichtige Bestandteile des NS-Erziehungsstils in unsere Erziehung einfließen lassen und somit am Leben erhalten.«
Die Versuche einiger Antifa-Gruppen, eine adäquate Politikform in bezug auf Antisemitismus zu entwickeln, blieben eher marginal und auf die Aktivitäten gegen Aktionärsversammlungen der IG Farben beschränkt. Die Liste antifaschistischen Versagens in der Auseinandersetzung um den Antisemitismus in Deutschland hingegen sei lang: Bitburg, zweiter Golfkrieg, 8. Mai 1995, Goldhagen, Gollwitz, Walser-Debatte und die Relativierungen der deutschen Verbrechen im Krieg gegen Jugoslawien ? um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen.
Als horribles simplificateurs machten Linke hierzulande den Antifaschismus zum »Kampf ums Ganze« (AAB). Das Horkheimersche Diktum ? dass wer vom Kapitalismus nicht reden will, auch vom Faschismus schweigen solle ? erfährt, da es zur Bewertung des letzteren, statt als Aussage über den Kapitalismus gelesen wird, in der Parole »Hinter dem Faschismus steht das Kapital« eine für den autonomen Antifaschismus typische Umsetzung. Solch eine Analyse verweist für die AutorInnen auf »die Schwierigkeit, die Shoah nur in der Distanzierung wahrnehmen zu können, während die Nähe zu den TäterInnen und ihrer Gesellschaft schon durch den eigenen Standpunkt bestimmt ist«. Statt jedoch radikal mit dem Volk der Täter zu brechen und uneingeschränkte Solidarität mit den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus zu üben, ist das linke Verhältnis zu den Opfern geprägt von identifikatorischer Vereinnahmung für die eigene Politik. Verfolgung erlitt nach linker Lesart vor allem der kommunistische Widerstand. Umgekehrt folgte daraus, dass wer verfolgt wurde, eigentlich widerständig im kommunistische Sinne gewesen sein musste, also auch die jüdischen Opfer.
Was immer die Motivation gewesen sein mag, durch die ? bewusste oder unbewusste ? Gleichsetzung ihrer selbst mit den Opfern des Nationalsozialismus machten sich die GenossInnen zu Betroffenen und gaben sich eine scheinbar unanfechtbare Definitionsmacht über Gut und Böse«, schlußfolgert Irit Neidhardt, die für das vorliegende Buch den mit Abstand interessantesten Beitrag (»Die radikale Linke, Israel und Palästina«) vorgelegt hat. Hierin skizziert sie die Verwendung jener analytischen Platitüden durch die Solidaritätsarbeit für Palästina. Geltend gemacht wird jedoch auch, dass dies nicht immer so war. Bis 1967 immerhin war die Sympathie der deutschen Linken für Israel groß. Dies änderte sich jedoch schlagartig mit dem Sechs-Tage-Krieg. Während die Konservativen hierzulande die Stärke Israels feierten, um sich ihrer Verantwortung für die nationalsozialistische Barbarei zu entledigen, behauptete nun auch die Linke, dass Israel ? bis dahin Symbol für die jüdischen Opfer ? nun zum Täter avanciert sei. Diese Politik kulminierte am 9. November 1969, als die linke Gruppe Schwarze Ratten TW in Berlin mehrere jüdische Mahnmale schändete und in einem jüdischen Gemeindehaus eine Bombe deponierte. Begründung: »Jede Feierstunde in Westberlin und in der BRD unterschlägt, dass die Kristallnacht von 1938 heute tagtäglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt wird. Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.«
Ein weiteres Beispiel für die Konsequenzen aus solch haarsträubenden Annahmen ist die Flugzeugentführung nach Entebbe im Sommer 1976 durch zwei Mitglieder der RZ und zwei Palästinenser. Sie selektierten zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Passagieren, wobei sie letztere innerhalb weniger Tage freiließen. »Die Selektion erfolgte entlang völkischer Linien« und sozialrevolutionäre Maßstäbe wurden gegen »Sippenhaft« eingetauscht, kritisiert eine Gruppe der RZ diese Aktion in dem im Anhang des Buches dokumentierten »Albartus-Text«. Dieses Papier ? dessen Lektüre hiermit ausdrücklich empfohlen sei ? stellt gegen den Antisemitismus der kritisierten Aktion das Existenzrecht Israels. Dieser Staat habe seine Notwendigkeit »als Ort der Zuflucht für die Überlebenden und Davongekommenen, (...) solange eine neuerliche Massenvernichtung als Möglichkeit von niemandem ausgeschlossen werden kann, solange also der Antisemitismus als historisches und soziales Faktum fortlebt« ? Ein Diktum, dessen Gültigkeit zweifellos andauert, auch wenn es in der Linken noch weit davon entfernt ist, theoretisches Allgemeingut zu werden.
Die Teile der Linken jedoch, in denen das Existenzrecht Israels einen hohen Stellenwert besitzt, finden in dem Buch keinerlei Beachtung. Erinnert sei hier beispielsweise an die Antisemitismus-Diskussionen im Rahmen des zweiten Golfkriegs in und um die Zeitschrift konkret. Radikale Linke scheinen hier für die AutorInnen nicht am Werk gewesen zu sein. In Anbetracht der Antisemitismus-Diskussion der letzten zehn Jahre in der radikalen Linken sind die in dem Buch versammelten Erkenntnisse also nur für einen bestimmten Teil der deutschen Linken relevant.
Kyo Gisors

Irit Neidhardt, Willi Bischof (Hg.): Wir sind die Guten. Antisemitismus in der radikalen Linken. Unrast-Verlag, Münster 2000. 200 S., 26,80 DM.