Volltext

(Artikel * 2000) Bearth, Thomas
Palaver kommt vor Entwicklung Lokale Sprachen und Entwicklungspolitik in Afrika Sprachen und Entwicklunspolitik in Afrika
in Blätter des iz3w Nr. 247 * Seite 34 - 35
Themen: Entwicklungspolitik; Afrika; Sprachen * Dok-Nr: 131346
Herrschaft durch Sprache

Palaver kommt vor Entwicklung
Lokale Sprachen und Entwicklungspolitik in Afrika

von Thomas Bearth

Weniger noch als in Zeiten kolonialer Verwaltung wird im gängigen Entwicklungsdiskurs die Existenz der Vielzahl regionaler Sprachen in Afrika wahrgenommen. Ein Konzept aber, das auf die Partizipation der örtlichen Bevölkerung setzt, kann es sich nicht leisten an der sprachlichen Realität vorbeizugehen. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass diese Sprachen zum bloßen Transfer bereits vorgegebener entwicklungspolitischer Ziele instrumentalisiert werden.

Ich beginne meine Überlegungen mit einem afrikanischen bzw. einem dem Toura im Westen der Elfenbeinküste entlehnten Sprichwort: Um eine neue Matte zu flechten, setzt man sich auf eine alte. Mein Mentor, der Dorfchef von Kpata, dem ich dieses Sprichwort verdanke, erzählte mir, wie er vor jetzt 102 Jahren als kleiner Junge durch den Spalt der verriegelten Hütte heimlich die Ankunft des ersten Weissen miterlebte. Da die Europäer Geister seien und der Umgang mit Geistern den Männern vorbehalten war, wurden Frauen und Kinder, genau wie beim Durchzug der großen Maske, deren Anblick Frauen bei Todesstrafe verboten war, in ihre Hütten eingeschlossen. Der Umgang mit dem Phänomen des Weißen konnte indessen durchaus auch sehr viel pragmatischer sein, etwa nur einen knappen Tagesfussmarsch von Kpata entfernt auf der anderen Seite der Berge, wo der örtliche »gwiline« ? Vater des Krieges ? zunächst unsicher war, wie er das mit einer Truppe Soldaten heranrückende bleiche Wesen einordnen sollte ? als Geistwesen oder als Mensch. Dann aber, so die örtliche Kriegsberichterstattung, gab er seinem Bogenschützen und dem im Wechsel mit diesem operierenden Hinterladerschützen den Auftrag, dem ontologischen Status des unbekannten Wesens auf denkbar empirische Weise auf den Grund zu gehen ? mit durchschlagendem und vorübergehend auch militärischem Erfolg.
Mit diesem Beispiel möchte ich eingangs zu bedenken geben, dass Afrika auf eine lange Erfahrung mit globalen Herausforderungen zurückblickt (als solche muss man das kolonial-imperialistische Unternehmen aus damaliger Perspektive wohl bezeichnen) und auf diese mit von Fall zu Fall unterschiedlichen und keineswegs immer voraussagbaren Strategien reagiert hat. Das Palaver nimmt dabei viel Raum ein, es ging der Wahl der Strategie im Umgang mit der damaligen Herausforderung voraus ? ein örtlich geführter Entscheidungsprozess, den man als gerontokratisch-demokratisch bezeichnen kann. Dass der institutionelle Rahmen der eines reinen Männerparlamentes war, sollte uns bei einem kurzen Blick in den eigenen historischen Rückspiegel wohl nicht allzu sehr irritieren.
Afrika als »der« Krisenkontinent ist ein Dauerbrenner. Wie und nach welchen Gesetzen aber die afrikanischen Gesellschaften auf Krisen reagieren, scheint nicht zu interessieren. Nur in den seltensten Fällen wird ernsthaft versucht, das innerafrikanische Krisenmanagement als Resultat eines vielschichtigen, im Rahmen des jeweiligen sprachlich-sozialen Kontextes unterschiedlich geführten, aber in jedem Fall rational auf Kohärenz und meist auch auf Konsens zielenden Kommunikations- und Aushandlungsprozesses zu verstehen. Die plakative Indifferenz und gepflegte Ignoranz äußert sich ? und findet zugleich ihre tiefste Rechtfertigung ? in der Marginalisierung und Folklorisierung afrikanischer Sprachen, obwohl diese die institutionalisierte Form des lokalen Diskurses darstellen und Instrumente der öffentlichen Meinungsbildung sowie der Aushandlung der kollektiven Mitbestimmung sind.

