Herrschaft durch Sprache
Im Konsens zur Mitte
Über die Macht der Sprache und die Sprache der Macht
von Moe Hierlmeier
Die Analyse gesellschaftlicher Widersprüche und Konflikte hat derzeit keine Kultur ? die Suche nach Konsens ersetzt die Kritik. Überall haben sich Runde Tische und »Bündnisse für Arbeit und Standortsicherung« etabliert. Auch in »Eine-Welt-Zentren« haben Nachhaltigkeitsdiskurse Kapitalismus- und Weltmarktkritik abgelöst. Diese konsensorientierten Ansätze, etwa der Lobbyismus, beruhen unter anderem auf der Diskurstheorie von Jürgen Habermas. Auf der anderen Seite berufen sich Anhänger konfliktorientierter Auseinandersetzungen eher auf poststrukturalistische Diskurstheorien. In Ihnen werden gesellschaftliche Gegensätze betont und Sprache in ihrer Beziehung zur Macht thematisiert.
Jürgen Habermas ist mit seiner konsensorientierten Diskurstheorie ein theoretischer Gewährsmann eines lobbyistischen Politikansatzes.1 Habermas wiederum ist ohne Nietzsche nicht zu verstehen. Nietzsche hatte die Leitbegriffe der westlichen Moderne wie Wahrheit, Vernunft, Fortschritt und Humanismus einer Fundamentalkritik unterzogen. Sie seien nichts weiter als sprachliche Verbrämungen für den Willen zur Macht. Nietzsches Diktum, dass »Gott tot sei«, bezieht sich somit nicht nur auf die landläufigen Gottesvorstellungen, sondern auch auf die Mythen der Moderne. Dies will Habermas nicht akzeptieren und versucht, den seit Nietzsche zerrissenen Ariadnefaden zur Vernunft erneut zu knüpfen und das universalistische Projekt der Moderne und der Aufklärung wiederzubeleben. Allerdings ist dies für Habermas nicht mehr durch einen ungebrochenen Rückgang auf Kant und seiner Philosophie des autonomen Subjekts möglich. Begriffe wie Vernunft und Wahrheit lassen sich nicht mehr auf Grund reiner Erkenntnis gewinnen. Die Intersubjektivität als Faktum menschlicher Existenz muss anerkannt werden und ihren philosophischen Niederschlag in der Bestimmung von Wahrheit, Vernunft, Moral etc. finden. Die kantianische Fragestellung nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis transformiert Habermas in die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit herrschaftsfreier und somit vernünftiger Kommunikation. Welche Elemente (Universalien) werden dabei immer schon (transzendental) in Anspruch genommen, wenn wir handeln (Pragmatik)? Dies ist zusammengefasst die Aufgabe von Habermas? transzendentaler Universalpragmatik.
Zwanglos zum besseren Argument
Dabei spielt die Sprache eine alles überragende Rolle, denn eine intersubjektive Verständigung ist primär im Medium sprachlicher Kommunikation möglich. Bewusstsein lässt sich nicht von Sprache trennen. Damit vollzieht Habermas den »linguistic turn« nach, der zum entscheidenden Charakteristikum der Philosophie des 20. Jahrhunderts geworden ist. Zur Begründung seiner sprachphilosophischen Moral- und Vernunfttheorie bedient sich Habermas der Sprechakttheorie von Austin und Searle. Die Grundfrage lautet: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, dass es zu einer gelungenen und damit vernünftigen Kommunikation kommt? Diese ist möglich in der Lebenswelt, da dort immer schon kommunikative Vernunft vorherrscht, im Gegensatz zum System mit seiner instrumentellen Vernunft der Zweck-Mittel-Beziehung. Das Medium der kommunikativen Vernunft ist die Sprache. Ihr Ziel ist Habermas zufolge auf die intersubjektive Verständigung ausgerichtet. »Der verständigungsorientierte Sprachgebrauch (ist) der Originalmodus«, zu dem sich alle anderen Formen »parasitär« verhalten. Sollte in der Alltagskommunikation der Prozess der Verständigung scheitern, muss eine Ebene höher neu angesetzt werden, auf der dann die Geltungsansprüche der Kommunikationsteilnehmer überprüft werden. Im Anschluss an die literarische Gattung der Aufklärung, dem »discours«, bezeichnet Habermas diese Ebene als die Ebene des Diskurses. Der Diskurs zeichnet sich durch gleichberechtigten Zugang und Chancen all seiner Teilnehmer aus. Habermas konstruiert somit eine ideale Sprechsituation, die auf die Erreichung eines rational motivierten Einverständnisses abzielt, das auf Grund des »eigentümlich zwanglosen Zwangs des besseren Arguments im Diskurs« zustande kommt.
