FernWeh
Der Beitrag ist der Jugendbroschüre »FernWeh« entnommen, die gerade vom Projekt FernWeh im iz3w veröffentlicht wurde. In der Broschüre werden Auswirkungen des Tourismus in die Dritte Welt auf Politik, Wirtschaft, Kultur und Ökologie jugendspezifisch behandelt. Weitere Informationen über die Broschüre finden sich im beigehefteten Einleger in der Heftmitte.
Fun forever?
Die Dritte Welt als Spielwiese für »Abenteurer«
von Steffen Schülein
»Noch mit schwerem Kopf (waren es doch gestern mit den netten Mädels wieder ein paar Bier zuviel) quäle ich mich zur Lunch-Bar, hole mir ein paar Sandwichs und steige in den Bus. An der Schlucht angekommen, checke ich kurz meine Ausrüstung. Mein Träger kommt und sagt mir, dass mein Boot unten am Einstieg für mich bereit liegt. Ich beeile mich, um vor den Rafts noch mit meinem Kajak in den Wellen zu surfen. Ich genieße das warme Wasser und tüftle an einem neuen Move. An Rapid N° 5 ?Stairway to heaven? muss ich einige Kunden aus dem Wasser fischen. Ansonsten gibt es keine Probleme und ich genieße Wildwasser pur. Am Ausstieg angekommen, bin ich froh, mein Boot dem Träger zu überlassen. Es ist heiß, der Aufstieg aus der Schlucht anstrengend. Ich beeile mich trotzdem, denn mein Durst ist groß. Ich gehe zum Buffet und schwatze nach dem Essen noch mit einigen anderen Guides, bevor wir abends die Bars unsicher machen.«
So beschreibt Nico Chassing, französischer Safety-Kayaker seinen Tagesablauf am Zambezi. Unterhalb der Victoria Fälle zwischen Zambia und Zimbabwe gelegen, ist der Zambezi das neue Mekka der Kajak- und Schlauchbootfahrer. Perfekt für alle, denen der Grand-Canyon des Colorado zu teuer, die Wartezeiten zu lang und die strengen Vorschriften zu ätzend sind.
Ziele in der Dritten Welt eignen sich perfekt als Spielwiese für freiheitsliebende Traveller. Alles steht quasi zur freien Verfügung. Nico fühlt sich als König in »Afrika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten«. Fun ist angesagt. Rafting steht als touristisches Freizeitvergnügen hoch im Kurs. In Europa geht der Trend zum Betriebsausflug im Schlauchboot, in Ländern der Dritten Welt wird das Geschäft mit den Rucksacktouristen gemacht.
Dabei ist Rafting in der Dritten Welt nicht unbedingt billig. Die gleichen Traveller, die beim Feilschen mit den Einheimischen jeden Pfennig umdrehen, greifen für ein paar Spritzer Zambezi-Flusswasser tief in die Tasche. Die gutbezahlten Guides sind zum großen Teil Europäer, Amerikaner oder Australier, in seltenen Fällen Einheimische mit Fremdsprachenkenntnissen. Die schlechtbezahlten und körperlich anstrengenden Jobs bleiben der lokalen Bevölkerung überlassen.
Durch das große Einkommensgefälle kann sich jeder Rucksacktourist Träger und sonstige Dienstboten leisten. Das Diener-Herr-Verhältnis aus kolonialen Zeiten lebt so, getarnt durch eine moderne Abenteuerkulisse, in neuer Form wieder auf. Dabei lebt die Spaßfraktion unbekümmert und unkritisch gegenüber den gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort in den Tag hinein.
Rafting ist In. Wer in der Dritten Welt eine Rafting-Tour gemacht hat, ist zu Hause der Held. Starkes authentisches Erlebnis, gute Stories und Fun ohne Ende werden den Rafting-AbsolventInnen unbesehen geglaubt. Was hat es damit auf sich? Rafting spielt mit der Gefahr zu ertrinken, mit der Ohnmacht gegenüber der Kraft der Wassermassen. Der Nervenkitzel gibt in Kombination mit der physischen Aktivität die Illusion einer aktiven Gefahrenbewältigung.
Die Aufgabe des Raft-Guides ist es, dieses Erleben auszureizen. Mit Geschichten über die Gefahren des Flusses, über tödliche Unfälle oder Verletzungen wird die Konzentration der Kunden geschärft und die sekundenschnelle Gehorsamkeit gegenüber den Befehlen des Raftguides aktiviert. So wird die Illusion einer unmittelbar drohenden Gefahr erzeut, um den Kunden den Adrenalin-Kick zu besorgen. Der Verkauf von Erlebnissen geht dabei weit über die Flussbefahrung hinaus. Inzwischen wird mit Videos gearbeitet, die, blitzschnell geschnitten, in den Traveller-Bars gezeigt und verkauft werden. Auf riesigen Leinwänden kann sich jeder Rafting-Kunde noch einmal im Kampf mit dem wilden Element bestaunen. Das wirkt!
