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(Artikel * 2000) Wachter, Kurt
Globalisierte Apartheid Rassismus und neokoloniale Strukturen im Fußball Rassismus und neokoloniale Strukturen im Fußball
in Blätter des iz3w Nr. 247 * Seite 36 - 38
Themen: Rassismus * Dok-Nr: 131347
Fußball

Globalisierte Apartheid
Rassismus und neokoloniale Strukturen im Fußball

von Kurt Wachter

Rassismus äußert sich auch im Fußball mal in seiner offen ausgrenzenden, mal in seiner integrierend multikulturellen Form. Galten afrikanische Sportler Anfang des Jahrhunderts in Europa noch als bereichernde »schwarze Perlen«, wurden sie Ende der 50er Jahre vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Im globalisierten Fußballmarkt haben sich heute subtilere Formen der Diskriminierung durchgesetzt ? ein Rassismus durch Betrug und Plünderei.

Als Franz Beckenbauer im Januar, kurz vor Ankick des Afrika Cups 2000, eilig in die ghanaische Hauptstadt Accra reiste, wurde er nicht müde, die enorme Spielstärke der afrikanischen Kicker in Europa zu loben. Er ist sich dabei mit dem Bewunderer schwarzer Ballbeherrschung und ehemaligen deutschen Nationaltrainer Erich Ribbeck einig, der jüngst in einem Interview in DIE ZEIT äußerte, dass »Schwarze« den deutschen Fußballern natürlich überlegen seien: »Es ist wie beim Tanzen: Ein Farbiger hat einfach ganz andere Bewegungen drauf, das ist nicht nur eine Frage des Trainings. Man muss schon farbenblind sein, um die Realität nicht zu sehen.« Ribbeck vergaß nicht, die »Willenskraft« und die »Behauptungsfähigkeit« des deutschen Nationalteams dem farbigen Ballzauber entgegenzusetzen.
Vom Afrika-Cup sah Beckenbauer allerdings kein einziges Spiel, seine Mission bestand darin, beim Kongress des afrikanischen Kontinentalverbands CAF eine Weltmeisterschaft (WM) 2006 im vereinten Deutschland anzupreisen. Beckenbauer versprach eine »von A bis Z perfekt organisierte Veranstaltung« und spielte damit auf ein drohendes Sicherheitschaos in (Süd-)Afrika an. Ein halbes Jahr später in Zürich, unmittelbar nach dem dubiosen Zuspruch der WM 2006 an Deutschland, frohlockt Beckenbauer erneut mit perfekter Organisation. Dies sei schließlich eine Tugend, für die die Deutschen in aller Welt berühmt wären.
In Accra präsentierte sich Beckenbauer als ein Freund des afrikanischen Fußballs und schlug daher vor, die Afrikaner mögen doch eine WM 2006 in Deutschland unterstützen, Deutschland werde Afrika für 2010 helfend unter die Arme greifen. Der südafrikanische WM-Bewerbungschef und frühere ANC-Parlamentarier Danny Jordaan lehnte das wohlwollende Angebot ab: »Wir haben den Kolonialismus satt, und wir haben den Paternalismus der Europäer satt. Wir wollen die WM nicht aus Wohltätigkeit, sondern weil wir etwas vom Fußballbusiness und vom Fußball verstehen.«
Die 100jährige Fußballhegemonie des Mutterkontinents Europa gegenüber Afrika war vor der Abstimmung kurzfristig ins Wanken geraten. Doch das Argument des Universalismus des Fußballs hat bekanntlich das Exekutivkomitee des Weltfußballverbands (FIFA) nicht überzeugt. Und auch das wirtschaftliche Argument der Erschließung neuer Fußballmärkte, welches noch bei der Vergabe der WM 1994 und 2002 an die fußballerischen Entwicklungsländer USA bzw. Japan und Südkorea Gültigkeit besaß, hat nicht gefruchtet. Die nötige »Reife« wurde den Afrikanern nicht zugestanden.
In Soweto, aber auch anderswo, wurde die FIFA-Entscheidung der 24 alten Männer in Zürich durchweg mit dem herrschenden Rassismus erklärt. Und in der Tat sind die engen Fußballbeziehungen zwischen Europa und Afrika von Beginn an durch rassistische Ideologien und Bilder geprägt gewesen ? mit einer nach wie vor ungleichen Machtverteilung.