Damit es soweit kommt, müssen die Geltungsbedingungen der propositionalen Wahrheit, der subjektiven Wahrhaftigkeit, der moralischen Richtigkeit und der Verständlichkeit erfüllt sein, die in den einzelnen Teilen eines Sprechakts beansprucht werden. Richtig daran ist, dass Menschen, wenn sie miteinander kommunizieren, tatsächlich diese Geltungsbedingungen unterstellen. Auffallend ist, wie Habermas mit dieser transzendentalen Universalpragmatik auf höchstem theoretischen Niveau aufzuzeigen versucht, welche Bedingungen der Möglichkeit für eine geglückte Kommunikation erfüllt sein müssen. Er ist dermaßen erfüllt von seinem Wunsch nach einem letzten besseren Argument, dass strukturelle Bedingungen des Scheiterns von Kommunikation gar nicht in sein Blickfeld kommen können. Es kann nicht sein, was nicht sein darf, lautet die Devise von Habermas. »Der politische Streit würde seinen deliberativen Charakter einbüßen und zum ausschließlich strategischen Machtkampf degenerieren, wenn die Beteiligten nicht auch (...) davon ausgehen würden, dass die strittigen politischen und rechtlichen Probleme eine »richtige« Lösung finden könnten. Ohne die Orientierung am Ziel einer durch Gründe auszuweisenden Problemlösung wüssten die Teilnehmer gar nicht, wonach sie suchen sollten.«2 Was bei Habermas unberücksichtigt bleibt, ist der Umstand, dass es in einem kommunikativen Raum unterschiedliche Sprechorte gibt, die durch strukturelle Barrieren ausgezeichnet sind. Für Habermas existieren diese strukturellen Grenzen nicht. Ganz im Sinne eines rationalistischen Fortschrittsdenkens stellen sich die unterschiedlichen Sprechorte als ein »Noch-Nicht« im Hinblick auf den idealen und universalen Sprechort dar. Wir müssen eben nur mehr miteinander reden, dann finden sich schon »gute Gründe«, die einer Kritik der HörerIn am Geltungsanspruch der eigenen Rede standhalten. Produktionsverhältnisse oder Interessen spielen in dem ganzen Kalkül keine Rolle. Habermas kann den Ariadnefaden nicht mehr wirklich knüpfen. Damit seine Diskurstheorie funktioniert, muss er eine Reihe von Vorannahmen treffen, die all das ausschließen, was seiner Theorie widerspricht. Sie ist zirkulär und erinnert an die »Ceteris-Paribus-Klausel« der ökonomischen Markttheorie, in der immer alle konkreten Bestimmungen von Raum und Zeit ausgeblendet werden, damit es zu einem Marktgleichgewicht kommt. Wolfgang Welsch kommt in seiner Kritik der Habermas?schen Theorie zu folgendem Urteil: »Die Durchdringungen (der Streitpunkte, Anm. M.H.), auf die Habermas setzt, führen vielmehr zu Widerspruch, Bestreitung und Auseinandersetzung. Dass ein harmonisches Gleichgewicht einträte, ist gerade nicht zu erwarten ? und nicht zu unterstellen. (...) Habermas folgt insgesamt Vorstellungen des Ausgleichs und der Harmonie, deshalb setzt er allenthalben auf Gleichgewicht und Kohärenz. (...) Die Möglichkeit letzter Dissense (soll) ferngehalten und statt dessen ein Ideal des Konsens (durch Verständigung), der Kommunikation (der Vernunftmomente), des Gleichgewichts (der Geltungsaspekte), der Kohärenz von Theoriefragmenten verfolgt werden.«3 All das, was Habermas theoretisch entwickelt, wird im Diskurs des Lobbyismus unterstellt. Von den dabei zur Anwendung kommenden diskursiven Strategien des Lobbyismus wird im Folgenden noch die Rede sein.
