Film
Zwei Filme ägyptischer Regisseure sind derzeit in deutschen Programmkinos zu sehen. »Der Andere« vom Altmeister des ägyptischen Films, Youssef Chahine, der zuletzt mit »Das Schicksal« großen internationalen Erfolg hatte (s. iz3w Nr. 238), sowie demnächst »El Medina« von Youssri Nasrallah. Neben einer kurzen Besprechung beider Filme dokumentieren wir einen Essay von Edward Said, der sich ? seinen arabischen Nationalismus nicht verbergend ? mit der Rezeption moderner arabischer Kultur im Westen beschäftigt und »El Medina« als ein Beispiel für die Werke einer neuen Generation arabischer Kulturschaffender vorstellt. Überdies sprachen wir mit dem deutschen Verleiher von »Der Andere« und »El Medina« über die Problematik, sich auf dem hiesigen Markt mit Filmen für ein vergleichsweise kleines Publikum zu plazieren.
East goes West
Über arabische Kultur und ihre Rezeption
von Edward W. Said
Seit ungefähr 50 Jahren gibt es in der arabischen Welt eine sehr lebhafte künstlerische Produktion. Neben dem zweifellos großen Romancier Nagib Mahfouz existiert ein weites Spektrum von Künstlern in Literatur, Theater, Tanz, Kino, Bildhauerei, Malerei und Musik. Es erscheint fast willkürlich, Namen zu nennen wie Taha Hussein, Um Kulthoum, Adonis, Youssef Chahine, Tayib Salih, Mahmoud Darwish, Mohamed Abdel-Wahab, Elias Khoury. Ihre Produktionen haben Millionen und Abermillionen Menschen in ihren Bann gezogen.
Dennoch haben die meisten gebildeten Araber das Gefühl, dass dieser große kulturelle Erfolg vom Rest der Welt ? besonders dem Nordatlantik und der angelsächsischen Welt ? nicht angemessen gewürdigt wird. Das gilt sogar für den überragenden Mahfouz, der weniger sorgfältig gelesen wird und über den nachlässiger und mit weniger Sachkenntnis geschrieben wird, als zum Beispiel über Garcia Marquez, Nabokov oder Chinua Achebe. Natürlich werden dabei meist nur englische Übersetzungen benutzt, von denen die meisten ungenau sind. Entscheidend ist jedoch, dass über Mahfouz geschrieben werden kann, ohne Kenntnisse von dessen Stil und dessen Millieu zu haben, weil man davon ausgeht, dass die arabische Kultur so ist und dergleichen nachlässige Behandlung verdient. Dafür gibt es viele Gründe: Zu ihnen zählt die kulturelle und religiöse Feindschaft zwischen dem Westen und den Arabern, die Geschichte des Orientalismus, das Israelproblem, das Fehlen jedweder ernsthaften Kulturpolitik in den arabischen Ländern, der bedauernswerte Zustand der Demokratie in der arabischen Welt und die erstaunliche gegenseitige Ignoranz zwischen den Kulturen.
Die Konsequenz daraus ist, dass arabische Literatur und Kultur wenig verstanden und gewürdigt wird. Angesichts der bedeutenden Werke, die wir als modernes Volk geschaffen haben, ist das nicht hinnehmbar. Und während es sehr gute Französische Übersetzungen von Derwisch oder Adonis gibt und eine ansehnliche Zahl von Romanen, die auch auf Spanisch und Deutsch verfügbar sind, gibt es von beiden keine einigermaßen vollständige und akzeptable englische Übersetzung. Andere bedeutende Schriftsteller sind beinahe unbekannt und die Filme von Youssef Chahine werden in den Kinos von London oder New York gewöhnlich nicht gezeigt. Stattdessen werden Araber entweder als Problem wahrgenommen oder auf Kandidaten für einen zweifelhaften »Friedensprozess« reduziert.