Kolonialkicker im Mutterland
Ziemlich genau 100 Jahre bevor die Migration fußballerischer Arbeitskraft in die europäischen Ligen verstärkt einsetzte, machte ein Ghanaer den Anfang: Arthur Wharton erhielt 1886 als Torwart einen Vertrag beim nordenglischen Fußballklub Preston North End, für viele damals das beste Team auf der Insel, und war damit der erste afrikanische Profifußballer überhaupt.
Arthur Wharton entstammte einer einflußreichen Methodistenfamilie aus Cape Coast und sollte sich in London eigentlich zum Missionar ausbilden lassen, doch er entschied sich für eine working class Sportkarriere. »Othello«, wie er von der lokalen Presse genannt wurde, sorgte nicht nur auf dem Fußballfeld für Furore, sondern spielte auch professionelles Cricket und gewann den nationalen Sprinttitel über die 100 Yard Distanz in einer Zeit von 10 Sekunden. Dieser Rekord wurde erst 37 Jahre später übertroffen. Wharton war der schwarze Sportstar des späten viktorianischen Englands. Trotzdem starb er als verarmter Kohlearbeiter und wurde ungeachtet seiner Erfolge in der britischen Sporthistorie vollkommen vergessen. Erst 1997 erhielt das Grab von Arthur Wharton auf Initiative des Projekts ?Football Unites, Racism Divides? einen Grabstein.
Der Historiker Phil Vasili sucht in seinem Buch »The First Black Footballer. Arthur Wharton 1865-1930« nach Ursachen für diese Geschichtsamnesie (vgl. iz3w 219). Er zeigt, dass einerseits der superiore Rassismus unvereinbar mit der Anerkennung der Erfolge eines farbigen »colonials« war, andererseits war die soziale Klasse ein ebenso gewichtiger Grund: So wurde der aus Indien stammende Cricket-Star Ranjitsinhji, ein Zeitgenosse Whartons, zwar ebenfalls als »coloured« kategorisiert, aber aufgrund seines Upper Class-Umfelds in den Pantheon des Cricketsports aufgenommen. Zudem wurde Ranjitsinhji gemäß der damaligen rassistischen Kategorisierungen als weniger barbarisch und kulturell höher stehend als der Afrikaner Wharton eingestuft.
Die Entwicklung des modernen Fußballs auf dem afrikanischen Kontinent fällt zusammen mit der expansiven Phase des europäischen Imperialismus, welche mit dem »Scramble for Africa« anläßlich der Berliner Afrika Konferenz von 1884/85 seinen ersten Höhepunkt erfährt. In Ägypten bringt die britische Okkupation von 1882 den Ball ins Rollen, auch in Südafrika sind es die britischen Kolonisten, die den ersten Verein ? Pietermaritzburg Country ? ins Leben riefen. An der Goldküste, dem heutigen Ghana, kam es 1903 zur Gründung von Excelsior, dem ersten Fußballklub in Westafrika. Die elitären Studenten der Government School in der Hafenstadt Cape Coast lasen Spielberichte in alten Zeitungen und bekamen von Matrosen Fußbälle zur Verfügung gestellt.
Das »Mutterland« des Fußballs war zu jener Zeit die globale Supermacht. Fußball diente als weiterer Beweis für die physische und vor allem kulturelle Superiorität. Der auf den Schriften von Gobineau und Robert Fox errichtete »wissenschaftliche« Rassismus lieferte die ideologische Unterfütterung der imperialen Besitznahme. Die Weltbevölkerung wurde in verschiedene »Rassen« unterteilt, die sich in Puncto intellektueller und kultureller Reife unterschieden. Die weiße »Rasse« stand selbstredend an der Spitze der menschlichen Entwicklung. »Schwarze Rassen« konnten sich zwar weiterentwickeln, aber aufgrund ihrer natürlichen Inferiorität nie den europäischen Zivilisationsstand erreichen. Und die britischen Imperialisten sahen ihre moralische Bestimmung darin, als Beschützter ihrer schwarzen, kindähnlichen Subjekte zu agieren.