Sprachliche Bombardierung
Habermas? Ansatz entgegen stehen etwa Foucaults Diskurstheorie der Macht oder der dekonstruktivistische Ansatz von Derrida, die vorrangig in macht- und herrschaftskritischen Kreisen rezipiert wurden. Gemeinsam ist diesen Ansätzen eine fundamentale Kritik aller essentialistischer Ansätze. Demnach sind Ausdrücke wie Geschlecht, Rasse, Klasse oder Nation nicht Ausdrücke wesenhafter bzw. natürlicher Entitäten, sondern sie sind durch soziale, insbesondere sprachliche Praxen hergestellte Konstrukte, die es im Sinne einer emanzipatorischen Politik zu dekonstruieren gilt. Der Dekonstruktivismus ist im Medium der Sprache eine Rebellion gegen versteinerte Verhältnisse. Man kann ihn als Maoismus in der Theorie bezeichnen (was natürlich noch nichts über den politischen Maoismus aussagt). Die maoistischen Losungen wie »Rebellion ist gerechtfertigt« oder »Stürmt/Bombardiert das Hauptquartier« finden hier ihre sprachliche Anwendung. Es ist eine Rebellion gegen das »Hauptquartier« der festen sprachlichen Zuschreibungen, gegen die eindeutige Beziehung von sprachlichem Signifikanten und dem Signifikat und gegen die Vorherrschaft des letzteren gegenüber ersterem.
Im Aufstand der Zapatistas wurde nicht zuletzt dieses Verhältnis von Macht und Sprache thematisiert. Das »preguntando caminamos« (fragend gehen wir weiter) der Zapatistas steht für die Offenheit und Unabschließbarkeit der Diskurse. Poetische Wendungen waren für sie »keine Verschönerungen eines revolutionären Prozesses, sondern dessen zentrale Elemente« (John Holloway). In Anlehnung, aber Umdrehung eines Diktums von Karl Marx war den Zapatistas in ihrer militärisch aussichtslosen Situation klar, dass die »Kritik der Waffe die Waffe der Kritik« nicht ersetzen kann. Allerdings bedurfte es der Kritik der Waffe, damit die Waffe der Kritik überhaupt gehört werden konnte. Das Beispiel der Zapatistas verdeutlicht am sinnfälligsten die Bedeutung sprachlicher und nichtsprachlicher Zeichen. Verstärkt wird dies noch, wenn man die Wahrnehmung der EZLN mit der EPR im benachbarten Bundesstaat Guerrero vergleicht. Diese spielt in der hiesigen Öffentlichkeit kaum eine Rolle, obwohl sich ihre Forderungen nur graduell von denen der EZLN unterscheiden. Der Grund ist einfach: mit ihrer Poesie traf letztere den Nerv einer wiedervereinigungs- und globalisierungsgeschädigten Linken, während die Dogmatik der EPR eher abschreckte.