Ich will hier aber auch etwas sehr viel Positiveres sagen: Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es dank einer neuen, wenn auch nicht sehr zahlreichen Generation von Künstlern, die mittlerweile über 40 sind, arabische Namen auf der internationalen Bühne. Was sie tun, tun sie als Künstler ? genau wie ihre Kollegen im Westen und anderswo auf der Welt. Sie tun es mit der gleichen selbstkritischen Sicherheit und mit dem gleichen Stolz auf ihren Erfolg, denn ihre Arbeit wird als solche wahrgenommen und nicht als exotisches Produkt einer östlichen Gesellschaft, das sich aus dieser heraus erklären würde. Figuren wie Zaha Hadid, Mona Hatoum, Ahdaf Soueif ? alles Frauen ? werden als Architektinnen, Künstlerinnen, Schriftstellerinnen ohne irgendeine Zuordnung als international erstklassig anerkannt. Was die übersetzten Schriftsteller betrifft, haben Tayib Salih, Elias Khoury, Kanafani, Hanan El-Shaykh und Nawal El-Saadawi einen vergleichbaren, aber als Künstler, die in der arabischen Welt leben, doch etwas anderen Status. Ob das daran liegt, dass die drei oben genannten im Westen leben und dessen künstlerische Idiome und Sprachen benutzen, oder schlicht daran, dass sie auf einer neuen Ebene tätig sind, ist schwer zu entscheiden. Tatsache ist, dass sie prominente Mitglieder einer künstlerischen kulturellen Gemeinschaft sind, zu der die vorherige Generation der Araber keinen Zugang gehabt hat.
Dieser Generation gehört auch der ägyptische Regisseur Yousri Nasrallah an, der seinen ersten Wohnsitz noch in der arabischen Welt hat. Dennoch hat er in jüngster Zeit einen bedeutenden Status im angelsächsischen Westen erreicht. Sein neuer Film El Medina wurde vor kurzem im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt und wird in den USA von einem großen Verleih vertrieben. Diese Indikatoren des Erfolgs sind natürlich viel weniger wichtig als der Film selbst, der von den notorisch unzufriedenen New Yorker Medien enthusiastisch gefeiert wurde. Zum einen macht El Medina keine Konzessionen an den Exotismus. Es ist kein Film, der Lokalkolorit bietet, und es ist keiner über spezielle arabisch-ägyptische Nöte. Er kann auch nicht mittels sozio-ökonomischer oder ethnographischer Begrifflichkeiten unter Bezugnahme auf Globalisierung und Dritte Welt erklärt werden. All diese Elemente sind in der Geschichte eines jungen ägyptischen Mannes aus der unteren Mittelschicht, der Schauspieler werden will, durchaus vorhanden ? die Sprache, die Bilder und die Erzählweise des Films sind eindeutig ägyptisch ? aber sein ästhetisches Niveau verfolgt einen erheblich weiterreichenden Anspruch. Der Reiz des Films liegt im Filmischen selbst. Um ihn zu verstehen, sind keine kulturellen Erörterungen notwendig, die ihn in gewisser Weise entschuldigen oder mit einem speziellen Code erklären würden.
Nasrallahs Held Ali wird von dem jungen Bassem Samra hervorragend gespielt. Er wohnt im Kairoer Stadtteil Rod al Farag, arbeitet in einer staatlichen Metzgerei und will Kairo in Richtung Paris verlassen, wo er von einer Karriere als Schauspieler träumt. Damit macht Nasrallah Anleihen bei Chahines Filmen über Alexandria ? aber seine Geschichte ist gnadenlos unsentimental. Es geht ihm um das Leben in der Stadt, die niemand verlassen kann, sondern überallhin mit sich trägt. Es geht auch um Beziehungen zwischen jungen Leuten, die einschränkend und bereichernd zugleich sind. Der ganze Mittelteil des Films zeigt Ali in Paris nicht als Schauspieler, sondern als Boxer, der manipulierte Kämpfe austrägt. Er wird Teil einer Gruppe illegaler arabischer ? vorwiegend palästinensischer ? ImmigrantInnen in Paris und teilt die Erbärmlichkeit ihres Lebens und ihre ruhelose Existenz, ständig auf der Suche nach Arbeit und legalen Aufenthaltspapieren. Nach einem Unfall, bei dem Ali vermutlich ? der Film bleibt hier in brillanter Weise zweideutig ? sein Gedächtnis verloren hat, lebt er auf der Straße, sein Manager stiehlt ihm Pass und Flugticket, und er geht eine unvollkommene Beziehung ein, die abrupt endet.