Kondition für den Geist
Über Erziehung und Sport sollten die kolonialen Subjekte wenigstens im Rahmen ihrer Möglichkeiten »zivilisiert« werden. Fußball sollte nicht nur den Körper formen, sondern vor allem den Geist konditionieren. Zentrale Elemente des Spiels, wie die Verinnerlichung der kollektiven Unterordnung unter eine Autorität, das Spielen nach festgefügten Regeln und die Entwicklung von Teamgeist, entsprachen tiefverwurzelten viktorianischen kulturellen Werten. Diese angelsächsischen Ideologeme glaubte man besser durch praktizierenden Sport als über Lehrbücher zu verankern. Die Teilnahme am Wettkampfsport Fußball sollte überdies ein pan-imperiales kulturelles Bindeglied zwischen den verschiedenen Klassen und »Rassen« herstellen. Über die so erreichte Konstruktion einer gemeinsamen Identität, eines esprit de corps der Kolonisierten mit den Kolonisatoren, ließ sich die ökonomische und politische Ausbeutung noch besser bewerkstelligen. Dieser imperiale Sportsgeist konnte zudem vom Fußballfeld auf das Schlachtfeld oder in die Arbeitsstätten übertragen werden. Es ging nicht so sehr darum, dass gespielt wurde, sondern wie. Der Wert des Spiels lag für die britischen Kolonialherren also im kulturellen Symbolwert des Ereignisses selbst. Noch heute existiert in den ehemaligen britischen Kolonien keine Schule ohne Fußballplatz. Ein Erbe des kolonialen Kulurimperialismus ist auch, dass Fußball heute in allen 52 afrikanischen Ländern Sportart Nummer eins ist.
Unter dem Einfluss des »wissenschaftlichen« Rassismus entstand zudem der Mythos, wonach Schwarze ? aufgrund ihrer Nähe zum animalischen Ursprung ? durchaus sportlich talentiert wären, aber zu unbeständig seien und ohne die taktische Voraussicht und Überlegenheit der Weißen nicht erfolgreich sein könnten. Mit dem Vorurteil, dass »Schwarze« keine guten Verteidiger und generell verletzungsanfälliger als »Weiße« seien, hatten schwarze Fußballer in England noch bis in die 1980er Jahre massiv zu kämpfen.
Das elitäre und anglo-sächsisch kodierte Spiel wurde allmählich »afrikanisiert« und entwickelte sich ? wie im Europa der 1920er Jahre ? zum Spektakel urbaner Unterschichten. Und auch die Aneignung und Redefinierung der Wertigkeiten des ursprünglich englischen Spiels durch die Afrikaner ließ nicht lange auf sich warten. So war die Phase bis nach dem 2. Weltkrieg davon geprägt, die Kontrolle der Europäer auch in der Organisation von Fußball abzuschütteln. In einigen Fällen bekam diese Auseinandersetzung explizit anti-kolonialen Charakter: Nachdem sich 1936 im französischen Kongo-Brazzaville der Afrikaner Makossa ein Bein gebrochen hatte und daran verstarb, verordnete die koloniale Sportadministration, dass Einheimische in Zukunft nur mehr barfuß spielen dürften. Die Begründung dafür: Schuhe würden afrikanische Spieler dazu ermutigen, ihr Können mit Brutalität zu ersetzen. In der Folge verweigerten afrikanische Fußballer die Teilnahme an Wettbewerben der französischen Sportadministration, was zu deren Auflösung zwei Jahre später führte.