Importierte Ignoranz
Dieser auch in afrikanischen Führungsschichten verbreitete Linguizismus (Diskriminierung aufgrund der Sprache) ist die unreflektierte Spätfolge einer erklärten Strategie der sprachlichen Entmündigung Afrikas. Die Vielzahl der Sprachen und ihr Status von nur gesprochenen »Dialekten« dienten hierbei als billiger Vorwand und pseudo-ökonomische Rechtfertigung. Mehr noch als das koloniale Schulsystem trug die frühpostkoloniale Entwicklungsideologie ? Sein wie die Weißen ? entscheidend dazu bei, die Geringschätzung der afrikanischen Sprachen als Symbol der eigenen Rückständigkeit nicht nur im Afrikabild des Nordens, sondern auch im Bewusstsein vieler Afrikaner so tief zu verankern, dass nun umgekehrt Bestrebungen, die auf eine Rehabilitation afrikanischer Sprachen zielen, reflexartig als neokolonialer Köder und als Linguizismus unter umgekehrtem Vorzeichen wahrgenommen werden. Dabei wird auch von sonst hellen Köpfen die flagrante Verwechslung von Ursache und Wirkung gelehrig in Kauf genommen.
Diese Tradition findet ihre ungebrochene Fortsetzung im gängigen Entwicklungsdiskurs jeglicher Observanz. Dem als Faktum vorausgesetzten Entwicklungsrückstand und dem daraus folgenden angeblich besonders dringlichen Handlungsbedarf des Südens entspricht der ebenso wenig hinterfragte Wissensvorsprung des Nordens, dessen Vermittlung an die lokalen Akteure zum zentralen Problem der Entwicklungszusammenarbeit und der damit verbundenen Forschungskooperation geworden ist.
Ein mit globalen Kategorien operierender Entwicklungsdiskurs hat es, ob er nun klassisch-direktiv oder innovativ-partizipativ argumentiert, noch weniger nötig, sich um Details wie Sprachenvielfalt oder gar Lokalsprachen zu kümmern, als die koloniale und postkoloniale Verwaltung. Kommunikation erscheint da allenfalls als technologisches oder als organisatorisches Problem. Die komplexe sprachliche Realität Afrikas wird nicht einmal mehr, wie es noch in Reiseberichten aus der frühen Kolonialzeit der Fall war, als lästiges Kommunikationshindernis wahrgenommen. Die Existenz der aktenkundig rund zweitausend einheimischen Sprachen (nicht Dialekte!) wird insgesamt schlicht und einfach ignoriert. Ignoriert wird die Tatsache, dass die meisten dieser Sprachen in ungebrochener Vitalität mit den importierten Weltsprachen und deren afrikanisierten Derivaten auf dem Markt der kommunikativen Alltagsbedürfnisse konkurrieren. Ignoriert wird auch, dass die afrikanischen Sprachen für die große Bevölkerungsmehrheit das einzige oder zumindest das bevorzugte Medium der Rezeption innovativer Konzepte, der Aushandlung geltender Maßstäbe für individuelles und kollektives Handeln und der konkreten Entscheidungsfindung sind.
Die Antithese wäre, lokale Sprachen nicht mehr als Entwicklungshindernis, sondern als Grundlage von Entwicklung zu sehen. Setzt man dieses Konzept in das dominante Selbstverständnis der Nord-Süd-Kooperation seit dem Gipfel von Rio ein, das die Wechselwirkung zwischen Mikro- und Makroebene, lokaler und globaler Gesellschaft und ihrem Verhalten der Umwelt gegenüber ins Zentrum rückt, liegt es nahe, diesen Sprachen eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung globaler entwicklungspolitischer Postulate und bei der Kompensation des diesbezüglichen lokalen Wissensdefizits zuzuerkennen. Instrumentalisierung der Sprache zum Transfer des zur Einstimmung der Bevölkerungsmehrheit in vorgegebene globale Zielsetzungen notwendigen Minimalwissens ? dies entspricht dann allerdings unter heutigen Vorzeichen haargenau der instrumentalisierenden Sicht, die das eingeschränkt positive Verhältnis gewisser Kolonialregierungen zu gewissen afrikanischen Sprachen in deren Augen rechtfertigte und für uns historisch verständlich macht.
Ein innovatives Entwicklungskonzept, das auf Partizipation der örtlichen Bevölkerung setzt, diese im vollen Umfang an Entscheidungsprozessen zu beteiligen sucht und traditionelles Wissen als Resonanz- und Nährboden nachhaltiger Veränderung sieht, kann es sich schon von diesen Voraussetzungen her nicht leisten, an der komplexen sprachlichen Realität der Projektbetroffenen vorbeizugehen. Es sind die afrikanischen Sprachen, in denen indigenes Wissen bis heute in kulturspezifischen Formen tradiert wird und ausserhalb derer für einen Großteil der Bevölkerung keine ernsthafte Möglichkeit zur aktiven Teilnahme am Diskurs über Entwicklung und Umwelt besteht. Unter diesen für eine zeitgemäße Konzeption der Entwicklungszusammenarbeit zentralen Gesichtspunkten stellen diese Sprachen nicht ein Hindernis, sondern eben die alte Matte dar, auf die man sich setzt, um eine neue zu flechten.