Die Kraft des Films liegt zum Teil darin, dass seine Reflexionen über Identität ? Schauspielerei, Authentizität, Geschlechterrollen und Sexualität ? komplex, aber niemals irreführend oder unehrlich, niemals prüde oder ausweichend sind. Es ist ein Film über Beziehungen zwischen Männern ? teils homoerotisch, teils nicht. Und all diese Dimensionen sind mit großer Kunstfertigkeit mit der Frage verwoben, wo in einer globalisierten und unsicheren Welt man sich befindet, wo man sein könnte und wie. Die Metapher der Schauspielerei trägt von alledem die Last, so dass Nasrallah den nach Kairo zurückgekehrten Ali in einer letzten Szene zeigt, die sich schließlich wie bei Trauffauts Schluss von »Die Amerikanische Nacht« als eine Filmszene im Film entpuppt.
Dabei vermeidet El Medina durchaus nicht schwierige und komplexe politische Fragen. Diese sind aber eher als Teil seiner ästhetischen Struktur integriert. Mit Sorgfalt geht Nasrallah mit den Nebenaspekten von Alis Geschichte um: die wechselhafte Liebesaffäre mit einer Nachbarstochter, die vielschichtigen Beziehungen mit seiner Clique oder die Anspielungen auf Aspekte des zeitgenössischen arabischen Lebens, von der Arbeit in den Golfstaaten zur Mühsal unter Arafats Regierung. Der Film ist trotz seiner Länge straff, mit klarer Regie und ohne überflüssig beigemischte Rührszenen oder Lokalkolorit.
Nach der Vorführung im Museum of Modern Art teilte Nasrallah mit, dass der Film bisher nur einmal auf dem Filmfestival in Alexandria gezeigt wurde und es nicht vorgesehen sei, ihn in kommerziellen Kinos in Ägypten zu zeigen. Dies ist bedauerlich und allein auf das Fehlen jeglicher Regierungspolitik zurückzuführen, die ägyptische Filme vor der Raublust amerikanischer Verleihfirmen und der Gier städtischer Kinobesitzer schützen könnte, die nur importierte Blockbuster-Filme für den Massenmarkt zeigen wollen. Damit kommen wir zurück auf das Feld der Kulturpolitik, zur Ausbreitung von Kultur als Mittel zur Verfolgung politischer Ziele ? eine Technik die unsere Gegner im Westen perfektioniert haben. Wir haben nie den Wert begriffen, der uns als Volk und unserer Kultur gegeben ist. Stattdessen haben wir als Hinterlassenschaft des Kolonialismus standhaft unser Vertrauen in den weißen Herren oder in Mittelsmänner gesetzt. Deswegen finden Filme wie der von Nasrallah ihr Publikum außerhalb der Arabischen Welt und werden dort eher berühmt als Zuhause, wo Zynismus und selbstgerechte Angeberei an der Tagesordnung sind. Dass Werke wie El Medina oder die von Hatoum, Hadid und Soueif die Bedeutung erlangen, die sie heute haben, zeigt nur, wie sie sich befreit und schließlich die entwürdigenden Hindernisse hinter sich gelassen haben, die ihnen Zuhause in den Weg gelegt werden.
Edward W. Said stammt aus Jerusalem, lebte seit 1948 in Kairo, dann in den USA. Er ist Professor an der Columbia Universität in New York. Bekannt wurde Said als Kulturkritiker (Kultur und Imperialismus, s. iz3w 206) und als eine der Gründungsgestalten der Postcolonial Studies (iz3w 223/224). Berühmt wurde er 1978 mit dem Buch »Orientalismus« ? einer Abrechnung mit westlichen Wahrnehmungen von »orientalischen« Gesellschaften. Der redaktionell gekürzte Text erschien zuerst in der Kairoer Wochenzeitschrift Al Ahram Weekly vom 4.5.2000. (Übersetzung aus dem Englischen: Christian Neven) |