Der vielgerühmte Kick ist aber nicht die einzige Motivation. Organisierte Funsport-Trips sind eine Gelegenheit, die Verantwortung für das Gelingen des Urlaubs in die Hände der Organisatoren zu geben und sich dem individuellen Entscheidungszwang beim Reisen auf eigene Faust zu entziehen. Der kleine Pauschalurlaub für Individualtouristen: Kein Feilschen, keine Hotels, kein Diebstahl zu befürchten.... Die Befahrung des Flusses weckt als reelle Aufgabe das Gefühl von Nützlichkeit. Ihre Bewältigung gibt ein konkretes Ziel vor. Außerdem kann das vom Überfluss an Reizen abgestumpfte Traveller-Hirn durch das Springen auf ein neues Erlebnis-Niveau wieder angeregt werden.
Rafting und andere Aktivitäten des Abenteuer-Naturtourismus (wie Trekking, Free-Climbing oder Para-Gliding) versprechen den Ausbruch aus dem Reisealltag. Bestärkt wird diese Hoffnung dadurch, dass die Aktivitäten in wenig eroberten Räumen stattfinden, wo die Natur (inklusive der wenigen Bewohner) als ursprünglich gilt. So wertet die Umgebung das Abenteuer zwar auf, wenn eine Schlucht besonders tief, ein Berg besonders abgelegen und schwer zugänglich ist. Das Naturerlebnis ist dennoch zweitrangig. Der Raftingreisende nimmt nur den Ausschnitt wahr, der einer Steigerung des erträumten Kicks dienlich ist. Der Rest wird ausgeblendet ? Müll, Lärmverschmutzung, zertrampelte Ufer spielen keine Rolle. Eine intakte Natur ist für den Adrenalin-Kick keine notwendige Voraussetzung.
Die etwas abseits lebende Bevölkerung profitiert oft überhaupt nicht vom Abenteuer-Tourismus. Im Gegenteil. Am Inka-Trail nach Machu Pichu (Peru) beschweren sich die Dorfbewohner, dass sie »jugo de gringo« (Gringo Saft) trinken müssen, seitdem die Touristen das Wasser durch Waschmittel, Duschgels, Sonnencremes und Fäkalien verunreinigen. Nicht selten toben die Adventure-Fans in Gebieten von hoher kultureller Bedeutung für die lokale Bevölkerung. So bei einer Raftingtour in der Schlucht des Apurimac in der Nähe der Backpacker-Hochburg Cuzco in Peru. Die Einheimischen werden nicht gefragt, was sie davon halten, wenn johlende und kreischende Horden von Rucksacktouristen auf Schlauchbooten durch den für sie heiligen Ort treiben (Apu ist auf Quechua ein gottesähnlicher Berggeist).
Für die Bewohner bleiben verschmutztes Wasser, Müllberge und durch Scheißhaufen verminte Ufer-Camps. Die Idee Rafting sei ökologisch, da die Fahrt auf dem Wasser keine Spuren hinterlasse, ist einfältig. Rafting-Touristen machen Lärm, stören die Tierwelt, verbrauchen Feuerholz. Dass es ökologisch schädlichere Aktivitäten gibt, muss fairerweise eingeräumt werden. Da es sich bei diesen bislang relativ ungestörten Gebieten aber häufig um sehr sensible Ökosysteme handelt, ist eine Schädigung unvermeidlich.
Mit steigender Touristenzahl und wachsendem Komfortbedürfnis können die ökologischen Konsequenzen des Abenteuer-Natur-Tourismus die Lebensbedingungen der Einheimischen stark beeinträchtigen. Der Versuch, die negativen Folgen zu begrenzen, führt zu den strengen Auflagen, die z.B. in den USA existieren. Genau diese Reglementierung will der Rucksack-Tourist auf der Suche nach Freiheit, Ursprünglichkeit und Abgrenzung gerne vermeiden.
Das Gefühl, wenn schon nicht der erste Mensch am Ort zu sein, so doch zumindest zu den Pionieren des Extremen zu gehören, verspricht das ?Anders-Sein? als die vielen anderen Touristen. Die Jagd nach dieser Illusion hetzt unzählige ?Pioniere? in die »abgelegensten« Winkel der Erde. Nur um dann festzustellen, dass alle das gleiche Ziel haben und längst schon da sind oder zumindest dahin unterwegs.
Steffen Schülein, Zivildienstleistender, hat mehrere Monate als Raft-Guide in Peru gearbeitet. |