Exklusive »schwarze Perlen«
Die Interdependenzen zwischen Europa und dem afrikanischen Fußball begannen sich während der zwanziger Jahre zu verdichten. Europa importierte Arbeitskräfte aus den Kolonialgebieten, unter ihnen eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Fußballern, die sich großteils französische Clubs aus den lokalen Ligen in Afrika aussuchten. Olympique Marseille (OM) nahm dabei eine Vorreiterrolle ein. Die Afrikaner versprachen eine publikumswirksame technische Note ins Spiel zu bringen. Zwei, dreimal pro Jahr fand eine wahrhafte »Expedition« statt. Aus den maghrebinischen Städten Bel Abbès, Casablanca oder auch Oran kamen die Vorväter der heutigen Talentescouts nie mit leeren Händen zurück.
1938 kam der großartige Techniker Larbi Ben Barek aus dem kolonial besetzten Casablanca nach Marseille. Seine Vertragsunterzeichung wurde im Rahmen eines großen Festes zelebriert. Anerkennend, aber deswegen nicht weniger rassifizierend, bekam der spektakulär auf dem Feld agierende Spieler die Bezeichnung »schwarze Perle« verliehen. Ben Barek, der sieben Jahre in der Mannschaft von OM spielte, war nicht nur die Attraktion der Stadt, sondern er war auch der Star der französischen Nationalmannschaft bei der WM 1938 in Frankreich und wurde zu einem über die Landesgrenzen hinaus berühmten internationalen Star.
Doch mit den Unabhängigkeitsbestrebungen änderten sich die Verhältnisse für afrikanische Profis in Europa grundlegend. Die offene Konfrontation der nach Unabhängigkeit strebenden Staaten Afrikas mit den europäischen Kolonialmächten wurde auch im Fußball nachhaltig spürbar. Im Jahr 1958 wurden im französischen Fußball die Kategorien »richtiger Nationalspieler« und »Ausländer« eingeführt. Aus den »schwarzen Perlen« des französischen Teams wurden fremde Konkurrenten, die es zu besiegen galt. Hintergrund dieser Entwicklung waren die an Stärke gewinnenden dekolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika, besonders der französisch-algerische Krieg.
Eine direkte Folge der Dekolonisierung war das Zustandekommen eines algerischen Nationalteams. Kurz vor der WM 1958 in Schweden wurden die Spieler Rachid Mekhloufi von AS St. Etienne und Mustapha Zitouni von OGC Nizza in das französische Team einberufen. Aus Protest gegen den französisch-algerischen Krieg verweigerten sie jedoch die Einberufung und formten ihrerseits eine algerische Auswahl. Durchaus im Sinne befreiungsnationalistischer Ambitionen verließen in der Folge alle prominenten algerischen Spieler ihre europäischen Klubs, um für diese legendäre algerische Auswahl zu spielen.

Exklusion der »Ausländer«
Die Reaktion der Vereine blieb nicht lange aus, und bis zum Jahr 1962 führten alle europäischen Klubs Beschränkungen ein oder verzichteten gänzlich auf afrikanische Spieler. Offener Rassismus im Fußball ist spätestens ab diesen Jahren ein stetiger Begleiter der zunächst nur noch wenigen afrikanischen Spieler in Europa. Damit sind seit der Dekolonisierung die rassistischen Verhältnisse im europäischen Fußball gegenüber Afrikanern durch Ausgrenzung sowohl im Weltfußball als auch auf Klubebene, vertragliche Diskriminierung, Exotisierung und Gewalttätigkeiten in und außerhalb der Stadien gekennzeichnet.
Die Diskriminierung individueller Spieler fand auf globaler Ebene eine Entsprechung. Der erste Auftritt eines afrikanischen Teams bei einer Weltmeisterschaft fällt in das Jahr 1970, sieht man von der Teilnahme des britisch dominierten Ägyptens 1934 ab. Die FIFA brauchte also 40 Jahre, um Afrika einen einzigen Startplatz zu gewähren. Bei der WM 1974 amüsierte der sportliche Kurzauftritt der Zairer in Deutschland (O:9 gegen Jugoslawien und weitere Niederlagen gegen Schottland und Brasilien) die Journalisten. In der deutschen Presse sah man seine kruden Rassentheorien bestätigt: Afrikaner wären zwar fähig, lange Distanzen zu laufen, nur hätten sie nicht die leiseste Ahnung von Teamsport, und ihr Verständnis für Taktik und Disziplin würde dem von Wilden gleichen. Noch 1990 durfte ein deutscher Fernsehreporter dem Team von Kamerun »Nur Mut, ihr schwarzen Freunde« zurufen. Der paternalistische Exotismus war aber zu dieser Zeit aufgrund der starken internationalen Performance des afrikanischen Fußballs bereits im Abflauen begriffen.
Die offenen Rassismusformen, also Ausgrenzung, Diskriminierung und rassistische Übergriffe im Stadion, sind mit dem afrikanischen Fußballboom und der verstärkten Einbindung Afrikas in einen globalisierten Fußballmarkt ab den 80er Jahren nicht wirklich verschwunden. Vielmehr bildeten sich neue, subtilere Formen der Diskriminierung heraus. Nicht mehr so sehr die offen rassistischen Übergriffe sind das Hauptproblem, sondern der »Rassismus durch Betrug und Plünderei« (Hédi Hamel im Pariser Magazin »Football Afrique«).
Heute ist Fußball in Europa ein großes Geschäft, und die Nachfrage nach erschwinglichem Humankapital steigt. Für die lokalen afrikanischen Klubs ist der Transfer ihrer jungen Talente oft die einzige Einnahmequelle. Hintergrund dieser Entwicklung sind die Erfolge der Nachwuchteams aus Nigeria und Ghana bei der seit 1985 stattfindenden Unter-17-WM. Die Auswüchse des Football Drains aus Afrika erinnern an eine modernisierte Form der präindustriellen Sklaverei. 15jährige Westafrikaner sind bereits ab 1000 Dollar zu haben. Die Verträge sichern den Agenten nicht selten 50 Prozent des zukünftigen Spielerlohns. Die meisten der Spieler enden aber nach wenigen Monaten als ?normale? Illegalisierte. In Belgien hat die Menschenrechtsorganisation »Sport en Vrijheid« allein in Flandern hunderte solcher Fälle dokumentiert. Der italienische Verband schätzt die Zahl der Unter-16jährigen Fußballer aus Nicht-EU-Ländern in den italienischen Amateurligen auf 5000, die Hälfte davon aus Westafrika und Marokko. 90 Prozent dieser Fußballmigranten-Kids bekommen keinen Vertrag und müssen sich schließlich als Tomatenpflücker oder Fensterputzer ohne Arbeitserlaubnis verdingen. Die von der FIFA 1994 eingeführte Lizensierung von Spielervermittlern hat wenig an der Situation geändert, im Gegenteil: Junge Spieler, die oft notgedrungen die Dienste von nicht lizensierten Agenten in Anspruch nehmen, sind von einer einjährigen Sperre bzw. von einer 50.000 Franken Buße bedroht.