Der Grundansatz, Sprache nicht als Substanz, sondern als ein System von Zeichen zu begreifen, das nur in einem bestimmten Kontext funktioniert und sinnvoll ist, geht auf die Arbeiten von Ferdinand de Saussure am Anfang des 20. Jh. zurück. Der Einfluss Saussures auf das Denken unserer Zeit, auch das politische, ist gar nicht zu überschätzen. Seine Spuren finden sich fast überall ? sei es im Strukturalismus, im Dekonstruktivismus oder im Marxismus eines Louis Althusser. Seine Arbeiten um die Jahrhundertwende stellen einen wissenschaftstheoretischen Einschnitt dar. Saussure ging es weniger um die diachronisch-geschichtliche Betrachtung der gesprochenen Sprache (parole), sondern um die synchron-strukturale Analyse des Sprachsystems (langue). Die Frage lautete: Wie funktioniert die Sprache als System von sprachlichen Zeichen? Das entscheidende Ergebnis war, dass die sprachlichen Zeichen »an sich« nichts bedeuten. Sprache bildet Objekte nicht naturalistisch ab. Buchstaben und Wörter sind vielmehr willkürliche Zeichen, die nur im Kontext der vorhandenen Kultur notwendig sind. Bedeutung erhalten sie erst durch ihren Gebrauch, eine Erkenntnis, die später zum Grundtheorem des späten Wittgenstein und der von ihm beeinflussten Ordinary Language School werden sollte.
Diskurs ohne Inhalt
Saussure wies also die Wesens-Erscheinungs-Metaphysik des Sprachessentialismus zurück, die Sprache nur als »Ausdruck« eines ihr zugrundeliegenden Wesens betrachtet. Stattdessen eröffnete er das Feld für völlig neue Betrachtungsweisen der Sprache. Welche Struktur hat Sprache? Wie ist das Verhältnis zwischen sprachlichen Zeichen (Syntax), wie das Verhältnis von sprachlichem Zeichen zum Bezeichneten (Semantik), wie das Verhältnis von sprachlichem Zeichen zum Benutzer dieser Zeichen (Pragmatik)? Wie findet Kommunikation statt? Der politische Einsatz eines solch pragmatischen Ansatzes ist enorm und hatte eine dementsprechende Wirkung. Indem die Frage nicht mehr ist, was Sprache denn »eigentlich« ist, sondern wie Wörter und Sätze durch ihren Gebrauch in einem konkreten Kontext funktionieren und wirken, muss ich eben diesen konkreten Kontext näher analysieren. Übertragen auf die politische Ebene heißt dies, Abschied zu nehmen von allen Gewissheiten. Ein solcher Ansatz wendet sich gegen jeden Ableitungsmarxismus, der alles immer schon aus einem Prinzip wie z.B. der Ware ableitet, und eine Ideologiekritik, die den Subjekten im Anschluss an Lukacs ein verdinglichtes Bewusstsein als Folge der kapitalistischen Tauschabstraktion zuschreibt. Stattdessen stellt sich die Frage, wie der Prozess der Vergesellschaftung unter anderem über Sprache konkret funktioniert. Wie gelingt es, dass über die ideologischen Staatsapparate Hegemonie organisiert wird? Und warum ordnen sich die Subalternen in diese hegemoniale Struktur ein?
Im Gegensatz zu Habermas ist der Diskurs bei Foucault nicht die ideale herrschaftsfreie Kommunikation, sondern die sprachliche Seite einer »diskursiven Praxis«, worunter er das gesamte Ensemble der Produktion von Wissen und Macht versteht. Auch Foucault wendet sich gegen Widerspiegelungs-Modelle von Erkenntnis. Gegenstände sind nicht etwa bereits prädiskursiv vorhanden, sondern sie konstituieren sich erst im Diskurs. Sex, Wahnsinn oder Normalität werden erst durch materielle Praxen, von denen der Diskurs der Sprache einer ist, konstituiert. Jürgen Link hat in Deutschland produktiv an die Arbeiten Foucaults angeknüpft.4 Ihm geht es um die Analyse herrschender Diskurse und ihrer Machtmittel. Im Gegensatz zu Foucault, bei dem Macht überall ist und der tendenziell keine Hegemonie der Macht kennt, geht es Link gerade um die Dekonstruktion hegemonialer Machtdiskurse und ihrer Wirkungen.
