Volltext

(Artikel * 2000) Mengedoht, Ulrike
Die Sprache des Brotes Frankophonie und Arabisierung in Algerien Frankophonie und Arabisierung in Algerien
in Blätter des iz3w Nr. 247 * Seite 33 - 33
Themen: Algerien * Dok-Nr: 131345
Herrschaft durch Sprache

Die Sprache des Brotes
Frankophonie und Arabisierung in Algerien

In Algerien trat zuletzt im Sommer 1998 anlässlich des Nationalfeiertages zur Unabhängigkeit von Frankreich ein Gesetz zur Arabisierung der Verwaltungssprache, Medien und Bildungswesen in Kraft. Gegen diese staatliche Politik zur Förderung einer nationalen Identität wehrt sich ein Teil der frankophonen Elite. Die Minderheit der Berber besteht zusätzlich auf die offizielle Anerkennung ihrer kulturellen und sprachlichen Identität. Damit setzen sich beide Gruppen immer wieder der Verfolgung durch Islamisten aus. Auch sie betrachten die Sprache als zentrales Element ihrer kulturellen, nationalen und sozialen Identität.


von Ulrike Mengedoht

Die Rolle des Französischen in Algerien und die aktuellen Arabisierungsversuche sind nur vor dem Hintergrund des französischen Kolonialismus zu verstehen. Dessen Ziel bestand darin, seine politische und sozio-ökonomische Herrschaft über die algerische Bevölkerung auch sprachlich und kulturell zu untermauern. Die einheimischen Sprachen wurden als minderwertig betrachtet. Gestützt auf die Prinzipien der französischen Revolution und der daraus erwachsenden Forderung nach linguistischem Unitarismus, d.h. der Einheit von Staat, Nation und Sprache, sollten die Einheimischen als zukünftige Mitglieder der französischen Nation durch den Erwerb der französischen Kultur und Sprache »zivilisiert« werden.
In der Realität galt das Assimilationsprinzip hauptsächlich für eine kleine einheimische frankophone Elite, die ihren sozialen Aufstieg in einer ausschließlich in Französisch funktionierenden kolonialen Gesellschaft realisierte. Sie rekrutierte sich u.a. auch aus Kabylen, die zwei Drittel der berberischen Bevölkerung Algeriens ausmachen. Die Kolonialmacht versuchte durch die Förderung des Berbertums, Berber und Araber zu trennen und die Entstehung eines gemeinsamen nationalen Bewusstseins zu verhindern. So erfuhr die kabylische Bevölkerung insgesamt eine stärkere französische Bildung als die anderen Algerier. Diese erleichterte ihnen die Arbeitsmigration nach Frankreich. Bis heute ist die Mehrheit der Kabylen frankophon.
In dem Maße, in dem das moderne koloniale System in die traditionelle algerische Gesellschaft eindrang, wurde die arabische Sprache auf den traditionell-religiösen Bereich zurückgedrängt und Französisch als Sprache der Moderne und der Effizienz für alle Algerier unerlässlich. Die Sprache blieb dabei vor allem ein mündliches Phänomen, dass allerdings mit höchst unterschiedlicher Kompetenz gesprochen wurde. 1962 waren nur 8,9% der algerischen Bevölkerung in Französisch alphabetisiert. Die französische Sprache verkörperte die sog. »langue du pain«. Sie hatte somit einen utilitaristischen Aspekt und war als Sprache der Moderne begehrt, als Sprache des Kolonialismus symbolisierte sie Ablehnung. Diese Ambiguität haftet ihr teilweise bis heute an.
Als Gegenreaktion auf die 132 Jahre andauernde Kolonialherrschaft leitete der erste algerische Präsident, Ben Bella, 1962 eine neue Sprachpolitik ein. Der Islam und das Arabische waren im Befreiungskampf zu einem zentralen Element der nationalen Identifikation geworden. Die Arabisierungspolitik hatte das Ziel, sich nicht nur politisch und ökonomisch, sondern auch kulturell und sprachlich vom ehemaligen Kolonisator zu emanzipieren. Dies war nicht von einem auf den anderen Tag möglich. Zudem war der Kontakt zur Moderne in Algerien über das Französische erfolgt, so dass Begriffe aus Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft und Verwaltung nicht ins Arabische übertragen wurden. Auch die im Regierungsprogramm festgelegte Industrialisierungspriorität und die hierfür notwendige Kooperation mit Frankreich machten die französische Sprache unentbehrlich. Es wurde somit in den ersten Jahren der algerischen Unabhängigkeit ein zweisprachiges System beibehalten.
Als zu Beginn der 80er Jahre die sozio-ökonomische Krise offen zutage trat, drohte der algerischen Führung der Verlust ihrer Modernisierungslegitimation. Um so mehr versuchte sie, ihre arabisch-islamische Identität zu betonen und forcierte die Arabisierungspolitik. Dies gefährdete die Positionen der frankophonen Elite. Während diese es jedoch nie offen gewagt hat, sich für die französische Sprache in Algerien einzusetzen, um nicht als Antinationalisten zu gelten, brachten die Berber, unter ihnen viele frankophone Kabylen, ihren Protest gegen die Arabisierung zum Ausdruck. Unter anderem forderten sie schon 1980 die offizielle Anerkennung und Förderung der berberischen Sprachen und Kulturen.
Besonders der über die Schulpolitik stark arabisierten algerischen Jugend gehen die staatlichen Programme nicht weit genug. Während das Schulsystem seit 1989 komplett arabisiert ist, bleibt Französisch im Sekundar- und universitären Bereich weiterhin Unterrichtssprache in Medizin, Technologie und Informatik. Die französische Sprache wird somit zu einem Selektionsinstrument, das sich in Algerien als elitäre Minderheitensprache verfestigt. Die überwiegend arabophonen Jugendlichen finden mit ihren Forderungen nach einer weitergehenden Arabisierung aller Bereiche des öffentlichen Lebens, von der sie sich bessere soziale Aufstiegsmöglichkeiten erhoffen, Unterstützung bei den Islamisten. Während sich die erfolgreichen frankophonen Schriftsteller offen zu ihrer Wahlsprache bekennen und sie als ein Instrument sehen, mit dem sie auch politische, religiöse und sexuelle Tabuthemen ansprechen können, werten die Islamisten die französische Sprache als Zeichen der Abhängigkeit vom ehemaligen Kolonisator.

Der Text ist die redaktionell gekürzte Fassung eines Aufsatzes der Autorin in: P. Chichon (Hg.), Sprachliches Erbe des Kolonialismus in Afrika und Lateinamerika, Wien 1996