Multikulturalität als globalisierte Apartheid
Spätestens im globalisierten Fußballmarkt der 1990er Jahre bekommen afrikanische Teams und die »Legionäre« in den europäischen Ligen verstärkt die Rolle als Produzenten von multikulturellem Mehrwert zugewiesen. Afrikanischer Fußball ist mittlerweile kompatibel geworden mit postfordistischen Werten und bedient im saturierten Fußballbusiness die Sehnsucht nach Authentizität, Excitement und neuerdings auch Erfolg.
Zuletzt bei der WM in Frankreich wurde ein universalistischer Gestus von FIFA, Medien und Sponsoren massiv zur Schau gestellt. Afrikanischer Fußball wird dabei in einer postkolonialen und postrassistischen Variante als farbenfrohe Bereicherung eines von Vereinheitlichung bedrohten Metropolenfußballs präsentiert. Das Fortbestehen von kolonialen und kapitalistischen Machtverhältnissen in den Fußballbeziehungen zwischen Europa und den Ex-Kolonien wird im multikulturalistischen Pseudo-Universalismus aufgelöst.
Die Propaganda einer farbenblinden Fußballweltfamilie mit Afrika als neuem gleichberechtigtem Partner ist mit dem Beschiss an Südafrika bei der WM-Vergabe einmal mehr bloßgestellt worden. Südafrikas Präsident Thabo Mbeki nannte die Wahl der FIFA über die Vergabe der WM eine »Globalisierung von Apartheid«. Er stellt die zentrale Frage, wann Europa endlich akzeptiere, in Afrika nicht ein irrelevantes Anhängsel zu sehen, dessen zunehmende Marginalisierung man einfach in Kauf nimmt. Die (süd)afrikanische Bewerbung führte immer wieder den Beitrag ihrer Starkicker zum Aufbau der prosperierenden Fußballökonomie in Europa an und erklärte, dass endlich die Zeit gekommen sei, Afrika in diese globalisierte Ökonomie zu integrieren. Und zwar nicht nur als Lieferant von fußballerischem Rohstoff und multikulturellen Farbtupfer für die europäischen Ligen, sondern als gleichgestellten Teilhaber.

Kurt Wachter arbeitet am Wiener Institut für Entwicklungsfragen und Zusammenarbeit (VIDC) als Koordinator des EU-Sportprojekts »FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel.«