Die Machtdiskurse haben bei Link die Struktur von hierarchisch gestaffelten Kreisen, die unterschiedliche Grenzen unseres politischen Systems symbolisieren. Diese Grenzen existieren in seinem Modell nicht »an sich«, sondern werden diskursiv erzeugt und entfalten bestimmte Machtwirkungen. Die niedrigste Grenzschwelle ist die Störungsgrenze, jenseits dieser Grenze beginnt der Fundamentalismus. Allein an der diskursiven Verschiebung der Fundamentalismusgrenze kann man erkennen, dass diese Grenzen nicht stabil, sondern flexibel sind und von der diskursiven Hegemonie abhängen. Nehmen wir etwa diesen Begriff im Diskurs der Grünen. Galten früher Trampert, Ebermann und Ditfurth als fundamental, so bekommt heute Antje Radcke dieses Label angesteckt. Man sieht also, der Fundi-Diskurs bei den Grünen funktioniert selbst in einer Zeit, in der dort nichts mehr »fundamental« ist, außer ihren neoliberalen Avancen und der Bereitschaft »mitzumachen«. Der Diskurs funktioniert auch ohne Inhalte. Er selbst ist der Inhalt. Ist man erst einmal im Netz des Fundamentalismus verstrickt, ist es schwer, da wieder herauszukommen. Denn Fundamentalismus konnotiert mit anderen -ismen wie Extremismus, Terrorismus und Fanatismus, korrespondiert auf keinen Fall mit Normalität und Mitte.
Kampf um die mittlere Mitte
Normal ist aber die Mitte. Der Mitte-Diskurs ist ein weiteres Beispiel für die Materialität diskursiver Praxen. Eigentlich sagt der Begriff der Mitte nichts aus. Und trotzdem ist dieses Nichts nicht Nichts. Denn die Mitte hat einen hohen Symbolgehalt. Die Mitte konnotiert mit einer Reihe von Begriffen, die positiv besetzt sind. In der Mitte liegt die Macht, die Mitte ist vernünftig, da die Mehrheit sich nicht irren kann; in der Mitte ist es kuschelig, man fühlt sich wohl und ist Teil der Masse, durch die man Macht ausüben kann. Die Mitte ist das gemeinsame Boot, in dem wir alle sitzen und das wir gemeinsam steuern müssen. Die Mitte ist die Eine Welt, die den Diskurs über die »Dritte Welt« abgelöst hat. (Deshalb haben sich viele Dritte Welt Läden in den 90er Jahren in »Eine-Welt-Laden« umbenannt.) Die Mitte ist aber auch der Ort der deliberativen Demokratie im Sinne von Habermas, wo sich die Vernünftigen qua besserem Argument einigen. Somit ist die Mitte auch der Ort der Harmonie und des Konsens. Ist diese Harmonie der Mitte einmal gestört, dann ist dies nicht etwa Folge des Extremismus der Mitte, sondern ein unerklärliches Eindringen von außen in eben diese Mitte. Link symbolisiert dies etwa durch ein KZ im innersten Kreis. Durch ein Loch konnte der Untergrund von außen in unser Haus oder Schiff eindringen. Es ist das Tremendum, das schier Unfassbare, das scheinbar Außerirdische »im Namen des deutschen Volkes« angerichtet haben.