Vom liguistischen Patt zu »fila«
Absurd? Fast 70 Jahre später auf dem Dorfplatz von Kpata. Die Gespräche dort spiegeln frühpostkoloniale Aufbruchstimmung wider. Ein junger Mann aus dem Dorf sagt, wie er sich Entwicklung vorstellt: »Wir werden uns verstehen, der Weisse und wir. Das ist das Beste, das Wichtigste. Er wird unsere Sprache lernen und wir die seine. Wir werden gegenseitig ?das Innere unserer Worte hören?. Dann wird ?fila? ? Veränderung zum Besseren ? möglich sein. Und was heißt ?fila? konkret? Wir selbst werden zwar nicht mehr Französisch lernen, wir werden nicht mehr das Papier kennen lernen. Unsere Kinder werden zur Schule gehen und keineswegs sein wie die Weißen; nein, sie werden ihre ebenbürtigen Dialogpartner sein.«
Die Rückgängigmachung der kollektiven Entmündigung Afrikas wäre nach dieser Rede eines Analphabeten die Voraussetzung für wirklichen Fortschritt. Dazu würde ein Dialog gehören, zu dessen Ermöglichung eben nicht mehr in kolonialer Manier die afrikanische Seite allein den Preis zu bezahlen und nicht mehr allein die Anpassung an das Diktat der zugelassen Kommunikationsmittel zu leisten hätte ? ein Postulat, das der Dekan der philosophischen Fakultät der Universität von Cocody (Abidjan), Seri Bailly, zum Hauptthema seiner Eröffnungsrede zum westafrikanischen Sprachkongress im Juli 1998 macht: Akkreditierung der Territorialsprachen als Voraussetzung einer Demokratie, in der der nationale Dialog nicht denjenigen 10-15 Prozent der Bevölkerung vorbehalten bleibt, die sich in der offiziellen Sprache kompetent ausdrücken können. Die Erfahrung, dass nur jene ein Recht haben, angehört zu werden, die die »richtige Sprache« beherrschen, hatte die Bevölkerung Kpatas in den 80er Jahren gemacht, als sie sich gegen die industrielle Entwaldung zur Wehr setzte. »Wir haben uns immer dagegen gewehrt, dass die Kapokbäume gefällt werden, aber es gab niemand, der uns zugehört oder uns gefragt hätte«, sagte mir kürzlich ein Pflanzer, als wir beiläufig auf jene immerhin für das Dorf und den Restwald nicht ganz erfolglos verlaufene Auseinandersetzung zu sprechen kamen.
Begeben wir uns vom dörflichen Mikrokosmos weg nochmals auf die Makroebene. Die Abkoppelung des Sozio-Kulturellen vom Ökonomischen wurde, nicht zuletzt von Wirtschaftsexperten selbst, als ein Hauptübel der Modernisierungstheorie diagnostiziert. Ich wage in Analogie dazu zu behaupten, dass die Abkoppelung der sozio-kulturellen und politischen Wirklichkeit von der sprachlichen keine bessere Diagnose wert ist. Man hat sich daran gewöhnt, Afrika ohne seine Sprachen zu sehen und zu denken, und vergisst dabei, dass man mit den Sprachen Afrikas seine Menschen eines Stücks ihrer Menschlichkeit und sich selber der Möglichkeit eines ernst zu nehmenden Dialogs beraubt, der auch mit einer kulturell und sprachstrukturell sensitiven Übersetzung nicht zu bekommen ist. Denn man kann zwar in allen Sprachen im Prinzip alles sagen, aber Sprachen sind in bezug auf die Sache, um die es geht, nicht beliebig austauschbar. Um hier noch einmal Seri Bailly zu paraphrasieren: Die offizielle Sprache ist für die Mehrheit der Bevölkerung die Sprache der Slogans, die afrikanischen Sprachen die der ernsthaften Aushandlung.
Gleichwohl versteht es sich dabei von selbst, dass die Einbeziehung regionaler Sprachen nicht anstelle von, sondern nur komplementär zu den weiterhin unverzichtbaren übergreifenden nationalen und internationalen Kommunikationsinstrumenten sinnvoll ist. Die sprachliche Kolonisierung Afrikas ist derjenige Aspekt der Kolonisation, der am wenigsten rückgängig zu machen ist, und den auch kaum jemand ernsthaft rückgängig machen möchte. Wir haben nicht mehr darüber zu befinden, ob in Afrika Englisch oder Französisch oder Portugiesisch oder diverse afrikanische Sprachen gesprochen werden sollen. Hingegen erscheint heute die Überwindung des seit mehr als einem Jahrhundert vorherrschenden linguistischen Patts zugunsten einer produktiven Symbiose aller Sprachen realisierbar.

Thomas Bearth ist Titularprofessor für Allgemeine Sprachwissenschaft und Dozent für Afrikanistik an der Universität Zürich.