Vor dem Hintergrund der diskursiven Konnotation des Mitte-Begriffs ist auch verständlich, warum alle danach streben, die Mitte symbolisch zu besetzen: die neue Mitte, die fortschrittliche Mitte, die liberale Mitte etc.. Nicht nur in den Parlamenten ballt sich folglich alles in der Mitte, auch außerparlamentarische Lobbyisten und Nichtregierungsorganisationen drängen dorthin. Denn wer zur diskursiven Mitte gehört, zieht daraus einen ungeheuren Gewinn. Dies nicht nur im Hinblick auf den kulturellen und symbolischen Mehrwert: Man wird zu Expertentreffen eingeladen, man darf als Vertreter der NGO-Community zum WTO-Treffen nach Seattle reisen und sogar für die PrepCom-Sitzungen des Weltsozialgipfels folgenlose Expertenberichte verfassen. Schließlich profitiert man auch materiell. Wer zur NGO-Mitte gehört, der bekommt schnell mal 100 000 DM zugesteckt, die das BMZ aus dem EXPO-Fonds locker gemacht hat.
Wer zur Mitte gehören will, hat es andererseits nicht leicht. Dies gilt auch für die entwicklungspolitischen NGOs, die in die Mitte, zur vermeintlichen Macht drängen.5 Grundsatz 1 lautet: kritisiere niemals Mitglieder der Mitte »fundamental«. Wer dies tut, überschreitet die Störungsgrenze und stellt sich damit ins gesellschaftliche Abseits. In der Sprache der kollektiven Diskurssymbolik heißt dies: er bekommt die »rote Karte gezeigt und wird vom Platz gestellt«; wenn?s sein muss, wird der Rest der Mitte sogar die »Notbremse« ziehen. Damit verliert er aber nicht nur seinen Anteil am symbolischen, kulturellen und materiellen Mehrwert, sondern auch die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, da sich die anderen Teilnehmer der zivilgesellschaftlichen Mitte weigern werden, sich mit einem Fundamentalisten an einen Tisch zu setzen. Denn, so der Soziologe Ortwin Renn in einem Buch der EXPO-2000-Reihe über die Agenda 21: »Die Industrie hat natürlich kein Interesse daran, mitzumachen, wenn sie den Eindruck hat, dass sie auf der Anklagebank Platz nehmen soll.«
Der Platz in der Mitte erfordert die sprachliche Anpassung in dieser diskursiven Symbolordnung. Im Lobbyhandbuch von Germanwatch läßt sich dies exemplarisch nachvollziehen. Aus politischen Gegnern in Wirtschaft und Industrie werden dann »Gesprächspartner«, mit denen man »mit Ausdauer und personeller Konstanz« ein »Informanten- oder Kontaktnetz aufbaut, das ebenso dauerhaft gepflegt werden muss«, denn »nur dann können sich die Beziehungen zu einem gegenseitigen Geben und Nehmen entwickeln.« Denn schließlich kann Lobbyarbeit »nur erfolgreich sein, wenn es Interessensüberschneidungen mit Partnern und Zielgruppe gibt. (...)« Den Vorwurf, hier wäre bereits die Schere im Kopf am Werk, würden Vertreter von Lobby-NGOs entrüstet von sich weisen.
Moderate Härte
Im Kampf um die Sicherung seines Platzes in der Mitte spielt der Expertendiskurs eine große Rolle. Da ja in der Mitte nur der Habermas?sche »zwanglose Zwang des besseren Arguments« zählt, brauchen die NGO-Lobbyexperten »detaillierte Sachkenntnis« (Lobbyhandbuch). Eine weitere Strategie des Expertendiskurses der Mitte ist es, seine Kreativität im Hinblick auf neue Konzepte zur Krisenbewältigung unter Beweis zu stellen. Alle Jahre wieder werden neue Konzepte »mit kategorialem Gebrüll« (Lothar Hack) vorgestellt. Fast identische Konzepte (Zivilgesellschaft, Nachhaltigkeit, Global Governance) aus der Kiste der Regime- und Netzwerktheorien erhalten ein neues Label und werden mit neuen Schaubildern frisch aufgepeppt. Man bewegt sich schließlich auf einem umkämpften Markt und muss die eigene Angebotsseite stärken.
Mit dem Lobbyismus ist ein anderer Diskurstyp hegemonial geworden. Es ist der Diskurs des »wohlverstandenen Interesses«. Dieser Diskurstyp wird gegenüber anderen TeilnehmerInnen der zivilgesellschaftlichen Mitte angewandt. Und zwar immer dann, wenn trotz des eigenen besseren Arguments die Anderen immer noch nicht so wollen, wie man selbst will. Paradigmatisch dafür ist die Erlassjahr 2000 Kampagne. Den Wunsch nach einer begrenzten Schuldenstreichung versuchte man damit zu begründen, dass dies ja auch im wohlverstandenen Interesse der deutschen Exportindustrie und der deutschen Banken sein müsste,6 weil dies den Export deutscher Produkte und Kredite fördere. Auch in der Debatte um die ökologische Steuerreform versuchte man diese der deutschen Industrie damit schmackhaft zu machen, dass diese die Marktführerschaft der deutschen Produkte auf dem Zukunftsmarkt der Ökologie stärke.
Sprache hat also ihre eigene Materialität. Die Sprache ist nicht nur ein Kanal, über den Informationen ausgetauscht werden, sondern sprachliche Zeichen entfalten Machtwirkungen. Deshalb ist es schlicht falsch, wenn LobbyvertreterInnen behaupten, sie seien in der Sache hart, in der Sprache aber moderat. Die Sprache selbst ist die Sache. Indem man mit Rücksicht auf die Diskursfähigkeit der eigenen Positionen und dem damit verbundenen symbolischen, kulturellen und materiellen Mehrwert auf unbeliebte Begriffe verzichtet, beteiligt man sich an dem Konstrukt der Störungs- und sonstiger Grenzen und an den damit verbundenen Ein- und Ausschließungsprozessen. Statt die politische und kulturelle Grammatik dieser Grenzen zu delegitimieren, verfestigt man sie. Wo man mit dieser Lobbystrategie landet? Dabei, dass man vom Außenministerium »Leadership« gegen das »Chaos« einfordert!7 Und dies nach dem Krieg im Kosovo.
Anmerkungen:
1 Wer sich in verdichteter Form über Habermas informieren will, dem empfehle ich: Roderick, Rick: Habermas und das Problem der Rationalität. Argument Verlag 1989. Eine kurze prägnante Kritik liefert Welsch, Wolfgang: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt/Main 1996. Dieses Werk bietet gleichzeitig einen vorzüglichen Überblick über eine Reihe »postmoderner« Theoretiker. Seinen eigenen sprachtheoretischen Ansatz entfaltet Habermas in seinen »Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt/M. 1984«.
2 Habermas, Jürgen: Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie. Franfurt/Main 1997. S. 325 f.
3 Welsch a.a.O., S. 135 ff.
4 Link hat seine Diskurstheorie in einer Fülle von Beiträgen entwickelt, vor allem in der unregelmäßig erscheinenden Zeitschrift »kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskursanalyse«. Zu beziehen über den Klartext-Verlag, Dickmannstr. 2-4, 45143 Essen;
Klartext-Verlag@t-online.de
5 Eine Lektüre der Erzählungen und Romane von Kafka, dem größten Analytiker der Macht, wie Elias Canetti behauptete, könnte schnell mit der Illusion aufräumen, dass die Macht in der Mitte liegt.
6 Auch bei den Entschädigungszahlungen für die ZwangsarbeiterInnen während des Nationalsozialismus war dies das entscheidende Argument von Regierungsseite gegenüber der Industrie.
7 Kein Witz! Nachzulesen in der Beilage 3/99 von Germanwatch in der taz.
Moe Hierlmeier vom Lateinamerikakomitee Nürnberg arbeitet im BUKO Arbeitsschwerpunkt Weltwirtschaft. |